14.05.2012

SCHICKSALE

Morgen seid ihr tot

Von Mingels, Guido

Es sollte eine Reise um die Welt werden. Sie endete in der Gewalt pakistanischer Taliban. Acht Monate lang lebte ein Schweizer Paar in Todesangst, geschürt auch von einem deutschen Islamisten. Dann gelang die Flucht.

Jetzt. Dumbo schläft. Alles ist gepackt, Wasser, Fladenbrot, Handgranaten, die Plüschtiere, die Tagebücher. Zwölf Minuten nach Mitternacht am 15. März 2012. Kein Strom seit Tagen, das Funkgerät der Bewacher wird nicht funktionieren. Die Drohnen kreisen, ihr Lärm schluckt verräterische Geräusche. Vollmond ist lange vorbei, die Dunkelheit wird sie schützen. 259 Tage in der Gewalt der Taliban. Sie haben die Flucht seit Wochen geplant, haben zwei Generalproben gemacht. 25 Schritte von ihrem Zimmer bis zum Haupttor. Im Hof den Reifen des Motorrads aufstechen. Eine Minute und 15 Sekunden absolute Gefahrenzone. Hinter der Mauer liegt die Freiheit, vielleicht. Oder der Tod, wenn man sie entdeckt. David öffnet die Tür, flüstert zu Daniela: "Jetzt."

Tagebucheintrag vom 10. März 2012, fünf Tage vor der Flucht

Was ich gelernt habe, ist, dass am Schluss nur noch das Leben bleibt.

Irgendwo in einem Wohnzimmer in der Schweiz tippt David Och auf einem iPad den Ortsnamen Miran Shah in die Suchleiste von Google Earth. Rasch dreht sich die Erdkugel, das Programm zoomt auf eine Stadt in Pakistan, nahe der afghanischen Grenze, man sieht zwischen Hügeln und Feldern eine kleine Siedlung. David zieht Daumen und Zeigefinger auf dem Touchscreen auseinander, vergrößert die Kartenansicht, Straßenzüge werden sichtbar, Plätze, einzelne Häuser. "Hier waren wir", er tippt auf einen ummauerten Hof, "hier war unser Zimmer, hier eine Feuerstelle, in der Ecke stand ein abgemagertes Pferd. Eine Runde im Hof dauerte 43 Sekunden." Hunderte, Tausende Male sind sie den Kreis abgelaufen im Staub.

Ein Monat ist vergangen seit ihrer Rückkehr. Vier dicke, engbeschriebene Tagebücher liegen vor ihnen auf dem Tisch. Jeden einzelnen Tag hat Daniela Widmer, 29, protokolliert, die ersten davon im Rückblick, nachdem sie von den Entführern nach Wochen das erste Notizbuch erbetteln konnte. Daniela klopft mit der Faust auf die Bücher. Da steht alles drin.

Ihre Idee ist ein alter Traum: auf dem Landweg nach Asien, die Seidenstraße entlang, wie einst Marco Polo. Sie wollen erleben, wie es sich anfühlt, vor der Haustür zu starten und im Himalaja auf dem Dach der Welt anzukommen, 9000 Kilometer mit dem VW-Bus. Durch Italien, Griechenland, die Türkei, Iran und Pakistan bis auf den Khardung-Pass in Indien werden sie fahren, rund 5500 Meter über dem Meer, mit wechselnden Kulturen an der Strecke, einmal Christentum, Islam, Hinduismus und wieder zurück. Früher machten die Hippies die Tour in Scharen, heute tun es vielleicht noch ein paar Dutzend Leute pro Jahr, manche auch mit dem Fahrrad. David, 32, nimmt drei Monate Auszeit von seinem Job als Revierpolizist am Hauptbahnhof Bern; Daniela, auch sie zur Polizistin ausgebildet, zuletzt als Vermögensverwalterin angestellt, hat gekündigt. Sie besorgen alle Visa, recherchieren die Route, bauen einen Kleinbus zum Wohnwagen um, am Dienstag nach Ostern 2011 fahren sie los.

