26.05.2012

MUSIKFERNSEHENBaku - blendend

Der Eurovision Song Contest in Aserbaidschan wird als Sieg der Fassade in die TV-Geschichte eingehen.
Der große Wanderzirkus des Eurovision Song Contest (ESC) wird weiterziehen. Er wird die Aufmerksamkeit mitnehmen, die dieses Ereignis aus schwer zu erklärenden Gründen immer noch erhält. Und mehr als je zuvor wird er zwei Fragen zurücklassen: Hat er das Land verändert, in dem er stattfand, diesmal Aserbaidschan? Und den Blick der Welt auf dieses Land?
Goethe meinte: Man fühlt die Absicht und ist verstimmt. Aber Goethe war nie in Baku. Hier müsste der Satz lauten: Man fühlte die Absicht und war trotzdem beeindruckt.
Über weniges lässt sich in diesem Land, in dieser Stadt so ausgiebig philosophieren wie über das Wesen und Wirken von Fassaden. Schon der Weg vom Flughafen in die Innenstadt von Baku führt an endlosen Schmuckmauern vorbei. Sie können nicht immer verbergen, was dahinterliegt. Ölgestank verrät die Förderfelder.
Die Stadt ist keine natürliche Schönheit. Der Teil, den die Touristen und Besucher des ESC vor der Show am Samstag zu sehen bekamen, war nicht nur zurechtgemacht, er sah auch so aus. Parks, Wege, Gebäude wirkten, als hätte sie jemand gerade erst aus der Verpackung geholt. Baku war geliftet.
Die Besucher konnten, wenn sie sich informiert hatten, sogar rekonstruieren, wo die Häuser gestanden haben müssen, die der Verschönerung Platz machen mussten und deren Bewohner oft mit brutalen Methoden vertrieben wurden. Aber was die Besucher sahen, waren die geplanten Freiräume, die großzügigen Zufahrtsstraßen und Parkplätze und die spektakuläre moderne Architektur. Diese konkreten Bilder waren ungleich mächtiger als das Wissen.
Fassaden verlieren ihre Wirkung nicht dadurch, dass man sie als solche erkennt.
Trotzdem ließen sich die Verantwortlichen bei deren Errichten ungern zusehen. Manchmal war es schon zu viel, vor den drei gewaltigen Türmen in Flammenform zu stehen und Fotos machen zu wollen. Derweil hatte sich die Eurovision vom Staat wenigstens für die Teilnehmer der Veranstaltung Garantien geben lassen: Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit. Sie konnte nicht sagen, wann und in welcher Form derlei stattfinden könnte. Es sei aber natürlich wichtig, über diese Fragen nachzudenken. Mehr als Fassaden waren auch die Eurovision-Versprechen offenbar nicht, während des Grand Prix auf die Gewährung von Freiheiten zu achten.
Formal, auf dem Papier, ist Aserbaidschan ein Staat, der wenig zu wünschen übriglässt. Das Land ist Mitglied des Europarats - auch wenn es die Pflichten, die damit verbunden sind, oft ignoriert. Das Land hat Gesetze und Gerichte - auch wenn die oft nicht für Gerechtigkeit sorgen. Es sind Fassaden.
Und das Land hat Geld. Es hilft ungemein, ein autoritäres Regime attraktiv wirken zu lassen, wenn dieses Regime es sich leisten kann, Attraktivität zu kaufen. Natürlich gäbe es wichtigere Dinge, in die der Staat den Reichtum aus seinem Öl investieren könnte, als Luxus in der Innenstadt. Und theoretisch würden das vermutlich auch die meisten Gäste, die zum ESC in die Stadt gekommen sind, unterschreiben. Aber praktisch hilft es doch sehr, wenn eine Stadt, die blenden will, auch blendend aussieht.
Aserbaidschan wollte gut aussehen. Aber nicht immer auf die Art, die ein westlicher Beobachter erwarten würde. Anders als von vielen erhofft, reagierte das Regime auf die plötzliche Aufmerksamkeit aus aller Welt nicht mit demonstrativer (oder auch nur vorgeblicher) Offenheit und Entspannung.
Das geplante große Oppositionskonzert "Sing for Democracy" durfte nicht in der Öffentlichkeit, sondern nur in einer Kneipe stattfinden; Demonstrationen wurden sofort aufgelöst; zweifelhafte Prozesse gegen inhaftierte Journalisten gingen weiter. Es ging der Regierung offenkundig nicht darum, nach außen Eindruck durch Nachgiebigkeit zu machen, sondern nach innen durch Härte. Sie zeigte der Bevölkerung, Freund und Feind, dass sie sich von dem internationalen Druck gar nicht beeindrucken lässt.
Offenbar wollte die Regierung weder friedliche Proteste zulassen noch hässliche Bilder von ihrer gewaltsamen Auflösung produzieren. Beobachter hatten das Gefühl, dass die Sicherheitskräfte deshalb etwas weniger ruppig vorgingen als sonst.
