07.05.2012

FRAUENRECHTEZwei gute Argumente

Junge Frauen aus der Ukraine demonstrieren mit nackten Brüsten gegen Prostitution und korrupte Politiker. Sie finden Nachahmerinnen weltweit. Sogar Alice Schwarzer ist auf ihrer Seite.
Für fünf Jahre soll sie ins Gefängnis, Oxana mit dem Puppengesicht, sie läuft neben ihrem Anwalt her, an einem kühlen Donnerstag im ukrainischen Frühling, läuft durch die Straßen von Kiew, 24 Jahre alt, in ihrer Lederjacke, schwarzen Stiefeln, die Zigarette runtergeraucht, fünf Jahre, weil sie mal wieder ihre Brüste in die Welt gehalten hat.
Um 17 Uhr ist der Anhörungstermin im Innenministerium. Sie haben es eilig. Sie ziehen vorbei an Häusern aus der Stalin-Zeit, hoch und braun und grau. Sie überlegen, wie sie den Ausdruck "Leck mich am Arsch" positiv verkaufen können, das hat Oxana Schatschko nämlich zum indischen Botschafter gesagt. "Das war ein freudiger Protest. Ein freudiger Protest für die Rechte der ukrainischen Frau", sagt Oxana schließlich. So will sie es gleich im Innenministerium aussagen.
Die Rechte der Frau, das ist Oxana Schatschkos Thema, sie ist eine ukrainische Freiheitskämpferin, und ihre Waffen sind an ihrem zierlichen, blassen Körper befestigt wie zwei halbierte Äpfel. Ihre Waffen sind Symbol der Weiblichkeit, Symbol der Mütterlichkeit, Symbol der Sexualität, millionenfach genutzt von Filmern, Werbern, um alles zu verkaufen, vom Joghurt bis zum Staubsauger. Sie haben Oxana und ihren Kampf auf die Titelseiten der Welt gebracht. Haben sie und ihre Mitstreiterinnen zu den Covergirls des internationalen Protests gemacht, zu den Ikonen der Nacktrebellion.
Mit diesen Waffen, so glauben ihre Unterstützer, haben die Frauen einen neuen Feminismus erfunden. Mit diesen Waffen, so finden ihre Kritiker, pornografisieren sie sich selbst.
Sie waren 16, 17 Jahre alt, als es begann, erzählt Oxana, die Älteste von ihnen Anfang zwanzig, und ihre Eltern wünschten ihnen eine frühe Ehe. Oxana, Anna Huzol und Sascha Schewtschenko, so heißen die Erfinderinnen. Sie lebten damals noch in Chmelnizky, einer Stadt mit 300 000 Einwohnern und zwei Atomreaktoren.
Arbeit gab es kaum, die Männer tranken. Und die Mädchen diskutierten an langen Abenden über Philosophie, Marxismus und die Situation der Frau in der postsowjetischen Gesellschaft. Sie entschieden, dass sie nicht heiraten, sondern etwas verändern sollten.
Zuerst waren sie nur zu dritt. Mittlerweile sind sie über 300 Frauen in der Ukraine. Studentinnen, Journalistinnen, Wirtschaftswissenschaftlerinnen, sie nennen sich "Femen" und haben eine Bewegung begründet, die Frauen in Tunesien und Amerika angesteckt hat. Eine Bewegung, die selbst erfahrene Frauenrechtlerinnen dazu bringt, sich auszuziehen.
"Vielleicht brauche ich politisches Asyl", sagt Oxana jetzt, "das, was sie mir vorwerfen, ist absurd." Sie und ihr Anwalt sind beim Innenministerium angekommen.
Oxana ist professionelle Ikonenmalerin, sie lebt in einem Altbauzimmer in Kiew mit grüngeschimmelter Decke. Eigentlich hat sie also einen Beruf und ein gewöhnliches ukrainisches Leben, arm und im Aufbruch. Doch ihr Zimmer ist zugestellt mit Protestplakaten, und an die Wand hat sie eine Femen-Kämpferin gemalt, mit wehendem Haar und nackten Brüsten. Das Selbstporträt einer Frau, die Ärger macht.