Daniela hält Davids Hand am Wohnzimmertisch. Ein attraktiver Mann, eine hübsche Frau, ein schönes Paar. "Damals", sagt Daniela, als wäre alles schon so lange her wie ein früheres Leben, damals habe es für sie manchmal nur noch diese Hand gegeben, Davids Hand, die in den ersten Wochen oft in Fesseln oder an Ketten lag. Sie hielt sie den Tag durch, und sie hielt sie zum Einschlafen. "Ich habe sie fast zerdrückt. Mein Halt, mein Schutz war diese Hand."

Auf ihrem Reiseblog, den sie nach ihrem Wohnort "Langnau meets India" genannt haben, tragen Daniela und David während ihrer Tour jeden Tag ihren Aufenthaltsort auf einer digitalen Weltkarte ein, die letzte Nadel steckt in einer Stadt namens Loralai, Provinz Belutschistan, Pakistan.

Am 1. Juli 2011 sind sie nach mehr als zwei Monaten längst auf dem Rückweg, als sie hier kurz Rast machen, um Mangos zu kaufen. Beim Hinweg hatten sie noch die südliche Route über Shikarpur genommen, einen Umweg, nun wählen sie die direkte Verbindung zwischen Lahore und Quetta, eine Straße, die der Reiseführer "Lonely Planet", Bibel aller Rucksackreisenden, unter "klassische Routen" führt, allerdings nicht, ohne auf die labile Sicherheitslage hinzuweisen.

In ganz Pakistan fahren bewaffnete Sicherheitskohorten der Polizei mit, begleiten David und Daniela von einem Kontrollposten zum nächsten, Standardprozedur für die wenigen Touristenfahrzeuge pro Jahr. Belutschistan ist keine Taliban-Hochburg, aber doch Krisenregion, Separatisten liefern sich hier immer wieder Scharmützel mit der Regierungsarmee.

Daniela und David hatten sich ordnungsgemäß registrieren lassen bei den Behörden, sie hatten die benötigte Durchreisegenehmigung erhalten, haben, so glauben sie, alles richtig ge-macht. Dann verschwindet kurz hinter Loralai die Eskorte, die Männer schicken ihre Schutzbefohlenen allein weiter. "War das Zufall? Wurden sie dafür bezahlt? Wir wissen es nicht", sagt David.

Ein Jeep hält neben ihnen, fünf Männer kommen auf den VW-Bus zu, einer hält eine Kalaschnikow im Arm. Ein Bärtiger stellt seinen Fuß in die Tür, sagt: "Hello, how are you?", die Männer dringen in den Wagen ein, rufen "Dollar, Dollar", einer schlägt David ins Gesicht, laute Schreie in Paschtu, die beiden halten es für einen Raubüberfall. Sie werden in den Geländewagen gezerrt, gefesselt.

1. Juli 2011, 1. Tag der Entführung

Sie pressen uns auf den Kofferraumboden des Jeeps, eine Decke wird über uns geworfen. Ich sehe David nicht, ich höre ihn keuchen. Ich sage: "Sie erschießen uns!" David antwortet: "Sie bringen uns in die Wüste." David sagt: "Ich liebe dich, vergiss das nicht." "Ich liebe dich auch." Wir sagen, dass es schnell geht, wenn sie uns erschießen.

Durch straßenlose Steppe jagt der Jeep, links und rechts staubige Ebenen, baumlose Hügel. Es wird den Gefangenen versichert, dass sie derzeit nicht getötet werden sollen. Daniela und David fangen an zu begreifen, dass sie entführt werden, noch wissen sie nicht, von wem, weshalb. Die nächsten vier Tage laufen sie nachts durch unwegsames Gelände und verstecken sich tagsüber in Schafställen, noch ist die Gruppe in Feindesgebiet, die pakistanische Armee kann sie jederzeit entdecken. Das Ziel, so verstehen die Geiseln erst viel später, ist das Stammland der Taliban in Waziristan an der Grenze zu Afghanistan, "Fata" genannt, Federally Administered Tribal Areas. Stammesgebiete unter Bundesverwaltung, eine Gegend, in der die Gotteskrieger herrschen und der pakistanische Staat kaum Einfluss hat. Hier ist permanenter Krieg, Taliban gegen Zivilbevölkerung, Stamm gegen Stamm, Dschihadisten gegen pakistanische Armee, die sich in Schutzforts verschanzt, und über allem das unablässige Schwirren der amerikanischen Drohnen.

