26.05.2012

NATURSCHUTZKumpel der Konzerne

Der WWF ist die mächtigste Naturschutzorganisation der Welt. Doch die Bilanz seiner Arbeit ist dürftig: Vieles, was er macht, nützt eher der Industrie als der Umwelt oder bedrohten Tierarten.
Den Urwald schützen? Mit fünf Euro sind Sie dabei. Die Rettung des Gorillas? Gibt's ab drei Euro. Und sogar mit 50 Cent ist der Natur geholfen - wenn man sie dem World Wide Fund for Nature (WWF) anvertraut.
Fast zwei Millionen Sammelalben verkauften die Umweltschützer vergangenes Jahr zusammen mit dem Einzelhändler Rewe. In nur sechs Wochen kamen 875 088 Euro zusammen, die Rewe dem Kooperationspartner überwies.
Der WWF verspricht, mit diesem Geld viel Gutes zu tun: für Wälder, Gorillas, das Wasser, unser Klima - und den Panda natürlich, das Wahrzeichen der Naturschützer.
Auch Regierungen vertrauen der Organisation viel Geld an. Von der amerikanischen Entwicklungsbehörde bekam der WWF über Jahre insgesamt 120 Millionen Dollar. Deutsche Ministerien bedachten die Organisation lange derart üppig, dass sie in den neunziger Jahren sogar beschloss, die staatlichen Geschenke zu deckeln. Man wollte nicht wie der verlängerte Arm des staatlichen Umweltschutzes wirken.
Nur: Kann der WWF tatsächlich die Natur vor den Menschen schützen? Oder liefern die hübschen Poster der Organisation nur noch die Illusion von Hilfe und Rettung? 50 Jahre nach der Gründung mehren sich jedenfalls Zweifel an der Unabhängigkeit des WWF und an seinem Geschäftsmodell, gemeinsam mit der Industrie die Natur zu beschützen.
Der vom Genfer See aus operierende Verband gilt als mächtigste Naturschutzorganisation der Welt. Er ist in mehr als hundert Ländern aktiv, mit engen Verbindungen zu den Mächtigen und Reichen. Der Panda findet sich auf Joghurtbechern von Danone ebenso wie auf Kleidern von Jetset-Größen wie der Monaco-Fürstin Charlene. Konzerne zahlen siebenstellige Euro-Beträge, um das Logo nutzen zu dürfen. Allein in Deutschland zählt der WWF 430 000 Mitglieder. Und Millionen Menschen schenken der Organisation ihr Erspartes. Die Frage ist, wie nachhaltig dieses Geld wirklich angelegt ist.
Der SPIEGEL ist durch Südamerika und auf die indonesische Insel Sumatra gereist, um das zu prüfen. In Brasilien erzählte ein Agro-Manager von der ersten Schiffsladung nachhaltigen Sojas, die nach WWF-Standard zertifiziert wurde und im vergangenen Jahr mit viel PR-Getöse Rotterdam erreichte. Die Herkunft der Ladung, räumte der Manager ein, kenne er gar nicht genau. Auf Sumatra berichteten Angehörige eines Stamms, wie angeheuerte Trupps des WWF-Partners Wilmar ihre Häuser zerstört hatten. Sie waren der ungestörten Palmöl-Produktion im Weg gewesen.
Auch Vertreter unabhängiger Nichtregierungsorganisationen wie Rettet den Regenwald und Robin Wood sehen in der Hilfsorganisation längst nicht mehr nur den Treuhänder der Tiere. Vielen kommt der WWF eher wie ein Komplize der Konzerne vor, denen er gegen große Spenden und kleine Zugeständnisse die Lizenz zur Zerstörung der Natur erteilt.
