14.05.2012

EUROPAKRISE #9733PORTUGALAb in die Kolonie

Headhunter in Lissabon vermitteln Fachkräfte und Manager in das aufstrebende Angola - ein Land ohne Wirtschaftskrise und mit lukrativen Jobs.
Was tut ein portugiesischer Familienvater mit vier schulpflichtigen Kindern, wenn er nur 900 Euro im Monat verdient?
Er entschließt sich auszuwandern.
Deshalb sitzt der angehende Arbeitsmigrant Antonio Sàágua an einem sonnigen Frühlingsnachmittag im nüchternen Schleiflackgrau des Büros von Ema Partners International. Die Agentur, in einer ruhigen Seitenstraße des Lissabonner Prachtboulevards Avenida da Liberdade gelegen, vermittelt Fachkräfte und Führungspersonal. Sàágua hat sich herausgeputzt für das Treffen, mit Anzug, gestärktem Hemd, goldenen Manschettenknöpfen und polierten Schuhen.
Der 45-Jährige hat einen Hochschulabschluss in Ergonomie und einen Doktortitel in Marketing-Management, er lehrt an einer führenden Wirtschaftsfakultät der Hauptstadt. 20 Jahre lang sammelte er Erfahrungen als Teamleiter in der Gesundheitsbranche: "Ich war einer der Ersten, die versuchten, für ihre Auftraggeber Arbeitsabläufe sinnvoller und zugleich kostengünstig zu organisieren."
Und doch bringt ihm die Neuorganisation einer Klinik bei Lissabon nicht einmal mehr tausend Euro im Monat ein. Damit kann er seine Kinder nicht auf die Privatschule schicken und auch nicht die zentral gelegene Wohnung mit den blühenden Bäumen unter dem Fenster halten.
Jorge Fonseca, 42, begrüßt Sàágua schulterklopfend als "amigo". Er will ihn für die nächsten Vorstellungsgespräche trainieren. Fonseca ist "Career Coach", er sucht für jeden seiner Klienten einen von tausend potentiellen Arbeitgebern in seiner Datenbank. Detailversessen bereitet der gut vernetzte Ökonom portugiesische Spitzenkräfte auf eine neue berufliche Zukunft vor.
Die liegt für sehr viele inzwischen im Ausland. Und zunehmend in der ehemaligen südwestafrikanischen Kolonie Angola. Mehr als zehn Prozent der Kunden, die Headhunter Fonseca im vergangenen Jahr erfolgreich vermittelte, gingen nach Angola. Auch Sàágua kann sich dort seine Zukunft vorstellen. In der angolanischen Pharmaindustrie werden ihm Monatsgehälter zwischen 8000 und 10 000 Euro angeboten, bis zu zehnmal so viel wie in Lissabon.
Zwischen dem einst so stolzen Mutterland am äußersten Westrand Europas und der Kolonie auf dem Elendskontinent, dem portugiesische Seefahrer im 16. Jahrhundert den Namen gaben, haben sich die Rollen ins Gegenteil verkehrt: Nach dem Sturz der Diktatur durch die Nelkenrevolution 1974 und der Unabhängigkeit Angolas ein Jahr später waren Hunderttausende Portugiesen und Angolaner ins Mutterland zurückgekehrt. In Angola herrschte Bürgerkrieg, ideologisch verfeindete Befreiungsbewegungen kämpften um die Macht.
Heute ist alles anders: Portugal ist eines der ärmsten Länder Europas. Vor einem Jahr musste es unter den Rettungsschirm von EU, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Zentralbank schlüpfen; die erzwungenen Sanierungsmaßnahmen kosten immer mehr Portugiesen den Arbeitsplatz, vor allem Arbeitslose mit guter Ausbildung finden keine angemessene Stelle mehr. Ein Wirtschaftswachstum, und damit ein Ausweg aus der Krise, ist weiterhin ungewiss. Die Portugiesen, deren Vorfahren einst in den Kolonien die Einheimischen drangsalierten, fühlen sich heute selbst unterjocht - vom Spardiktat der Nordländer.
Angola aber hat sich seit dem Friedensschluss vor zehn Jahren neben Nigeria zum erfolgreichsten Rohölexporteur Afrikas entwickelt: Durchschnittlich 1,8 Millionen Barrel pro Tag wurden im ersten Quartal dieses Jahres vor der Küste aus bis zu 1500 Meter Tiefe gefördert. Das Land ist inzwischen Chinas zweitgrößter Rohöllieferant. Und es verzeichnet ein Wirtschaftswachstum, um das es im restlichen Afrika beneidet wird; darüber hinaus gibt es reiche Diamantenvorkommen und fruchtbare Böden.
Mit Hilfe der Petrodollar des staatlichen Ölkonzerns Sonangol kann die ehemalige Sklavenarbeiternation nun den ehemaligen Sklavenhalterstaat Portugal aufkaufen: Angolanische Firmen erwerben Beteiligungen an Staatsbetrieben, die rasch privatisiert werden müssen, Presseunternehmen, Filetgrundstücke an den Atlantikstränden, Luxusimmobilien - und eben Arbeitskräfte. An die 150 000 Portugiesen haben schon ein Visum für Angola erhalten. Portugals konservativer Ministerpräsident Pedro Passos Coelho, der seine Kindheit in Angola verbrachte, wirbt für engste Beziehungen zwischen beiden Ländern.
