01.02.1999

SEXUALITÄT Frauen in freier Wildbahn

Schamhaft sei das Weib, weil die Natur es so will, dachte Charles Darwin. Bis heute denken viele Evolutionsbiologen ebenso. Doch inzwischen häufen sich die Beweise: In Sachen Gier und Lust am Sex stehen die Frauen den Männern nicht nach.
Die Biologiestudenten müssen sich gefreut haben auf die zweiwöchige Studienreise nach Calahonda an der Südküste Spaniens. Dort scheint im Juli, anders als in ihrer Heimatstadt Manchester, immer die heiße Sonne, und abends, nach der Projektarbeit, winken Strandvergnügen - und vielleicht ein Sommerflirt.
Die Studenten konnten nicht wissen, daß sie gerade dann, wenn sie sich am heftigsten vergnügten, den wichtigsten Beitrag zur Wissenschaft leisteten. Denn über diese Momente führte Projektleiter Robin Baker Buch. Der Strand, die Villa, die Natur ringsumher betrachtete er als ein riesiges Freilandlabor: Der Biologe ließ seine Studenten beobachten, als seien sie eine Schimpansengruppe in freier Wildbahn - vorzugsweise beim Sex.
Die romantischen Rendezvous der britischen Studenten am Strand von Calahonda gingen als "außer-" oder "innerpaarige Kopulationen" in Bakers Studie ein. Der Sexforscher hatte wissen wollen, wie Partnerwahl in einer Konkurrenzsituation funktioniert. Unter anderem stellte er fest, daß Frauen auf Männer abfahren, deren Körper symmetrisch gebaut sind.
Bakers Sex-Projekte, neue Erkenntnisse in der Primatenforschung und Ethnologie sowie Vaterschaftstests sind Mosaiksteine eines größeren Bildes, das Anthropologen, Evolutionsbiologen und Psychologen seit einigen Jahren neu zusammenpuzzeln. Langsam zeichnen sich die ersten Konturen ab; wenn es fertig ist, so glauben die Wissenschaftler, werde die weibliche Sexualität neu definiert sein.
Bisher gilt immer noch Charles Darwins Vorstellung des "zimperlichen Weibes" als Dogma: "Die Mehrheit der Frauen (ein Glück für sie) ist nicht sehr mit sexuellen Gefühlen irgendwelcher Art belastet." Noch im letzten Jahr schrieb der berühmte Biologe Edward O. Wilson, daß es der "optimale Sexualinstinkt von Männern" sei, sich "bejahend und allzeit bereit" zu verhalten, jener der Frauen hingegen, "zurückhaltend und wählerisch" zu sein.
Das weibliche Wesen, so die Doktrin, braucht einen Versorger für sich und den Nachwuchs; Schwangerschaften und Kinderaufzucht nähmen die Frauen allzusehr in Beschlag. Der Mann aber treibt solchen Aufwand als Ernährer nur, wenn er weiß, daß es sich lohnt - dazu muß er sich sicher sein können, daß die Sprößlinge, denen er die Früchte seiner Arbeit in den Rachen stopft, auch tatsächlich von ihm gezeugt worden und nicht etwa die Brut eines Nebenbuhlers sind. So sei es gekommen, daß das Weibchen die Monogamie erfand: Mit einem Treueschwur wie dem der Ehe versichert es dem Mann, daß er der Vater der gemeinsamen Kinder sei.
Seitensprünge der Frau sieht dieses Standardmodell der Evolution nicht vor. "Wenn eine Frau Sex hat mit einem anderen, ist das immer eine Bedrohung für die genetischen Interessen des Mannes", schrieb Steven Pinker in seinem jüngsten Buch "Wie das Denken im Kopf entsteht". Breche sie den Treuepakt, so setze sie damit das Überleben ihres Nachwuchses aufs Spiel - ein sehr hoher Einsatz, da sie im Gegensatz zum Mann im Laufe ihres Lebens nur eine begrenzte Anzahl von Sprößlingen in die Welt setzen kann.
Deswegen, so schloß Pinker, teilten zwar "in den meisten Gesellschaften bereitwillig mehrere Frauen einen Ehemann, aber in keiner Gesellschaft teilen Männer bereitwillig eine Ehefrau". Das Patriarchat - ein evolutionsbiologisches Gesetz.
Die zahlreichen Verkünder dieser Botschaft haben jedoch bei ihren Recherchen einen ganzen Kontinent übersehen. Verteilt über ganz Südamerika existieren alte Kulturen, für die sich die Welt scheinbar anders herum dreht: Dort haben die Kinder viele Väter - und die Frauen dementsprechend so viele Liebhaber, wie es ihnen beliebt.
