21.05.2012

SPIEGEL-GESPRÄCH„Als wären wir gespalten“

Der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman über die angeborenen Schwächen des Denkens, trügerische Erinnerungen und die irreführende Macht der Intuition
SPIEGEL: Herr Professor, Sie haben sich ausführlich mit den Fallstricken befasst, in denen sich menschliches Denken verfangen kann. Ein Beispiel: In Ihrem neuen Buch schildern Sie, wie leicht sich die Bereitschaft der Menschen, Geld in die Kaffeekasse zu zahlen, steigern lässt …
Kahneman: … ja, Sie müssen nur dafür sorgen, dass das richtige Bild über der Sparbüchse hängt. Blickt ein Augenpaar von der Wand, zahlen die Menschen doppelt so viel ein wie bei einem Blumenbild. Wer sich beobachtet fühlt, handelt moralischer.
SPIEGEL: Und das funktioniert auch dann, wenn wir das Foto an der Wand gar nicht beachten?
Kahneman: Gerade dann. Das Phänomen nennt sich Priming: Wir wissen nicht, dass wir einen bestimmten Reiz wahrgenommen haben, aber man kann nachweisen, dass wir trotzdem darauf reagieren.
SPIEGEL: Das wird Werbeleuten gefallen.
Kahneman: Dort ist das Priming natürlich weit verbreitet. Die attraktive Frau auf dem Plakat lenkt automatisch Ihre Aufmerksamkeit auf den Namen des Produkts. Und wenn Sie dem dann später im Supermarkt begegnen, wird es Ihnen schon bekannt vorkommen.
SPIEGEL: Ist die erotische Assoziation nicht viel wichtiger?
Kahneman: Gewiss, es gibt auch noch andere, ebenfalls unbewusst wirkende Mechanismen von Werbung. Aber der wichtigste Effekt besteht schlicht darin, dass ein Name uns vertraut gemacht wird. Was vertraut ist, erscheint uns gut. Das hat die Evolution tief in uns verwurzelt. Unsere Vorfahren haben gelernt: Wenn ich etwas immer wieder antreffe, und es hat mich nicht gefressen, darf ich mich sicher fühlen. Deshalb mögen wir, was wir kennen.
SPIEGEL: Lässt sich mit solchen Mitteln auch Politik machen?
Kahneman: Selbstverständlich. Man kann zum Beispiel nachweisen, dass alles, was
die Menschen an ihre Sterblichkeit erinnert, sie gehorsamer macht.
SPIEGEL: Wie etwa das Kreuz über dem Altar?
Kahneman: Zum Beispiel. Die Theorie, die sich mit der Wirkung der Angst vor dem Tod befasst, hat sogar einen Namen: die Terror-Management-Theorie. Aber es gibt auch andere Symbole. Alles, was mit Geld zu tun hat - und seien es nur Dollarzeichen als Bildschirmschoner -, sorgt dafür, dass Menschen stärker auf eigene Interessen bedacht sind, dass sie anderen weniger helfen wollen.
SPIEGEL: Das Priming wirkt offenbar bevorzugt zugunsten der politischen Rechten.
Kahneman: Andersherum funktioniert es natürlich genauso. Es gibt zum Beispiel ein Experiment, bei dem zwei Gruppen von Probanden ein Spiel spielen. Bei der einen heißt es "Gemeinschaftsspiel", bei der anderen "Wettbewerbsspiel". Im einen Fall werden die Leute hilfsbereit, im anderen egoistisch - und das, obwohl es beide Male dasselbe Spiel ist.
SPIEGEL: Gibt es denn keinen Weg, solchen Einflüsterungen zu entrinnen?
Kahneman: Zumindest ist es nicht einfach. Denn das Problem ist ja, dass wir nichts von diesen Einflüssen merken.
SPIEGEL: Das ist ziemlich beunruhigend.
Kahneman: Ganz so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Schließlich leben wir seit je ganz gut damit.
SPIEGEL: Aber man will doch wissen, auf welcher Grundlage man seine Entscheidungen trifft!
Kahneman: Ich weiß gar nicht, ob ich das immer wissen will. Es würde die Dinge stark verkomplizieren.
SPIEGEL: In Ihrem Buch sagen Sie, dass wir in solchen Fällen dem "System 1" die Entscheidungen überlassen …
Kahneman: Ja. Die Psychologen unterscheiden ein "System 1" und ein "System 2", die unser Handeln steuern. System 1 steht für die Intuition. Es erzeugt unermüdlich Absichten, Eindrücke und Gefühle. System 2 dagegen steht für Vernunft, Selbstkontrolle und Intelligenz.