Erst vor ein paar Tagen ist sie aus einem Moskauer Gefängnis zurückgekommen, weil sie versucht hatte, oben ohne die Wahlurne mit Putins Stimmkarte zu klauen. Zwei Wochen lang saß sie dafür in der Zelle.
Jetzt ist sie angeklagt, als Hooligan die indische Botschaft besetzt zu haben. Die Frauen aus postsowjetischen Staaten, so soll das indische Außenministerium behauptet haben, würden nach Indien kommen, um da als Prostituierte zu arbeiten.
Die indische Botschaft bestritt das zwar, dennoch stürmte Oxana zusammen mit drei anderen Frauen das Gebäude. Sie schwenkte die indische Flagge, schlug sie gegen Fenster und Türen. Sie rief: "Ukrainerinnen sind keine Prostituierten" und eben: "Leck mich am Arsch."
Solche Protestaktionen beginnen meistens im Café Kupidon. Während Oxana im Innenministerium ihre Aussage macht, sitzt Anna Huzol hier an einem Holztisch und arbeitet an der nächsten Aktion. Das Kupidon liegt im Keller eines hohen Stadthauses in der Puschkinskaja uliza. Das Lokal ist fensterlos, es ist das Hauptquartier, Büro und Pressezentrum von Femen. Hier rekrutieren sie neue Mitglieder, manchmal kommen die sogar ganz von selbst, hübsche Mädchen mit einem Ideal, 30 Nacktaktivistinnen sind es mittlerweile. Hier treffen sie sich, trinken Apfelsaft und rauchen Kette.
Das Bild der ukrainischen Frau ist geprägt vom Klischee: schön, arm und leicht zu haben. Frauenhandel und Prostitution blühen im Land der Fußball-Europameisterschaft. Überall in Kiew, in der U-Bahn, in Kleinanzeigen, werden Frauen mit verschatteten Arbeitsversprechen gelockt. Hinter der "Kellnerin im Club" versteckt sich oft die Nutte im Puff.
Viele gehen auf diese Angebote ein, weil sie arm sind und ohne Perspektive. Fast neun Prozent der Ukrainer sind arbeitslos, davon ein Großteil Frauen. "Wenn der Frauenkörper alles Mögliche verkaufen kann, dann müssen wir damit auch soziale Ideen verkaufen", sagt Anna und drückt ihre Kippe in einen vollen Aschenbecher. Das erste Mal zogen sie so im Sommer 2008 los. In Hurenkleidern gingen sie auf die Straße. "Die Ukraine ist kein Bordell", schrien sie und hielten ihre Plakate in die Luft. Die Medien berichteten darüber, sofort entstand eine Debatte, und die Frauen verstanden: Skandale zu produzieren bedeutet Macht. Das jedenfalls ist ihre Hoffnung.
2009 machten sie ihren ersten Nacktprotest. Auf dem Kreschtschatik, dem Ku'damm von Kiew, zogen sie gegen Internetpornos auf. "Zuerst war es noch peinlich", sagt Anna, "wir hielten unsere Brüste mit den Händen zu", aber die Resonanz war gut. Und beim nächsten Mal machten sie es wieder. Irgendwann war der Busen nur noch eine Uniform für sie.
Die Themen, zu denen sie demonstrieren, finden sie in den Nachrichten. Es geht nicht nur um Frauenrechte, es geht auch um Wirtschaft und Korruption, gegen Putin oder gegen Berlusconi. Es geht nicht um die Haftbedingungen von Julija Timoschenko, um die sich gerade ganz Europa zu drehen scheint. Die Femen-Frauen sagen: Timoschenko gehört einer Oligarchen-Clique an, die sich mit anderen Oligarchen streitet. Sie sehen keinen Grund, etwas für Timoschenko zu tun.