Für die in Brasilien ansässigen Canela etwa, einst kriegerische Jäger und Sammler Amazoniens, war außerehelicher Sex bis vor wenigen Jahrzehnten alltägliches Gebot statt Tabu: Die Frauen hielten sich neben ihrem Ehemann ein bis vier Liebhaber. Sie glauben, daß es mehrerer Ejakulate bedarf, um ein lebensfähiges Kind zu zeugen, berichtet William Crocker, Ethnologe am Smithsonian Institute.
Die Auswahlkriterien für die Wahl eines Beischläfers: Hübsch soll er sein und gut im Bett. Als besonders anziehend gilt es, wenn er gut tanzen und singen kann. Seine Fähigkeiten als Versorger seien den Frauen nicht so wichtig, meint Crocker. Die Männer werden aber nicht nur als Samenspender benutzt - sie gelten als biologische Väter, ebenso legitim wie der Ehemann. Und wie er sind sie ein Leben lang verantwortlich für die Gesundheit des Kindes.
Inzwischen hätten Forscher die Idee der geteilten Vaterschaft bei rund 18 Kulturen nachgewiesen, berichtet der Anthropologe Stephen Beckerman von der Pennsylvania State University, "bei Völkern, deren kulturelle Traditionen sich vor Jahrtausenden auseinanderentwickelt haben". Deswegen könne man diesen Glauben nicht abtun als "Verirrung, als selbstzerstörerischen Kulturfehler".
Aber wo ist dann das Seitensprung-Verbot für die Frauen geblieben? Angeblich ist der weibliche Wille zur Treue so universal und wurzelt so tief in der menschlichen Natur, daß sich laut Robert Boyd und Joan Silk, den Autoren eines jüngeren Evolutionsfachbuchs ("How Humans evolved"), schon die afrikanischen Ahnen der modernen Ehefrau damit "das Vertrauen des Männchens in die Vaterschaft" und so "die Versorgung mit Nahrung hoher Qualität" erkauft hätten - als habe der Homo erectus schon wie Familie Schneider in Castrop-Rauxel gelebt.
Was ist, wenn das Bild von der treuen, brav auf die Heimkehr des Jägers wartenden Frau noch nie gestimmt hat? Wenn das heute in den meisten Ländern übliche monogame Beziehungsmodell eine dem eigentlich promisken Wesen des Weibes aufgepfropfte, kulturelle Entwicklung und ihm mitnichten in die Wiege gelegt ist?
Die Verhaltensforscherin Kristen Hawkes von der University of Utah jedenfalls hat den Bist-du-mir-treubring-ich-dir-Fleisch-Vertrag zwischen Mann und Frau für hinfällig erklärt. Ihre Studien unter den Hazda etwa, einem Volk von Jägern und Sammlern aus Tansania, haben ergeben, daß die Ehefrauen selbst der erfolgreichsten Jäger kein Stück profitieren von der Beute ihres Mannes - das Fleisch wird gerecht unter allen verteilt.
"Männer haben nie als Väter gejagt", sagt Hawkes. Wer sich als Jäger besonders hervortat, wollte damit den Frauen imponieren - reines Balzgehabe. Auch bei Schimpansen, berichtet die Forscherin, erhöhe sich genau dann die Jagdfrequenz, wenn es stärkere Konkurrenz um Weibchen gebe. "Das einzige Problem, das Männchen in der Evolution haben, sind andere Männchen."
Ein weiteres Beispiel aus der Primatenforschung zeigt deutlich, wie die Erwartung des Forschers seinen Blick auf die Wirklichkeit verstellen kann: Vor zwei Jahren machten Biologen erstmals einen Vaterschaftstest in einer Schimpansengruppe. Die Ergebnisse zwangen die Verhaltensforscher, alles über Bord zu werfen, was sie bisher über die Sexualität dieser Primaten zu wissen geglaubt hatten - immerhin war gerade diese Gruppe 17 Jahre lang bis ins letzte Detail ihrer Fortpflanzung studiert worden. Es galt nur noch zu klären, welches der elf Männchen der tatsächliche Star aller Begatter war.
Das Ergebnis: Mehr als die Hälfte des Nachwuchses war von völlig unbekannten Schimpansenmännchen gezeugt worden. Die Weibchen waren offenbar über all die Jahre fremdgegangen, ohne daß die Forscher dies je bemerkt hätten. Dadurch war auch die gute alte Theorie dahin, daß die Schimpansen-Weibchen am liebsten dem Alpha-Männchen der Gruppe willfährig sind, wenn es ums Kindermachen geht.
