21.05.2012

NIGGEMEIERS MEDIENLEXIKONEURO|VI|SION

Sendergemeinschaft mit eigenem Gesangswettbewerb, aber ohne Stimme
Der SPIEGEL war schon 1955 ernüchtert. Von der Gründung der Eurovision hatte er erwartet, dass im Fernsehen echtes Fern-Sehen stattfindet, Live-Übertragungen aus anderen Ländern. Doch die ausländischen Fernsehstationen hätten den Zuschauern "auch nicht viel mehr zu bieten" vermocht als "Blumenkorsos, Truppenparaden und Trachtenspiele".
Für Zuschauer, die in der Blütezeit des Mediums, in den siebziger und achtziger Jahren, groß geworden sind, ist es trotzdem immer noch etwas Besonderes, das Tedeum zu hören, die Hymne, die jede Eurovisions-Übertragung als etwas Feierliches, Völkerverbindendes ankündigt, auch wenn ihr heute regelmäßig wieder Blumenkorsos, Truppenparaden und Trachtenspiele folgen, meist unter dem Titel "Musikantenstadl".
Das Hochamt der Eurovision aber ist ihr Song Contest, der am kommenden Samstag zum 57. Mal stattfindet. Zur Auftakthymne rücken dabei schon seit Jahren nicht mehr die Sterne der Europaflagge ins Bild. Stattdessen erscheint ein traurig animiertes Logo der Europäischen Rundfunkunion (EBU). Die steht hinter der Eurovision, aber je weniger man von ihr weiß, umso mehr bewahrt man sich einen Rest von Respekt.
Die EBU kümmert sich um Programmaustausch und technische Dinge, und am einfachsten wäre es, wenn es dabei bliebe. Aber ihre Mitgliedssender eint, dass sie einen öffentlichen Informationsauftrag besitzen. Und so behauptet auch die EBU, Werte zu haben und zu pflegen. In hehren Statements verpflichtet sie sich, offen und unverblümt für Demokratie, Pluralismus und "Inklusivität" zu kämpfen - "nicht verhandelbare Werte". Und dann gewinnt ein Land wie Aserbaidschan, in dem diese Werte fast nichts wert sind, das Recht, den Song Contest auszutragen, und die EBU wird stumm. Sie veranstaltet eine Menschenrechtskonferenz und lässt am Ende auf der Pressekonferenz nur den Vertreter der aserbaidschanischen Regierung reden, nicht den ebenfalls angekündigten Oppositionellen. Der darf dann gar nicht aufs Podium. Und als Hacker eine Grand-Prix-Fanseite zerstören, um gegen "unmoralische Schwule in Aserbaidschan" zu protestieren, erklärt die EBU, es müsse sich um ein Missverständnis handeln: Der Song Contest sei gar keine Schwulenparade. Sie distanziert sich von den Opfern, nicht von den Angreifern.
Der Song Contest soll Brücken bauen. Die EBU sorgt dafür, dass auf denen dann geschwiegen wird.

DER SPIEGEL 21/2012
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