8. Juli 2011, 8. Tag

Wir essen fast nichts. Hunger gibt es nicht mehr. Nur Angst.

50 Grad Hitze. Sie schlafen im Dreck. Daniela zählt irgendwann mehr als 200 Flohbisse. Hitzeblasen am ganzen Körper. Auf ihre Fragen sagen die Männer, des Englischen nicht mächtig, wenig mehr als "Inschallah", so Gott will, oder "no tension, no problem", hundertmal am Tag. Macht keinen Ärger, dann habt ihr kein Problem. Sie lernen die Namen der Entführer kennen, Omer, Adek, Manor, Suber, Khaled, sie fangen an, ihnen Spitznamen zu geben, Junkie für den Anführer, der sich ab und zu eine Morphiumspritze setzt, Geißenpeter nennen sie einen zweiten, Krustenfuß einen dritten. Lala, der übergewichtige Paschtune, in dessen Haus sie später gefangen sein werden, heißt bei ihnen Dumbo. Zwei Wochen nach der Entführung schicken die Entführer eine E-Mail an die Angehörigen, mit der Nachricht, dass die beiden am Leben seien, dass später Forderungen folgen würden. Absender: savedaviddaniela@gmail.com

Eine Ziege wird geschlachtet. Junkie bietet David ein Stück vom Herzen an, besondere Ehre für den Gast, dazu das erste Glas vom Chai. Gastfreundschaft, auch gegenüber unfreiwilligen Gästen, ist ein zentrales Gebot im Ehrenkodex der Paschtunen, Respekt gegenüber Frauen ein weiteres, es beschützt Daniela vor einer Vergewaltigung. Nie werden sie ge-foltert, meistens ausreichend verpflegt, die Häscher wollen ihr Pfand in funktionsfähigem Zustand erhalten, tot sind sie wertlos. David nimmt das Ziegenherz an, beißt in gummiartiges Fleisch, no tension, no problem. Sie müssen mitspielen, um zu überleben. Sie lügen, sie erklären mit

Gesten, dass sie verheiratet seien, zwei Kinder hätten, sie fügen sich ins Weltbild ihrer Feinde, "denn ein unverheiratetes Paar in unserem Alter ohne Kinder wäre für diese Leute unvorstellbar", sagt David. Nett sein zu den Peinigern, fürs Essen bedanken, "es ist paradox", sagt Daniela, "aber diese Männer, unsere Entführer, beschützten uns ja gleichzeitig, unser Leben hing von ihnen ab". Durch Nadelwälder, ins Gebirge. Sie sehen Köhlerhütten, Bienenstöcke, nackte Kinder, die vor Hütten mit Papas Sturmgewehr spielen. "Mittelalter", sagt Daniela, "nur mit den Waffen von heute." Irgendwann fangen alle an zu schießen, zu schreien, der Fahrer feuert seine Salven durch das geöffnete Autodach. Es sind Freudenschüsse, Jubelgesänge. Menschen strömen zusammen. Männer mit langen Locken, schwarz geschminkten Augen, farbige Bänder an ihren Waffen. Die Entführer sind zu Hause, im wilden Waziristan, sie präsentieren ihre Beute, Allahu akbar, Gott ist groß.

14. Juli 2011, 14. Tag

Der Aufenthaltsraum ist feucht, stickig und dunkel. Die Männer haben Klumpen von Kautabak im Mund und ausgebeulte Backen. Sie haben Spuckbecher, die Buben bedienen sie, es wird ununterbrochen gespuckt. Keine Frauen. Ich schlafe an der Wand. Alle beobachten uns.

