26.05.2012

ESOTERIKIm Bann des Weißbarts

Er nannte sich Bhagwan und zuletzt Osho. Er war erst der Sex-, dann der Rolls-Royce-Guru. 22 Jahre nach dem Tod des Mystikers leben seine Ideen in Hunderten Meditationszentren fort - und in Deutschland sogar in Kommunen.
Es gibt nicht viele Menschen, die mit größtem Vergnügen davon erzählen, dass sie nach dem Urteil anderer einen richtigen Knall haben. Der frühere "Stern"-Reporter Jörg Andrees Elten gehört zu dieser seltenen Spezies. Triumphierend lächelnd erinnert er sich daran, wie Kollegen und Freunde ihn "von einem Tag zum anderen auf alle Zeit für völlig verrückt erklärten".
Elten war 1977 ins indische Poona gereist, um über den Guru Bhagwan Shree Rajneesh zu berichten. Zehntausende junger Menschen, darunter viele Deutsche, zählten zu dessen Jüngern, den Sannyasins, und auch der Journalist geriet in den Bann des Weißbarts mit den tiefgründigen Augen. Der Bhagwan stellte nahezu alle Religionen und Philosophien in Frage und plädierte für die bedingungslose Freiheit des Individuums, fernab antiquierter Moralvorstellungen. Der Guru schenkte seinen Adepten neue Namen. Die Frauen unter den Sannyasins heißen bis heute Ma, die Männer Swami. Dazu gibt es Beinamen von geradezu kosmischer Kraft. Und so wurde aus Jörg Andrees Elten der Sannyasin Swami Satyananda, Wahre Seligkeit.
Elten war 51 Jahre alt. Er schmiss seinen hochbezahlten Job hin und zog nach Poona. Er wurde Müllarbeiter und Busfahrer des Gurus, der sich in seinen letzten Jahren Osho nannte. Eine kleine, private Revolution war das. Und ziemlich verrückt.
Nun, 34 Jahre später, lebt Wahre Seligkeit in Mecklenburg-Vorpommern. Der 85 Jahre alte Mann, der glatt zehn Jahre jünger wirkt, hebt beschwörend seine Hände: "Sie wollen über Osho schreiben? Sie können nur scheitern. Man kann einen Mystiker wie Osho nicht mit dem Verstand erklären."
Vielleicht ja doch. Denn 22 Jahre nach dem Tod des Meisters ist die Bewegung auf allen Kontinenten recht vital. Morgens um Viertel vor sieben schließt etwa der Sannyasin-Veteran Amano, 64, die Tür zum Osho Tabaan Meditationscenter in Hamburg auf. Die Hinterhof-Oase im Karolinenviertel ist eines von Hunderten Buddha-Feldern weltweit. So nennen Sannyasins Orte, an denen Menschen spirituell vorankommen wollen - was immer das sein mag.
Die Hamburger Doro, 30, und Silveer 22, schwitzen nach einer Stunde Meditation. Mit einem guten Dutzend Besucher, die meisten sind zwischen 35 und 50 Jahre alte Frauen, haben sie in der ersten Phase zu Sphärenklängen hektisch geatmet. Die Technik soll Körper und Geist aus ihren gewohnten Verankerungen lösen. Das Ziel: Vergiss alles um dich herum. Dann haben sie während der sogenannten dynamischen Meditation geschrien, geweint und gelacht. In der dritten Phase hüpften sie, in der vierten ("Freeze!") verharrten sie 15 Minuten in der letzten Bewegung. Dann tanzten sie. Die Zehnerkarte für jeweils eine Stunde Vergessen, Loslassen und Entspannen kostet 30 Euro.
Doro und Silveer sind die Einzigen dieser Gruppe, die noch kein "Sannyas genommen" haben. Damit ist der Initiationsritus gemeint, er ist Taufe und Glaubensbekenntnis zugleich. Zum Ritus gehören ein neuer Name und auf Wunsch auch die früher obligatorische Mala, eine Kette mit 108 Rosenholzkugeln, die ein Medaillon mit dem Bild des Meisters trägt.