Über 500 Millionen Euro nimmt die Organisation inzwischen pro Jahr ein - und sie hat damit durchaus manches bewegt: Es war die holländische WWF-Sektion, die Greenpeace das Protest-Flaggschiff "Rainbow Warrior" mitfinanzierte. Um Staudammprojekte an der Donau und der Loire zu verhindern, besetzten Aktivisten Großbaustellen, manchmal über Jahre. Die Schweizer Sektion wehrte sich in den achtziger Jahren so vehement gegen Atomkraft, dass die Bundespolizei ihren Geschäftsführer als Staatsfeind führte.
So unbequem der WWF wirkt, er kann auch sehr anschmiegsam sein. Auf Kritik am Kooperationskurs reagieren die Manager der Organisation gereizt. Vergangenes Jahr zog der WDR-Film "Der Pakt mit dem Panda" eine verheerende Bilanz der WWF-Arbeit. Der Autor Wilfried Huismann machte die Umweltschützer darin mitverantwortlich für die Regenwaldrodung. Ein Vorwurf, den der Verband vehement zurückweist.
Der Film sei "ungenau" recherchiert oder gar "bewusst falsch" gewesen, sagt Martina Fleckenstein. Die Biologin ist seit 20 Jahren beim WWF. Sie arbeitet in Berlin und leitet die Sektion Agrarpolitik. Fleckenstein ist eine Art Allzweckwaffe: Kaum ein runder Tisch mit der Industrie findet ohne sie statt. Sie ist eine Königin des Kompromisses. Nach dem Film wurde der WWF allerdings von Protest-Mails überschwemmt. Mehr als 3000 Unterstützer kündigten ihre Mitgliedschaft. Einen solchen Aderlass hatte die Naturschutzorganisation noch nie erlebt.
Von Tigern und Menschen
Das Wappentier des WWF ist ein possierliches Wesen, das vom Aussterben bedroht ist, weil seine Paarungslust zu wünschen übrig lässt. Die ganz großen Emotionen ruft der Panda nicht hervor. Zum Spendensammeln sind Menschenaffen besser geeignet oder Raubkatzen. Im Jahr 2010 nutzte der WWF den chinesischen Kalender und rief das "Jahr des Tigers" aus.
Die Mission Tiger verfolgt der WWF schon lange. Bereits Anfang der siebziger Jahre brachte er die indische Regierung unter Indira Gandhi mit einer Millionenspende dazu, Schutzgebiete für die bedrohten Großkatzen auszuweisen. Gut 4000 Tiger lebten damals einheimischen Schätzungen zufolge im Land. Heute sind es noch 1700. Der WWF sieht das dennoch als Erfolg. Ohne die Anstrengungen, so ein Sprecher, wären die Tiger in Indien "möglicherweise schon ausgestorben".
Was weniger bekannt ist: Für diesen Erfolg wurden Menschen vertrieben. Da seien Dörfer "umgesiedelt worden, aber nicht gegen ihren Willen", sagt Claude Martin, der von 1993 bis 2005 Generaldirektor des WWF International war. "Wir waren immer überzeugt, dass diese Sache mit rechten Dingen zugegangen ist." Doch auch daran gibt es Zweifel.
Rund 300 000 Familien mussten für den Schutz wilder Tiere ihre Heimat verlassen, schreibt Mark Dowie in seinem Buch "Conservation Refugees". Ursache der Vertreibung sei das Konzept der "Naturschutz-Festungen", das auch der WWF von jeher proklamiere. Menschen hätten darin keinen Platz. Der WWF sagt, er lehne Zwangsumsiedlungen ab. Auf das Konzept der menschenleeren Nationalparks setzte allerdings schon Bernhard Grzimek, der deutsche Fernseh-Zoologe und langjährige WWF-Stiftungsrat. Im Windschatten seines Erfolgsfilms "Serengeti darf nicht sterben" formierte sich 1961 der WWF. Die Schweizer Gründer und den Deutschen einte eine Mischung aus Naturschutz und Kolonialherrentum. Zu diesem Erbe gehört auch die Vertreibung der Massai-Nomaden aus der Serengeti.