"Für jeden Schiffbruch in Portugal gibt es eine Rettungsboje in Angola", schrieb das Wochenmagazin "Visão". Der Wiederaufbau des Landes nach den Kriegswirren heizt den Boom an: Straßen, Eisenbahnlinien, Flughäfen, Wohnungen, Schulen und Krankenhäuser müssen errichtet, die Versorgung mit Strom, Trinkwasser und Internetanschlüssen muss sichergestellt werden.
Vermittler Fonseca sieht deshalb nur sieben Flugstunden von Lissabon entfernt das lohnendste Ziel für Fachkräfte und Führungspersonal aus Portugal.
Denn rund 40 Prozent der 18 Millionen Angolaner sind auch heute noch Analphabeten. Die Ungeschulten finden keine Arbeit, zwei Drittel der Bevölkerung verdienen weniger als einen Euro pro Tag. Deshalb werden Lehrer, Ärzte, Ingenieure und Agrartechniker aus Portugal gesucht. Für die Neuankömmlinge gibt es keine Sprachbarrieren, Firmen schließen Verträge für Angola nach portugiesischem Recht ab.
"Ich ertrage es einfach nicht mehr, dass hier in Portugal nur noch von der Krise die Rede ist", sagt Marta Gonzaga, 39, auf der Terrasse des eleganten Bairro-Alto-Hotels in Lissabon. "Für viele meiner Landsleute geht es immer nur bergab." Durch große, runde Sonnenbrillengläser blickt sie auf ihr Haus nahe dem Camões-Platz. Die alleinerziehende Mutter einer zwölfjährigen Tochter liebt dieses Viertel, sie möchte hier in der Altstadt wohnen bleiben. Doch auch sie wird nun nach Angola gehen, wegen der "hervorragenden Perspektiven" dort.
Ende Mai will Eventmanagerin Gonzaga in Luanda die erste Konferenz für "Technologie, Entertainment und Design" auf afrikanischem Boden organisieren. Veranstaltungen dieser Art hatte die gelernte Fotografin und Werberin bisher in Portugal ausgerichtet. Den Auftrag aus Luanda sieht sie nun als "glückliche Fügung".
Wie viele der neuen Angola-Auswanderer wurde Gonzaga 1972 dort geboren. Ihre Eltern und Großeltern arbeiteten in der afrikanischen Kolonie als Lehrer und Regierungsbeamte. Nach der Nelkenrevolution ging die Familie mit zwei Kleinkindern zurück nach Portugal - wie die meisten der 350 000 damals in Angola lebenden Portugiesen. Ihre Mutter habe sich nie an die Enge in der alten Heimat gewöhnen können, sagt Gonzaga und klagt, in Portugal müsse sie fünfmal so viel arbeiten für den gleichen Lohn wie in Angola. Deshalb wird sie nun zwischen beiden Ländern pendeln, will als Selbständige große Firmen in Angola bei der Öffentlichkeitsarbeit beraten. Der Markt sei gut, sie habe attraktive Angebote.
Als sie vor einigen Monaten zum ersten Mal wieder nach Luanda fuhr, war "dort alles ganz anders geworden" - die vielen Baustellen, die vornehmen Restaurants mit Meerblick, der Autobahnring um die Stadt -, und gleichzeitig war ihr alles sehr vertraut, der Duft der Flammenbäume versetzte sie zurück in ihre früheste Kindheit.
Gonzaga, einst als Kind nach Portugal gekommen, jetzt Rückkehrerin nach Angola, erlebte die ehemalige Kolonie wie einen "portugiesischen Traum", auch wenn sie weiß, wie schwer das Leben der meisten Einheimischen ist. Diejenigen, die nicht am angolanischen Boom teilhaben, verhökern auf Schwarzmärkten am Straßenrand Lebensmittel und Früchte, Autos oder auch Drogen. Den Fremden neiden sie die gutbezahlten Jobs. Vor den Raubzügen junger Männer auf knatternden Motorrädern haben Freunde Gonzaga immer wieder gewarnt.
Die hohe Kriminalitätsrate und die Korruption halten die meisten Arbeitsemigranten aus Portugal davon ab, ihre Familie nach Afrika mitzunehmen. Auch Gonzaga möchte nur zehn Tage im Monat in Luanda verbringen. Für ihre Tochter sei das Leben am neuen Arbeitsplatz zu gefährlich. Oft sind Ausländer auch der Willkür angolanischer Staatsdiener wehrlos ausgeliefert und müssen darum bangen, ihr Visum zu verlieren, wenn sie sich beschweren oder Kritik äußern.
Die meisten Neuankömmlinge wohnen deshalb in abgeschlossenen Siedlungen mit Sicherheitsdienst. Viele legen den Weg ins Büro in gepanzerten Wagen und mit Bodyguards zurück. Luanda ist zudem eine der teuersten Städte der Welt. In guten Vierteln zahlt man bis zu 15 000 Dollar Miete im Monat. Plätze an internationalen Schulen sind rar und teuer. Große Unternehmen übernehmen deshalb häufig Kost und Logis ihrer Mitarbeiter aus Europa.
Antonio Sàágua, der Manager aus der Gesundheitsbranche, will nur für drei bis fünf Jahre in die ehemalige Kolonie ziehen, sollte er einen passenden Job finden. Und dort so viel wie möglich von seinem Gehalt sparen, so hat er es mit seiner Frau besprochen. Schon jetzt stellt er sich auf einsame Abende "mit Lektüre und Skype" ein. Ein Luxus wäre für ihn Bedingung: Alle sechs Wochen gibt es einen Freiflug nach Hause.
Von Helene Zuber

DER SPIEGEL 20/2012
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