DER SPIEGEL



BÜCHER

Den Zünder ausbauen

Von Bohr, Felix und Winter, Steffen

Das Münchner Institut für Zeitgeschichte gibt erstmals eine wissenschaftliche Edition von Hitlers "Mein Kampf" heraus. Der Historiker Christian Hartmann leitet das umstrittene Projekt.

Hartmann, 53, erstellt derzeit mit zwei weiteren Wissenschaftlern eine Ausgabe von Adolf Hitlers Buch "Mein Kampf". Der Freistaat Bayern, der die Urheberrechte bis zum 31. Dezember 2015 besitzt, finanziert die Arbeit mit 500 000 Euro.

SPIEGEL: "Mein Kampf" gehört mit über zwölf Millionen Exemplaren zu den meistverkauften Büchern der Welt. Das Manuskript ist im Internet frei verfügbar. Was wollen Sie mit Ihrer wissenschaftlichen Edition noch erreichen?

Hartmann: Wir sehen uns wie einen Kampfmittelräumdienst. "Mein Kampf" ist die alte, verrostete Granate, aus der wir den Zünder ausbauen. Das Buch soll durch eine Einleitung, vor allem aber durch eine intensive wissenschaftliche Kommentierung entschärft werden. So verliert es seinen Symbolwert und wird zu dem, was es im Grunde ist: ein historisches Zeugnis - mehr nicht.

SPIEGEL: Der Berliner Historiker Wolfgang Benz hält die kommentierte Ausgabe für überflüssig, weil Hitlers Werk allenfalls "persönliche Hasstiraden ohne weiteren Erkenntniswert" enthalte.

Hartmann: Das sehe ich ganz anders. Für das Verständnis von Hitlers Politik ist dieses Buch von zentraler Bedeutung. Es ist eine Standortbestimmung nach einem bis dahin sehr gehetzten Leben. Von der These vom schwachen Diktator bleibt bei der Lektüre dieses Buchs nicht viel übrig. Vielmehr ist es beklemmend zu sehen, wie genau Hitler in den folgenden Jahren dann umsetzt, was er damals zu Papier brachte.

SPIEGEL: Und das müssen die Deutschen 67 Jahre nach Kriegsende unbedingt lesen?

Hartmann: Wir wollen eine intellektuelle Auseinandersetzung in Gang bringen. Dabei konfrontieren wir die Gesellschaft - im Gegensatz zu anderen - nicht mit dem Rohprodukt. Wir zeigen auf, woher Hitlers Ideen stammten, wie es um ihren Wahrheitsgehalt bestellt ist und welche Bedeutung sie für die Ideologie und Politik des Nationalsozialismus hatten. Entlarvend ist etwa, Hitlers "Rassegedanken" den Erkenntnissen der Humangenetik gegenüberzustellen.

SPIEGEL: Wer dieser Tage den Originaltext lesen will, kann ihn sich im Internet von ausländischen Servern herunterladen oder das Buch im Antiquariat erwerben. Wie gefährlich ist das Werk heute?

Hartmann: In Teilen ist es durchaus riskant. Allein durch den wüsten Antisemitismus. Und auch sonst wird viel gehetzt - gegen den Parlamentarismus, die Monarchie, das Bürgertum oder die Kirche. Aber: Es ist ja nicht das erste Mal, dass Hitler ediert wird. Die Veröffentlichung wird eine überschaubare Wirkung haben.

SPIEGEL: Hat erst das jahrelange Druckverbot des Pamphlets dazu geführt, dass heute ein enormes Interesse an dem Buch herrscht?

Hartmann: Da kann man nur Wolf Biermann zitieren: "Was verboten ist, das macht uns gerade scharf." Natürlich besitzt das Buch einen hohen Symbolwert. Trotzdem wusste die amerikanische Besatzungsmacht, warum sie dieses Buch verboten hat. Es war damals durchaus sinnvoll.

SPIEGEL: Wenngleich Millionen Deutsche es doch ohnehin zu Hause stehen hatten.

Hartmann: Aber sie wussten, dass sie "Mein Kampf" nicht offen liegenlassen konnten. Die damalige Generation war für diese Sprache und diese Parolen enorm anfällig. Heute ist die Lage völlig anders.