Man bringt sie schließlich nach Miran Shah, 300 Kilometer nördlich vom Ort der Entführung, einer Art Hauptstadt der Taliban. Hier werden sie bis zu ihrer Flucht acht Monate später bleiben, untergebracht in vier verschiedenen Verstecken, die meiste Zeit im Haus von Lala und seiner Familie.

19. August 2011, 50. Tag

An die Explosionen und Schüsse haben wir uns gewöhnt. Auch das Surren der Drohnen gehört dazu, 24 Stunden. Es ist Krieg hier.

Immer wieder schlagen "Hellfire"-Raketen von amerikanischen Kampfdrohnen im Gebiet ein. Im August erhalten die beiden erstmals Besuch von Wali-ur-Rehman, von den USA als Top-Terrorist klassifiziert, Vizechef aller pakistanischen Taliban. Die Forderungen der Entführer sind konfus und wechseln ständig, einmal wollen sie die Freilassung der in den USA inhaftierten pakistanischen Wissenschaftlerin Aafia Siddiqui, dazu sämtliche in Pakistan inhaftierten Glaubensbrüder, dann sollen es die drei Witwen von Osama Bin Laden sein, schließlich wünschen sie 100 Gefangene und 35 Millionen Dollar, dann plötzlich nur noch die Gefangenen und kein Geld.

David erkrankt an Malaria, er hat Fieber und Schüttelfrost, kriegt Infusionen. Er verliert während der Gefangenschaft 20 Kilogramm Körpergewicht.

3. September 2011, 65. Tag

Es macht einen halb wahnsinnig, jede kleinste Veränderung als Zeichen der Freilassung zu deuten. Man setzt sich Fristen, die man immer wieder aufschieben muss. Versucht, keine kurzen Fristen mehr zu setzen. Im gefangenen Hier & Jetzt zu leben.

Die Verständigung mit den Entführern fällt schwer. Sie verstehen nicht, was die Schweiz ist, wo Europa liegt, verstehen nicht, mit wem sie verhandeln sollen, dass es noch andere Länder gibt außer Pakistan, Afghanistan, Indien und den USA. Daniela zeichnet eine Weltkarte, sie verstehen es nicht. Als jemand dabei ist, der ein wenig Englisch spricht, stellen sie ihren Gefangenen Fragen: Warum kamt ihr nach Pakistan? Was wollt ihr hier? Seid ihr amerikanische Spione? Was heißt das, "Touristen", was bedeutet "reisen"? Wie betet ihr? Was kostet eine Frau bei euch? Trägt Daniela zu Hause Burka? Einer zeigt auf ein Bild in einer Zeitung, ein Skifahrer, was der Mann da mache, David erklärt. Sie verstehen es nicht.

Unendlich dehnt sich die Zeit, wenn nichts zu tun ist außer zu warten. 16 wache Stunden pro Tag, wochenlang, monatelang. David und Daniela versuchen, sich fit zu halten mit Gymnastik und Laufen, entwickeln darin große Disziplin.

Sie spielen Stadt-Land-Fluss, Stunde um Stunde, in den Tagebüchern finden sich endlose Wörterlisten. Tier mit C: Chinchilla, Prominenter mit I: Indiana Jones, Schweizer Dorf mit B: Bellikon, Danielas Heimatort. Sie zeichnet einen Straßenplan von Bellikon, einen Detailplan des Wohnviertels ihrer Kindheit, kartografiertes Heimweh. Wenn sie weinen, werden sie aufgefordert, damit aufzuhören, Weinen gilt als Ausdruck von Schuld, von Schande.

Zu Hause in der Schweiz hinterlässt das Publikum anonyme Kommentare im Online-Forum einer Gratiszeitung.

"absolut selber schuld. dafür habe ich null und nicht ein prozent mitleid"

"Sollten sie freigekauft werden, müssten sie bis an ihr Lebensende das Geld zurückzahlen."

"Lassen wir sie doch, wo sie sind, und vergessen sie."

Ein Mann, ungeübt im Umgang mit dem Internet, schreibt im selben Forum unter dem Echtnamen Beat Widmer einen einzigen Satz, es ist Danielas Vater. "meine gedanken sind bei meiner tochter."