Die Regierung hat davon profitiert, dass viele ihrer Gegenüber es leid wurden, dauernd hinter die schönen Kulissen schauen zu sollen. Sie fand Verbündete in Teilnehmern, Fans und Berichterstattern, die in Baku einfach die übliche irre Grand-Prix-Sause feiern wollten - unabhängig davon, was im Land passiert.
Ausgerechnet ein "taz"-Journalist nannte den Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung eine "Spaßbremse", verunglimpfte Kritiker als "Menschenrechtisten" und machte sich über die schwedische Teilnehmerin lustig, weil sie - eine Ausnahme - Solidarität mit den bedrängten Bürgerrechtlern der Stadt zeigte.
Der Europäischen Rundfunkunion EBU, dem Veranstalter des jährlichen Wanderzirkus, war ohnehin daran gelegen, die Fassade einer unpolitischen Veranstaltung aufrechtzuerhalten. Sie trat als Verbündeter der Regierung auf, geeint durch den Wunsch, eine in jeder Hinsicht reibungslose Veranstaltung über die Bühne zu bringen.
"Wir sind nicht glücklich über das, was hier passiert ist", sagte Annika Nyberg Frankenhaeuser, die Mediendirektorin der EBU, in Bezug auf die Zerschlagung mehrerer friedlicher Demonstrationen in Baku. Die EBU habe das Thema aber gegenüber den Behörden noch nicht angesprochen. Sie konnte auch nicht sagen, wann und in welcher Form das stattfinden könnte oder werde.
Die EBU-Generaldirektorin Ingrid Deltenre hingegen sagte, man habe die Behörden um eine Erklärung für angebliche Verhaftungen von Journalisten gebeten.
Wenig sprach dafür, dass die EBU sich darum sorgte, dass hinter den bunten Kulissen der vermutlich größten nichtsportlichen Fernsehshow der Welt auch ihre Werte überleben. Es sind die Werte, für die Europa steht oder stehen sollte: Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit etwa. Rund um den ESC konnte man aber auch erleben, wie verdruckst Europäer darin sind, diese Werte zu verteidigen und zu leben.
Ein selbstverständliches Bekenntnis dazu wurde gelegentlich von Westeuropäern selbst als überheblicher Missionierungsversuch abgetan, universales Menschenrecht als Luxusphänomen relativiert.
Es war bestürzend zu sehen, wie schnell sich die Errungenschaften eines Rechtsstaats, mit all seinen Macken, relativieren lassen, wenn etwa die EBU-Chefin Deltenre die rechtlich fragwürdigen Zwangsräumungen in Aserbaidschan mit Umsiedlungen vor den Olympischen Spielen in London verglich.
Aserbaidschan wiederum wollte zeigen, dass es zu Europa gehört. Der ESC suggeriert diese Nähe. Und mit dem endlos wiederholten Verbot einer "Politisierung" dieser Veranstaltung lässt sich auch die bloße Forderung, Menschenrechte zu respektieren, von der Tagesordnung wischen. Dass der ESC längst von der aserbaidschanischen Regierung politisiert wurde, fiel dabei regelmäßig unter den Tisch.
Fast alles an Aserbaidschan ist bemerkenswert, und manches auch bemerkenswert positiv, insbesondere für ein Land, das an Iran grenzt, wo viele Aseri unter einem ganz anderen Regime leben.
Das autoritäre Regime ist aber nicht nur weniger schlimm, sondern auch geschickter als Diktaturen. Im Vorfeld hatte es einzelne Aktivisten zur Armee einziehen lassen oder sie verhaftet, weil bei ihnen plötzlich Drogen gefunden worden waren. Die beiden prominenten Organisatoren von "Sing for Democracy" sagten, sie seien von der Uni geworfen worden - eine Repression, wirkungsvoll, aber gerade klein genug, um keinen Aufschrei zu provozieren. Das ist vielleicht der beste Fassadentrick des Landes: dass es sich so wenig autoritär anfühlt.
Der ESC hat Baku gewaltige Aufmerksamkeit gebracht. Viele bunte, schöne und geschönte Bilder, aber auch reichlich Kritik. Ob und wie der ESC das Land tatsächlich verändern wird, ist offen. Kritiker im Land fürchten, dass nach ein, zwei Monaten Schonzeit das Regime mit Macht zurückschlagen wird. Aber auch das ist nicht ausgemacht.
Vielleicht wird sich herausstellen, dass der Song Contest einfach eine neue bunte Fassade war, und dahinter ist: nichts.
Auf die Frage, ob der Wettbewerb ein wenig mehr Demokratie nach Aserbaidschan bringen könnte, sagte ein Kenner des Landes: "Ein Land, das sich demokratisieren will, braucht dafür nicht den Eurovision Song Contest." ◆
Von Stefan Niggemeier

DER SPIEGEL 22/2012
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