Allein in Afrika, schätzen Experten, hat der Naturschutz seit der Kolonialzeit 14 Millionen "Naturschutz-Flüchtlinge" zurückgelassen. In diesem Modell dürfen die Ureinwohner allenfalls als Parkwächter ihre Verwandten daran hindern, das Schutzgebiet zu betreten.
Tesso Nilo ist solch ein typisches WWF-gefördertes Schutzgebiet, "ein erfolgreiches Projekt für den Tiger- und Elefantenschutz", so Martina Fleckenstein. Das Gebiet liegt im Herzen der indonesischen Insel Sumatra. Zuständig ist das WWF-Büro in der Stadt Pekanbaru.
"Retten Sie seine Heimat", steht auf einem deutschen Tiger-Plakat im dortigen Büro, das von deutschen WWF-Geldern finanziert wird. Die TV-Talkerin Sandra Maischberger hatte um Spenden für die letzten 500 Sumatra-Tiger geworben. Viele davon sollen im Tesso Nilo leben, nur wenige Stunden vom Büro entfernt.
Sunarto, ein studierter Biologe, arbeitet seit einigen Jahren als Tigerforscher im Tesso Nilo. Einen Tiger hat er dort bislang nicht gesehen. "Die Tigerdichte ist hier sehr niedrig wegen der menschlich-ökonomischen Aktivität", sagt er. Im Schutzgebiet gebe es teilweise noch Rodungskonzessionen.
Um den Raubkatzen überhaupt auf die Spur zu kommen, hat der WWF die Forscher mit Hightech-Messtechnik ausgestattet: GPS-Gerät, DNA-Analysemethoden für den Tigerkot und 20 Fotofallen. Gerade mal fünf Tiger fingen die Fotoautomaten beim letzten mehrwöchigen Shooting ein.
Der WWF sieht seine Arbeit dort als große Hilfe. Mit einem "Feuerwehreinsatz" sei im Tesso Nilo die Rettung des Regenwalds gelungen, heißt es. Tatsächlich ist das Schutzgebiet gewachsen, der Wald darin aber geschrumpft. Firmen wie Asia Pacific Resources International, mit denen der WWF früher kooperierte, hätten den Urwald gerodet, sagt Sunarto.
Sein Kollege Ruswantu führt wohlhabende Öko-Touristen auf gezähmten Elefanten durch den Park. Für Einheimische ist das Terrain tabu, von den Deutschen finanzierte Anti-Wilderer-Einheiten achten darauf. "Der WWF hat hier das Sagen, und das ist ein Problem", sagt Bahri, der einen winzigen Laden besitzt und in einem Dorf vor dem Eingang des Nationalparks wohnt. Niemand wisse, wo die Grenzen verlaufen. "Wir hatten kleine Felder mit Gummibäumen und durften plötzlich nicht mehr dahin."
Der Umweltaktivist Feri nennt diese Art von Naturschutz "rassistisch und neokolonial. Es gab hier nie Wald ohne Menschen". Tausende Kleinbauern seien im Tesso Nilo vertrieben worden, und die Zahl der wilden Tiere nehme ab, seit die Naturschützer gekommen seien. "Tesso Nilo ist kein Einzelfall."
Multinationale Unternehmen und Naturschützer arbeiteten heute Hand in Hand. "Der WWF ist verwickelt in die Umwandlung unserer Welt in Plantagen, Monokulturen und Nationalparks", sagt Feri, der die indonesische Umweltschutzorganisation Walhi unterstützt.
Das Geschäft mit dem Palmöl
Im Büro des Tigerschützers Sunarto hängt eine Karte, die den Kahlschlag auf Sumatra zeigt, der sechstgrößten Insel der Welt: In jeder Stunde wird auf einer Fläche von 88 Fußballfeldern Holz gefällt - meist für Palmöl-Plantagen.
Indonesien lebt vom Boom des Rohstoffs, das Entwicklungsland sorgt für 48 Prozent der Weltproduktion. Das Multifunktionsöl steckt in Biodiesel, Nutella, Shampoos und Hautcreme. Doch der starke Einsatz von Pestiziden auf den Monokulturen verseucht Flüsse und das Grundwasser. Die Brandrodung hat Indonesien zu einem der größten CO2-Produzenten gemacht.
