21.05.2012

KARRIERENBuntes Deutschland

Das Fernsehen kommt in der Wirklichkeit an: TV-Sender und Spaß-Industrie haben Künstler und Moderatoren mit Migrationshintergrund entdeckt. Der erfolgreichste von ihnen ist ein türkischstämmiger Komiker.
Bülent Ceylan gehört einer ethnischen Minderheit an. Er ist Mannheimer. Statt "auf" sagt er "uff" und für "Sei ruhig": "Halt dei Gosch!" Sein Bemühen, sich zu integrieren, ist vorbildlich. Bei Auftritten fern der Heimat, in Oldenburg oder Hildesheim, dimmt er sein Kurpfälzisch auf ein allgemeinverständliches Maß; manches übersetzt er sogar ins Hochdeutsche.
Auch sonst ist er bestrebt, niemandem den Zugang zu seinem Humor zu verstellen. Er verkleidet sich als Frau oder eruiert das Männerdilemma, wie es sich trotz nächtlicher Erektion unfallfrei pinkeln lässt. Willkommen in Türkisch-Kalau.
Ceylan, 36, Sohn einer Deutschen und eines türkischen Gastarbeiters, ist einer der erfolgreichsten Spaßmacher der Republik. Im vorigen Jahr erhielt er den Deutschen Comedypreis als bester Komiker, auf RTL hat er eine eigene Sendung. Nun will er als zweiter Comedian nach Mario Barth ein Stadion füllen.
Am 2. Juni soll er in der Frankfurter Commerzbank-Arena vor rund 40 000 Zuschauern auftreten, mit Vorgruppen, Feuerzauber und einer monströsen LED-Wand. "Was für'n Uffwand!", ruft Ceylan. "Und das für einen kleinen Türk!"
Kleiner Türk? Tatsächlich ist Ceylan mit seiner Heavy-Metal-Mähne und seinem Kinnbärtchen die humoristische Integrationsfigur eines Landes, in dem fast drei Millionen Menschen türkischstämmig sind; der Chef der Grünen zählt dazu oder Niedersachsens Familienministerin.
Ceylans Rolle heißt: Einer von uns. Er spielt sie für die Deutschen genauso wie für die Türken. Auch wenn er selbst auf Türkisch kaum mehr kann als "bitte", "danke", "guten Tag". Tritt Deutschland gegen die Türkei im Fußball an, jubelt Ceylan immer für den Besseren.
Und das ist Deutschland 2012: In "Tagesschau" und "heute" tragen Moderatoren mit griechischen oder syrischen Wurzeln den Bundesbürgern die Weltnachrichten vor; der Kinofilm zur ARD-Serie "Türkisch für Anfänger" lockt die Massen; in TV-Krimis morden Deutsche, und Türken ermitteln. Das Fernsehen kommt in der Wirklichkeit an.
Noch vor ein paar Jahren brachten es fremdländisch aussehende Schauspieler in Kriminalfilmen höchstens zum Assistenten. Abonniert waren sie auf zwielichtige Gestalten.
Im Showgeschäft dagegen liebten die Deutschen von jeher Exotik - sofern sie abgefedert war durch einheimische Folklore.
Der Farbige Billy Mo etwa, ein promovierter Musiker aus Trinidad, machte im Deutschland der sechziger Jahre nicht etwa Karriere als fabelhafter Jazztrompeter, sondern als Interpret von Bierzelt-gesängen wie "Ich kauf mir lieber einen Tirolerhut" und "Humba Täterä". Was lustig war, aber irgendwie auch traurig.
Grenznachbarn wie den Niederländer Rudi Carrell oder den Schweizer Kurt Felix ließ man gern ins Wohnzimmer. Türkische Einwanderer sah man dort nie so. Sie waren nah. Und doch fern. Bis Kaya Yanar kam, Sohn türkischer Eltern und in deren Sprache so wenig bewandert wie Ceylan.
Anfang dieses Jahrtausends stürmte er mit der Kiezsprache jugendlicher Migranten die Bühnen. Das war so spektakulär, dass die Ethno-Comedy gleich zu einem eigenen Genre erhoben wurde.
Als er jüngst in Bülent Ceylans RTL-Show zu Gast war, zogen beide die Socken aus, und Yanar erklärte Ceylan erst mal, dass dieser kein echter Türke sei: "Du hast keine Haare auf den Füßen!"
Das Zurschaustellen kultureller Vorurteile ist die andere, tiefgründige Seite von Zotenkönig Ceylan. In seiner Sendung spielt er Klischee-Türken wie den Gemüsehändler Aslan. Und Klischee-Deutsche wie den stramm nationalen Hausmeister Mompfred aus Monnem.
In einem anderen Sketch gab der Tiertrainer Martin Rütter, der sonst Besitzern ungezogener Hunde hilft, einer Frau Erziehungstipps für einen in ihrem Haushalt wohnenden Nazi. Am Ende ließ Rütter ihn kastrieren, so dass er sein "Ausländer raus!" nur noch piepsen konnte. Den Nazi spielte Ceylan.
Er sagt dazu, er müsse eben das wieder heile machen, was der Migrationspopulist Thilo Sarrazin mit seiner These, Deutschland schaffe sich ab, kaputtgemacht habe.
Doch Ceylan trägt die Last des Wiederaufbaus nicht allein. Dass jeder fünfte Deutsche einen Migrationshintergrund hat und sich dies vielleicht annähernd abbilden ließe, ist auch bei den Fernsehsendern angekommen.