5. Oktober 2011, 97. Tag

Um 9.30 Uhr bin ich wach. Wieder einmal von Süßigkeiten geträumt. Von Schokolade, Kuchen und der Freiheit. Von einer Waschmaschine und dass sie uns sagen, ihr könnt jetzt gehen.

Die Bewacher, von denen zu Beginn Tag und Nacht vier um sie herum sind, immer behangen mit Kalaschnikow, Patronengurten, Handgranaten, Sprengstoff, vertreiben sich tagsüber die Zeit mit Dschihad-Propagandafilmen auf einem Mini-DVD-Player. Sie zeigen ihren Gefangenen Videos früherer Geiselnahmen, Piotr Stanczak, der Pole, der 2009 enthauptet wurde, Daniele Mastrogiacomo, der italienische Journalist, dessen zwei afghanische Mitarbeiter 2007 ermordet wurden, um den Druck zu erhöhen. Es ist bekannt, dass Taliban ihre Opfer nicht immer mit einem einzelnen schnellen Schwert- oder Axthieb köpfen, zuweilen wird der Hals mit sägenden Schnitten durchtrennt wie ein Laib Brot. Einer der Bewacher findet Gefallen daran, den Geiseln diese Todesart, die ihnen bevorsteht, falls niemand die Forderungen erfüllt, immer wieder mit Gesten grinsend vorzuführen, "tomorrow you dead", sagt er dazu, morgen seid ihr tot.

Manchmal lassen die Männer stumme Sketche des englischen Komikers Rowan Atkinson laufen, Mr. Bean beim Friseur, Mr. Bean gibt einen Brief auf. Ein Humor, den sie allerdings nicht verstehen, erinnert sich David, "weil sie nicht wissen, was eine Briefmarke oder ein Briefkasten ist".

18. Oktober 2011, 110. Tag

Ich habe mich nie gefragt: "Warum ausgerechnet wir?" Denn niemand anderem hätte ich das je gewünscht.

Der Mann, der sich Smatullah nennt, spricht perfektes Deutsch. Er ist herbeigeholt worden, um ein Erpresservideo zu drehen. Daniela und David werden ihn später, bei der Vernehmung durch den pakistanischen Geheimdienst, auf Fotos als Mounir Chouka identifizieren, einen aus Bonn-Kessenich stammenden deutschen Staatsbürger, der schon seit Jahren im "Heiligen Krieg" mitkämpft und sich als "Abu Adam aus Deutschland" alle paar Monate mit Videobotschaften zu Wort meldet. Über YouTube versucht er, neue Dschihadisten aus Deutschland zu rekrutieren. Oder er kündigt, wie im vergangenen Februar, Terroranschläge in Deutschland an.

David und Daniela bemerken, dass der Deutsche professioneller mit der Kamera umgeht als die Paschtunen, die das erste Video mit ihnen gedreht hatten, schwarz-weiß, verwackelt. Mounir Chouka erklärt ihnen, was sie sagen sollen und was sie nicht sagen dürfen, er legt David Ketten an, stellt bewaffnete Kämpfer in den Hintergrund, benimmt sich wie ein Regisseur. "Ihr müsst an Dramatik zulegen", an diese Worte erinnert sich David, "lass mal die Ketten rasseln." David soll die Forderungen vortragen, Daniela den emotionalen Teil übernehmen. Er lässt die Geiseln Schweizerdeutsch sprechen, das ist authentischer. "Macht euch keinen Kopf", sagt er zu ihnen, "die Schweiz bezahlt das aus der Portokasse." David fragt ihn später, ob er jemals nach Deutschland zurückkehren wolle. "Dieses Schiff ist gesunken", antwortet Mounir Chouka.

Nach dem Videodreh wird David allein zurückgebeten. Mit Todesangst bleibe ich zurück. Ich denke, dass sie David vor laufender Kamera erschießen. Im Sitzen werde ich fast ohnmächtig.