SPIEGEL: Also für unser bewusstes Ich?
Kahneman: Genau. System 2 bin ich, also derjenige, der glaubt, die Entscheidungen zu fällen. In Wirklichkeit allerdings ist der Einfluss von System 1 enorm - ohne dass Sie sich dessen bewusst wären. Sie werden gewissermaßen regiert von einem Fremden, ohne dass Sie es merken. System 1 entscheidet, ob Ihnen ein Mensch gefällt, welche Gedanken oder Assoziationen Ihnen durch den Kopf schießen und welche Gefühle Sie empfinden. All das kommt automatisch, Sie haben keine Kontrolle darüber. Und doch müssen Sie Ihr Handeln darauf gründen.
SPIEGEL: Und dieses System 1 schläft nie?
Kahneman: Richtig. System 1 kann nie abgeschaltet werden, Sie können es nicht daran hindern, sein Ding zu machen. System 2 hingegen ist faul und springt nur an, wenn es sein muss. Bewusstes Denken ist aufwendig, und deshalb leisten wir uns das nur selten. Das langsame, bewusste Denken ist harte Arbeit, es verbraucht chemische Ressourcen im Gehirn, der Körper gerät in Aufruhr, der Herzschlag beschleunigt sich, die Schweißdrüsen treten in Aktion, die Pupillen weiten sich …
SPIEGEL: … was Sie sich für Ihre Forschung zunutze gemacht haben.
Kahneman: Ja. Normalerweise verändert die Pupille ihre Größe andauernd. Wenn man aber jemandem eine Denkaufgabe gibt, weitet sie sich und bleibt dann erstaunlich stabil - ein sonderbarer Umstand, der sich für uns als sehr nützlich erwies. Tatsächlich lässt sich an den Pupillen das Maß der geistigen Anstrengung ablesen - und zwar unglaublich präzise. Ich habe niemals sonst in meinem Leben so präzise Messungen gemacht.
SPIEGEL: Indem Sie sich mit der Intuition des Menschen, dem System 1, befassten, scheinen Sie gelernt zu haben, dieser Intuition zu misstrauen …
Kahneman: So würde ich das nicht sagen. Überwiegend funktioniert unsere Intuition vorzüglich. Es ist aber interessant zu untersuchen, wo sie versagt.
SPIEGEL: Experten zum Beispiel haben auf ihrem jeweiligen Spezialgebiet viel Erfahrung angesammelt und glauben deshalb, auf diesem Gebiet über eine sehr gute Intuition zu verfügen - sollten wir uns nicht darauf verlassen können?
Kahneman: Das kommt auf das Fach an. Die Prognosen von Börsenexperten etwa sind praktisch wertlos. Wer Geld anlegen will, sollte lieber Indexfonds wählen, die ohne Zutun begnadeter Spezialisten einfach nur einen Börsenindex nachbilden. Sie schneiden Jahr für Jahr besser ab als der durchschnittliche Anlagefonds, den ein hochbezahlter Experte verwaltet. Trotzdem wollen die Leute ihr Geld lieber dort anlegen, wo sie glauben, dass man etwas davon versteht - so unwahrscheinlich das der Statistik zufolge auch ist. Experten sind dort gut, wo es eher vorhersagbar zugeht. In der Börsenwelt ist das nicht der Fall.
SPIEGEL: All die aufwendigen Analysen und Berechnungen der Experten bringen überhaupt nichts? Nicht mehr, als wenn man einfach auf den Dax wettet?
Kahneman: Die Experten sind sogar schlechter als der Index, weil sie Geld kosten.
SPIEGEL: Also pure Quacksalberei?
Kahneman: Es ist komplizierter. Ein Quacksalber weiß, dass er nur Wunderwässerchen feilbietet. Die Leute der Wall Street hingegen glauben an das, was sie machen. Das macht ihre Magie aus. Sie unterliegen der Illusion, zu verstehen …
SPIEGEL: … und kassieren dafür Millionenboni.
Kahneman: Seien Sie nicht zynisch. Man mag über das Bankensystem denken, wie man will. Aber der einzelne Börsianer glaubt in der Regel, er schaffe Werte.
SPIEGEL: Wie hat die Wall Street auf Ihr Buch reagiert?