SPIEGEL: In "Mein Kampf" steht: "Es liegen die Eier des Kolumbus zu hunderttausenden herum, nur die Kolumbusse sind eben seltener zu treffen." Wie konnte ein solcher Unsinn Erfolg haben?

Hartmann: Hitler war Autodidakt, das Werk ist stilistisch gründlich missglückt. Es hat eine schwüle, dumpfe, inferiore Atmosphäre. Aber man sollte Hitlers Intelligenz nicht unterschätzen, so wie die Geschichte des Nationalsozialismus immer auch die Geschichte seiner Unterschätzung ist. Das Buch enthält auch scharfe Beobachtungen. Noch wichtiger als für seine Leser war dieses Buch für seinen Autor: Hier entwickelte Hitler eine Vision, die er dann auch umsetzte. Er ist ja alles in einer Person: Revolutionär, Programmatiker und Staatsmann. Ein übrigens seltenes geschichtliches Phänomen."

SPIEGEL: Der Schulabbrecher Hitler erwähnt in dem Buch Schopenhauer und Goethe. Hat er es allein geschrieben?

Hartmann: Unmittelbare Hilfe hatte er wohl kaum, das Manuskript tippte er offenbar selbst. Auch hat Hitler viel gelesen, meist trübe Quellen. Originäre Gedanken hatte er wenig. Seine Originalität besteht in seiner Kombination aus Zusammengelesenem, des Ideenschutts des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.

SPIEGEL: Bis Kriegsende wurden über zwölf Millionen Exemplare abgesetzt, bei Trauungen gab es Hitlers Machwerk gratis. Aber wurde es auch gelesen?

Hartmann: Über diese Frage wird bis heute gestritten. Die ältere Historikergeneration ist da eher skeptisch. Die neuere Forschung will über Verkaufs- und Ausleihzahlen belegen, dass es doch konsumiert wurde. Ich glaube das nicht. Jeder, der das Buch in den Händen gehalten hat, merkt eigentlich, wie zäh und mühselig es zu lesen ist. Über 30 Seiten kommt der Durchschnittsleser kaum hinaus.

SPIEGEL: Führende Ideologen der NSDAP wie die Reichsminister Alfred Rosenberg und Joseph Goebbels haben "Mein Kampf" in ihren Schriften kaum beachtet. Warum sollte das Buch dann für die Partei trotzdem eine entscheidende Rolle gespielt haben?

Hartmann: Unter Nationalsozialismus verstanden seine Protagonisten am Anfang alle etwas anderes. Am Ende ist es dann aber Hitler, der sich durchsetzte. Und in diesem Buch steckt sein Programm, mehr oder weniger offen formuliert. Nicht umsonst hat der britische Premierminister Winston Churchill später gesagt, kein anderes Buch hätte nach Hitlers Machtantritt ein sorgfältigeres Studium von Seiten alliierter Politiker und Militärs verdient gehabt als "Mein Kampf".

SPIEGEL: Das Buch wurde ab 1933 auch in andere Sprachen übersetzt. Wie war die Wirkung im Ausland?

Hartmann: Begrenzt. Obwohl die Ausgaben von den Nazis leicht verändert wurden. Die Ausfälle gegen den großen Erbfeind etwa wurden in der französischen Version abgeschwächt.

SPIEGEL: "Mein Kampf" soll neben Ihrer wissenschaftlichen Edition künftig auch an Schulen eingesetzt werden, was prompt Proteste beim Bayerischen Lehrerverband auslöste. Es sei, als ob man Kinder durch die Verkostung von Alkohol vor Alkoholismus schützen wolle. Teilen Sie diese Sorge?

Hartmann: Es ist ein zentrales Dokument des Nationalsozialismus, aus dem man lernen kann, mit welchen Verzerrungen und Lügen Hitler hantierte. Die Auseinandersetzung mit diesem Teil der Geschichte ist doch längst Alltag an deutschen Schulen. "Mein Kampf" wird den Unterricht nicht auf den Kopf stellen.


DER SPIEGEL 21/2012
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