Die Lehren des Meisters sind weltweit präsent. Oshos Schrifttum, in 47 Sprachen übersetzt, steht bei vielen deutschen Buchhändlern im Regal, im Internet bietet Amazon über hundert Titel von ihm an. Jahr für Jahr pilgern Abertausende Sannyasins in die Kathedralen der Bewegung: ins Osho-Meditationszentrum im italienischen Miasto, ins Humaniversity-Zentrum im niederländischen Egmond aan Zee und ins Kölner Uta-Institut, Europas größtes Osho-Zentrum. Zu Meditationen und Kursen melden sich allein dort pro Jahr rund 10 000 Frauen und Männer an.
Begonnen hatte alles in Indien, unter einem Baum. Rajneesh Chandra Mohan, 1931 im heutigen Bundesstaat Madhya Pradesh als Sohn eines Tuchhändlers geboren, fühlte sich zum Guru berufen, nachdem er 1953 erleuchtet worden sein wollte. Spirituelle Sinnsucher verstehen darunter die Erweiterung des Alltagsbewusstseins hin zu einem Gefühl des Einsseins mit der gesamten Existenz.
Rajneesh wurde Philosophiedozent und scharte von 1968 an in Bombay Schüler um sich. Recht bescheiden nannte er sich Acharya (Lehrer) und hob sich doch vom Heer der Meister ab, die auf dem Subkontinent zum Alltagsleben gehören. Er kritisierte die indische Politik und die prüde Sexualmoral. 1974 zog er nach Poona, das heute Pune genannt wird, weiter - und ließ sich zum Bhagwan (der Erhabene) promovieren.
Meditationen, Körperarbeit und jede Menge Sex zur Gesundung der Seele lehrte der Bhagwan. Auf dem Weg zur Erleuchtung müsse man "durch den Sex durchgehen", predigte er. Das passte in die Zeit: "Make Love, Not War", der Slogan des Musikfestivals von Woodstock, war inmitten des Kalten Kriegs zur Parole für die freie Liebe geworden. Und es war "in" (heute: cool), von Spiritualität zu reden, seit die Beatles 1968 in einem indischen Ashram (Ort der Anstrengung) meditiert hatten.
Unter alten Bäumen des früheren Kolonialviertels entstand in Pune eine idyllische Siedlung. Meditationen in den Gruppen, Lectures beim Meister und Kiffen am nahen Fluss sorgten für Kurzweil. Die meisten Männer, die nach Pune fuhren, träumten von zügellosem Sex, und ihre Träume wurden erfüllt.
Wer sich selbst erfahren wollte, hatte in Pune indes einen dornenreichen Weg vor sich. "Stern"-Reporter Elten nahm an einem siebentägigen Encounter ("Begegnung") teil. Über seine Zeit im Ashram schrieb er das Buch "Ganz entspannt im Hier und Jetzt". Es fand mehr als 200 000 Käufer, es gilt bis heute als Bibel der Bewegung.
Der Journalist erlebte mit acht Frauen und sechs Männern in einem fensterlosen Raum eine kleine Hölle. Alle außer ihm waren Sannyasins, alle waren in rote oder orangefarbene Kleider gehüllt. Der Meister hatte den Dresscode verordnet. Sie schlugen und sie küssten sich. Aggressionen sollten straffrei ausgelebt werden, zumeist war der Umgang aber zärtlich. Irgendwann zogen sich alle aus, bildeten einen Kreis im Liegen, die Füße berührten sich in der Mitte. Atemübungen, bewusstes Zittern. Den Kopf hin und her schlagen, bis zur Erschöpfung. Der Verstand sollte Hausverbot bekommen. Später wurde das Licht ausgeschaltet. Die Nackten durften berühren, wen sie in der Dunkelheit ertasteten.