Heute planen sie eine Reise nach Paris. Eine Gruppe französischer Feministinnen hat sie eingeladen. "Morgen muss ich auch noch nach Moskau fliegen, für eine Fernsehshow", sagt Anna. Eigentlich sollte Oxana das übernehmen, aber die darf nun bis an ihr Lebensende nicht mehr nach Russland einreisen.
Anna Huzol ist zu einem begehrten Gesicht geworden. Sie sieht anders aus als die meisten Femen-Mädchen, die ihre Schönheit ausstellen, mit wasserstoffblondem Haar, dicker Augenschminke, hohen Schuhen. Anna ist klein und ernst, trägt rote Gummistiefel, das Haar hat sie sich kurz geschnitten und rot gefärbt, sie ist mit 27 Jahren die Älteste der Gruppe und neben Oxana und Sascha so etwas wie die Chefideologin.
Damals, in Chmelnizky, mit 21 Jahren, fing sie an, August Bebel zu lesen, den Begründer der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in Deutschland. Sie las, dass Bebel schon Ende des 19. Jahrhunderts einen Entwurf zur Gleichberechtigung der Frauen ins Parlament eingebracht hatte. Und dann sah sie sich um in ihrem Leben und dem ihrer Freundinnen und stellte fest: Es hat sich nichts geändert.
Sie erzählte jedem, was sie gelesen hatte. Sie fand Anhängerinnen, und zusammen mit Oxana und Sascha gründete sie eine Gruppe, die sie "Neue Ethik" nannten. Sie veranstalteten Diskussionsrunden an der Uni, wo Anna Wirtschaft studierte, und bald die ersten Demos. Zuerst noch angezogen. Die Sache mit den Brüsten fing erst zwei Jahre später in Kiew an.
"Von Anfang an wusste ich: Ich will nicht zu so einer typischen feministischen Organisation mutieren", sagt Anna Huzol. "Ich wollte keine Organisation, in der die Frauen reden, reden, reden, die Jahre vergehen und nichts passiert. Wir haben mehr Extremismus in der Frauenbewegung gebraucht."
Ab 2008 gingen sie nacheinander nach Kiew, erst Anna, dann Sascha und zum Schluss Oxana. Sie fingen an, für die Rechte der Studentinnen einzutreten. Doch der Kampf gegen Prostitution und Sextourismus wurde schnell so etwas wie ihre Kernkompetenz. "Das Thema hing in der Luft", sagt Anna. Weil es so nervte, dass sie als normale Frauen nicht einmal die Kreschtschatik hinunterlaufen konnten, ohne dass sie jemand fragte: "Wollen wir vielleicht vögeln gehen?"
Von nun an nannten sie sich Femen. Anna hatte gelesen, dass es einen Teil des weiblichen Oberschenkelknochens gebe, der lateinisch "Femen" heiße. Das stimmt nicht ganz. "Femen" bedeutet einfach Oberschenkel, sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Aber es klang gut. Vor allem klang es nach starken Frauen.
Der westliche Feminismus hat in seiner Geschichte die verschiedensten Protestformen versucht, von Sabotageakten und Bomben in Abgeordnetenbriefkästen im 19. Jahrhundert über Großdemonstrationen bis hin zu BH-Verbrennungen Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.
In Deutschland wurde der Kampf gegen den Paragrafen 218 zu einer breiten Bewegung. Anfang der siebziger Jahre wurde "das Private politisch", und es gingen Hunderttausende Frauen für das Selbstbestimmungsrecht in der Abtreibungsfrage auf die Straße. Doch nach den großen Zeiten der Bewegung in Deutschland und Europa kam seit den neunziger Jahren lange Zeit nichts mehr. Alles schien erreicht.
Femen kommt aus einem Europa, das erst seit 20 Jahren Demokratie versucht, ein Europa, in dem es die größte Hoffnung vieler 16-Jähriger ist, nach dem Studium einen guten Mann zu finden und irgendwann einmal Mutter zu sein. Ein Europa, in dem Männer im Internet Frauen bestellen können wie Sportschuhe und in dem man eingesperrt wird, wenn man seine Brüste zeigt.
