21.05.2012

UKRAINE

Die Posse von Charkow

Von Neef, Christian

Kaum haben deutsche Ärzte mit der Behandlung der inhaftierten Julija Timoschenko begonnen, da sind sie schon gescheitert.

Wenn Europa derzeit Emissäre in die Ukraine schickt, dann fliegen sie an Kiew vorbei ins schon sommerheiße Charkow. In jene Metropole, die noch heute stolz darauf ist, nach der Oktoberrevolution anderthalb Jahrzehnte lang die erste Hauptstadt der Ukraine gewesen zu sein.

Sie fahren in den Norden der Stadt, in die Balakirew-Straße, wo am Rande eines großen Waldes zwischen blühenden Linden und alten Eichen das Charkower Eisenbahner-Krankenhaus steht. Es ist die Klinik, in der Julija Timoschenko liegt, derzeit Staatshäftling Nummer 1 der Ukraine, zwecks Behandlung mehrerer schmerzhafter Bandscheibenvorfälle aus dem Frauengefängnis Nummer 54 hierher überführt.

Die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaite war gerade da, um nach der früheren Premierministerin zu sehen, Abgeordnete des Europarats, auch US-Botschafter John Tefft. Sie alle kommen, um gegen die Haftbedingungen für Timoschenko zu protestieren. Ob die bevorstehende Fußball-EM für die Ukraine ein Erfolg werden wird oder ein politisches Desaster - das hat viel mit der Patientin auf der neunten Etage im Charkower Eisenbahner-Krankenhaus zu tun. "Lady J." wird sie von regierungstreuen Zeitungen genannt, es soll abfällig klingen, nach einer exaltierten Frau, die mit ihren Eskapaden das Land traktiert.

Die Regierung hat die Klinik abgeriegelt. "Wir sind kein Zoo", sagt ein Oberstleutnant der Miliz und versucht, Besuchern das Eisentor vor der Nase zuzuschlagen. Vor dem Haupteingang diskutieren 20 Frauen, sie sind schon älter, es ist der Fanblock Julija Timoschenkos. Die Damen stehen hier von neun Uhr morgens bis nachmittags um vier, ihre Protestplakate haben sie auf einer Bank abgelegt. "Stoppt die Folter Timoschenkos", steht auf ihnen, "Schande über Janukowitsch" und "Julija wird siegen".

Der Lift drinnen fährt nur noch bis Etage 8, Etage 9 wird von Gefängnispersonal bewacht. Aber wer hören will, was hier passiert, muss nicht in den Fahrstuhl steigen: Professor Lutz Harms, den behandelnden Arzt von Julija Timoschenko, findet man unten neben einem Fliederbusch. Der Neurologe der Berliner Charité telefoniert mit seinem Chef, um sich neue Anweisungen zu holen - der Gang nach draußen dient der Konspiration. Als ob sich Handy-Gespräche nicht auch dort abhören ließen.

Der 59-Jährige kann seinen Frust kaum verbergen, dass er in Charkow "mitten in die Politik geraten" ist. Er hat seine Patientin nach deren Hungerstreik stabilisiert, nun könnte die eigentliche Behandlung beginnen. "Aber überall dort oben sind Kameras stationiert, niemand weiß, wer vor den Monitoren sitzt", sagt Harms. "Wie soll ich ein Vertrauensverhältnis zu Frau Timoschenko herstellen, wenn ich nie mit ihr allein bin? Sie ist sehr aufgeregt, das ist der Therapie nicht förderlich."

Er blickt hinauf zu den fünf vergitterten Fenstern in Etage 9, hinter denen Timoschenkos Krankenzimmer liegt, ihr Esszimmer und der Raum für die Gespräche mit dem Anwalt. "Ich bin tagsüber mehr mit administrativem Geplänkel als mit meiner Patientin befasst", sagt Harms.

Auch er ist zur Schachfigur in jenem Spiel geworden, das der ukrainische Präsident mit seiner Erzfeindin treibt. Gestern haben sie Timoschenkos Anwalt den Zugang zur Klinik verweigert. Er, Harms, habe das veranlasst, weil er sonst in seiner Arbeit gestört worden wäre, hieß es. "Das ist nicht wahr", sagt Harms und geht wieder hoch in Etage 9.

Es vergeht keine Stunde, da ist er wieder da, erregt und mit Dolmetscherin, um der vorm Tor wartenden ukrainischen Presse einen Protest zu diktieren. Frau Timoschenko habe die Therapie eben abgebrochen, sagt er, weil die Gefängnisbehörde den Behandlungsplan veröffentlicht habe. "So etwas wäre in anderen Ländern nicht möglich, das hat allem die Krone aufgesetzt", empört sich Harms, obwohl der Charité-Chef ihm dringend Zurückhaltung ans Herz gelegt hat.

