26.05.2012

SPIEGEL-GESPRÄCH

Sie haben Angst vor uns

Von Bönisch, Georg und Rapp, Tobias

Vor fast drei Wochen ist der iranische Musiker Shahin Najafi untergetaucht, weil gegen ihn eine Fatwa verhängt wurde. Ein Besuch in seinem Versteck.

So sieht also das Exil im Exil aus. Auf der Flucht vor den Drohungen iranischer Ajatollahs ist der iranische Liedermacher Shahin Najafi, 31, in einem Gartenhaus in der Nähe von Köln untergekommen, zwischen zwitschernden Vögeln und einem Feigenbaum. Er steht zwar unter Polizeischutz, trotzdem scheinen die mittlerweile vier Fatwas, die in den vergangenen Wochen von führenden Geistlichen in Iran gegen ihn ausgesprochen wurden, denkbar weit weg zu sein. Najafi hat einen Song veröffentlicht, in dem er den zehnten Imam Ali al-Hadi al-Naghi anfleht, zurück auf die Erde zu kommen, um mit den Problemen des heutigen Iran aufzuräumen. Naghi gilt den Schiiten als Heiliger, er ist seit 1143 Jahren tot. Über 500 000-mal ist der Song mittlerweile allein in Iran heruntergeladen worden, dazu kommen mehr als eine halbe Million Aufrufe bei YouTube.

Der Musiker wirkt gut gelaunt, das Gespräch findet auf Deutsch statt, allerdings springt Najafi immer wieder ins Persische, sein Manager, ein Deutschiraner, übersetzt dann. Der Schriftsteller Günter Wallraff, der Najafi unterstützt, ist auch da. In der Ferne hört man Kinderstimmen.

SPIEGEL: Herr Najafi, seit fast drei Wochen verstecken Sie sich nun. Wie sieht Ihr Alltag aus?

Najafi: Ich lese, ich schreibe, ich habe meine Gitarre dabei. Ich versuche, die Bedrohung zu ignorieren.

SPIEGEL: Bekommen Sie Besuch?

Najafi: Nein, von niemandem. Nur von meinem Manager und Herrn Wallraff.

SPIEGEL: Sie sind hier in Deutschland verheiratet. Wie geht Ihre Familie mit der Situation um?

Najafi: Es ist schwierig, mehr möchte ich dazu nicht sagen.

SPIEGEL: Haben Sie Kontakt zu Ihrer Familie in Iran?

Najafi: Ich stehe in Verbindung mit ein paar Freunden. Bisher haben sie keine Probleme. Meine Mutter weiß, was passiert ist. Sie ist sehr alt.

SPIEGEL: Was macht Ihr Vater?

Najafi: Mein Vater ist gestorben, als ich fünf Jahre alt war. Er war bei der Polizei.

SPIEGEL: Wo sind Sie aufgewachsen?

Najafi: In Bandar-e Ansali, einer kleinen Stadt in Nordiran. Ich hatte dort einen Musikinstrumenteladen, vom Jahr 2000 bis Ende 2004, als ich das Land verlassen musste.

SPIEGEL: Wie sind Sie zur Musik gekommen?

Najafi: Ich habe eine Ausbildung zum professionellen Koransänger gemacht, von meinem 14. bis zu meinem 18. Lebensjahr. Dafür musste ich arabische Harmonielehre lernen, Atemtechnik, all diese Dinge, die dazugehören. Und selbstverständlich habe ich dafür den Koran studiert.

SPIEGEL: Was hat Sie daran fasziniert?

Najafi: Ich war ein sehr gläubiger Junge und habe eines Tages die Musik eines ägyptischen Koransängers in der Moschee gehört. Die Melancholie dieser Musik berührte mich so sehr, dass ich weinen musste. Also fragte ich einen Jungen, der auch da war, was denn das für eine Musik sei, und er erklärte es mir. Lustigerweise habe ich ihn vor einiger Zeit wiedergetroffen, er lebt jetzt in Süddeutschland, spielt Gitarre und hört Pink Floyd. Dass einer derjenigen, die mich zum Koransingen gebracht haben, mittlerweile einen ähnlichen Weg genommen hat wie ich, finde ich sehr beruhigend.

SPIEGEL: Dann haben Sie studiert.

Najafi: Ja, Soziologie. Aber das Studium habe ich nicht beendet. Vor allem, weil es islamische Soziologie war. Mit den Dogmen konnte ich nichts anfangen. Das war keine Wissenschaft, wie es sie im Westen gibt. Ich wurde exmatrikuliert. Dann musste ich zum Militär. Dort habe ich meinen Glauben verloren.

SPIEGEL: Was ist passiert?

Najafi: Bis dahin war ich ein junger Idealist. Ich habe in der Poesie gelebt, der Welt der Ideen. Ich dachte, das Leben besteht aus Kunst und Denken. Beim Militär habe ich auf einmal das echte Leben kennengelernt.