Jörg Andrees Elten litt in der "Ego-Zertrümmerungsanlage". Aber er glaubt, in Pune "ein anderer Mensch geworden" zu sein: "Bewusster gegenüber meinen Schwächen, sensibler und wohl auch gerechter gegenüber anderen." Die Arbeit im Encounter wurde aufgelockert von Bhagwans Vorträgen. Er zitierte Freud, Nietzsche und Kant aus dem Stegreif, plapperte auf dem Niveau chinesischer Glückskeksbotschaften oder war schlicht menschenfeindlich.
Homosexualität, dozierte Bhagwan, sei "eine Perversion", das "biologische Programm" der Spermien sei heterosexuell, bei Schwulen "stimmt was nicht". Das Betriebsblatt "Rajneesh Times" druckte den Text unter der Rubrik "Meisterwerke". Kinder, die behindert geboren würden, sollten, so Bhagwan, "in den ewigen Schlaf geschickt" werden, "wenn die Eltern bereit sind". Ein solches Kind könne dann "woanders mit einem besseren Körper geboren" werden, "nichts wird zerstört".
Viele, die aus dem richtigen Leben nach Pune kamen, fühlten sich überfordert. Karl-Heinz Kabel hatte Konservenfabriken im Odenwald und in Spanien aufgebaut. Er hatte sie für viele Millionen verkauft, weil sein Herz nicht mehr mitmachte. Kabel wurde 1979 Sannyasin. Seither heißt er Kavish, der Gesegnete.
Kabel, damals 51 Jahre alt und Witwer, erlebte Pune als Befreiung: "Ich war so erzogen worden, dass ich kein geiler Bock sein durfte", sagt er heute. Sein Leben habe damals "neu begonnen", er habe "nicht mehr danach trachten müssen, immer nur mein Ego zu befriedigen". Karl-Heinz Kabel lebt in Grünwald bei München, er ist noch immer Dauergast in Pune. Vor ein paar Jahren hat er dort seine Frau Elena Kuszminka, 57, kennengelernt. Die Diplom-Chemikerin aus Weißrussland gehörte der Osho-Meditationsgruppe in Minsk an, bevor sie zu ihm zog.
Ende der siebziger Jahre trudelten auch prominente Sinnsucher in Pune ein wie der Philosoph Peter Sloterdijk, die Schriftstellerin Elfie Donnelly, die "Benjamin Blümchen" und "Bibi Blocksberg" erfand, die Schauspielerinnen Eva Renzi und Barbara Rütting.
Die meisten Sannyasins waren zwischen 25 und 30 Jahre alt, viele hatten Abitur und studiert. "CDU-Wähler gab es nie unter uns", erinnert sich Elfie Donnelly. Der ehemalige Berliner Kommunarde Rainer Langhans hält Bhagwan für einen "Kriegsgewinnler, der das Streugut der 68er-Revolte aufsammelte und auf den langen Marsch durch ihre inneren Institutionen schickte".
Für die Inder war der Ashram, in dem bis zu 50 000 Menschen hausten, davon ein Drittel Deutsche, ein Provokation. Sie fürchteten wegen der weltweit publizierten Nacktfotos "eine Zerstörung ihrer Kultur", sagt Abhay Vaidya, 48, Chef der örtlichen Tageszeitung "Daily News & Analysis". Der Widerstand wuchs - da kauften Vertraute Bhagwans 1981 im US-Bundesstaat Oregon für sechs Millionen Dollar die "Big Muddy Ranch", einst Drehort von Western mit John Wayne.
Bhagwans Land war zweieinhalbmal so groß wie Sylt. Bhagwans Vertraute Ma Anand Sheela wollte eine Heimstatt für 100 000 ständige Bewohner schaffen. Und so stampften die Mas und Swamis zwischen den hohen Hügeln eines idyllischen Canyons eine Stadt aus dem Schlamm, die sie Rajneeshpuram nannten, die Stadt ihres Meisters. Die vier Flugzeuge der Air Rajneesh hoben vom kommuneeigenen Flugplatz ab.
