07.05.2012

CHINA„Ich bin nicht frei“

Der blinde Dissident Chen Guangcheng über seinen Hausarrest und sein ungewisses Schicksal nach dem Verlassen der amerikanischen Botschaft in Peking
SPIEGEL: Herr Chen, wie geht es Ihnen?
Chen: Ich liege im Bett, ich fühle mich überhaupt nicht gut. Ich fürchte übrigens, dass diese Telefonverbindung jederzeit unterbrochen werden kann.
SPIEGEL: Werden Sie gut behandelt?
Chen: Ja, das ist okay.
SPIEGEL: Wie geht es Ihrem Fuß? Welcher ist verletzt, und wie ist das passiert?
Chen: Der rechte Fuß. Er ist eingegipst. Ich habe ihn mir gebrochen, als ich während meiner Flucht über eine Mauer kletterte. In sechs bis acht Wochen werden sie den Verband abnehmen.
SPIEGEL: Haben Sie die US-Botschaft in Peking freiwillig wieder verlassen?
Chen: (schweigt lange und seufzt): Ja, ich habe die Botschaft freiwillig verlassen, aber zu der Zeit wurde ich bedroht.
SPIEGEL: Wurden Sie bedroht oder Ihre Familie?
Chen: Nein, nicht ich wurde bedroht, aber meine Familie.
SPIEGEL: Die chinesische Führung soll angekündigt haben, Ihre Ehefrau und die beiden Kinder zurück in Ihre Heimatprovinz Shandong zu schicken, wenn Sie die US-Botschaft nicht verlassen würden. Stimmt das?
Chen: Ja.
SPIEGEL: Und in Shandong hätten dann ebenjene Beamte und angeheuerte Schläger Ihre Familie erwartet, die sie dort so übel misshandelt haben.
Chen: Ja.
SPIEGEL: Wollen Sie China verlassen?
Chen: Ja, ich möchte nun so schnell wie möglich raus aus China. Mit meiner ganzen Familie.
SPIEGEL: Auf dem Weg zum Krankenhaus haben Sie mit US-Außenministerin Hillary Clinton telefoniert. Hat sie Ihnen irgendwelche Garantien gegeben?
Chen: Sie sagte nur, die chinesische Regierung werde meine bürgerlichen Rechte garantieren. Aber in China gibt es keine Garantien für Bürgerrechte.
SPIEGEL: Die chinesische Regierung hat lange untätig zugesehen, wie lokale Behörden Sie unter Hausarrest hielten und misshandelten. Glauben Sie, dass diese Regierung künftig für Ihre Sicherheit einstehen wird?
Chen: Für mich ist das keine Frage von glauben oder nicht glauben. Ich ziehe es vor, mich an die Tatsachen zu halten. Seit ich hier im Krankenhaus bin, konnte ich mit meinem Handy kaum noch telefonieren und kaum noch Anrufe empfangen. Meine Freunde können mich nicht besuchen. Ich konnte auch nicht herausfinden, wie es meiner Mutter geht. Es gibt so viele Unsicherheiten für mich. Und dann berichtete mir meine Frau, was ihr zu Hause alles widerfuhr.
SPIEGEL: Fürchten Sie, dass die lokalen Behörden sich an Ihnen rächen werden?
Chen: Ja, ich mache mir Sorgen, große Sorgen.
SPIEGEL: Sie sind der erste prominente chinesische Menschenrechtsaktivist, der aus der Gefangenschaft entkam und nun - angeblich - als freier Mann in China leben darf. Sehen Sie darin das Zeichen für einen Wandel, für mögliche Reformen?
Chen: Das Problem ist doch: Ich bin nicht frei.
SPIEGEL: Ihre Freunde dürfen Sie bislang nicht besuchen, nur Ihre Frau und Ihre beiden Kinder sind bei Ihnen im Krankenhaus?
Chen: Ja, sie sind bei mir.
SPIEGEL: Dürfen Ihre Frau und die Kinder nach draußen gehen?
Chen: Nein.
SPIEGEL: Wissen Sie, wie es Ihrer übrigen Verwandtschaft geht, Ihrem Neffen, Ihrem Bruder?
Chen: Nein, ich weiß nichts über deren Lage.
SPIEGEL: Können Sie ein wenig beschreiben, wie Sie während des Hausarrests behandelt wurden?
Chen: Die Wächter hinderten uns gewaltsam daran, nach draußen zu gehen, sie folgten uns auf Schritt und Tritt. Die Leute von der Staatssicherheit des Kreises brachen in unser Haus ein, sie schlugen mich und meine Frau.
