07.05.2012

„Noch ist die Ukraine nicht verloren“

Janusz Reiter, 59, Direktor des Warschauer Zentrums für internationale Beziehungen, warnt davor, Kiew nach Osten zu treiben.
SPIEGEL: Herr Reiter, verstehen Sie, dass deutsche Politiker nicht neben Präsident Wiktor Janukowitsch auf der Fußballtribüne in Charkow Platz nehmen wollen, während wenige Kilometer entfernt Julija Timoschenko im Gefängnis sitzt?
Reiter: Das verstehe ich sehr gut. Nur geht es gar nicht um die Nähe der Politiker zu Janukowitsch. Es geht um die Nähe der Ukraine zu Europa. Die Europameisterschaft sollte signalisieren: Ihr gehört dazu. Die Ukraine ist in der Wahrnehmung vieler Europäer weit weg.
SPIEGEL: Janukowitsch wird die EM propagandistisch ausschlachten.
Reiter: In der Ukraine wird derzeit heftig darüber gestritten, wohin sich das Land wenden sollte. Es gibt kritische Medien, es gibt eine Zivilgesellschaft. Man ist nicht auf das Gespräch mit den Machthabern angewiesen, die Ukraine ist keine Diktatur.
SPIEGEL: Was wären die Folgen eines Boykotts?
Reiter: Ich glaube, dass die große Mehrheit der Ukrainer sehr enttäuscht von Europa wäre, und zwar zu Recht. Die Ukraine driftet im Moment eher nach Osten. Aber sie ist noch nicht verloren. Wir müssen die Europameisterschaft nutzen, sie an uns zu binden. Wenn wir die Ukraine verlieren, wäre das ein politischer Schaden, der sich nicht so leicht beheben ließe.
SPIEGEL: Hat die EU in der Vergangenheit genug getan, um der Ukraine eine Alternative aufzuzeigen?
Reiter: In Brüssel herrscht große Ratlosigkeit. Die Ukraine ist ein schwieriges Land. Aber wir dürfen sie nicht abschreiben. Unser langfristiges Interesse muss es sein, dort Demokratie und Marktwirtschaft zum Durchbruch zu verhelfen.
SPIEGEL: Die EU hätte der Ukraine schneller und klarer eine engere Partnerschaft anbieten müssen, möglicherweise sogar einen Beitritt?
Reiter: Das hätte ich mir gewünscht. Ich muss aber zugeben, die Ukraine hat es der EU auch nicht gerade leicht- gemacht.
SPIEGEL: Gerade den Deutschen wurde aus Polen oft vorgeworfen, zu sehr nach Russland zu blicken und die osteuropäischen Länder dazwischen zu übersehen. Gilt das immer noch?
Reiter: Deutschland hat mehr getan als die meisten. War das genug? Ich meine: nein.
SPIEGEL: Polen möchte die EM nutzen, um der Welt zu zeigen: Wir sind wieder da, wir sind mitten in Europa angekommen. Stört Sie die Boykottdebatte?
Reiter: Ich glaube nicht, dass Polen in Mitleidenschaft gezogen wird. Aber es liegt in unserem Interesse, dass die Ukraine einen Anteil am Erfolg hat. Die Ukraine ist nicht die Sowjetunion. Das ist heute eine andere Situation als nach dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan 1979. Deshalb ist die große Mehrheit hier gegen einen Boykott.
SPIEGEL: Deutschland hat mit der Debatte andere europäische Länder in Zugzwang gebracht. War das klug?
Reiter: Jetzt soll Druck ausgeübt werden, um die Regierung Janukowitsch doch noch umzustimmen. Doch was tun wir, wenn das nicht passiert? Es wäre schlimm, wenn Europa sich in dieser Frage entzweien würde.
SPIEGEL: Soll die Eishockey-Weltmeisterschaft 2014 im benachbarten Weißrussland abgesagt werden?
Reiter: Weißrussland ist eine Diktatur. Aber auch dort gibt es eine Opposition, die dafür kämpft, das Land nach Westen zu führen. Diese Leute muss man unterstützen, man muss ihnen zeigen, dass sie zu Europa gehören. Ich würde sehr zögern, zu einem Boykott der Eishockey-Weltmeisterschaft aufzurufen.
Von Jan Puhl

DER SPIEGEL 19/2012
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