SPIEGEL: Ein Realitätsschock?

Najafi: Absolut. Meine Kameraden kamen fast alle aus der Unterschicht. Zum ersten Mal war ich mit der Wirklichkeit von Menschen konfrontiert, die sich durchschlagen müssen, die nichts haben und Tag für Tag ums Überleben kämpfen müssen. Die Geschichten dieser Männer waren schockierend. Manche waren gezwungen, mit Drogen zu handeln, andere mussten ihre eigene Frau verkaufen.

SPIEGEL: Wann war das?

Najafi: 1999. Der Militärdienst dauerte 21 Monate. Meine Familie dachte, wenn ich zum Militär gehe, nehme ich Vernunft an, werde ein bisschen ruhiger. Aber ich bin in allem, was ich gemacht habe, immer extrem gewesen. Als Gläubiger wie als Nichtgläubiger. Als ich vom Militär zurückkam, hatte ich vor allem verstanden, wie viel Ungerechtigkeiten es in Iran gibt. Dass die Meinungsfreiheit für die armen Leute nicht das Allerwichtigste ist, solange es keine soziale Gerechtigkeit gibt.

SPIEGEL: Warum mussten Sie Iran verlassen?

Najafi: Ich war nach dem Militär in Bands, die Coverversionen westlicher Popmusik spielten. Erst nur Instrumentals, weil es da keinen Ärger mit den Behörden gab, dann in einer Band, die Songs der Gipsy Kings nachspielte, die waren nämlich nicht verboten, also war auch eine Gipsy-Kings-Coverband erlaubt. Aber ab 2003 habe ich eigene Songs geschrieben und gespielt und wurde rasch vom Geheimdienst verfolgt. Im November 2004 habe ich dann mein letztes Konzert gespielt und bin über die Türkei nach Deutschland geflohen, weil ich wegen eines Liedes zu drei Jahren Gefängnis und 100 Peitschenhieben verurteilt worden war.

SPIEGEL: Warum Deutschland?

Najafi: Ich habe mich schon früh mit deutscher Literatur und Philosophie beschäftigt. Es gab also eine kulturelle Nähe zu Deutschland. Außerdem leben viele Exiliraner in Deutschland.

SPIEGEL: Es ist ja nicht einfach, als Künstler im Exil. Das alte Publikum ist weg, das neue Publikum kennt man nicht.

Najafi: Ich habe viel herumprobiert und bin schließlich beim Rap gelandet. Eigentlich mag ich HipHop nicht sehr, die Musik ist mir zu klischeehaft, die Subkultur, vor allem das Macho-Gehabe der Gangsta-Rapper ist nicht mein Ding. Aber gleichzeitig ist Rap eine einfache, direkte und starke Musiksprache.

SPIEGEL: Eigentlich dürften Sie sich kaum wundern, dass Ihr Song "Naghi" zu diesen Reaktionen geführt hat: Immerhin rufen Sie einen Imam an, der den Schiiten viel bedeutet, Sie rappen von geflickten Jungfernhäutchen, von Korruption und Sex. Auf dem Cover ist eine Moscheekuppel zu sehen, die einer Frauenbrust ähnelt, auf ihr ist die Regenbogenfahne gehisst. Viel mehr Provokation auf einmal geht nicht.

Najafi: Dass meine Songs das Regime ärgern, war mir klar. Das Cover ist unter anderem eine Anspielung auf die Zeitehen in Iran, die von den Mullahs, manchmal nur für ein paar Stunden, geschlossen werden und die daran mitverdienen. Und die Fahne auf der Moscheekuppel symbolisiert die Todesstrafen, die im Namen der Religion gegen Homosexuelle verhängt werden. Dass die Reaktion so extrem werden würde, hätte ich trotzdem nicht erwartet.

SPIEGEL: Der Text Ihres Songs hat etwas Satirisches.

Najafi: Ja, ich bin Satiriker. Die Mächtigen mögen keine Satiriker.

SPIEGEL: Auch Salman Rushdie könnte man als Satiriker bezeichnen.

Najafi: Fundamentalisten verstehen keinen Spaß. Niemals. Sie wollen, dass wir blindlings gehorchen, ihnen alles nachbeten und an ihre Dogmen glauben.

SPIEGEL: In "Naghi" zeichnen Sie ein Bild von Iran als total verkommener Gesellschaft.

Najafi: So ist es auch. Ein Beispiel: Wegen des Schleiers sind die paar Dinge in einem Gesicht, die sichtbar bleiben, sehr wichtig. Die Augenbrauen zum Beispiel. Und das führt dazu, dass sogar schon die jungen Mädchen sich ihre Augenbrauen tätowieren lassen. In diesem Land werden die öffentliche und die private Sphäre völlig voneinander getrennt. In der Öffentlichkeit ist nichts erlaubt, hinter verschlossenen Türen alles.