Die Geiseln beobachten die Frauen im Haus, in dem sie festgehalten werden. "Sie standen stundenlang vor einem schmalen Riss in der Hofmauer, der einzigen Stelle, wo sie nach draußen schauen konnten", sagt Daniela. Die Frauen verlassen in all den Monaten das Haus mit dem Innenhof nicht ein einziges Mal, alle Besorgungen erledigt der Mann, Lala, genannt Dumbo. Daniela denkt: Die sind genauso gefangen wie wir.

2. November 2011, 125. Tag

Manchmal weiß ich nicht mehr, wie die Stimme meiner Mama klingt. Wir reden

nicht mehr oft über zu Hause, die Gespräche schmerzen.

Weihnachten vorbei. Daniela sieht zu, wie eine Frau bei der Feuerstelle ein Kind gebiert, sieht zu, wie die Mutter die Nachgeburt in einem Erdloch unter ihrem Bett verscharrt. Sie beobachtet auch, wie Amur, die Großmutter, an einem Festtag einen Schafskopf verspeist, beschreibt es seitenlang.

Die Alte sitzt im Schneidersitz auf dem Bett, vor sich hat sie eine große flache Blechschale, darin der gekochte Schafskopf. Sie streckt mir einen Teil der Zunge lächelnd entgegen. Dann bittet sie ihre Enkelkinder, den Kopf mit dem langen Beil zu zerschlagen. Das weiße weiche Hirn ist zum Essen bereit. Dann nimmt sie eines der Augen aus der Schale, drückt es mit der Hand, so dass die schwarze Pupille herausspringt. Diese lässt sie im Mund verschwinden.

Im Januar wechseln die Taliban die Strategie. Die Verhandlungen mit der pakistanischen Seite brechen sie ab, sie wollen jetzt keine Gefangenen mehr, sondern Geld, von der Schweiz. Am 23. Januar telefoniert Daniela mit ihrem Vater, sagt ihm, in einer Woche müssten fünf Millionen Dollar bei der Schweizer Botschaft in Islamabad sein, "sonst sind wir tot".

Es gibt nur wenige Stellen im Tal, wo das Mobiltelefon funktioniert, die Geiseln werden dafür jeweils aus dem Haus geholt und herumgefahren, ohne Augenbinde, sie können sich ein Bild machen von ihrer Umgebung. David entdeckt nur einen Kilometer von ihrem Gehöft entfernt eine Festung auf einem Hügel, darauf die Flagge Pakistans. Ein Militärposten womöglich, in unmittelbarer Nähe. Sie beginnen, Fluchtszenarien zu phantasieren.

Im Februar erfahren Daniela und David, dass Taliban 15 pakistanische Grenzwächter entführt und erschossen haben, ohne jedes Lösegeld. "Da fragst du dich natürlich schon irgendwann", sagt David, "warum können die für uns hundert Mudschahidin fordern? Warum ist mein Leben so viel mehr wert?" David versucht zu berechnen, wie viele Suizidanschläge die Gotteskrieger hätten finanzieren können, wie viele Opfer es hätte geben können, wenn die Millionen bezahlt worden wären für ihn und seine Freundin. Viele.

9. Februar 2012, 224. Tag

Unverschuldet sitzen wir im Gefängnis. Ein Krieg, mit dem unser Land nichts zu tun hat. Und wir zwei sind die Spielbälle derer, die keine andere Chance haben. Der Riese kämpft mit modernsten Waffen gegen jene, die nicht einmal die nötigsten Dinge zum Leben haben.

Frühling. Nicht mehr lange, und ein ganzes Jahr wäre vergangen, ohne dass etwas passiert ist. Am 14. Februar treffen sie erneut Wali-ur-Rehman, den Taliban-Kommandanten, er spricht jetzt von 50 Millionen Dollar Lösegeld. David glaubt, sich verhört zu haben, und fragt nach: "Five?", "no, fifty", "fifteen?", "no, fifty". David und Daniela verlieren alle Hoffnung, freigelassen zu werden. Sie wissen, niemals würden 50 Millionen für sie bezahlt.