Eine linke Utopie schien Wirklichkeit zu werden: Die Produktionsmittel gehörten der Kommune, die Trennung von Leben und Arbeiten war aufgehoben. Kost und Logis waren frei. Es schien das Paradies vor dem Biss in die verbotene Frucht zu sein. Abends war Zeit für ein Würfelspiel nach "Monopoly"-Art. Statt Schlossallee und Badstraße gab es Felder mit spirituellen Handlungsanweisungen: "Baum für Bhagwan gepflanzt? Rücke drei Felder vor." "Eigenes Ding gemacht? Einmal aussetzen."
"Offen" zu sein war Pflicht. Lust auf Sex mit einer anderen Frau als der Freundin? Na, dann mal los. Besitzansprüche waren peinlich. "Es gab einen Zwang, nicht eifersüchtig zu sein", sagt die Autorin Donnelly. Kehrte ein Fremdgänger zu seiner Freundin zurück, hieß es achselzuckend: "Du, die Energy war einfach da."
Es waren Sternstunden der Egomanie.
Rund 260 Millionen Dollar, vor allem aus Spenden, soll die Kommune im Laufe von gut vier Jahren investiert haben. Dieter von Siemens, 57, ein Spross der Siemens-Dynastie, gab alles, was er hatte. Der Agrarwissenschaftler, der heute Feldenkrais-Therapeut in München ist und die Tanz- und Meditationsmethode Shinui lehrt, wurde Sannyasin und erfuhr eine "Erdung, die ich nicht kannte". Er spürte, "wie stark ich geistig und körperlich blockiert war". Man ahne nicht, "wie es ist, wenn sich Blockaden auflösen, man im ganzen Körper zu Hause ist und jede Zelle lebt".
Siemens war 26 Jahre alt, als er den Entschluss fasste, sich seinen Erbteil in Höhe von fast zwei Millionen Mark auszahlen zu lassen und das Geld zu spenden. Als die Kommune in Oregon 1985 zusammenbrach, verlor er alles. "Nichts" bereue er, sagt Siemens, und man mag es ihm glauben. Er habe sein Auskommen und "Einsichten bekommen, die jeden Einsatz wert waren". Es sei Oshos Anliegen gewesen, "die ganze Menschheit zum Erwachen zu bringen aus der Trance jahrtausendealter Strukturen wie des Glaubens an Religionen". Was ihn betreffe, sei dem Meister das "gelungen".
Während Rajneeshpuram wuchs, blühten auch die Kommunen in Deutschland auf. In Berlin lebten knapp 200 Sannyasins zusammen, in Köln sogar rund 400. Und auf Kosten der Gemeinschaftskasse flogen sie zu Festivals nach Oregon.
Dort zelebrierte der Guru einen obszönen Luxus. Sein Fuhrpark bestand aus mehr als 90 Rolls-Royce. Manche waren gespendet, viele aus der Kommunekasse bezahlt worden. Seine Vertraute Ma Anand Sheela, 62, die heute in der Schweiz zwei Wohnheime für Behinderte führt, erinnert sich stolz daran, dass drei Sannyasin-Mechaniker in England bei Rolls-Royce geschult worden seien.
Der Meister habe "ein kindliches Bedürfnis nach Luxus" gehabt, sagt Sheela, beim renommierten Juwelier Bucherer in Zürich habe sie für ihn Piguet-Uhren im Wert von sieben Millionen Euro gekauft.
Der Ashram war für den Meister zum Cashram geworden, die Sannyasins hatten nichts zu melden. Eine spirituelle Kommune könne auch niemals ein demokratischer Verein sein, meint Jörg Andrees Elten: "Die Kommune kennt keine Kontrolle von Macht. Sie lebt von Vertrauen. Das ist im Ashram eines Weisen nicht anders als in einem buddhistischen oder katholischen Kloster." Allein: Bisher wurde nichts über Äbte bekannt, die Dutzende Rolls-Royce vor ihrem Kloster parken.