Trotz Bekenntnissen zur Nachhaltigkeit holzen viele Konzerne weiter ab. Rund 30 000 Dollar Schmiergeld oder Wahlkampfhilfe koste eine Konzession, berichtet ein ehemaliger WWF-Mitarbeiter, der lange in Indonesien tätig war. "Nachhaltiges Palmöl, wie es der WWF mit dem RSPO-Zertifikat verspricht, gibt es eigentlich gar nicht", sagt er.
RSPO steht für Roundtable on Sustainable Palmoil. Das Zertifikat erlaubt es, die Produktion anzukurbeln und gleichzeitig das Gewissen der Kunden zu beruhigen. So bewirbt etwa der Düsseldorfer Konzern Henkel seinen Allesreiniger Terra Activ mit der Behauptung, "gemeinsam mit dem WWF die nachhaltige Produktion von Palm- und Palmkernöl" zu unterstützen.
Dadurch leiste das Unternehmen "einen Beitrag zum Schutz des Regenwaldes". Nur: Wie soll der Wald geschützt werden, wenn er vorher abgeholzt werden muss?
Es gebe ja "degradiertes" Gelände, Wald zweiter Klasse sozusagen, und Brachland, argumentiert der WWF. Für ihn sind Plantagen-Monokulturen und Naturschutz kein Gegensatz. "Market Transformation" heißt das Schlagwort dafür beim WWF. Es steht für den Glauben, mit Kooperation mehr zu erreichen als mit Konfrontation.
Die RSPO-Initiative startete der Verband im Jahr 2004 zusammen mit Konzernen wie Unilever (Rama, Langnese, Knorr), mit 1,3 Millionen Tonnen im Jahr einer der größten Palmöl-Verarbeiter der Welt. Mit dabei ist auch Wilmar, einer der weltgrößten Produzenten des Öls.
Wilmar habe "einen Wandel" vollzogen, lobt die WWF-Mitarbeiterin Fleckenstein. Das Unternehmen habe einen klaren Zeitplan für die Zertifizierung, soziale Kriterien seien berücksichtigt.
Davon haben die Ureinwohner des Stammes Batin Sembalin noch nicht viel mitbekommen. Sie leben inmitten der Wilmar-Plantage Asiatic Persada, südlich der Stadt Jambi. Sie ist mit 40 000 Hektar knapp halb so groß wie Berlin und soll vom TÜV Rheinland RSPO-zertifiziert werden. "Blutsauger" hat jemand an einen der Eingänge geschrieben.
Zwischen den Ölpalmen steht Roni, der Dorfälteste des Stamms, mit einigen Dutzend Menschen. Viele sind barfuß, einer trägt einen Speer, mit dem er Wildschweine jagt. Hinter ihnen liegen niedergewalzte Holzlatten. Hier stand einmal ihr Dorf.
Am 10. August vergangenen Jahres verwüstete die berüchtigte Polizeibrigade Brimob die Häuser. Zuvor hatte ein Dorfbewohner versucht, Palmfrüchte zu verkaufen, die Wilmar für sich beansprucht.
"Früh am Morgen nahmen sie 18 Leute gefangen, manche haben sie zusammengeschlagen", berichtet Roni. "Wilmar-Manager haben mit Brimob zusammengearbeitet. Dann schossen die, und wir sind mit den Kindern und den Frauen in den Wald gelaufen." In ihren Wald. "Hier leben wir seit der Zeit der Ahnen."
In den siebziger Jahren kamen die Abholzer, aber es war genug Wald da, in den Ronis Stamm ausweichen konnte. Inzwischen aber sind seine Leute umzingelt von Palmen. 20 000 Hektar, rund die Hälfte der Plantage, hatte die Vorgängerfirma illegal errichtet. Wilmar scheint das nicht zu stören. Roni hat für seinen Stamm sogar verbriefte Landrechte. Genützt hat das nichts.
