DER SPIEGEL



Hundstage

Von Hujer, Marc

GLOBAL VILLAGE: Wie indonesische Essgewohnheiten ins Zentrum des amerikanischen Wahlkampfs rückten

Sein Name war Seamus. Er war nur ein Hund, Mitt Romneys Hund. Aber Scott Crider, ein Marketing-Experte aus Alabama, ahnte sofort, wie wertvoll die Geschichte von Seamus einmal werden könnte. Und dass sein Schicksal mehr über Mitt Romney erzählt, als Romney selbst je über sich sagen würde.

Es ist die Geschichte eines Irish Setter, den Romney als junger Vater im Sommer 1983 in einer Box auf sein Autodach lud, um dann, so bepackt, mit seiner Familie tausend Kilometer weit von Boston nach Kanada in den Urlaub zu fahren. Eine Mitarbeiterin Romneys hatte das 2007 erzählt, mitten in Romneys erstem Präsidentschaftswahlkampf. Sie dachte, die Geschichte werde ihrem Chef den Weg nach Washington ebnen, weil sie ihn als einen Mann zeige, der zu "emotionsfreiem Krisenmanagement" fähig sei. Aber für Crider war es schon damals eine Metapher für Herzlosigkeit und dafür, dass Romney nicht weiß, was das Wahlvolk denkt und fühlt.

Und so gründete Crider einen Blog, "Dogs against Romney", und wartete ab. Er war überzeugt, es sei für ihn nur eine Frage der Zeit, bis er Romney zu packen bekomme.

Hunde sind ein sensibles Thema in Washington. In fast 4o Prozent der Haushalte gibt es einen oder mehrere Hunde, 70 Prozent bezeichnen sich als Hundeliebhaber. Seit sich Präsident Franklin D. Roosevelt, der anfangs als abgehoben galt, einen Scottish Terrier namens Fala anschaffte, sind Hunde die Geheimwaffe aller Präsidenten. Sie machen aus Politikern Menschen.

John F. Kennedy, der eine Hundeallergie hatte, erlaubte seinen Kindern trotzdem Hunde. George W. Bush scherzte, sein Terrier Barney sei der Sohn, den er niemals hatte. Und Barack Obama beschäftigte das Land wochenlang mit der Frage, für welche Hunderasse sich die First Family entscheiden werde.

Im vergangenen Sommer verkündete Romney erneut seine Kandidatur, und Crider rüstete auf. Er ging auf Facebook. Als dann ABC-Moderatorin Diane Sawyer die Romneys interviewte und Zuschauerfragen annahm, mobilisierte er seine 52 000 Facebook-Freunde. Sie brachten Sawyer schließlich dazu, Romney auf die Geschichte mit dem Hund anzusprechen. "Würden Sie es wieder tun?", fragte Sawyer. Romney antwortete genervt: "Sicherlich nicht, so wie diese Sache breitgetreten wurde."

Nun aber bekam die Geschichte Fahrt. Auf der konservativen Website "Daily Caller" taucht ein Zitat aus Obamas Autobiografie "Ein amerikanischer Traum" auf. Millionen Amerikaner haben sie gelesen, sie wurde von Wahlkampfstrategen auf alle Schwächen hin durchkämmt, eigentlich sollte nichts unbemerkt geblieben sein. Aber der "Daily Caller" hat eine Passage über Obamas Kindheit in Indonesien neu entdeckt: "Ich machte Bekanntschaft mit Hundefleisch (zäh)", schreibt Obama.

Er war damals sechs Jahre alt, ein Kind. Seine amerikanische Mutter hatte erneut geheiratet, einen Indonesier, der seine Familie mit nach Jakarta nahm. Obamas Stiefvater zeigte dem Jungen die so andere Kultur, er zeigte ihm, wie Hühner geschlachtet werden, und gab ihm zu essen, was dort alle aßen: Schlangen, Heuschrecken und eben auch Hund.

Ausländische Sitten kommen bei amerikanischen Wählern nicht so gut an, vor allem nicht bei Republikanern. Der Demokrat John Kerry geriet im Präsidentschaftswahlkampf 2004 in ernste Schwierigkeiten, als er ein Philly-Cheesesteak-Sandwich, einen Fast-Food-Klassiker, mit Schweizer Käse bestellte. Und Obama wurde verhöhnt, als er 2008 nach dem Preis von Rucola fragte.

Obama-Gegner also witterten nach Kenntnisnahme der Indonesien-Passage ihre Chance. Sie gründeten "Mutts for Mitt", Köter für Romney. Das ist eine Gegenbewegung, die verspricht: "Wenigstens isst er mich nicht!" Im Internet kursieren nun Obamas angebliche Lieblingsrezepte für Hundefleisch. Selbst sein alter Widersacher John McCain war sich nicht zu schade, ein Bild vom Hund seines Sohnes zu twittern: "Sorry, Mr. President, er steht nicht auf der Speisekarte."

Aber etwas passte da nicht. Ausgerechnet jene Partei, die sonst nicht so zimperlich ist und sich gern auf die Seite von Jägern stellt, empört sich nun darüber, dass ein Kind in Indonesien Hundefleisch gegessen hat?

Es dauerte nicht lange, da erfuhr Amerika von Fred Malek, einem republikanischen Geldgeber. Malek hatte gerade noch den Geburtstag von Romneys Frau Ann ausgerichtet, da stand in der Zeitung, dass Malek einmal verhaftet worden war: Er war 1959 dabei, als ein Bekannter einen Hund totgeschlagen, gehäutet, ausgeweidet und dann auf den Grill gelegt hatte. Das war der letzte Freund, den Romney jetzt gebrauchen konnte.

Und so steht am Ende Obama beim White-House-Korrespondentendinner gut gelaunt auf der Bühne und macht Witze, auch über jene Frage, die einst Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin berühmt gemacht hatte: "Was ist der Unterschied zwischen einer Hockey-Mom und einem Pitbull?" "Lippenstift!", hatte Palin damals als Antwort gegeben. Obama ruft nun: "Pitbull schmeckt lecker!"

Crider lachte herzlich - und hat jetzt wieder ein paar Facebook-Freunde mehr.


DER SPIEGEL 19/2012
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