Der britische Biologe Robin Baker, der eher bei jungen Engländerinnen nach Hinweisen auf die Urgründe weiblicher Sexualität sucht als bei Menschenaffen oder alten Jägern und Sammlern, ist nach seinen Sex-Studien fest davon überzeugt, daß auch das Menschenweib von den Trieben gelenkt sei. Allein in den spanischen Feldversuchen (die allerdings wegen geringer Gruppengröße nicht repräsentativ sind), hatten sich 21 Prozent der Biologiestudentinnen, die einen festen Freund in Manchester gelassen hatten, im warmen Calahonda "außerpaariger Kopulationen" erfreut.
Eine von Baker konzipierte Umfrage unter fast 4000 britischen Frauen ergab, daß eines von zehn Kindern nicht von dem Manne gezeugt worden ist, der glaubt, der Vater zu sein. Bei einer Blutgruppen-Untersuchung in den siebziger Jahren unter einigen hundert Familien im Südosten Englands fanden die Ärzte sogar 30 Prozent Kuckuckskinder; allerdings sind die Befunde nie veröffentlicht und daher nicht unabhängig überprüft worden. In einer USamerikanischen Studie entdeckten die Forscher, daß eines von 70 weißen und eines von 10 schwarzen Kindern nicht das Erbgut vom Ehemann der Mutter in sich trugen. Jedoch sind solche Daten sämtlich mit dem Makel behaftet, daß sie abhängig von sozialen Schichten, Ländern, Untersuchungsmethoden und daher oft wenig aussagekräftig sind.
Robin Bakers Ergebnissen zufolge können sich Männer beim zweiten Kind am sichersten sein, daß es ihn zu Recht "Daddy" nennt. Das Erstgeborene dagegen habe oft der Vorgänger des Ehemanns gezeugt, berichtet der Verhaltensforscher, während der dritte Sprößling nicht selten ein Produkt dessen sei, was Baker den "genetischen Einkaufsbummel" der Mutter nennt. Mit diesem Begriff lasse sich die weibliche Sexualstrategie gut beschreiben: Je nach Lebensphase mehr oder weniger intensiv auf der Jagd nach möglichen Sexualpartnern, nehme die Frau jene Männer ins Visier, die bessere Gene zu bieten hätten.
Baker schließt daraus, daß alles menschliche Sexualverhalten optimiert sei auf einen "Krieg der Spermien" im Körper der Frauen. Denn wenn diese mit mehreren Männern schlafen, so fand er heraus, dann tun sie dies fast immer innerhalb von zwei bis drei Tagen - innerhalb der Lebensdauer der männlichen Samenzellen, so daß diese gegeneinander konkurrieren können. Auf die gesamte Lebensspanne hochgerechnet, behauptet der Biologe, gebe es "mehr Frauen, die innerhalb von einer Stunde Sex mit zwei verschiedenen Männern gehabt haben", als solche, die immer monogam waren.
"Eine der wichtigsten weiblichen Waffen bei diesem Einkaufsbummel", erklärt der Verhaltensforscher, "ist der Verlust des Östrus - die sexuelle Kryptik." Indem sie den Zeitpunkt des Eisprungs verstecken, erschwerten die Frauen den Männern, sie in ihrer fruchtbarsten Phase zu bewachen. "So haben sie mehr Freiheit", meint Robin Baker, "um durch einen Seitensprung Gene einkaufen zu gehen und Ressourcen verschiedener Männer zu gewinnen, indem sie die Vaterschaft verschleiern."
Sarah Blaffer Hrdy, Anthropologin von der University of California in Davis, ist überzeugt, daß all das, was man heute an so vielen Frauen beobachten könne, "sexuelle Zurückhaltung, extreme Diskretion und Sorge um den Ruf, nicht, wie Darwin annahm, dem vormenschlichen 'alten Erbe' entstammt". Die Schamhaftigkeit lasse sich ebensogut erklären als "kürzlich evolvierte oder gelernte Anpassung von Frauen, die den Bestrafungen entfliehen wollten", welche das Patriarchat für ungebärdige Partnerinnen und Töchter ausgedacht hat.
Nach welchen Kriterien, fragen sich feministische Forscherinnen wie Hrdy, werden sich Frauen wohl in der Wahl ihrer Gespielen richten, wenn die zur Zeit noch von Männern kontrollierten Ressourcen erst wieder gleich verteilt sind in der Welt? Wahrscheinlich nach ähnlichen wie damals die Frauen der Canela und heute die Studentinnen in Calahonda: Hübsch muß er sein und gut im Bett. RAFAELA VON BREDOW
Von Bredow, Rafaela von

DER SPIEGEL 5/1999
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