Kahneman: Oh, viele waren ganz begeistert oder zumindest interessiert. Einer hat, wie ich höre, tausend Exemplare an Investoren verteilt. Aber natürlich glauben viele Fachleute mir dennoch nicht. Oder genauer: Sie glauben mir schon, nur wenden sie das, was ich sage, nicht auf sich selbst an - weil sie das Gefühl haben, ihrem eigenen Urteil trauen zu können.
SPIEGEL: Sind wir zu expertengläubig?
Kahneman: Nehmen Sie die Ärzte. Sie sind oft vorzüglich, wenn es um kurzfristige Vorhersagen geht - aber sehr schlecht, wenn sie sagen sollen, wie es einem Patienten in fünf oder zehn Jahren geht. Und sie kennen den Unterschied nicht. Das ist die Crux.
SPIEGEL: Woran lässt sich denn erkennen, ob eine Vorhersage etwas taugt?
Kahneman: Wichtig ist vor allem: Wenn eine Vorhersage mit großem Selbstvertrauen vorgetragen wird, sagt das nichts über ihre Richtigkeit aus - es sollte uns eher argwöhnisch machen.
SPIEGEL: Im Zweifel, so sagen Sie, sollte man lieber dem Computer als einem Experten vertrauen. Woher stammt da plötzlich Ihre Zuversicht?
Kahneman: Wenn es um Voraussagen geht, sind Algorithmen nun einmal oft besser.
SPIEGEL: Wieso sollte das so sein?
Kahneman: Weil Hunderte Studien es gezeigt haben. Wo immer wir genügend Informationen haben, um daraus einen Algorithmus zu bauen, wird dieser besser abschneiden als die meisten Menschen.
SPIEGEL: Für die menschliche Vernunft ist das nicht gerade schmeichelhaft.
Kahneman: Nun, auch Computermodelle sind manchmal nutzlos. Aktienkurse wird ein Computer genauso unzuverlässig vorhersagen wie ein Mensch. Und wie die politische Lage in 20 Jahren aussieht, entzieht sich vollends der Prognose; die Welt ist einfach zu komplex. Computermodelle sind aber genau dort gut, wo es einigermaßen regelmäßig zugeht. Da sind sie dem menschlichen Urteil überlegen, denn das hat eine entscheidende Schwäche: Es ist den Umständen und Stimmungen unterworfen. Geben Sie einem Radiologen zweimal dasselbe Röntgenbild, und er wird es beim zweiten Mal oft anders interpretieren. Bei einem Algorithmus passiert so etwas nicht.
SPIEGEL: Der IBM-Konzern will einem Supercomputer beibringen, medizinische Diagnosen nur anhand der Beschreibung der Symptome und der Vorgeschichte des Patienten zu erstellen. Ist das die Medizin der Zukunft?
Kahneman: Ich denke schon. Es ist ja keine Zauberei im Spiel.
SPIEGEL: Und welches der nächste Blockbuster im Kino ist, wird dann auch von irgendeiner Software vorhergesagt?
Kahneman: Warum nicht? Die Alternative ist schließlich nicht sehr überzeugend. Die Unterhaltungsindustrie verschwendet eine Menge Geld mit Filmen, die nicht funktionieren. Es dürfte nicht sehr schwer sein, ein Programm zu entwickeln, das sich zumindest nicht schlechter schlägt als das intuitive Urteil der Kenner.
SPIEGEL: Die meisten Menschen misstrauen Formeln und kaltem Kalkül. Viele Patienten sehnen sich eher nach einem Arzt, der sie ganzheitlich behandelt.
Kahneman: Das ist eine Frage der Gewöhnung. Nehmen Sie nur die evidenzbasierte Medizin, die sich zunehmend verbreitet. Auch da beruht die Wahl einer bestimmten Behandlung auf klaren, nachvollziehbaren Algorithmen. Anderes Beispiel: die Ölindustrie. Dort gibt es für die Entscheidung, ob an einer Stelle gebohrt werden soll, strenge Prozeduren. Da werden stets die gleichen Fragen abgehakt. Um sich auf die Intuition zu verlassen, geht es da einfach um zu viel Geld.
SPIEGEL: Im letzten Teil Ihres Buchs beschäftigen Sie sich mit der Frage, warum wir uns auch auf unsere Erinnerung nicht verlassen können. Zum Beispiel behaupten Sie, wenn ein Mensch gelitten hat, sei es ihm im Rückblick gleichgültig, wie lange die Schmerzen gedauert haben. Das klingt ziemlich absurd.