"Deshalb schreien wir und zeigen uns", sagt Anna, nicht nur in der Ukraine, sondern in ganz Europa, "denn bei euch ist auch längst noch nicht alles gut." Sie gehen im Hausmädchenkostüm in Paris auf die Straße, schreien "Schande" vor der Tür von Dominique Strauss-Kahn. Sie gehen in Kiew auf die Straße, wenn in der Ukraine ein Mädchen vergewaltigt und getötet wird, wie es Ende März einer 18-Jährigen geschah. Sie schreien auch gegen die Fußball-EM und gegen den Sextourismus, den diese bringen wird. Alles mit nacktem Oberkörper. "Wir versuchen, der Brust als Symbol einen anderen Kontext zu geben." Eine Brust könne auch politisch sein.
"Die Reaktion auf einen Nacktprotest ist ein Maßstab für Freiheit in einem Land", sagt Anna. "In der Schweiz werden wir nicht festgenommen, aber in Weißrussland werden wir fast umgebracht."
Im Durchgang zum Klo des Café Kupidon steht der Schrein der Bewegung: eine Vitrine voller Femen-Fanartikel, Kaffeetassen, T-Shirts, bedruckt mit zwei stilisierten Brüsten in den ukrainischen Nationalfarben, das ist das Femen-Logo. Es sieht hier mehr nach Popkultur aus, weniger nach Frauenbewegung.
Sogar die "Emma", das große Blatt des Feminismus in Deutschland, widmete ihnen kürzlich eine Titelgeschichte, von Alice Schwarzer, der vordersten Anti-Porno-Kämpferin, selbst geschrieben: "Die Mädels sind nicht nur mutig und schlau", schreibt Schwarzer, "sondern auch ziemlich kreativ."
Alice Schwarzer hat erbitterte Kämpfe gegen das Zurschaustellen weiblicher Nacktheit geführt. Warum hebt sie die Brüste ukrainischer Blondinen jetzt auf einen "Emma"-Titel?
Fragt man Alice Schwarzer, wie sie die Gruppe sieht, dann will sie lieber schriftlich antworten, in druckfertigen Sätzen. Sie schickt eine E-Mail, es kommt ihr wohl auf jedes Wort an.
Sie schreibt: "Die Femen fangen den Bumerang in der Luft auf und werfen ihn zurück. Der bloße Busen, der sie gemeinhin zum Objekt macht, wird bei ihnen zur Waffe. Sie setzen ihn als Blickfänger ein, um ihre Message an den Mann zu bringen: eben den Protest gegen die Entblößung von Frauen! Gegen Prostitution! Gegen Frauenhandel! Das finde ich gut."
Die Mittel von Femen seien typisch für die spielerische Ironie der zweiten beziehungsweise dritten Feministinnengeneration, schreibt Schwarzer. Aber es sei auch eine Gratwanderung, auf der die Frauen leicht ausrutschen könnten. "Neulich habe ich gesehen, dass die Femen für die Zeitschrift ,Elle' ganz nackt posiert haben. Das ist so ein Ausrutscher. Jetzt müssen sie aufpassen, dass der Bumerang nicht zurückfliegt - und sie zum Objekt werden."
Dennoch hat sie die Frauen jetzt nach Deutschland eingeladen, sie planen einen gemeinsamen Protest. Sie scheinen sich anzunähern, die alten und die neuen Feministinnen. Die alten, die heute manchmal wirken, als wären sie aus der Zeit gerutscht. Die jungen, die erkannt haben, dass Aufmerksamkeit Medien braucht. Und dass Medien nun mal Brüste lieben.
So sind sie schon lange nicht mehr allein mit ihrem neufeministischen Protest. Da gibt es die Pussy-Riot-Frauen mit ihrem feministischen Punkrock aus Moskau. Sie sitzen in U-Haft. Weil sie die Kanzel einer Kirche gestürmt und gegen Putin gewettert haben, drohen ihnen sieben Jahre Gefängnis. Da sind die Slutwalks in den USA. Da war die ägyptische Kunststudentin Aliaa Magda al-Mahdi, die sich im Kampf für ihre sexuelle Selbstbestimmung ausgezogen hat und deren Foto um die Welt ging. Und selbst in Tunesien hat sich erst kürzlich ein Femen-Ableger gegründet.