Die Siedlung des Bhagwan gehörte zum gut 20 Kilometer entfernten Dorf Antelope, und dessen 40 Bürger konnten die rotgewandeten Neuankömmlinge nicht gut leiden. John Silvertooth-Stewart, 62, Liberaldemokrat und Obama-Wähler, sitzt auf der Veranda seines Holzhauses in Antelope und erinnert sich: Weil Rajneeshpuram rechtlich als Stadt anerkannt war, durften sich Dutzende Bhagwan-Jünger in vier Wochen auf einer Polizeiakademie zu Hilfssheriffs ausbilden lassen. Auf Streifenfahrten leuchteten sie nachts in alle Häuser hinein.
Die Lage eskalierte. Es tauchten Flugblätter fundamentalistischer Christen auf, in denen von der Eröffnung der "Jagdsaison" auf Rajneesh und seine "roten Ratten" die Rede war. Und während der Meister seine vierjährige Schweigephase genoss, kürte er Sheela zur allmächtigen Präsidentin der Rajneesh Foundation - und ließ sie eine 150 Mann starke bewaffnete "Peace Force" aufbauen.
Es war wohl Silvertooth-Stewart, der viel zum Ende der Sannyasins in Oregon beitrug. Er fand auf einem Müllplatz Beweise für die Arrangements von Scheinehen, mit denen sich die Jünger Aufenthaltsgenehmigungen erschwindeln wollten - und er verpfiff sie.
Auch der Meister selbst hatte gegen Einreisebestimmungen verstoßen. Er gab vor, seine angeschlagene Gesundheit in den USA behandeln lassen zu wollen - und bereitete in Wahrheit die Errichtung einer Großkommune vor.
Charles Turner, 73, war damals Bundesanwalt für Oregon, er leitete die Ermittlungen gegen die Kommune. Da zeigten ein paar der Menschen, die eine neue, friedliche Welt begründen wollten, ihr hässlichstes Gesicht: Eine Bande aus der Führungsriege schmuggelte Waffen aus Texas nach Oregon, um Turner zu ermorden. "Ich habe zwei Jahre mit einer Smith & Wesson unter dem Kopfkissen geschlafen", sagt der frühere Chefermittler.
Zutage kam am Ende noch mehr: In allen Telefonzellen und fast allen Häusern von Rajneeshpuram fanden die Beamten Abhöranlagen, mit denen die oberste Lagerleitung die Linientreue der Bewohner überprüfen wollte. "Wir waren bedroht. Das waren notwendige Sicherheitsmaßnahmen", sagt Sheela heute.
Als diverse Straftaten nach und nach ans Licht kamen, hatte sich Sheela längst abgesetzt. Sie wurde mit internationalem Haftbefehl gesucht, im Oktober 1985 im Schwarzwald verhaftet und an die USA ausgeliefert.
25 Sannyasins standen wegen der Straftaten vor Gericht, 8 erhielten Freiheitsstrafen. Sheela wurde unter anderem wegen unerlaubten Abhörens und der Vergiftung von Lebensmitteln zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt, wegen guter Führung aber nach zwei Jahren und fünf Monaten vorzeitig entlassen. Sie wagte mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann, ebenfalls ein Sannyasin, einen Neuanfang in der Schweiz. Sheela neigt dazu, schnell müde zu werden, wenn ihr heute Fragen zu den Straftaten gestellt werden. Sie hat ihre eigene Wahrheit: "Ich habe unschuldig im Gefängnis gesessen."