Kahneman: Die Befunde sind eindeutig. Wir haben das gezeigt an Patienten, die sich einer Darmspiegelung unterzogen. In einigen Fällen baten wir die Ärzte, nach Abschluss der Behandlung noch eine Weile zu warten, bis sie den Patienten den Schlauch herauszogen. Für diese Gruppe verlängerte sich also die unangenehme Prozedur - und doch verbesserte das sehr deutlich ihre Bewertung. Viele andere Experimente kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Mal hatten die Teilnehmer Lärm zu erdulden, mal mussten sie die Hand in kaltes Wasser halten. Ihnen ist durchaus klar, dass die Schmerzen verschieden lang andauerten, es handelt sich also nicht um eine Gedächtnisschwäche; ihre Erinnerung ist korrekt. Wie sie das Erlebte bewerten, hat mit der Dauer dennoch nichts zu tun.
SPIEGEL: Wie kann das sein?
Kahneman: Jedes Erlebnis bekommt im Gedächtnis eine Bewertung angeheftet: gut, schlimm, noch schlimmer. Und die ist unabhängig von der Dauer. Nur zwei Dinge sind entscheidend: Was waren die Höhepunkte, also die schlimmsten oder, je nachdem, die großartigsten Momente? Und wie ging es aus, wie war das Ende?
SPIEGEL: Sollten Ärzte also nach schmerzhaften Prozeduren einfach fragen, ob sie dem Patienten noch ein paar Minuten moderater Quälerei verabreichen dürfen?
Kahneman: Nein. Denn wenn der Arzt gleich nach der Spiegelung sagt: Es ist vorbei, dann endet für den Patienten diese Episode - und das ist der Zeitpunkt, an dem sie einen Wert zugewiesen bekommt. Anschließend beginnt eine neue Episode, und niemand würde im Voraus nach zusätzlichen Schmerzen verlangen. Diese Erkenntnisse ließen sich übrigens sicher auch nutzen, besonders für Traumapatienten. Mein Rat wäre: Bringt sie nicht weg vom Ort des Schreckens, um sie woanders zu behandeln. Tut lieber alles dafür, dass sie sich am selben Ort besser fühlen können. Die Erinnerung an das, was ihnen dort geschah, wäre dann nicht mehr so schlimm.
SPIEGEL: Weil sich die Vorstellung ändert, die sie mit dem Ort verbinden?
Kahneman: Nein, anders: Sobald man sie vom Ort entfernt, endet für sie die Episode, und genau dann wird ihre Bewertung im Gedächtnis gespeichert.
SPIEGEL: Aber man kann doch jedes schlimme Erlebnis wie im Film wieder und wieder durchleben.
Kahneman: Das können Sie, keine Frage. Aber was Sie am Ende bewerten oder auch, was Sie in Zukunft fürchten werden - das ist eben dieser besonders intensive Moment und nicht die ganze Episode. Ähnlich ist das übrigens bei Tieren.
SPIEGEL: Wie können Sie das wissen?
Kahneman: Das ist leicht zu erforschen, etwa an Ratten, denen man leichte elektrische Schocks verabreicht. Dabei ändert man der Reihe nach jeweils deren Dauer und Stärke. So lässt sich messen, wovor die Tiere sich mehr fürchten. Und das ist natürlich die Stärke, nicht die Dauer.
SPIEGEL: Das heißt, die Erinnerung formt auch die Erwartung an die Zukunft?
Kahneman: So ist es. Das zeigt schon ein kleines Gedankenspiel, zu dem ich gelegentlich auffordere: Stell dir vor, du gehst auf eine Urlaubsreise, und am Ende bekommst du ein Medikament, das deine Erinnerungen tilgt. Alle Fotos werden natürlich ebenfalls gelöscht. Würdest du dieselbe Reise machen? Oder doch lieber eine, die weniger strapaziös ist? Manche Leute sagen, in so einem Fall würden sie überhaupt nicht verreisen. Sie verzichten also lieber auf den Genuss, obwohl dieser ja vom nachträglichen Löschen völlig unberührt bliebe. Es ist eben nicht das Erleben in Echtzeit, das am Ende zählt. Es ist die Erinnerung daran.
SPIEGEL: Warum müssen wir uns unser Leben unbedingt als Sammlung von Erinnerungen, von Episoden und Geschichten vorstellen?
Kahneman: Weil das nun mal alles ist, was wir vom Leben behalten. Die Jahre gehen vorbei, und Sie bleiben zurück mit nichts als Ihren Geschichten. Deshalb glauben die Leute, Erinnerungen seien ungeheuer wichtig. Sie übertreiben ihren Wert.