SPIEGEL: Wo hört man Ihre Musik?

Najafi: Im Geheimen natürlich.

SPIEGEL: Wie verbreiten Sie Ihre Musik denn in Iran?

Najafi: Wenn ein neues Album herauskommt, kann man es überall im Internet kaufen, außer in Iran. Deswegen bieten wir es für die Menschen dort über eine Internetseite zum kostenlosen Download an. Die Leute hören die Lieder über ihre Handys.

SPIEGEL: Die Großajatollahs sind sehr alt, die iranische Bevölkerung ist eher jung. Ist der Streit mit Ihnen auch ein Generationenkonflikt?

Najafi: Auf den ersten Blick sieht es so aus. Ich glaube allerdings, dass die Großajatollahs auch benutzt werden. Das sind alte Männer, die das Leben verlernt haben und nicht mitkriegen, was die Sehnsüchte, Interessen und Träume besonders der jungen Menschen in Iran ausmachen. Ich wette, die haben meine Lieder nie gehört. Die kennen nur ihre Studierstuben, die Schulen, in denen sie lehren. Ich weiß, wovon ich rede: Ich war ja selbst mal da. Als ich jung war, habe ich mir ihre Reden angehört. Dem Großajatollah Nasser Makarem Schirasi ...

SPIEGEL: ... der die Fatwa ausgesprochen hat, in der zum ersten Mal Ihr Name erwähnt wird ...

Najafi: ... dem habe ich begeistert zugehört, als ich noch ein Jugendlicher war.

SPIEGEL: Wer benutzt die Großajatollahs Ihrer Meinung nach?

Najafi: Iran ist schwer zu verstehen. Es wird zwar autoritär regiert, ist aber kein Staat, in dem alles von einem Zentrum aus gesteuert wird. Es gibt viele Kräfte, die nebeneinanderarbeiten, Militär, Geheimdienst, Revolutionsgarden, Klerus, Regierung. Allen gemeinsam ist die Angst vor der Jugend. Deshalb wird von mir das Bild eines Staatsfeinds aufgebaut. Ich bin ein einfaches Ziel, weit weg. Das soll davon ablenken, dass viele Intellektuelle, Menschenrechtler, Schriftsteller und Sänger im Gefängnis sitzen.

SPIEGEL: Woran glauben Sie politisch?

Najafi: Ich glaube an die Freiheit, ich bin für eine Welt ohne Grenzen. Aber das ist ein Ideal. Praktisch bin ich für einen säkularen Staat, in dem die Religion nur eine untergeordnete Rolle spielt. In westlichen Kategorien wäre ich wohl ein sozialdemokratischer Pragmatiker mit anarchistischen Neigungen. Das Wichtigste an der Demokratie, glaube ich, ist der Schutz der Minderheit.

SPIEGEL: Lässt sich eine Fatwa eigentlich revidieren?

Najafi: Das hat's bisher noch nie gegeben. Die Großajatollahs glauben sich im Besitz der absoluten Wahrheit und können sich dementsprechend nicht irren.

SPIEGEL: Der iranische Ajatollah Mahmud Amdschad, der seit einiger Zeit im Exil lebt, hat die Fatwa gegen Sie kritisiert. Haben Sie Verbündete jenseits Ihrer Fans?

Najafi: Es sind Zigtausende, die sich im Internet zu Wort melden und mich ermutigen, nicht aufzugeben.

SPIEGEL: Schreckt Sie der Gedanke, dass Sie sich womöglich lange verstecken müssen?

Najafi: Ja, sicher. Aber ich bin Musiker, ich muss auftreten. Ich kann nicht aufgeben. Ich muss noch mutiger werden. Wir wissen, dass wir viele Feinde haben. Nicht nur in Iran. Aber das ist egal. Die Zukunft gehört uns. Ich finde, die Kunst ist eine Kraft, um die Welt zu verändern.

SPIEGEL: Das sind große Worte.

Najafi: Gestern Nacht habe ich im Internet ein Video gesehen. Zwei maskierte Männer bedrohen mich, auf Persisch mit afghanischem Akzent. Sie fragen: Warum beleidigst du unseren Glauben? Wir finden dich, egal wo du dich versteckst, du bist nirgendwo sicher. Und sie reden auch Deutsch. Vielleicht leben sie in Deutschland oder sind hier aufgewachsen. Was soll ich machen? Nachgeben? Reue zeigen? Das werde ich nicht. Ich glaube an die Geschichte. Wir brauchen Zeit. Es wird dauern, bis sich was ändert. Aber es wird passieren.

SPIEGEL: Herr Najafi, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteure Georg Bönisch und Tobias Rapp.

DER SPIEGEL 22/2012
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