Nach der Verwüstung des Dorfs warfen Organisationen wie Rettet den Regenwald und Robin Wood dem Wilmar-Kunden Unilever vor, an seiner Rama klebe das Blut von Ureinwohnern. Einige von ihnen belagerten im Dezember sogar die deutsche Unilever-Zentrale.
Das wiederum kam nicht gut an bei dem niederländisch-britischen Konzern, der Nachhaltigkeitsindices anführt und die Parole ausgegeben hat, einer Milliarde Menschen zu einer besseren Lebensqualität verhelfen zu wollen.
Dass Hütten zerstört wurden und Schüsse gefallen sind, konnte Wilmar nicht bestreiten. In einem Brief an Kunden und Freunde (darunter WWF-Partner wie der Palmöl-Finanzierer HSBC) wiegelten die Manager des Konzerns jedoch ab.
Aus der Sicht Wilmars war einem sozial ausgerichteten Unternehmen von ein paar Randalierern übel mitgespielt worden. Unilever räumte in einer internen E-Mail immerhin "unrechtmäßige Handlungen" ein und weist auf einen "Mediationsprozess" hin. Den Geschäftsbeziehungen zu Wilmar tat die Polizeiaktion keinen Abbruch. Der Palmöl-Gigant hat inzwischen Behelfsheime errichtet und sich zu Kompensationszahlungen durchgerungen.
Viele der indigenen Familien flohen vor den Brimob-Schlägern nach PT Reki, in eines der letzten halbwegs intakten Waldgebiete in der Nähe. Doch auch dort durften sie nicht bleiben, denn da befindet sich ein Aufforstungsprojekt, das von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) finanziert und vom Naturschutzbund (Nabu) unterstützt wird.
Gründer, Gönner, Großwildjäger
Gediegen grün und bürgerlich brav wirkt die WWF-Zentrale in Gland bei Genf. Silberne Tafeln erinnern noch immer daran, wem die Organisation zu Dank verpflichtet ist - den "Mitgliedern der 1001" etwa. Dieser elitäre Zirkel verdeckter Financiers wurde 1971 ins Leben gerufen, um die Organisation finanziell abzusichern.
Die Namen der Spender kommentiert der WWF bis heute nicht gern - wohl deshalb, weil auf Listen dieses Clubs Namen auftauchen, die man für die gute Sache lieber nicht erwähnt: Waffenhändler Adnan Kashoggi etwa oder Zaires Diktator Mobutu.
Als ersten Großgönner konnte der damalige WWF-Präsident Prinz Bernhard den Ölmulti Shell gewinnen. 1967 verendeten Tausende Vögel nach einem Tankerunglück vor Frankreich, doch der WWF untersagte jede Kritik: "Das könnte zukünftige Bemühungen um Spenden gewisser Industriezweige gefährden", hieß es in einer Sitzung des Stiftungsrats.
Als Ende der achtziger Jahre vermeintliche Wilderer in den Nationalparks der Weißen auftauchten, entschloss sich der WWF zur Gegenwehr. Der Nationalparkverwaltung von Zimbabwe finanzierten die Naturschützer Helikopter für Anti-Wilderer-Einsätze. Dutzende Menschen wurden bei den Einsätzen getötet.
Großwildjäger Prinz Bernhard und sein WWF-Afrika-Chef John Hanks heuerten in einer Geheimoperation Söldner an, um den illegalen Rhinozeroshornhandel auffliegen zu lassen. Allerdings wurde die Truppe von südafrikanischen Militärs unterwandert, die damals als größte Hornhändler galten.
Das Ganze sei lange her, sagt WWF-Sprecher Phil Dickie. Man habe sich geändert und nehme inzwischen keine Gelder mehr von der Öl-, Atom-, Tabak- oder Waffenbranche an. Ausgegrenzt wird jedoch keiner: In den WWF-Gremien sind deren Vertreter - etwa vom Ölmulti BP - nach wie vor willkommen.
