Von Müller, Peter
Es gibt Lichtblicke für Norbert Röttgen, auch in diesen dunklen Tagen. Als er am vergangenen Dienstagnachmittag in den Fraktionssaal von CDU und CSU kommt, ist er schnell umringt von Kollegen, die ihm auf die Schulter klopfen. Ein Parlamentarier nach dem anderen geht zu seinem Platz, hinten bei den NRW-Abgeordneten. Erst als Fraktionschef Volker Kauder die Sitzung mit der Glocke eröffnet, endet der Reigen.
Wenn der geschasste Umweltminister derzeit in Berlin auftritt, umgibt ihn eine Woge von Sympathie. In der Bundestagsfraktion herzen ihn die Kollegen, in der Landesgruppe gab es Applaus, bei der Verabschiedung in seinem Ministerium drückten einige Mitarbeiter sogar ein paar Tränchen weg.
Röttgen tun diese Erlebnisse gut. Sie sind Balsam für einen, der mit großem
Ehrgeiz spektakulär gescheitert ist. Vor allem aber schaden Wut und Unverständnis über seinen Rauswurf jener Frau, als deren möglicher Nachfolger Röttgen noch vor ein paar Tagen galt: Angela Merkel.
Röttgen ist unentschieden, wie seine Zukunft aussehen soll. Nur so viel gibt er Vertrauten in diesen Tagen zu erkennen: Noch mag er seine politische Karriere nicht abschreiben. Aber er weiß, dass die Fortsetzung nur dann gelingen wird, wenn seine große Gegnerin fällt.
Sein Schweigen ist im Moment seine schärfste Waffe gegen die Kanzlerin. Bislang galt sie als eine Frau, die zu ihren Leuten hält und nicht zu rohen Machtgesten neigt. Nun hat sie ihren einstigen Gefolgsmann auf offener Bühne geköpft, das hat ihr Bild in der Partei verdüstert. Die Sympathien im Volk sind auf Röttgens Seite, so empfindet er es jedenfalls. Er hat in wenigen Tagen Tausende E-Mails erhalten, aber die Welle der Solidarität würde sofort brechen, wenn er offen Rache nähme und die Kanzlerin angriffe. Daher kann Röttgen seine Version des Rausschmisses nicht im Interview erzählen.
Er hofft, dass sie sich auch ohne sein öffentliches Zutun durchsetzt. Merkel soll als eine Chefin dastehen, die einen Untergebenen just in dem Moment stürzte, als er ihre Hilfe am meisten brauchte. Die Deutschen mögen Merkel auch deshalb, weil sie nicht zu Gefühlsausbrüchen neigt. Wenn dieses Bild nun Kratzer erhält, dann könnte sie das bei der nächsten Wahl entscheidende Stimmen kosten.
Die kalte Kündigung ist in Röttgens Augen die Panikreaktion einer Kanzlerin, die ihre Macht schwinden sah. Seinen Getreuen hat er inzwischen detailliert erzählt, wie jenes denkwürdige Gespräch am Dienstag vor zwei Wochen verlief, bei dem Merkel ihm den Stuhl vor die Tür setzte.
Merkel sagte demnach, dass Röttgen nicht mehr die Kraft und die Autorität habe, die Energiewende durchzusetzen. Röttgen erwiderte, er halte dieses Argument für vorgeschoben. Er habe keine Zweifel, dass er im Ringen mit den mächtigen Ministerpräsidenten und den Bossen der Energiewirtschaft weiterhin bestehen könne. Trotzdem will er einen Vorschlag zur Güte gemacht haben: Merkel solle ein paar Wochen abwarten. Wenn sich dann zeige, dass er im Amt nichts mehr bewegen könne, wisse er schon, was er zu tun habe.
Darauf wollte sich Merkel nicht einlassen. Ihr Minister sollte keine neue Chance bekommen. Röttgen sollte selbst zurücktreten - und zwar sofort. Als Röttgen sich weigerte, war für Merkel klar, dass sie ihn rauswerfen würde.
Viele unterstellen, dass Merkel Röttgen für illoyales Verhalten in den vergangenen Jahren bestrafen wollte. Röttgen hält den Vorwurf für absurd. Sicherlich, als einer der wenigen CDU-Männer um Merkel hatte er schon immer eine eigene Meinung. Aber gilt das schon als Verrat?
Und sein verkorkster Wahlkampf in NRW? Röttgen weiß, dass er Fehler gemacht hat. Aber ihn ärgert auch, dass die Frage, ob er nach einer Wahlniederlage in Düsseldorf bliebe, die Wähler mehr interessierte als die Schulden der Hannelore Kraft.
In seinen Augen haben die Medien an ihn, die Kanzlerhoffnung der CDU, andere Maßstäbe angelegt als an die braven Landespolitiker in Düsseldorf. Fair fand er das nicht. Und dann, schließlich, diese alberne Aufregung um einen Fernsehauftritt, in dem er - Ironie! - sagte, "bedauerlicherweise" entscheide ja der Wähler über seine Zukunft. Röttgen wundert sich nach wie vor, dass der Clip zum Renner im Internet wurde.
Wie soll es nun weitergehen? Röttgen ist klar, dass er nur dann eine Chance auf ein Comeback hat, wenn Merkel 2013 den Kampf ums Kanzleramt verliert. Im Moment ist er entschlossen, bei der nächsten Bundestagswahl anzutreten. Wie einer, der sich schon mit einer Rolle als Hinterbänkler abgefunden hat, wirkt er in diesen Tagen nicht.
DER SPIEGEL 22/2012
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