Von Hanke, Ulf
Bevor er loszog, um den Propheten Mohammed mit dem Messer zu verteidigen, entsorgte Murat K. sein bisheriges Leben auf die Straße. Er hatte sein Apartment zum 30. April gekündigt, Möbel aus der Dachgeschosswohnung stellte der 25-Jährige zum Sperrmüll. Genau wie die Kartons, die er stehen ließ als eine Art Vermächtnis: voll mit Altpapier, Briefen, einem Lebenslauf und Unterlagen, die das Leben des Messerstechers dokumentieren. Wo er hinwollte, hatte Murat seinen Nachbarn nicht erzählt.
Wenige Tage später konnten sie es in den Nachrichten sehen: Beim Kampf radikal-islamischer Salafisten gegen Anhänger der rechten Splittergruppe Pro NRW in Bonn stürmte Murat K., offenbar unbedrängt, mit einem Messer in der Hand auf Polizisten los. Zwei von ihnen erlitten tiefe Schnittwunden im Oberschenkel. Gegen Murat wurde Haftbefehl erlassen, es wird wegen Verdachts auf versuchten Mord ermittelt.
Bislang galten die Salafisten in Deutschland zwar als Propagandisten eines mittelalterlichen Islam. Dass aber einer von ihnen hier Beamte niedersticht, zeigt eine neue Stufe der Eskalation. Oder ist nur jemand durchgedreht, der sowieso auf der abschüssigen Bahn war?
Murat K. wuchs in einer Siedlung von Mehrfamilienhäusern in der früheren Bergbaustadt Sontra bei Kassel auf. In der Schule kam er nur mäßig zurecht und wechselte von der Gesamtschule auf die Hauptschule. Aber er fühlt sich offenbar seiner deutschen Heimat verbunden, seine Mail-Adresse lautet: "Murat_el-Sontrani", Murat, der aus Sontra kommt.
Der Junge spielte leidenschaftlich gern Fußball. Sein Trainer hielt anfangs große Stücke auf ihn, doch auf dem Platz entpuppte sich Murat als jähzornig. Häufig sah er die rote Karte, beschimpfte Mitspieler und Schiedsrichter, wegen häufiger Krawalle wurde schließlich seine gesamte Mannschaft aufgelöst. Später ermittelte die Polizei gegen ihn wegen Körperverletzung. 2005 wanderte Murat sogar in den Jugendarrest. Seine Nachbarn aber kannten Murat die Jahre über nur als den netten Jungen mit dem "beseelten Blick", wie eine alte Dame sagt. Selbst seine Eltern, die nur ein paar hundert Meter weiter wohnen, wollen von seinem ganzen Ärger kaum etwas mitbekommen haben.
Murat K. jobbte, als Briefsortierer, als Verpacker, als Hilfsarbeiter. 2008 begann er eine Lehre als Industriemechaniker. Doch nach einem Jahr brach er sie ab. Etwa zur selben Zeit ließ er sich einen Vollbart wachsen, er trug nun eine Gebetsmütze. Sogar der Bürgermeister von Sontra wurde aufmerksam, denn Murat gehörte zu einer Gruppe von Jugendlichen, die mit Rauschebart und Kaftan in der Kleinstadt für Aufsehen sorgten. Karl-Heinz Schäfer war beunruhigt und fragte beim Staatsschutz der Polizei nach, ob etwas gegen die Gruppe vorliege. Doch der Bürgermeister bekam keine Antwort.
Im März formulierte Murat noch einmal eine Bewerbung für einen Job. "Als nicht-(ganz) ausgebildeter Industriemechaniker" suche er eine "berufliche Herausforderung", schrieb er an einen Maschinenhersteller bei Köln. "Ausgeprägte Teamfähigkeit sowie Zuverlässigkeit und Flexibilität machen es mir zudem stets einfach, mich in ein neues Arbeitsumfeld zu integrieren." Doch aus dem Job wurde nichts.
Der Vater von Murat, ein Frührentner, der seit mehr als 25 Jahren in Deutschland lebt, hat nach der Attacke tagelang nicht mit seinem Sohn gesprochen. Hat er gemerkt, dass aus dem Jungen ein Salafist wurde? "Ich habe keine Ahnung, warum", sagt er. Auf keinen Fall mag der Vater seinen Sohn als radikalen Gewalttäter sehen. "Im Fernsehen zeigen sie immer die Szene mit dem Messer", sagt der Vater. "Aber was ist vorher passiert?" Dass Murat Menschen schwer verletzt hat, ohne vorher angegriffen worden zu sein, kann er sich nicht vorstellen.
DER SPIEGEL 20/2012
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