Manchmal begegnen sie sich auch im echten Leben, die alten und die neuen Feministinnen, das eine Europa und das andere, manchmal benutzen sie sich gegenseitig.
Eine Woche nach ihrer Anhörung im Innenministerium, an einem frühlingshaften Freitag, steht Oxana Schatschko in Paris am Trocadero, im Hintergrund der Eiffelturm. Eine Gruppe französischer Frauenrechtlerinnen hat Femen eingeladen, hat ihnen den Flug bezahlt, ein Apartment besorgt. Sie wollen sich gemeinsam ausziehen.
Eigentlich darf Oxana Kiew bis zu ihrem Prozess nicht verlassen. Das musste sie unterschreiben. Es wird mindestens noch einen Monat dauern, bis sie Klarheit über ihre Strafe hat. "Hauptsache, dabei", sagt sie, "so ein schöner Ort zum Demonstrieren."
Zusammen mit Sascha Schewtschenko, mit langem blondem Haar und Fliegerbrille, und Inna Schewtschenko, auch blond und in Hot Pants, steht sie zwischen Touristen, die Fotos machen.
Links spielt eine Panflöte, rechts werden Crêpes verkauft. Aber Oxana, Sascha und Inna sehen all das nicht, sie sind hier, um den Platz auszuspionieren. Sie müssen nach Polizisten schauen, Fluchtwege checken, Angriffspunkte minimieren.
Morgen, das ist der Plan, werden sie diesen Platz einnehmen, zusammen mit den Französinnen. Es soll um die Rechte der muslimischen Frau gehen, um die Burka.
Die Idee zu diesem Protest stammt von Safia Lebdi, der Frau, die Femen nach Frankreich geholt hat. Sie sitzt im Maison de la Mixité, einem Kulturzentrum im Erdgeschoss eines Plattenbaus im Pariser Osten. Sie ist eine militante Feministin, so steht es in ihrem Wikipedia-Eintrag.
Sie ist bekannt im Land, als Gründungsmitglied der Frauenrechtsorganisation "Ni putes, ni soumises", weder Huren noch Untergebene. Außerdem ist sie Grünen-Politikerin, sie spricht mit lauter Stimme, dabei wippen ihre schwarzen Locken: "Morgen werden wir unseren Sex auf den öffentlichen Platz werfen. Das ist cool, das ist frisch", sagt sie, und man fragt sich, worum es jetzt gerade eigentlich geht, um muslimische Frauenrechte oder um nackte Brüste? Und wohin führen diese Aktionen eigentlich? Zum Umdenken der Männer? Oder einfach zu einem freien Blick auf schöne Körper?
Oxana, Sascha und die anderen Femen-Mädchen stehen im Nachbarraum und malen Plakate für den nächsten Tag, mit dicken Pinseln und schwarzer Farbe. Sprüche wie "Muslim women let's get naked", "Nudity is freedom" oder "Afghanistan take off your clothes".
Lebdi hat Spenden gesammelt, um die Frauen aus der Ukraine einzuladen. Wochenlang hat sie Unterstützerinnen gesucht, hat herumtelefoniert, alle Frauenrechtlerinnen angeschrieben, die sie kannte. Feministinnen, die bereit wären, sich für die Sache auszuziehen. "Es war sehr schwer, die Frauen zu überzeugen. Da ist viel Angst. Auch Angst, über die Burka zu sprechen", sagt sie. Sie habe Hunderte Frauen angefragt. Jetzt rechnet sie mit 20 Teilnehmerinnen, überwiegend mit arabischem Hintergrund. Lebdi weiß, dass sie von Femen profitieren kann. Sie benutzt Femen, um Aufmerksamkeit für ihre feministischen Themen zu bekommen. Weil es leichter ist, gehört zu werden, wenn halbnackte Ukrainerinnen neben einem stehen. Und umgekehrt benutzt Femen die Feministinnen aus Frankreich, um nach Paris zu kommen und neue Bilder von sich in die Welt zu schicken.