John Hanks, immer noch Mitglied des ehrenwerten "Board of Trustees", kümmert sich heute um riesige grenzüberschreitende Naturparks in Afrika. Wie auch der WWF: Peace Parks werden diese Projekte genannt, obwohl sie viel Unfrieden stiften. Für sogenannte Peace-Park-Dialoge in Südafrika spendierte die deutsche Regierung dem WWF rund 200 000 Euro. Dabei kam immerhin heraus, dass für diesen "Friedenspark" Korridore nötig waren und Umsiedlungen von Einwohnern, die sich dagegen zur Wehr setzen.
Für neue Korridore des Kaza-Nationalparks, eines weiteren WWF-Großprojekts, will die KfW sogar 20 Millionen Euro lockermachen. "Auf jeden Euro vom WWF kommen mindestens fünf von staatlichen Stellen", schätzt Martina Fleckenstein. Der politische Einfluss der Organisation scheint enorm.
In den neuen, riesigen Parks darf auch gejagt werden - der spanische König Juan Carlos war jüngst in Botswana auf Elefantenjagd. Juan Carlos ist WWF-Ehrenpräsident, was viele Menschen empörte. Doch allein in Ländern wie Namibia gestattet der WWF in 38 Schutzgebieten die Trophäenjagd.
Reiche Europäer oder Amerikaner dürfen sich aufführen wie zu Kolonialzeiten. Sie dürfen Elefanten, Büffel, Leoparden, Löwen, Giraffen und Zebras schießen und sich nach alter Sitte das Blut der erlegten Tiere ins Gesicht schmieren. Ein WWF-Sprecher verteidigt diese Praxis. Es seien Quoten festgelegt worden, der Erlös dieser "geregelten Jagd" könne einen Beitrag zum Naturschutz leisten.
Die Mär von der Nachhaltigkeit
Andrew Murphy, ein junger Harvard-Absolvent mit Afrika-Erfahrung im US Peace Corps, arbeitet im Team "Market Transformation". Er repräsentiert die neue Generation der Umweltschützer. Sein Team sieht er als "Agenten des Wandels", die einen ganzen Markt "drehen" könnten. Murphy hat eine Menge solcher Sprüche parat: Er will die größten Produzenten und Händler von Rohstoffen wie Soja, Milch, Palmöl, Holz und Fleisch auf Nachhaltigkeit trimmen. Gibt es Erfolge? Ja, die Unternehmen wollten jetzt sehen, woher die Ware kommt. "Und wir haben kugelsichere Prüfsysteme aufgelegt." Murphy meint Standards wie den RTRS, einen runden Tisch für nachhaltiges Soja.
Zum RTRS hat der Verband im Jahr 2004 die Industrie eingeladen. Großhändler wie Cargill und Konzerne wie Monsanto, das den WWF jahrelang mit insgesamt 100 000 Dollar unterstützte, prägten die Runde.
"Es war schnell klar, dass es hier um Greenwash für die Gensoja-Vermarkter ging", sagt ein Teilnehmer. Als einige Europäer über die Gefahren des Herbizids Glyphosat sprechen wollten, wurde ihnen der Mund verboten: "Man sei ,technologisch neutral', war das Totschlagargument der Amerikaner."
Der deutsche WWF, offiziell gegen Gentechnik, sorgte dafür, dass auch die Kollegen am Tisch Platz nahmen, die dafür waren: Den Vertretern des argentinischen WWF-Ablegers, der lange von einem Militärjunta-Mann und einem Agro-Industriellen geführt wurde, finanzierten die Deutschen sogar die Reisen. Dass der WWF zusammen mit Schweizer Einzelhändlern damals längst einen strengeren Soja-Standard präsentiert hatte, interessierte hier nicht.