Nüchtern betrachtet war die Inderin Protagonistin eines Lehrstücks über Aufstieg und Fall sozialer Bewegungen, die von einem charismatischen Führer begründet werden. Ob es Jesus, der Mormone Joseph Smith, der Scientologe Ron Hubbard oder Bhagwan ist: Nach einer lebendigen Phase der Experimente mit Visionen vom neuen Menschen erstarren die Bewegungen zu einer Art Kirche mit einem schwer kontrollierbaren Eigenleben. Die "Veralltäglichung des Charisma" hat der Soziologe Max Weber diesen Prozess genannt.
Bhagwan hatte während seiner Schweigephase fast alle Brücken zu seinen Schülern abgebrochen. Er nahm nur noch "wie eine Figur aus dem Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds" (Elten) am Lenkrad eines seiner Rolls-Royce die Parade seiner Jünger ab. Sheela hatte den "Rajneeshismus" zur Religion erklärt.
Der Freiburger IT-Unternehmer und Sannyasin Wendelin Ackermann, 52, ist ein Zeuge jener Zeit. Rajneeshpuram sei "eine zentral gelenkte Kommune, eine richtige Sekte" geworden. "Schwarmverhalten" habe dazu geführt, "dass wir unsere moralische Autonomie und unsere Urteilskraft verloren haben, obwohl der Meister gerade die stärken wollte".
Ende Oktober 1985 flüchtete der Guru in einem Flugzeug überraschend aus Rajneeshpuram, Polizeibeamte nahmen ihn in North Carolina fest. Der Erhabene wurde zu einer Geldstrafe von 400 000 Dollar und zu zehn Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt - unter der Bedingung, die USA sofort zu verlassen.
Da die indischen Behörden Frieden schlossen mit Bhagwan, kehrte er 1987 in den Ashram von Pune zurück. Ein Jahr später wollte der Meister plötzlich nicht mehr Bhagwan genannt werden. Seine Schüler schlugen als neuen Namen Osho vor, eine respektvolle Anrede aus der Zen-Literatur. Der Meister willigte ein.
"Das war eine bewegende Zeit damals im zweiten Ashram von Pune", erinnert sich die Autorin Donnelly. Sie lebt auf Ibiza, in ihrer Finca mit Meeresblick schreibt sie Kinderliteratur wie "Emma Panther und die Sache mit dem Größenwahn", gerade arbeitet sie an einem Roman.
Elfie Donnelly hatte in den siebziger Jahren Sannyas genommen und wurde Anasha, Innerster Kern der Ewigkeit. Sie sagt, sie habe dem Meister "viel zu verdanken, weil ich in all den Therapien und Kursen gelernt habe, mir zu vertrauen". Die Schriftstellerin wollte sich in Poona einen Alterssitz einrichten. Die Führungsclique wusste, dass sie die Rechte an "Blocksberg" und "Blümchen" für rund fünf Millionen Mark verkauft hatte. "Die haben oft versucht, viel Geld aus mir rauszuholen", sagt sie.
Elfie Donnelly fand eine Villa und Lehrer für die Gründung einer Schule neben dem Ashram in Pune. Sie überwies den Gefolgsleuten des Meisters dafür viele hunderttausend Mark. Ihr Geld verschwand, in wessen Taschen auch immer.
"Man hat mein Vertrauen gebrochen", sagt sie, und dass sie "kein Einzelfall" gewesen sei. Andere hätten auf diese Weise Millionen Dollar verloren. Als eine Art Entschädigung erhielt Donnelly ein Wohnrecht im Ashram. Sie mag es nicht mehr in Anspruch nehmen.
Der SPIEGEL wollte Mitglieder des Führungszirkels in Pune dazu sprechen. In Frage steht auch, ob jene Jünger, die Oshos Geschäfte fortführen und mit seinen Büchern und Therapien Millionenumsätze machen, ein Testament vorweisen können: Doch die Pune-Oberen lehnten ab. Dem SPIEGEL wurde ein kurzer Rundgang über das Gelände erlaubt - für einen längeren Aufenthalt hätte das Magazin unter anderem einen Verzicht auf den Abdruck von Fotos aus der Gründungsphase in Pune und aus Oregon erklären müssen. Zudem hätte der Name Bhagwan nicht erwähnt werden dürfen.