SPIEGEL: Aber im Urlaub ist es mir doch nicht egal, ob ich mich, von ein paar Höhepunkten abgesehen, die meiste Zeit entsetzlich langweile.
Kahneman: Natürlich nicht. Und wenn ich Sie frage, ob Sie lieber drei Minuten lang Schmerzen erdulden wollen oder fünf Minuten, ist die Antwort ebenso klar. Aber im Rückblick gewinnt die Urlaubsreise, die die besten Erinnerungen in Ihnen hinterließ. Wie lange Sie sich zwischen den Höhepunkten gelangweilt haben, spielt dann keine Rolle mehr.
SPIEGEL: Wenn Sie daran denken, wie Sie Ihr Buch geschrieben haben, erinnern Sie sich doch bestimmt auch daran, wie lange sich das hinzog - also an die Dauer.
Kahneman: O je, das ist wahr, ich könnte diese vier Jahre wie einen Film vor meinem inneren Auge abspulen lassen, doch vor allem erinnere ich mich an Momente, leider fast nur an schlimme.
SPIEGEL: Bewerten Sie diese Zeit nun anders, nachdem das Buch so ein großer Erfolg geworden ist?
Kahneman: Gewiss, das hat den Schmerz verblassen lassen. Hätte das Buch schlechter abgeschnitten, kämen mir diese Jahre noch schlimmer vor. Offensichtlich verändert das, was später geschieht, rückwirkend auch die Story.
SPIEGEL: Würden wir ohne die Gnade des Vergessens eine Herausforderung überhaupt noch annehmen?
Kahneman: Glücklicherweise wissen wir vorher nicht, wie schmerzhaft es wird. Aber später erinnern wir uns an die große Erleichterung, die wir nach vollbrachter Tat empfunden haben. Ein bisschen ist es wie beim Geburtsvorgang: Die Story endet gut, und das überstrahlt alles, was bis dahin schrecklich gewesen sein mag. Es ist, als wären wir gespalten in ein Erlebendes Ich, das alles durchmachen muss, und ein Erinnerndes Ich, dem das egal ist, weil es überhaupt kein Gefühl für Ausmaß und Dauer der Strapazen hat.
SPIEGEL: Also verdanken wir es dem Erinnernden Ich, dass wir tapfer nach denkwürdigen Abenteuern, nach Höhepunkten im Leben streben? Würden wir uns sonst mit ausgedehnten Phasen gemäßigten Wohlbefindens zufriedengeben?
Kahneman: Ja, das Erinnernde Ich bestimmt über unser Leben. Schon wenn wir etwas planen, eine Urlaubsreise oder sonst ein Vorhaben, nehmen wir dabei die Erinnerungen vorweg, die wir uns davon versprechen. Das Erlebende Ich, das dafür vielleicht eine Menge erdulden muss, hat dabei nichts zu sagen. Mehr noch: Was das Erlebende Ich genossen hat, kann im Rückblick völlig entwertet werden. Mir erzählte mal jemand, er habe sich unlängst eine wunderbare Symphonie angehört, aber leider erklang ganz am Ende der Aufzeichnung ein schrecklich kratzender Misston. Das habe ihm das komplette Erlebnis ruiniert. Ist das nicht eigenartig? In Wahrheit blieb das Hörerlebnis der Symphonie zuvor von dem Kratzer am Schluss natürlich völlig unberührt - ruiniert war ausschließlich die Erinnerung daran.
SPIEGEL: Gilt das auch für ein ganzes Leben? Zählt nur, wie es ausgeht?
Kahneman: In gewissem Sinn schon. Wir können nicht anders, als das Leben retrospektiv zu betrachten. Was wir tatsächlich erleben, ist nicht so wichtig - entscheidend ist, dass es sich im Rückblick gut macht. Es gab da mal einen Versuch, die Teilnehmer sollten das Leben einer fiktiven Frau bewerten, von der sie nur wussten: Sie lebte sehr glücklich, aber dann starb sie bei einem Unfall. Erstaunlicherweise spielte für die Bewertung überhaupt keine Rolle, ob sie mit 30 Jahren oder erst mit 60 Jahren umkam. Aber wenn man den Probanden sagte, die Frau habe 30 glückliche Jahre erlebt, gefolgt von 5 nicht ganz so glücklichen - dann sanken plötzlich die Werte. Oder stellen Sie sich einen Wissenschaftler vor, der eine wichtige Entdeckung gemacht hat, einen glücklichen und erfolgreichen Mann - und nach seinem Tod stellt sich heraus: Diese Entdeckung war ein Irrtum, sie ist nichts wert. Das verdirbt die ganze Geschichte, obwohl sich am Leben des Forschers nicht das Geringste geändert hat. Aber er wird Ihnen nun leidtun.