Sie feilen an ihrem Fluchtplan. Sie machen "Eventualplanungen", die alle möglichen Hindernisse und Fehler miteinbeziehen, so wie sie es in der Polizeiausbildung gelernt haben. Sie können sich nicht sicher sein, ob das Gebäude in der Nähe wirklich ein Armeeposten ist, also rüsten sie sich für einen langen Marsch ostwärts, in sichereres Gebiet.

Sie beginnen mit Vorbereitungen. David versucht, aus gefundenen Metallstücken und einer Batterie einen Kompass zu basteln. Sie legen Proviant zur Seite, verstecken Fladenbrot, ein Glas mit Honignüssen, Wasserflaschen. In ihrem Zimmer, das auch Rumpelkammer ist, finden sie viel Brauchbares. Braune und schwarze Schuhcreme, um sich Bart und Haare zu färben, sobald sie draußen wären. Gebetsketten, Paschtunen-Hüte, Ersatzkleider, Ersatzschuhe, alles zur Tarnung. Klebeband, Batterien, ein Seil, ein Messer. Sie finden zu ihrer Überraschung auch zwei Handgranaten - die Entführer lassen kaum noch Vorsicht walten. Damit würden sich Verfolger notfalls auf Distanz halten lassen. Im Kampf Mann gegen Mann, sollte es dazu kommen, wäre David ein überlegener Gegner, er ist nebenberuflich Ausbilder für die israelische Selbstverteidigungstechnik Krav Maga. Der große Jutesack, den sie am Ende mitnehmen, ist mehr als 20 Kilogramm schwer.

8. März 2012, 252. Tag

Davids 32. Geburtstag. Happy Birthday, lieber David, singe ich, als wir um 7.15 Uhr erwachen.

9. März 2012, 253. Tag

Danielas 29. Geburtstag. David singt für mich, als ich noch auf dem Bett liege. In seiner Hand eine Banane, darin ein brennendes Streichholz. Meine Geburtstagstorte.

Schon Tage vor der Flucht schmieren sie mit Gewehrfett, das sie ebenfalls in ihrem Zimmer fanden, in unbeobachteten Augenblicken die Schlösser und die Scharniere an ihrer Zimmertür, um verräterischen Geräuschen vorzubeugen.

Auch das Haupttor fetten sie ein, das vom Innenhof ins Freie führt, aber nicht abgeschlossen wird. Die hölzerne Tür, hinter der sie jeden Abend eingesperrt werden, wird nur mit einem Metallschieber von außen verriegelt, ohne Vorhängeschloss. Über der Tür sind zwei kleine Fenster angebracht. David hat entdeckt, dass sich ein Fenster öffnen lässt und er bis zur Hüfte durchpasst, so dass er, von oben aus dem Fenster hängend, den Schieber außen an der Tür öffnen kann.

Um durch das hoch gelegene Fenster klettern zu können, müssen sie ein Blechfass, das als Wasserspeicher dient, von innen vor die Tür schieben, als Podest. Diesen Ablauf proben sie in zwei Nächten.

15. März 2012, 259. Tag

Jetzt.

Die Tür ist offen. Daniela schultert das Gepäck, läuft die 25 Schritte über den Innenhof zum Haupttor, duckt sich dort und wartet. David schließt die Zimmertür von außen, es soll unverdächtig aussehen, wenn die Familie am nächsten Morgen erwacht. In ihre Schlafsäcke haben sie Decken gestopft, die ihre schlafenden Konturen nachstellen sollen. Das könnte, wenn es dem ersten morgendlichen Kontrollblick der Entführer in ihr Zimmer standhält, etwas Zeit verschaffen. David sticht mit einer dicken Infusionsnadel, die er erhielt, als er an Malaria litt, mehrfach in den Vorderreifen von Lalas Geländemotorrad, damit ihr Bewacher ihnen nicht folgen, keine Verbündeten alarmieren kann, sollte er ihre Flucht bald entdecken. Sie ziehen das stählerne Haupttor auf. Und entschwinden in die mondlose Nacht.

