21.05.2012

AUTOINDUSTRIELetzte Ausfahrt Bochum

Opel-Chef Stracke hat bislang kein Konzept für die Sanierung des Europa-Geschäfts. Wenn er ein Problem löst, schafft er gleich das nächste.
Der Mann hat seine Fähigkeiten, das muss einmal festgehalten werden. Karl-Friedrich Stracke gilt als hervorragender Automobilexperte. Über 30 Jahre hat der Maschinenbauingenieur für Opel und die Mutter General Motors (GM) die Produktion rationalisiert und neue Modelle konstruiert. Unter seiner Führung wurde auch jenes Fahrzeug entwickelt, mit dem Opel derzeit technologisch führend in der Branche ist: das Elektroauto Ampera.
Als Stracke, 55, im April vergangenen Jahres zum Opel-Boss ernannt wurde, machte er vielen Mitarbeitern Hoffnung. Die Mutter GM hatte offenbar erkannt, dass ein Autohersteller nur mit guten und bezahlbaren Autos erfolgreich sein kann. Endlich stand ein Techniker an der Spitze von Opel und kein Finanzmensch, für den ein Auto nur aus der Addition von fixen und variablen Kosten besteht.
Leider sind Strackes Fähigkeiten seitdem kaum gefragt. Der Opel-Chef hat wenig Zeit, sich um neue Modelle zu kümmern. Er muss einen Sanierungsplan erstellen - und bei dieser Aufgabe wirkt er überfordert. Für diesen Job ist Stracke möglicherweise der falsche Mann.
Der Opel-Chef liefert bislang kein Gesamtkonzept für die Werke in Großbritannien, Spanien, Polen, Österreich, Ungarn und Deutschland ab, sondern nur Stückwerk. Vergangene Woche verkündete er, dass der Astra künftig nur noch in Großbritannien und Polen gebaut wird und nicht mehr in Rüsselsheim.
Das Werk in Rüsselsheim solle dennoch ausgelastet werden, sagte Stracke. Aber er legte sich nicht fest, welches Modell anstelle des Astra dort gefertigt werden soll. Damit verstärkte der Opel-Chef Spekulationen, dass die Produktion des Zafira von Bochum nach Rüsselsheim verlagert wird, und versetzte die Belegschaft im Ruhrgebiet in Alarmstimmung. Beim Versuch, ein kleines Feuer zu löschen, entzündet Stracke an anderer Stelle ein viel größeres.
Der Bochumer Betriebsratsvorsitzende Rainer Einenkel sagt: "Das ist eine Kriegserklärung an das Bochumer Werk." Und dies kurz vor einer Betriebsversammlung, auf der Stracke der Belegschaft in Bochum erklären will, wie es weitergeht.
Nun fürchten Strackes Mitarbeiter, es könne auf der Versammlung an diesem Montag, zu der auch die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft kommen will, einen Eklat geben. Der Opel-Chef könne niedergebrüllt werden. Gutes Krisenmanagement sieht anders aus.
In der Konzernzentrale in Detroit wächst die Unzufriedenheit. General Motors steht unter Druck. Die US-Regierung will den verbliebenen Staatsanteil an dem Autokonzern verkaufen. Doch beim derzeitigen Aktienkurs von gut 21 Dollar wäre dies ein Verlustgeschäft.
GM muss die Gewinne und den Kurs nach oben treiben. Das verlustträchtige Europa-Geschäft ist dabei mehr als lästig. Deshalb soll Stracke liefern, aber er schafft es bislang nicht.
Zuletzt erlitt der Opel-Chef auf der Aufsichtsratssitzung am 28. März dieses Jahres eine peinliche Niederlage. Die Kontrolleure gaben ihm auf, er müsse seinen Unternehmensplan für die Zeit bis 2016 noch einmal überarbeiten. Die Zahlen, die der Opel-Chef vorgelegt hatte, seien nicht belastbar.
Dies sei ein normaler Vorgang, sagt GM-Vorstand Stephen Girsky, der den Aufsichtsrat bei Opel führt. Auch die Verantwortlichen für das Nordamerika- und das Asien-Geschäft müssten ihre Pläne mitunter überarbeiten. Girsky will Stracke den Rücken stärken. Eine Ablösung des Opel-Chefs schließt er kategorisch aus. "Da ist absolut nichts dran", sagte der GM-Manager dem SPIEGEL.
Einen Teil der Schwierigkeiten hat Stracke nicht zu verantworten. Er kommt auch deshalb nur langsam voran, weil General Motors derzeit mit Peugeot über eine Zusammenarbeit in Europa verhandelt. Die Hersteller wollen sich die Entwicklung und Produktion neuer Modelle teilen. Die Entscheidungen darüber, die Einfluss auf die Zukunft der Opel-Werke haben, fallen aber erst im Herbst.
Doch Stracke macht zudem Fehler. So versuchte der Opel-Chef, die Belegschaft über die Folgen der Astra-Entscheidung zu täuschen. Er sagte, im vergangenen Jahr seien "nur 18 300 Astra in Rüsselsheim vom Band" gelaufen, und erweckte damit den Eindruck, das Modell sei nicht wichtig für den Standort.
Dies "entspricht nicht der Wahrheit", sagt Betriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug. Die Produktion des Astra wird hochgefahren. In diesem Jahr würden 70 000 Astra in Rüsselsheim gebaut.
Wie diese Lücke gefüllt werden soll, wenn der Astra nur noch in Großbritannien und Polen montiert wird, ist ungewiss. Auf einer Betriebsversammlung in Rüsselsheim versuchte Stracke, von der drängenden Frage abzulenken und Optimismus zu verbreiten. Opel fahre "eine Eroberungsstrategie", sagte er, die Marke dränge "in neue Segmente vor". Als Beispiel nannte er den kleinen Geländewagen namens Mokka.
Die Belegschaft pfiff Stracke aus. Der Geländewagen ist für sie ein Negativbeispiel. Er könnte helfen, die deutschen Fabriken auszulasten. Doch General Motors lässt diesen Opel in Korea bauen.
Von Dietmar Hawranek

DER SPIEGEL 21/2012
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