14.05.2012

NIGGEMEIERS MEDIENLEXIKON

TV|Event

1.) das: neuartige Klumpenbildung bei Fernsehserien

Es wirkte wie ein Akt großer, typischer Mutlosigkeit. Ausgerechnet das schrottige RTL II hatte die Rechte an der amerikanischen Hochglanz-Blut-Serie "Game of Thrones" erworben und wusste nicht, was es damit anfangen sollte. Reihenweise waren deutsche Fernsehsender in den vergangenen Jahren damit gescheitert, ihr Publikum für anspruchsvolle Serien mit fortlaufender Handlung zu begeistern. Anstatt das Risiko einzugehen, sich für längere Zeit die Quote zu versauen, entschied sich RTL II zu einer Augen-zu-und-durch-Strategie: Alle zehn Folgen wurden in drei Blöcken an einem Wochenende gezeigt.

"Versendet", würde man eigentlich sagen, doch die vermeintliche Verlegenheitslösung funktionierte bestens: Die Zuschauerzahlen waren gut bis hervorragend. Womöglich entsprach die Programmierung am Stück den geänderten Sehgewohnheiten eines Publikums, das Serien auf DVDs kauft und sich das Gucken nicht brav einteilt mit jeweils einer Woche Zwangspause nach jeder Folge.

Deshalb will der Sender den Trick wiederholen. Am vergangenen Freitag begann die Ausstrahlung der herausragenden Zombie-Serie "The Walking Dead" - nach drei Doppelfolgen an drei Spätabenden in Folge ist der Spuk dann wieder vorbei.

Praktisch an dieser Art der Programmierung ist, dass sie sich selbst dann lohnt, wenn die Leute nicht gucken. Bei "Californication", der Serie um einen - von David Duchovny (Bild) gespielten - gescheiterten Schriftsteller, funktionierten die ersten beiden Staffeln auf RTL II gar nicht. Am kommenden Donnerstag läuft die dritte, angeblich als Feiertagsprogrammierung zum Vatertag, als "TV-Event" in einer einzigen Nacht. Mit etwas Glück schlafen genügend alkoholisierte Zuschauer vor dem Fernseher ein, und wenn nicht, ist es auch egal.

Plötzlich besteht gar keine Notwendigkeit mehr, die Ausstrahlung des Endes einer Serie mit Zuschauermangel in die späte Nacht zu verschieben - denn da liegt sie ja eh schon. Und bei den TV-Events, die sich über ein Wochenende ziehen, hat selbst der kurzatmigste Programmplaner keine Chance, auf schlechte Quoten mit der Absetzung zu reagieren.

Es könnte das Modell für die Zukunft sein. Was hätte "Gottschalk Live" für ein Erfolg werden können, wenn man die Sendung nicht jeden Tag hätte gucken müssen, sondern wir uns alle kollektiv einmal eine Nacht aufgeopfert hätten, um alle Folgen eines Monats am Stück zu sehen.


DER SPIEGEL 20/2012
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