Zweifelhafte Nothilfe
Die Europäische Zentralbank hält griechische Banken künstlich am Leben. Doch gleichzeitig wachsen die Risiken in ihrer Bilanz.
Das Treffen mit seinen Kollegen geriet für den Zentralbankchef George Provopoulos zur Beichtstunde. Seine Landsleute hatten gerade 800 Millionen Euro von ihren Konten abgehoben - binnen weniger Tage. Also musste der Grieche Provopoulos bei der Sitzung des Rats der Europäischen Zentralbank (EZB) am vergangenen Dienstag um Geld bitten. Wieder einmal.
Denn von den üblichen Kreditlinien der EZB sind die meisten griechischen Banken derzeit abgeschnitten. Sie verfügen nicht mehr über genügend Sicherheiten. Etliche Häuser arbeiten derzeit sogar ohne ausreichenden Risikopuffer für ihre Geschäfte. Provopoulus musste es sich deshalb vergangene Woche gefallenlassen, dass erneut mehrere Institute als untauglich für die EZB-Refinanzierung abgestempelt wurden.
Auch diese Zombiebanken werden allerdings am Leben erhalten - mit Hilfe der sogenannten Emergency Liquidity Assistance (ELA), einer Art Notversorgungsprogramm, für das Provopoulos die Verantwortung trägt. Bei jeder Ratssitzung muss er sich die Sonderzuteilungen aufs Neue absegnen lassen.
Noch gelingt das. Am Dienstag wurde die Obergrenze, innerhalb derer der Grieche seinen Banken helfen darf, sogar erneut nach oben gesetzt, von rund 90 auf fast 100 Milliarden Euro. Doch im Rat wachsen die Zweifel an der Dauersubvention.
Die Gouverneure stecken im Gewissenskonflikt. Ein Stopp der Gelder hätte katastrophale Folgen: Griechenland würde schnell das Geld ausgehen. Die Bürger hätten bald wohl nicht einmal mehr Bargeld, um ihre Einkäufe zu bezahlen.
Das ganze Land hängt also de facto am Tropf der EZB. Gleichzeitig türmen sich die Risiken in der Notenbankbilanz. Allein über das interne Zahlungssystem Target 2 waren die griechischen Banken schon im Februar mit über 106 Milliarden Euro beim Euro-System verschuldet.
Aber vor allem ärgert die Notenbanker, dass sie wieder einmal als Großfinanzier herhalten müssen, weil die Politik versagt. Denn im griechischen Wahlkampfzirkus droht die dringende Sanierung der maroden Banken auf der Strecke zu bleiben.
Dabei stehen Mittel zur Verfügung: Im jüngsten Rettungspaket für Griechenland sind 50 Milliarden Euro für die Rekapitalisierung des Finanzsektors vorgesehen. Die Hälfte haben die Euro-Partner sogar schon an Griechenland überwiesen.
Die rechtlichen Bedingungen für die Sanierung sind jedoch noch ungeklärt. Eigentlich sollten die Privatbanken etwa zehn Prozent der Rekapitalisierung über private Geldgeber stemmen, sonst sollte die Verstaatlichung drohen. Investoren sind derzeit allerdings schwer zu finden. So liegt das unangenehme Thema im Wahlkampf vorerst brach.
Bis Ende vergangener Woche war nicht einmal eine erste Brückenfinanzierung über 18 Milliarden an die Banken geflossen, die die Regierung unter Loukas Papademos vor der Wahl am 6. Mai noch hektisch beschlossen hatte.
Notenbankchef Provopoulos musste seinen Ratskollegen deshalb jüngst eingestehen, dass die versprochene Rekapitalisierung von zwei besonders maroden Instituten bis Ende Mai wohl nicht zu schaffen sei. Insgesamt droht sich das Reformprogramm, das eigentlich bis September angesetzt war, bis Ende des Jahres hinzuziehen.
Und was, wenn die Euro-Partner ihre Hilfszahlungen sogar stoppen? Einem Moody's-Analysten zufolge sind die hellenischen Banken längst "wirtschaftlich insolvent" und deshalb dringend auf die Kapitalhilfen aus dem Rettungsschirm angewiesen. Selbst einstige Vorzeigehäuser wie die landesgrößte National Bank of Greece, die 2007 noch 1,6 Milliarden Gewinn schrieb, kämpfen um ihre Existenz.
Griechische Banker zockten zwar nie in großem Stil am US-Immobilienmarkt, doch nach dem Beitritt zum Euro bauten sie ihr Kreditgeschäft aggressiv aus. Nun drohen massenweise Darlehen auszufallen. Zudem ist die Finanzelite des Landes eng mit der Politik verbandelt: Noch zu Beginn der Krise kauften die Banken deshalb massiv heimische Staatsanleihen. Der Schuldenerlass der privaten Gläubiger vor wenigen Wochen fraß dann mit einem Schlag die letzten Kapitalreserven auf. Der Haircut kostete allein die vier größten Häuser des Landes rund 24 Milliarden Euro.
Schon seit Krisenbeginn plündern verunsicherte Kunden zudem ihre Konten. Ein Drittel aller Einlagen haben die Banken schon verloren (siehe Grafik Seite 87).
So mancher EZB-Gouverneur will sich trotzdem nicht mehr unbegrenzt anpumpen lassen. Der Belgier Luc Coene warnte schon offen, dass auch das ELA-Geld "unbedingt" gestoppt werden müsste, wenn die griechischen Banken tatsächlich dauerhaft pleite und nicht nur illiquid seien.
"Entgegen der landläufigen Meinung ist Geldpolitik kein Allheilmittel", schrieb auch Bundesbankchef Jens Weidmann jüngst in einer Zeitung. Vor allem der laxe Umgang mit den Sicherheiten, die die Banken für frisches Geld verpfänden, bereitet ihm Sorge. In der Krise wurden die Ansprüche mehrfach gesenkt. Die Regeln seien nun "sehr relaxed", sagt selbst ein Banker in Athen.
Massenweise etwa haben die Institute einfach eigene Schuldverschreibungen bei der Notenbank eingereicht - nachdem ihre Regierung die Papiere zuvor noch mit einem Garantiestempel versehen hatte.
Doch was ist der noch wert, wenn Griechenland bankrottgeht? Die zweifelhaften Bankanleihen machen zusammen mit griechischen Staatsanleihen schon rund 60 Prozent der Sicherheiten aus, die die griechischen Geldhäuser für frisches Geld verpfändet haben.
Zumindest die bedenklichen Bankanleihen sollen bei der nächsten EZB-Ratssitzung Thema sein. Eigentlich sollte die bizarre Praxis in Ländern, die Hilfe aus dem Euro-Rettungsschirm beziehen, bis Mitte 2012 auslaufen.
Davon ist zurzeit allerdings nicht mehr die Rede.
DER SPIEGEL 21/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.
Lesen Sie den SPIEGEL als E-Paper:
Wo immer Sie gerade sind, zu Hause oder
unterwegs – den SPIEGEL bekommen Sie als PDF schon sonntags ab 8 Uhr.
Werden Sie jetzt E-Paper-Kunde!
Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.
Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.