Für die meditierenden Sannyasins in aller Welt ist Pune weit weg. Sie haben ihre Zentren inzwischen überall auf dem Globus, in Taiwan und Argentinien, in Mexiko und in Griechenland. 83 Osho-Center gibt es allein in Italien, 28 in den USA, 22 in Indien und 19 in Russland. Im australischen Byron Bay sitzen Sannyasins im Gemeinderat, in Thailand hat Pranesh Pascal Sacher, ein Erbe der Wiener Tortenproduzenten, ein herrlich gelegenes Meditationsresort eröffnet. Notgedrungen konspirativ trifft sich eine Gruppe von Sannyasins regelmäßig in einem Privathaus in der iranischen Hauptstadt Teheran.
Sinnsuche ist ein florierender Geschäftszweig. Im Kölner Osho Uta Institut wird ein fünftägiges Seminar "Learning Love" mit 530 Euro berechnet, plus Verpflegung im Osho-Uta-eigenen Restaurant Osho's Place. Uta-Chef Ramateertha, selbst eine Legende unter den Therapeuten der Sannyasins, war unter seinem bürgerlichen Namen Robert Doetsch einst als Arzt tätig. Er ist der führende Mann einer GmbH, die etwa 10 Angestellte beschäftigt, weitere 30 arbeiten als Honorarkräfte mit.
Die Therapien und Kurse der Gründungsphase wurden weiterentwickelt - Fachleute hatten oft grundsätzliche Kritik an den Verfahren geübt. Joachim Galuska etwa, Mitbegründer und Ärztlicher Direktor der Heiligenfeld-Kliniken im unterfränkischen Bad Kissingen, behandelte im Lauf der Jahre Dutzende Sannyasins, die Seelenkrisen hatten.
Galuska, 57, ist ein spirituell offener und erfahrener Mensch. Die Methoden Oshos aber, sagt der Klinikchef, "haben auch Frauen und Männer angezogen, die eine richtige Psychotherapie gebraucht hätten". Nach seiner Erfahrung "bergen einige der selbsterfahrungsorientierten spirituellen Methoden die Gefahr, dass instabile Menschen dekompensieren, bis hin zur Psychose und zum Selbstmord".
Sannyasins seien sehr stark von ihrer Gruppe abhängig, urteilt der Psychotherapeut. Wie bei Mitgliedern der Zeugen Jehovas oder der Sekte Universelles Leben übernehme die Gemeinschaft einen Teil ihrer Identität. "Das System sagt, was man zu tun oder zu lassen hat", erklärt Galuska. Die in der Welt der Sannyasins noch immer verbreitete Überzeugung, das Ego müsse aufgelöst werden, sei "überholt". Das Ego müsse, so der Mediziner, "erkannt werden, um in der Welt mit einer größeren Flexibilität agieren zu können". Die spirituelle Entwicklung könne "niemals die Persönlichkeitsentwicklung ersetzen".
Ramateertha wehrt solche Kritik nicht einmal ab. Die spirituelle Therapie habe seit dem Ende der achtziger Jahre "ihre Grenzen erkannt". Bestimmte Ansätze könnten Menschen schaden - wenn sie etwa unter Psychosen litten. Diese brauchten psychiatrische Therapien.
Die heutigen Osho-Therapien, so Ramateertha, seien "Lichtjahre von dem entfernt, was in den siebziger und zu Beginn der achtziger Jahre gemacht wurde". Ein Trend sei, dass Menschen, die eine Psychoanalyse oder eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie erfahren haben, "danach zu uns zur spirituellen Therapie kommen". Körpertherapien seien noch immer ein zentraler Punkt der Arbeit im Uta-Institut, "weil Klienten ihre Persönlichkeit dabei spiegeln, in Kontakt zu sich treten können und über Probleme nicht nur geredet wird".