Auf allen vieren in der Dunkelheit einen Geröllhügel hoch. David schaut sich um, Daniela ist nicht da. Dann sieht er einen Lichtkegel, fürchtet einen Verfolger. Das Licht kommt näher, es ist Daniela. "Mach die Taschenlampe aus, mach verdammt noch mal die Taschenlampe aus, man sieht uns." "Aber ich kann nichts sehen!" "Mach die verdammte Lampe aus!" Sie macht die Taschenlampe aus.

Sie irren umher, eine Stunde vielleicht. Erkennen dann eine Straße, über die sie schon mehrmals gefahren wurden, gewinnen Orientierung. Laufen in die Richtung, wo sie das Militärfort vermuten. David sieht einen Scheinwerfer auf einer Mauer, es muss die Armee sein, er ist sich jetzt sicher. Sie geben SOS-Signale mit der Taschenlampe, sie werden gesehen, aber man lässt sie nicht rein, die Soldaten fürchten einen Angreifer. Wieder zielen Waffen auf die beiden. Sie schreien ihre Namen, dass sie entführt worden seien, keiner versteht sie, man schickt sie immer wieder weg: "Go Miran Shah, go."

David wirft alles Gepäck zu Boden, entblößt seinen Oberkörper, als Beweis, dass er keine Bomben an sich trägt. Zwei Stunden dauert es, zwei Stunden Schreien und Betteln, bis sie schließlich doch ins Fort gelassen werden, wieder werden sie gefesselt, es ist 4.15 Uhr in der Nacht. Sie können nicht sicher sein, ob sie nicht gleich wieder den Taliban übergeben werden, auch in der Armee gibt es Korruption. Doch dann, morgens um sieben, tauchen drei Kampfhelikopter am Himmel auf, ein vierter setzt am Boden auf.

"Das schönste Gefühl meines Lebens", sagt David.

Eine Stunde Flugzeit nach Peschawar, einer Armeebasis. Am nächsten Tag nach Islamabad, sie werden in der Schweizer Botschaft untergebracht, Daniela macht der Botschaftergattin ein Kompliment für ihre Schuhe, die Frau zieht die Schuhe aus und schenkt sie ihr. Ein Telefongespräch mit Didier Burkhalter, Außenminister der Schweiz, er sagt: "Ich bewundere Ihren Mut."

In der Botschaft läuft ein Schweizer Fernsehsender auf einem Bildschirm. Eine Minute nachdem sie den Hörer auflegen, sehen sie den Minister in Bern live vor die Kameras treten. Er spricht von einem Wunder. Am nächsten Tag fliegen sie über Katar nach Zürich.

30. Oktober 2011, 122. Tag

Wir stellen uns vor, dies ist ein Bahnhof, wir warten auf den Zug, der uns zurückbringt, nur wissen wir nicht, wann dieser Zug kommt. Aber wir wissen, am Ende kommt die Freiheit, kommt das zweite Leben!

David tippt auf seinen Standort in Google Earth, die Welt dreht sich zurück, Pakistan verschwindet, die Schweiz taucht auf, ein Dorf nahe Bern. Von hier nach da, Sekunden auf dem Computerbildschirm, eine Ewigkeit in der Wirklichkeit. David Och und Daniela Widmer haben beschlossen, dass sie sich nicht zerstören lassen wollen durch die Erfahrungen der Monate in Gefangenschaft. Die Tatsache, dass sie sich selbst befreit haben, hilft ihnen. David will bald wieder als Polizist arbeiten, Daniela will abwarten, vielleicht macht sie ein Buch aus allem. In ihrem zweiten Leben haken sie jetzt ein paar der Dinge ab, die sie während der Gefangenschaft in langen Wunschlisten festgehalten haben, Dinge, die sie tun wollten, sollten sie je wieder freikommen.

David: Pancake mit Ahornsirup. Rotwein mit Daniela zu Hause. Orangenente kochen. Daniela: Joghurt mit Müsli. Am Hallwilersee laufen. In einer Daunendecke einschlafen.

(*) Am 28. Juli 2011 in Waziristan.

DER SPIEGEL 20/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 20/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon sonntags ab 8 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHICKSALE:
Morgen seid ihr tot