Am nächsten Morgen stehen Oxana, Inna und Sascha vor einem roten Tisch voller Farben und Pinsel, sie reden darüber, wie diese Bilder aussehen sollen. Was für einen Spruch sie sich auf die Brüste malen sollen. Safia Lebdi steht daneben, sie entdeckt ein Plakat, auf dem steht: "Islam is the religion of sadism."
"Nein", sagt Lebdi, "nein. Damit bin ich nicht einverstanden."
"Sollen wir ein Fragezeichen dahintermachen?", fragt Sascha.
"Nein, das ist keine Frage", sagt Safia Lebdi, ihre Locken tanzen jetzt auf dem Kopf, "wenn wir das machen, werden die anderen Frauen abspringen." Es gebe einen Unterschied zwischen Islam, Islamismus und Fundamentalismus, sagt sie, das seien völlig verschiedene Sachen.
Oxana, Sascha und Inna schauen mit leerem Gesicht auf das Plakat, und es wird klar: Darüber haben sie noch nie nachgedacht. Sie sind gut darin, mit fanatischen Gesichtern Parolen zu skandieren,
sie sind mutig, sie riskieren viel. Aber die Unterschiede zwischen Islam und Islamismus? Lebdi jedenfalls sorgt dafür, dass sie das Plakat im Müll versenken.
Am späten Vormittag kommen die ersten Aktivistinnen an im Maison de la Mixité. Die iranische Frauenrechtlerin Maryam Namazie ist aus London angereist, auch die libanesischstämmige Schauspielerin und Buchautorin Darina al-Joundi ist da. Die Frauen essen Kuchen und lachen und werfen nach und nach ihre Kleider ab. Sie tackern aus schwarzem Stoff lange Burkas zusammen, die sie sich überziehen und dann wegwerfen wollen, um den Schockeffekt zu vergrößern. Oxana, die Künstlerin, beschriftet ihre Körper: "Nackter Krieg". Das steht jetzt auf den jungen Brüsten, und auf den etwas älteren Brüsten kann man lesen: "Ich bin eine Frau und kein Objekt."
Sie stecken sich ihre Pässe in die Unterhose, für den Fall, dass sie festgenommen werden. Sie stellen sich vor den anderen Frauen auf und geben ihnen letzte Anweisungen.
"Wir sind eine kleine Armee, aber eine starke", sagt Inna. "Wir zählen eins, zwei, drei, vier, und dann werfen wir unsere Burkas weg."
Die Frauen stellen sich in einen Halbkreis, Inna zählt, und dann werfen sie ihre Schleier fort. "Nicht posen", sagt Inna dann. "Ihr seid keine Models, ihr seid Soldatinnen."
Als sie um 14 Uhr beim Trocadero aus den Taxen steigen, in ihre schwarzen Schleier gehüllt, Seite an Seite, der alte und der neue Feminismus, werden sie von etwa 40 Journalisten erwartet, von ihren Videokameras und Mikrofonen. Inna hat den Medien Zeit und Ort der Protestaktion gesteckt. So machen sie es immer, und es funktioniert jedes Mal. Auch fünf Polizeiwagen sind gekommen.
Oxana, Inna und Sascha rennen auf den Platz, die anderen Frauen laufen hinter ihnen her. Sie werfen ihre Schleier fort, recken die Plakate in den grauen Pariser Himmel, die Französinnen nackt bis auf die Jeans, die Ukrainerinnen nackt bis auf ihre schwarzen Unterhosen, und sie schreien, bis ihre Stimmen brechen.
Die Polizisten folgen den Frauen über den Platz, sie stellen sich vor ihnen auf. Sie grinsen. Sie wollen niemanden festnehmen, sie wollen nur gucken.
(*) Das Foto aus Kiew gewann vergangene Woche beim World Press Photo Award den zweiten Preis in der Kategorie Porträts.
Von Dialika Neufeld

DER SPIEGEL 19/2012
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