Das Unterlaufen der eigenen Standards scheint eine Spezialität des WWF zu sein. Und es ist diese Biegsamkeit, die dem Verband Millionenspenden der Industrie beschert. Beim Soja war es so, dass die Runde am Tisch verhandelte und verhandelte. Sie weichte hier ein bisschen auf, gab da ein wenig nach, und dann, endlich, kamen im Juni vergangenen Jahres die ersten 85 000 Tonnen RTRS-Soja in Rotterdam an. "Das war ein Erfolg", sagt die Biologin Fleckenstein. Der WWF habe die Ware genau geprüft. "Besonders gefreut hat uns, dass diese Ware gentechnikfrei war." Sie kam von zwei riesigen Höfen der brasilianischen Familie Maggi.
Das Firmenkonglomerat des Clans gilt als größter Sojaproduzent der Welt, seine Plantagen bedecken weite Teile des Bundesstaates Mato Grosso im Mittelwesten. Die Maggis waren in den achtziger Jahren aus dem Süden Brasiliens mit ihren Leuten dorthin gekommen. Sie holzten einen großen Teil des Savannen-Urwalds ab und pflanzten Soja.
Blairo Maggi stieg zum Gouverneur des Bundesstaats auf, Greenpeace verlieh ihm 2005 die "Goldene Kettensäge": In keinem Bundesstaat wurde so viel Urwald abgeholzt wie in Maggis Soja-Republik. Dort, wo seine RTRS-Musterbetriebe stehen, wurde erst vor wenigen Jahren gerodet. Die zwei Farmen sind nach RTRS-Auskunft die einzigen Lieferanten der 85 000 Tonnen zertifizierter Sojabohnen, die im Juni in Rotterdam ankamen.
Nur: Gentechnikfrei ist hier nichts.
Im Schatten einer Lagerhalle der Fazenda Tucunaré erhebt sich ein zehn Meter hoher weißer Tank mit der Aufschrift "Glifosato", dem portugiesischen Wort für das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat. Tausende Liter passen da rein. Nur hundert Meter entfernt liegen die Wohnhäuser der Arbeiter. Gleich hinter dem Zaun steht stinkendes Wasser in Gräben und schillert grünlich. Daneben liegt ein Depot, auf dem Schilder mit Totenkopf warnen: "Vorsicht, hochgiftig!"
Glyphosat ist als Herbizid zum Schutz genmanipulierten Sojas beliebt, weil die Pflanze gegen das Gift resistent ist - nur das Unkraut stirbt. Obwohl sich kritische Studien mehren, die etwa Fortpflanzungsschäden bei Tieren nachweisen, erlaubt das RTRS-System seinen Gebrauch.
Auch andere Pestizide sind kein Problem, RTRS verlange nur einen "vernünftigen Einsatz", sagt João Shimada, der Nachhaltigkeitsmanager der Grupo Maggi. Das mit den 85 000 Tonnen Soja zu erklären sei nicht ganz einfach, sagt er. "In Wahrheit haben wir damit eine Nachfrage erfüllt, die aus Europa kam." Unternehmen wie Unilever brüsten sich seitdem damit, nachhaltiges Soja zu verwenden. Tatsächlich stammen höchstens 8000 Tonnen von den beiden Farmen.
"Ich weiß auch noch nicht, wo die restlichen 77 000 Tonnen hergekommen sind", so Shimada. "Book & Claim" wird diese märchenhafte Vermehrung vermeintlich nachhaltiger Ware in Fachkreisen genannt. Das ist das Ergebnis des angeblich kugelsicheren Prüfsystems, von dem der WWF-Nachwuchsmann Murphy schwärmt. Inzwischen gibt es schon 300 000 Tonnen dieser vermeintlich nachhaltigen Ware.
In Gland senkt sich die Sonne über den Genfer See. Andrew Murphy hat es eilig, er muss weiter nach China, die Natur retten. Zwar darf der WWF dort noch immer keine Mitglieder werben, aber Kooperationen mit Parteikadern könnten der Umwelt ja auch was bringen.
Von Jens Glüsing und Nils Klawitter

DER SPIEGEL 22/2012
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