07.05.2012

MENSCHENRECHTE„Keine heile Welt“

Michael Vesper, 60, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbunds, ist gegen Boykotte.
SPIEGEL: Herr Vesper, die EU-Kommission boykottiert die Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine. Haben Sie dafür Verständnis?
Vesper: Ja, Verständnis schon. Ich hätte auch keine Lust, neben dem ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch auf der Ehrentribüne Fußball zu sehen, während er Oppositionelle einsperren und foltern lässt. Ich frage mich allerdings, warum den Verantwortlichen in Brüssel erst so spät auffällt, was in der Ukraine los ist. Die EU-Kommission verhandelt seit Jahren mit Kiew über ein Assoziierungsabkommen, aber auf einmal ist die Empörung groß.
SPIEGEL: Amnesty International hält einen Boykott für keine gute Idee.
Vesper: Richtig. Um politisch Druck zu machen, ist es sogar besser, solche Ereignisse zu nutzen und mit den Verantwortlichen über die Menschenrechtsverletzungen vor Ort zu reden. Das geht aber logischerweise nur, wenn man hinfährt - auch wenn es keinen Spaß macht.
SPIEGEL: Es ist nicht nur die EM, die für Ärger sorgt, sondern auch das Formel-1-Rennen in Bahrain oder die Eishockey-Weltmeisterschaft in Weißrussland. Sollte man solche Events nur noch in lupenreinen Demokratien ausrichten?
Vesper: Wie viele davon gibt es? Und wer verleiht das Siegel? Wir leben ja nicht in einer heilen Welt. Außerdem können Sportereignisse durchaus im Sinne von Öffnung, Demokratie und Menschenrechten wirken. Die Lage der Opposition in der Ukraine wird ja auf den Titelseiten erst durch die EM zum Thema.
SPIEGEL: Warum formulieren die Sportverbände nicht politische Kriterien, die Länder erfüllen müssen, um den Zuschlag für Olympia, Welt- oder Europameisterschaften zu bekommen?
Vesper: Das ist leicht gesagt, aber praktisch unmöglich. Der Sport ist dafür auch gar nicht kompetent. Außerdem sind die politischen Entwicklungen doch unkalkulierbar. Die Ukraine zum Beispiel erhielt den Zuschlag, als dort die orange Revolution unaufhaltsam schien. Soll man Vergaben jedes Jahr wieder zurückziehen können, wenn die Lage sich ändert?
SPIEGEL: Warum wird der internationale Spitzensport so stark politisiert?
Vesper: Sport ist ein faszinierender Wettbewerb, der viele Menschen so begeistert wie wenig anderes. Deshalb eignet er sich ideal als Plattform für die politische Kommunikation. Das ist gut so, wenn auch nicht immer einfach.
SPIEGEL: Können Großveranstaltungen die Öffnung und Demokratisierung von Staaten befördern?
Vesper: Man darf die Wirkung des Sports nicht überschätzen, er kann nicht das leisten, was die Politik nicht schafft. Aber manchmal kann er durchaus etwas bewegen. Die Pingpong-Diplomatie zwischen USA und China in den Siebzigern ist ein Beispiel, so wie Olympia 1988 in Seoul - Südkorea öffnete sich damals langsam. Das Bild der beiden Black-Power-Aktivisten auf dem Siegerpodest in Mexiko-Stadt 1968 steht bis heute für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung.
SPIEGEL: Es gibt aber auch genügend Negativbeispiele: Olympia 2008 in Peking oder die Fußball-WM 1978 in Argentinien.
Vesper: Die Menschenrechtslage in China hat sich nicht grundlegend verbessert. Trotzdem war es gut, dass damals so intensiv darüber geredet wurde. Ob man die WM in Argentinien wegen der Militärdiktatur hätte absagen sollen? Das heute rückwirkend zu beurteilen ist müßig.
SPIEGEL: Welche Art von politischem Protest halten Sie heute für angemessen?
Vesper: Sportboykotte bewirken nichts und sind deshalb sinnlos. Mit dem Boykott der Spiele in Moskau 1980 ist nur ein Gegenboykott ausgelöst worden, sonst nichts. Sportler können und sollen sich politisch äußern, wenn sie es wollen, allerdings nicht auf dem Spielfeld. Genau so haben wir es übrigens auch in Peking 2008 gehalten.
SPIEGEL: Also keine orangefarbenen Schals, wie die grüne Fraktionschefin Renate Künast anregte?
Vesper: So etwas würde nur Gegendemonstrationen provozieren, der Sportplatz würde zum politischen Marktplatz. Natürlich sollten die Niederländer wie immer in orange Trikots antreten.
SPIEGEL: In welchen Fällen müssen Sportveranstaltungen abgesagt werden?
Vesper: Das kann man nicht theoretisch beantworten, sondern nur am konkreten Fall. Natürlich gibt es Länder, an die heute niemand ein sportliches Großereignis vergeben würde, aber auch die können sich weiterentwickeln. Sicher ist: Ein Ereignis müsste abgesagt werden, wenn die Sicherheit der Sportler und Zuschauer nicht gewährleistet ist.
SPIEGEL: Warum wird über die EM in der Ukraine mehr diskutiert als über den Eurovision Song Contest in Aserbaidschan, obwohl die politische Lage dort schlimmer ist?
Vesper: Das wundert mich auch. Es zeigt vermutlich, dass der Sport mehr Menschen begeistert und sich damit als Plattform besser eignet.
Lesen Sie zu diesem Thema:
Seite 92: Den ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch treibt blinde Rache
Seite 94: Der Pole Janusz Reiter warnt vor einer Brüskierung der Ukraine
Seite 112: Dirk Kurbjuweit über die Fallstricke der Moralpolitik
Seite 146: Der Nationalspieler Philipp Lahm über die politische Verantwortung von Fußballprofis
Von Ralf Beste

DER SPIEGEL 19/2012
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