Sie schleppten alles aus dem Haus, sogar Fieberthermometer und Taschenlampen. Eigentlich unwichtige Sachen - aber sie nahmen alles mit. Alle Bücher, die Bilder an den Wänden - alles raubten sie uns. Den Fernseher ließen sie zwar stehen, aber sie zerstörten mit einer Kneifzange den Stecker. Also konnten wir kein Fernsehen empfangen. Sie versuchten, uns das Leben so schwer wie möglich zu machen.
SPIEGEL: Da mutet Ihre Flucht aus der Gefangenschaft fast wie ein Wunder an.
Chen: Ja, der Himmel hat mir geholfen.
SPIEGEL: Wie gelang es Ihnen, unbemerkt zu entwischen?
Chen: Das ist eine lange Geschichte. Ich krabbelte aus dem Haus. Der Himmel hat mir geholfen.
SPIEGEL: Auf Ihrer abenteuerlichen Flucht wurden Sie von Helfern aufgelesen und nach Peking gefahren, einige wurden später verhört oder festgenommen.
Chen: Ich mache mir große Sorgen um sie. Genau das zeigt doch, dass das Gerede über Freiheit nur leeres Geschwätz ist.
SPIEGEL: Haben Sie mit den Amerikanern über die Situation Ihrer Helfer gesprochen?
Chen: Ja. Sie haben mir versichert, sie würden dieses Thema gegenüber der chinesischen Seite ansprechen.
SPIEGEL: Was wissen Sie über die Abmachungen, die die Amerikaner zu Ihrem Schutz mit der chinesischen Regierung getroffen haben?
Chen: Die chinesische Seite hat demnach meine Bürgerrechte garantiert, und ich durfte die Botschaft unbehelligt verlassen.
SPIEGEL: Dieser Abmachung zufolge können die Amerikaner also nicht überprüfen, was mit Ihren Unterstützern passiert?
Chen: Nein, offenbar nicht. Andere von ihnen werden ja immer noch gefoltert.
SPIEGEL: Hat man Ihnen erklärt, warum Sie in den vergangenen Jahren illegal festgehalten und misshandelt wurden?
Chen: Jetzt heißt es, meine Bürgerrechte seien verletzt worden, die Lokalregierung habe Gesetze und Verordnungen gebrochen. Das zumindest hat die Regierung gegenüber dem US-Unterstaatssekretär Kurt Campbell gesagt.
SPIEGEL: Haben Sie von den USA oder von Ihrer eigenen Regierung irgendeine schriftliche Zusicherung erhalten?
Chen: Nein.
SPIEGEL: Ihnen wurde versprochen, dass Sie an einer chinesischen Hochschule studieren dürften. Handelt es sich dabei auch nur um eine mündliche Zusage?
Chen: Ja.
SPIEGEL: In welcher Stadt wurde Ihnen ein Studium angeboten?
Chen: Sie nannten mir sieben mögliche Universitäten. Ich hatte mich noch nicht entschieden. Ich darf wählen zwischen Tianjin und … Aber vergessen wir das doch! Es ist sinnlos.
SPIEGEL: An einem Studium in China haben Sie also kein Interesse mehr?
Chen: So ist es.
SPIEGEL: Als Sie mit US-Außenministerin Hillary Clinton telefonierten, sollen Sie ihr voller Freude gesagt haben: "Ich möchte Sie küssen." So berichteten es westliche Medien unter Bezug auf amerikanische Diplomaten.
Chen: Die müssen sich verhört haben. Ich habe nicht gesagt, ich wolle Clinton küssen. Ich sagte nur auf Englisch: "I want to see you." Und das ist es ja, was ich möchte, ich möchte sie treffen.
SPIEGEL: Hatten Sie daran geglaubt, dass Frau Clinton Sie besuchen wird?
Chen: Sie war ja bereits in Peking, als ich noch in der Botschaft war. Aber sie kam nicht, um mich zu treffen. Das hat mich sehr überrascht.
SPIEGEL: Hoffen Sie noch darauf, dass Ihnen die Amerikaner zusätzliche Zusagen über Ihren Schutz machen?
Chen: Natürlich hoffe ich das.
SPIEGEL: Bis jetzt hat es die aber nicht gegeben?
Chen: Ich habe gerade einen Anruf von ihnen bekommen. Sie sagten, später würde mich jemand besuchen.
SPIEGEL: Wie lange werden Sie im Krankenhaus bleiben müssen?
Chen: Das weiß ich nicht.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass Ihr Land sich jemals zu einem Rechtsstaat wandeln wird?
Chen: Ich glaube, ja. Aber dieses Ziel wird noch gewaltige Anstrengungen erfordern. Von sehr vielen Leuten.
Korrektur: In einer früheren Version hieß es fälschlicherweise "Ein Wächter hat mir geholfen." Es muss heißen:" Der Himmel hat mir geholfen." Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 19/2012
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