Der ägyptischstämmige Aiman Abdallah ("Galileo") oder Daniel Aminati ("taff"), Sohn eines Ghanaers, sind aus dem Programm von ProSieben ebenso wenig wegzudenken wie der indisch-luxemburgische Wissensvermittler Ranga Yogeshwar aus dem Ersten.
Linda Zervakis, Tochter griechischer Eltern, moderiert die "Tagesschau". Ingo Zamperoni wurde gerade erst vom "Nachtmagazin" zu den "Tagesthemen" befördert. "Nicht weil er Sohn eines Italieners ist, sondern aufgrund seiner Kompetenz", wie ARD-aktuell-Chefredakteur Thomas Hinrichs sagt. "Aber natürlich ist das ein Zeichen an ausländische Zuschauer und an Migranten, dass ihre Lebenswelt auch ein Teil von uns ist."
Das ZDF stellt seit einigen Jahren für die "heute"-Nachrichten gern Moderatoren mit ausländischen Wurzeln ein. Dunja Hayali, deren Eltern aus dem Irak kommen, ist inzwischen eines der Sendergesichter geworden.
"Wir haben keine Migrantenquote", sagt ZDF-Chefredakteur Peter Frey. "Aber es ist wichtig, dass wir Deutschland so bunt abbilden, wie es ist. Was im Fernsehen nicht vorkommt, existiert für die Zuschauer nicht."
Als die Türkin Hülya Özkan Anfang der neunziger Jahre die Moderation von "heute in den Ländern" übernahm, bekam sie noch die volle Wucht der Ewiggestrigen ab. Regelmäßig las sie in jenen Jahren in Zuschauerbriefen, was sie denn bei einem deutschen Sender verloren habe; sie solle das Land verlassen. Einmal war ein Brief mit Hakenkreuz in der Post. Sie reagierte so, wie ihr damaliger Chef es ihr geraten hatte: Sie moderierte einfach weiter.
"Die Unbelehrbaren unter den Zuschauern sind in der Minderheit", sagt Chefredakteur Frey.
Vor 20 Jahren holte er Cherno Jobatey zum "Morgenmagazin". "Ein dunkelhäutiger Moderator war damals eine Sensation. Er erregte ähnlich viel Aufsehen wie die erste Frau, die im deutschen Fernsehen die Nachrichten vorlas. Heute sind wir zum Glück weiter."
Nicht alle Einsätze im deutschen Fernsehen verlaufen jedoch glimpflich. Der türkischstämmige "Tatort"-Kommissar Cenk Batu, gespielt von Mehmet Kurtulus, musste jüngst sein Leben lassen. Seine Freundin, deren Leben er heldenhaft gerettet hatte, weinte bitterlich. Nur sieben Millionen Zuschauer weinten mit. Für einen Sonntagskrimi ziemlich wenig.
Das Publikum hatte immer gefremdelt mit dem Hamburger "Tatort". Es gab keine Kaffee kochende, Dialekt sprechende Sekretärin. Überhaupt gab es kein heimeliges Polizeirevier.
"Batu war als verdeckter Ermittler ein Eigenbrötler, er streunte in immer wieder neuen Identitäten als einsamer Wolf über den Bildschirm. Für die Zuschauer war es nicht so einfach, Vertrauen zu fassen", sagt Christian Granderath, Fernsehfilmchef des NDR und verantwortlich für den Hamburg-"Tatort". "Ihre Skepsis hatte aber nach meiner persönlichen Überzeugung auch mit seiner Herkunft zu tun. In Deutschland gibt es häufig noch ein Misstrauen gegenüber Fremden."
Künftig wird es in Hamburg wieder einen Ermittler türkischer Herkunft geben, jedoch nur als Sidekick von Hauptkommissar Til Schweiger.
Beim Kieler "Tatort", der ebenfalls vom NDR verantwortet wird, ermittelt an der Seite von Axel Milberg neuerdings die türkischstämmige Schauspielerin Sibel Kekilli. Nachdem sie von Regisseuren bisher immer nur als Migrantin gebucht wurde, spielt sie auch auf eigenen Wunsch eine deutsche Ermittlerin. "Das ist die nächste Stufe", sagt Granderath. "Die Frage der Herkunft wird bei der Besetzung von deutschen Fernsehfilmen irgendwann gegenstandslos sein. Darauf arbeiten wir hin."
Bülent Ceylan hat derweil schon mal in stundenlanger Handarbeit 42 000 Autogrammkarten signiert. Jeder Besucher soll am Eingang der Frankfurter Arena eine in die Hand gedrückt bekommen. Geschenk vom Künstler.
Nicht nur in puncto Devotionalien sorgt Ceylan sich um seine Fans. Er sagt: "Ich habe eine Verantwortung. Für mein türkisches Publikum und für mein deutsches."
Einmal habe ihm ein erkennbar stramm konservativer Mann geschrieben, der von seiner Frau widerwillig in Ceylans Programm mitgeschleppt worden war: "Sie sind der erste Türke, den ich mag!" Einige Wochen später folgte eine weitere Mail: Er habe sich jetzt sogar mit seinen türkischen Arbeitskollegen angefreundet. Ceylan ist noch heute stolz darauf.
Von Alexander Kühn

DER SPIEGEL 21/2012
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