26.05.2012

Heile Welt

GLOBAL VILLAGE: Warum eine neue Bewegung aus den Niederlanden Toaster und Bügeleisen repariert
Jede Revolution hat Helden. Diese Revolution hat Tonke, John und Koen: drei Männer, die an ihren Tischen sitzen und die Welt in Ordnung bringen wollen. Sie schrauben, drehen, feilen, hämmern, frickeln. Sie sind schwer beschäftigt. Sie haben der Überflussgesellschaft den Kampf angesagt. Sie reparieren.
"Ein mittelalter CD-Player", sagt Tonke. "Das ist Billigware, made in China. Gebaut, um schnell kaputtzugehen."
"Ein alter Toaster", sagt John. "Rastet nicht mehr ein. Könnte sein, dass da eine Feder gebrochen ist." In einem früheren Leben hat John medizinische Geräte in Krankenhäusern repariert.
Vor Koen liegen die Einzelteile eines Dampfbügeleisens. Gerade hat er das Gehäuse abgeschraubt, nun beugt er sich hingebungsvoll über das Unterteil aus Plastik und Drähten. Er sieht konzentriert aus, man sollte ihn jetzt besser nicht stören. Eine Frau, die hinter Koen steht, sagt: "Das Problem ist der Dampf, dieses Bügeleisen hört nicht mehr auf zu dampfen."
Willkommen im "Repair Café" in der Balistraat Nummer 48A in Amsterdams Osten! Im Eingangsbereich eines unauffälligen Gemeinschaftszentrums, ausgestattet mit vier Holztischen, einer Sitzecke und einem Tresen, haben sie sich eingefunden, rund 20 Männer und Frauen aus dem Viertel. Sie haben defekte Elektrogeräte mitgebracht, Kleidungsstücke, Taschen, Sitzmöbel. Auf den Tischen stehen Werkzeuge und Nähmaschinen.
Gekommen sind auch heute wieder jene, die sich eine teure Reparatur beim Kundendienst oder ein neues Produkt nicht leisten können; die ein Problem damit haben, ständig alte Drucker und Kaffeemaschinen wegzuwerfen, und solche, die einfach lernen wollen, wie man einen Schaltkreis überbrückt.
Auf der anderen Seite: die Bastler und Schrauber, die versuchen, Geräte wieder zum Laufen zu bringen, einen kaputten Reißverschluss auszubessern oder ein loses Stuhlbein anzuleimen. Es sind Freiwillige wie Tonke, John und Koen - sie reparieren kostenlos, weil sie anderen etwas beibringen wollen, weil sie Rentner, arbeitslos oder einfach nur Idealisten sind.
Das Repair Café, so schwärmen Politiker und Sozialwissenschaftler, gehöre zu den zurzeit aufregendsten sozialen Projekten in den Niederlanden.
Das erste wurde vor zweieinhalb Jahren in einem Stadtteil von Amsterdam gegründet, heute gibt es 39 Repair Cafés im ganzen Land. Belgien und Frankreich interessieren sich mittlerweile für das Konzept, Blogger aus Amerika und Israel verbreiten die Idee im Netz. Im April wurde in Köln das erste deutsche Repair Café eröffnet. Aus dem Projekt wurde eine Bewegung, ein Fanal gegen die Wegwerfgesellschaft.
Dabei ist die Idee eher schlicht: Indem Leute zusammenkommen, um Dinge zu reparieren, lernen sie, Müll zu vermeiden, nachhaltiger zu leben. Und: die Anonymität zu überwinden. "In den Repair Cafés", sagt ihre Gründerin Martine Postma, "treffen Leute aufeinander, die sonst in ihren Ghettos leben oder vereinsamen, viele Alte, viele Migranten."
Postma, eine 42-jährige Journalistin, erzählt, sie habe sich lange Zeit gefragt, warum die Leute immer seltener reparieren. "Keiner schmeißt gern etwas weg. Aber fast alle finden es bequemer, etwas Neues zu kaufen. Die Industrie treibt uns ständig dazu an, neu zu konsumieren. So wird das Reparieren langsam zu einer aussterbenden Kultur."
Es waren Texte wie das "Repair Manifesto", eine Kampfschrift von holländischen Designern, die Postma inspirierten. "Sei kein Sklave der Technologie - sei ihr Beherrscher!", heißt es darin. Oder: "Reparieren ist kreativ! Reparieren überlebt die Mode!"
Im Oktober 2009 gründete die Journalistin das erste Repair Café, es folgte eine kleine Sensation. Radiosender berichteten über sie, von überall her meldeten sich Freiwillige. Leute, die kaputten Dingen ein zweites Leben gönnen, die nicht abhängig sein wollen vom Diktat der Technik. Es geht dabei nicht nur um defekte Geräte, es geht um Politik, um Erneuerung, um eine Kulturrevolution.
Weil sie die Bewegung irgendwann nicht mehr allein koordinieren konnte, gründete Postma eine Stiftung. Sie erhielt Unterstützung vom Umweltministerium und von einer Organisation, die sich für den "sozialen Zusammenhalt" in schwierigen Stadtteilen einsetzt, ins Leben gerufen nach der Ermordung des Politikers Pim Fortuyn 2002 und des Filmemachers Theo van Gogh 2004.
Auch die Balistraat, die Straße vor dem Repair Café, sagt Postma, gehört zu einem Problemviertel. Doch im Inneren des Cafés ist die Welt noch heil. Neugierig schauen zwei Türkinnen mit Kopftuch in den Raum, in dem die Nähmaschinen rattern. Radha aus Surinam und Dalip aus Indien, ein Pärchen aus der Nachbarschaft, haben eine kaputte Mikrowelle vorbeigebracht, sie stellen den riesigen Kasten schüchtern lächelnd auf den Tisch von Tonke und John.
"Schon wieder Chinaware", sagt Tonke. "Ihr braucht ein Ersatzteil", sagt John. Nur Koen schweigt und runzelt die Stirn. Das verdammte Dampfbügeleisen zickt immer noch. Eine technische und eine politische Herausforderung.
Von Daniel Steinvorth

DER SPIEGEL 22/2012
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