Der Platz vorm Tor des Eisenbahner-Krankenhauses ist jetzt eine Bühne der wirren ukrainischen Innenpolitik. "Der Staat gegen Julija Timoschenko" heißt das Stück, es ist eine Politposse, gespielt von ungelenken Laiendarstellern.

Es tritt auf der stellvertretende ukrainische Gesundheitsminister und sagt, was da oben in der Klinik geschehe, "wird nicht von uns entschieden und nicht vom Krankenhaus". Man kann es als Hieb gegen die Staatsmacht verstehen.

Dann erscheint der stellvertretende Chef der Gefängnisverwaltung. Er gibt zu, den Behandlungsplan habe seine Behörde ins Netz gestellt, um "Provokationen vorzubeugen", so der Oberst. Kameras gebe es nur in Timoschenkos Zimmer, und zwar "gemäß Artikel 103 des Strafvollzugsgesetzbuches", nirgendwo sonst. "Das glaubt dem doch niemand", sagt ein Mann von der ukrainischen Presse.

Die Bekanntgabe des Behandlungsplans ist ein grober Regelverstoß. Die Gefängnisverwaltung hat nicht bedacht, dass sie Timoschenko damit eine Steilvorlage liefert - der Häftling auf Etage 9 ist in Sachen Öffentlichkeitsarbeit ohnehin immer einen Schritt voraus. Auch jetzt wieder.

Denn vor dem Krankenhaus steigt nun eine langhaarige blonde Frau aus einem Auto, sie trägt einen nudefarbenen Bolero, dazu einen passenden Rock und hochhackige nudefarbene Pumps, sie wirkt auf dem ungepflegten staubigen Platz wie Angelina Jolie in Afrika. Es ist Jewgenija Timoschenko, die 32-jährige Tochter der Inhaftierten, die seit Wochen als Botschafterin ihrer Mutter durch Europa tourt.

Man werde wegen der Willkür der Gefängnisbehörden vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte klagen, sagt die junge Frau, "dieses Krankenhaus hat sich in ein scharf bewachtes Straflager verwandelt, und das alles tut die Staatsmacht allein mit dem Ziel, Julija Timoschenko weiter zu verhöhnen. Ich bin stolz auf meine Mama!".

Sie geht ins Krankenhaus und kommt bald wieder heraus. Der Gefängnisoberst sagt später, sie habe gar nicht versucht, in die neunte Etage zu fahren, sondern die Klinik gleich wieder verlassen, damit die Presse glaube, ihr sei der Zugang zur Mutter verweigert worden. So geht das Spiel den ganzen Nachmittag über, zum Schluss stürzt Harms noch einmal aus dem Haus, das Handy am Ohr, um der Presse mit bebender Stimme noch zwei Dinge zu sagen. Er sei keineswegs "von den Timoschenko-Leuten terrorisiert worden", damit er die Behandlung abbreche, wie eben im Radio zu hören gewesen sei - "das ist eine komplette Lüge". Seine Heimreise am Himmelfahrtstag sei lange geplant und keine Kapitulation, eine Berliner Kollegin werde ihn nächste Woche ersetzen.

Tag für Tag produziert die Staatsmacht Halbwahrheiten und Märchen in der Causa Timoschenko, es ist die pure Hilflosigkeit. Während jede der Seiten vor dem Charkower Krankenhaus ihre Statements abgibt, kündigt Regierungschef Mykola Asarow an, eine Behandlung könnte vielleicht doch im Ausland erfolgen. Woraufhin die Gesundheitsministerin vor die Presse tritt und ihren Chef in die Schranken weist: Das sei "überhaupt nicht nötig".

Zur gleichen Zeit bringt die Opposition im Parlament ein Gesetz ein, das Timoschenko die Fahrt nach Deutschland ermöglichen soll. Die Regierungspartei lehnt es ab: "Wenn irgendein Land erklärt, es werde alle 300 000 Häftlinge heilen, die sich in unseren Gefängnissen befinden, werden wir den Entwurf prüfen", höhnt ein Vertreter des Präsidenten.

Das Wochenende kommt, Harms reist ab. Es ist der Tag, da Professor Karl Max Einhäupl, der Chef der Berliner Charité, nun selbst alle Zurückhaltung fahrenlässt. Als Arzt sei er der Meinung, für Timoschenko müsse eine Situation geschaffen werden, "die man vermutlich in der Ukraine nur schwer herstellen kann". Er meint: die es dort nie gegeben hat.


DER SPIEGEL 21/2012
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