07.05.2012

Danke

Von Würger, Takis

ORTSTERMIN: In der Berliner Charité lernt ein verletzter Flüchtling aus Syrien, was ein Leben in Deutschland bedeutet.

Einen Monat nach seiner Flucht sitzt Salah in einem deutschen Krankenhaus auf einem Bett, seine Hände liegen im Schoß, die rechte Hand umschließt den Zeigefinger der linken Hand. Vor ihm sitzt eine Oberärztin mit Perlenohrringen. Sie sagt: Ziehen Sie bitte mal Ihre Hose aus.

Salah zögert einen Moment, dann zieht er seine Hose nach unten und sagt: "Danke". Es ist eins der Wörter, die er ge lernt hat. "Freund", "Borussia Dortmund", "Danke".

Vor einem Monat wusste er von Deutschland nur, dass der FC Bayern dort spielt und dass die Autos von Audi dort hergestellt werden.

Salah, 38 Jahre alt, stammt aus Syrien, aus der Hölle Assads, aus der Stadt Homs. Seine Flucht führte ihn zunächst in die Keller von Homs, wo Ärzte seine Wunde zunähten, er schlief mit zehn Mann in einem Raum, er sah, wie eine Granate seinen Laden zerstörte, er humpelte durch das Granatfeuer aus der Stadt und fuhr mit dem Bus bis nach Jordanien, zog in einen Schuppen, gab die Hoffnung auf, und dann, am 26. März um 1.45 Uhr, stieg er in Amman in ein Flugzeug der Lufthansa, LH 693.

Die Stewardess lächelte und fragte: Chicken or Pasta?

Salah betrachtete die blonden Frauen, sie brachten Coca-Cola in kleinen Bechern aus Plastik und schienen keine Sorgen zu haben. Er aß ein Gericht ohne Geschmack, dann schlief er ein. Als er in Deutschland landete, ging gerade die Sonne auf.

Salah ist einer der ersten Syrer, die mit Hilfe des Auswärtigen Amts nach Deutschland geflogen sind. Er wurde von den Diplomaten ausgewählt, weil seine Verletzung so schwer ist, dass ihm in Syrien oder Jordanien nicht mehr geholfen werden konnte. Ein Gewehrprojektil hat Salah die rechte Gesäßbacke durchbohrt und den Ischiasnerv beschädigt. Sein Bein ist gelähmt, vom Knie abwärts. Die Ärzte wollen versuchen, das Narbengewebe zu entfernen, das sich an dem Nerv gebildet hat. So könnte der Nerv wieder funktionieren.

Als Salah nach seiner Landung in Frankfurt am Main am Zoll einen deutschen Grenzbeamten in Uniform sah, zuckte er zusammen. Wo er herkommt, bedeutet eine Uniform Gefahr. Der Zollbeamte in Frankfurt stempelte seinen Pass und lächelte.

Salah ging durch den Flughafen, sah die polierten Böden, die großen Menschen, die alle ein Ziel zu haben schienen, und dachte, dass Deutschland aussieht wie von Audi designt.

Als sein Land noch nicht so zerschossen war, arbeitete er als Kleidungshändler auf dem Basar von Homs. Seine Hobbys waren Fußball und Grillen am Strand, Lammfleisch mit Zitronensaft.

Der Schuss kam aus der Kalaschnikow eines Polizisten und traf Salah an einem Freitag nach dem Gebet. Er hatte gegen Assad demonstriert und war bei der Demonstration in der ersten Reihe gelaufen. Die Schmerzen kamen später. Salah merkte nur, dass sein Bein ihm nicht mehr gehorchte, und er sah, wie das Blut in seine Jeans floss.

Er kam in ein Lazarett der Rebellen, in eine Wohnung an einem geheimen Ort. Der Operationssaal war im Schlafzimmer. Salah wartete zwei Tage auf seine Operation. Die Ärzte behandelten erst die Verletzten mit den Kopfschüssen.

In Deutschland flog er weiter von Frankfurt nach Berlin, dort holten ihn drei Helfer vom Flughafen ab und fuhren ihn in die Charité. Eine Krankenschwester fragte Salah nach einer Krankenversicherungskarte. Er sagte, die einzige Versicherung, die er habe, sei bei Gott. Die Kosten für seine Behandlung übernimmt eine Hilfsorganisation aus Syrien.

Salah kam in ein Zimmer und schlief lange. Als ein Helfer später fragte, ob er sich ein wenig Berlin angeschaut habe, sagte er ja. Salah dachte, die Charité sei Berlin.

Am nächsten Morgen kam das Frühstück um sieben Uhr, Marmelade aus einem Plastikschälchen, eine Scheibe Gouda, Butter, zwei Scheiben Graubrot. In Homs, als noch Frieden war, hatte Salah gern um elf Uhr gefrühstückt, frisch gebackenes Fladenbrot aus Weizenmehl, handwarm. Als er nun in sein kaltes Berliner Graubrot biss, wusste er, dass auch in Deutschland nicht alles gut war.

Die Operation soll in einer anderen Stadt durchgeführt werden. Salah lebt bis dahin im Hotel hinter verschlossenen Vorhängen. Er bittet darum, dass der Name der Stadt geheim bleibt, Salah ist auch nicht sein richtiger Name. Er fürchtet, der syrische Geheimdienst könnte ihn in seinem Hotelbett erschießen.

An dem bisschen Deutschland, das er kennt, ist ihm aufgefallen, dass sogar Fahrräder eigene Wege auf die Straßen gemalt bekommen. Das findet er schön. Aber wenn er abends im Dunkeln in seinem Hotelzimmer liegt, hämmert der Krieg in seinem Kopf.

Er träumt dann, dass ihn der Geheimdienst verhaftet. Manchmal ruft er seinen Freund Rabi an, der in Homs ausharrt, und hört still zu, wenn Rabi erzählt, wer gestorben ist.


DER SPIEGEL 19/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 19/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon sonntags ab 8 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Danke