SPIEGEL: Ist es das Erinnernde Ich, das uns zu Menschen macht? Tiere sammeln ja wohl keine denkwürdigen Momente.
Kahneman: O doch, auch Tiere wissen sehr genau: Die eine Erfahrung möchte ich noch einmal machen, die andere auf keinen Fall. Die Grundregel, dass nur die Höhepunkte und das Ende einer Episode zählen, ist evolutionär begründet. Denn wichtig fürs Überleben ist nur: Ging es gut aus? Und was konnte schlimmstenfalls geschehen? Das gilt für Tier wie Mensch.
SPIEGEL: Das Erinnernde Ich ist aus Ihrer Sicht derart dominant, es scheint das Erlebende Ich geradezu versklavt zu haben.
Kahneman: In der Tat, ich nenne es eine Tyrannei. Sie ist allerdings von Kultur zu Kultur verschieden stark ausgeprägt. Der Buddhist zum Beispiel betont die Erfahrung, die Gegenwart, das Leben im Augenblick. Ganz anders der strenggläubige Christ, der alles nur danach beurteilt, ob er am Ende in den Himmel kommt.
SPIEGEL: Wer Ihr Buch liest, sympathisiert mit dem armen Erlebenden Ich, das im Grunde ja unser Leben führen muss.
Kahneman: Das war meine Absicht. Die Leute sollen sehen, dass es eine ganz andere Art gibt, die Dinge zu betrachten. Für mich ist das auch ein Trost. Meine Frau und ich, wir haben beide ein sehr schlechtes Gedächtnis, und wenn wir ins Theater gehen, dann tatsächlich nicht um der späteren Erinnerungen willen, sondern um die Vorstellung zu genießen. Aber viele Menschen gehen durchs Leben, indem sie besondere Momente sammeln wie andere Leute Kunstwerke.
SPIEGEL: Es heißt, einzig dieser Reichtum mache glücklich.
Kahneman: Wir sollten unterscheiden zwischen Zufriedenheit und Glück. Wer die Leute fragt, ob sie glücklich sind, muss damit rechnen, dass die Antwort je nach Stimmung ganz verschieden ausfällt. Ein Beispiel: Das Gallup-Institut befragt seit Jahren täglich rund tausend Amerikaner, unter anderem nach ihrem Wohlbefinden. Zu den erstaunlichsten Befunden gehört dieser: Wenn es in der ersten Frage des Interviews um Politik geht, halten sich die Leute gleich für weniger glücklich.
SPIEGEL: Echte Schicksalsschläge dagegen beeinträchtigen das Wohlbefinden erstaunlich wenig. Querschnittgelähmte, so heißt es, unterschieden sich in ihrer Lebenszufriedenheit kaum von Gesunden.
Kahneman: Jedenfalls ist der Unterschied geringer, als man vermuten würde. Ähnlich ist es übrigens mit dem Einkommen. Jeder möchte gern mehr verdienen. Und doch hat die Höhe des Gehalts, zumindest ab einer gewissen Schwelle, keinerlei Einfluss auf das erlebte Glück. Nur die allgemeine Zufriedenheit mit dem Leben steigt dann noch weiter an.
SPIEGEL: Und wo liegt diese Schwelle?
Kahneman: Bei uns in den USA bei einem Haushaltseinkommen von etwa 75 000 Dollar in wohlhabenden Gegenden. Unterhalb dieser Schwelle kommt es sehr wohl aufs Geld an. Es ist schrecklich, arm zu sein. Egal ob Krankheit, Scheidung oder Probleme mit den Kindern - alles wird durch Armut schlimmer.
SPIEGEL: Es fällt dem Menschen also schwerer, sich an Armut als an Krankheit zu gewöhnen?
Kahneman: Auch da gilt ein psychologisches Gesetz: An den Aufstieg gewöhnt man sich im Handumdrehen, an den Niedergang dagegen viel schwerer.
SPIEGEL: Herr Professor, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(*) Daniel Kahneman: "Schnelles Denken, langsames Denken". Siedler Verlag, München; 624 Seiten; 27 Euro.
Das Gespräch führten die Redakteure Manfred Dworschak und Johann Grolle.
Von Manfred Dworschak und Johann Grolle

DER SPIEGEL 21/2012
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