Doch manchen Sinnsuchern ist dies zu wenig. Sie möchten mehr als ein paarmal im Jahr Kurse in spirituellen Gruppen belegen, sie möchten mit Gleichgesinnten zusammenleben. Und so halten Veteranen, aber auch Jüngere die Sannyasin-Kommunen am Leben: 30 Frauen und Männer im Alter zwischen 30 und 75 Jahren leben etwa im Naturpark Thüringer Schiefergebirge Obere Saale nahe dem Dorf Wurzbach in den zwölf Gebäuden einer früheren Holzsägemühle.
Osho-Stadt nennt sich das Projekt, Herz und Seele der Kommune Zschachenmühle war Siddharta, er ist am 13. Mai im Alter von 76 Jahren gestorben. Er hieß mal Werner Gartung, war Gärtner auf Schloss Herrenchiemsee, hatte sich in Heidelberg als Jazzmusiker durchgeschlagen und war als Objektkünstler unter dem Namen Y Fongi zu Ruhm gekommen. Siddharta war 1982 die treibende Kraft, als rund 150 Bhagwan-Schüler auf Schloss Wolfsbrunnen nahe der hessischen Stadt Eschwege eine Kommune begründeten.
Bis zuletzt lebte er seinen Traum in Thüringen. "Wer es kann", sagte der Alt-Kommunarde, zahle 450 Euro im Monat in die Gemeinschaftskasse für Kost und Logis. Der Ashram verkauft selbstangebautes Gemüse, zusätzliche Einnahmen hat er durch die Vermietung von Räumen für den großen Edelsteinladen, den Siddhartas Frau Sigari führt.
Ein anderes Modell funktioniert auf Parimal Gut Hübenthal, zwischen den bewaldeten Hügeln des Werratals nahe Kassel. 60 Erwachsene und 10 Kinder leben dort in Wohngemeinschaften oder allein. Die meisten Bewohner arbeiten außerhalb als Architekt, Psychiater, Markthändler, Unternehmensberater oder Taxifahrer, 15 verdienen ihr Geld mit Teilzeitjobs auf dem Gelände. Es gibt Miet- und Eigentumswohnungen - man gestattet sich ein hohes Maß an Individualität.
Die Bewohner von Parimal empfinden sich als "Lebensgemeinschaft, die von Osho inspiriert" sei, die aber zugleich ihre Offenheit "für Impulse anderer spiritueller Richtungen" betont. Sie möchten ihr Leben lang an sich arbeiten.
In Hübenthal wird das Ideengut des Meisters fortentwickelt. Die Sannyasin-Bewegung sei früher apolitisch gewesen, sagt Bewohner Alfons Claes. Die soziale und ökologische Verantwortung aber sei wichtig: "Erleuchtet in einer Höhle, das reicht nicht."
Um das richtige Bewusstsein geht es auch im indischen Goa. Wenn es kalt wird in Europa, treffen sich die Veteranen der Bewegung am sogenannten Osho-Beach von Candolim. Sam Okonski, 83, gehört dazu, er wird "CIA-Sam" genannt, weil er in den sechziger Jahren in Frankfurt am Main für den US-Geheimdienst tschechische Überläufer betreute.
Es ist 22 Jahre und ein paar Tage, nachdem ihr Meister seinen Körper verlassen hat, wie Sannyasins sagen. Im Strandrestaurant D'Mello erzählt Okonski mit leuchtenden Augen von der alten Zeit. Sein Blick schweift über die Wellen des Indischen Ozeans hinüber zu den alten Mauern des Fort Aguada. "Wir wollten die Erleuchtung", sagt CIA-Sam, "und wenn wir da ein paar Millimeter vorangekommen sind, dann ist das doch viel." ◆
Von Carsten Holm

DER SPIEGEL 22/2012
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