26.05.2012

ESSAYDateien kann man nicht lieben

Von Elke Schmitter
Erst mal: eine Erinnerung. Nicht nur, weil es schön ist, in Erinnerungen zu schwelgen. Sondern auch, weil das Gedächtnis unser Maßstab für die erlebte Gegenwart ist - spontan, intuitiv und rechthaberisch. Denn wie es war, so war es meistens gut, schon weil man selbst die Hauptfigur der eigenen, inneren Geschichte ist und weil man möchte, dass sie so und nicht anders sinnvoll war. Und schließlich, weil in der gegenwärtigen Lage drei Generationen, mindestens, miteinander klarkommen müssen. Dreimal Erziehung des Herzens mit demselben und zugleich ganz anderem Material: die Kinder der Bits & Bytes, die Kassetten-Generation und die Musiktruhen-Inhaber.
In meinem Vaterhaus stand so ein Ding. Kompakt und elegant, schimmernd und voller Geheimnis. Eine Art Hausbar der Musik, Betreten nur den Befugten erlaubt. Man konnte Radio hören und Platten auflegen, man musste behutsam sein: den Regler am Radio langsam drehen, an Wörtern wie "Vatikan" und "Luxemburg" entlang zu "Paris II", "London" und "AFN". Zwischen Rauschen und Fiepen und Gemurmel in fremden Sprachen, zwischen Störgeräuschen und Sprachgeschnatter den richtigen Sender finden, den coolen Swing, die großen Heuler des Pop und den elementaren Soul zwischen Orgelkonzerten und Wirtschaftsgesprächen aus der unermesslichen Tiefe ziehen. Sich die richtigen Positionsmarkierungen merken und dennoch mit dem Zufall befreundet sein. Um dann, wenn man endlich allein im Wohnzimmer war, die Plattensammlung zu entern: ein Block von vielleicht 30 unhandlichen Hüllen, die vorn und hinten opulent mit faszinierenden Bildern, aber auch kruden Informationen versehen sind. Da stand das Copyright, irgendein Produzent, irgendein Studio, alles uninteressant. Entscheidend nur der Moment, nach dem der Tonarm an der richtigen Stelle gelandet war, die Nadel die Rille gefunden hatte: Musik. Die "Brandenburgischen Konzerte" in immer derselben Einspielung, das Musical "Hair" in unabwendbarer Reihenfolge der Songs, "Lady Madonna" mit dem Kratzer an verlässlich derselben Stelle. Musik als Rausch der Wiederholung, als fliegender Teppich für Tagesreste und Hoffnungen aller Art, Musik als passiver, geduldiger Freund, als Objekt der Eroberung und als Initiator der inneren Ausschweifung. Gespeichert in einem luxuriösen Tresor, so geheimnisvoll wie ein Auto und von kompakter und objektiver Qualität.
Phase II: der phantastische Bandsalat. Der erste Kassettenrecorder, natürlich schwarz, und die erste eigene Sammlung. Aus den Hitparaden herausoperiert, Ansagereste vorn und die Schlusstakte abgeschnitten, aus lauter Nervosität, um dem Gequatsche des Moderators zuvorzukommen. Verschenkte, geschenkte Pretiosen: Kassetten mit unversehrten Songs, sorgsam beschriftete Einlegeblätter, vorn mit Bildern beklebt. Einblicke in die Seele der Klassenkameraden, der Kommilitonen. Wundersame Expeditionen in die Gefühlswelt, denn nichts berührt die Seele so unmittelbar wie Musik: die weltabgewandte Entschiedenheit, mit der Glenn Goulds linke Hand über das Elfenbein wandert, sein Summen und leises Stöhnen im langsamen Satz des E-Dur-Konzerts von Bach. Die raue Erotik von Marvin Gaye, Joan Baez' ergreifende, klagende Innerlichkeit, die kehligen Schreie von Janis Joplin - Appelle an unseren ersten sozialen Sinn: unser Vermögen, zu hören und zu begreifen, dass da noch etwas außer uns ist, das ein Bewusstsein hat und mit dem wir in Verbindung sind. Denn wir können die Augen schließen, aber die Ohren nicht.
Bald kam auch die erste eigene Sammlung, die langsam, aber unaufhörlich wuchs und sich um Musik von Freunden erweiterte. Die Gewöhnung an andere Sounds, weil sie als Gesten des Vertrauens und der Zuneigung gewidmet worden waren und weil es eine zwar virtuell schon unendliche, aber praktisch doch endliche Auswahl gab: Irgendwann rissen die Bänder oder verwickelten sich, wurden mit zahllosen kleinen Drehungen notdürftig wieder aufgespult, leierten aus. Die metallische, nervensägende Stimme von Joni Mitchell habe ich schließlich nur geliebt, weil ich sie jahrelang hörte, aus Mangel an anderem Stoff. Musik war ein teures Vergnügen, wenn man sie fertig, perfekt und nagelneu kaufte.
Eine Lehre aus der Beschränkung: Gute Musik bleibt gute Musik, egal wie oft man sie hört. Sie vernetzt sich jedes Mal neu mit der Situation und reichert sich so zu einem inneren Zeitspeicher an. Nicht nur, weil jedes erneute Hören das erste Mal wieder evoziert. Sondern auch, weil in dieser Kreidezeit der Musikindustrie die Aneignung der Materie, das Aufnehmen, das Tauschen und Überspielen, das Beschriften und Überschreiben, das Basteln und Kleben eine Biografie der eigenen Art wachsen ließ: in einem Stapel zerkratzter, geschundener, geheiligter Kassettenhüllen aus Kunststoff. Und in einer LP-Sammlung, deren Erwerb lange Erwägungen vorausgegangen waren: die ganze Platte und ein volles Taschengeld wegen nur eines Songs, wegen der schimmernden Hülle, wegen des Distinktionsgewinns oder trotz ihres entlarvenden Biedersinns? Zeige mir deine Sammlung, und ich sage dir, wer du bist (also Cat Stevens schnell unters Bett, wenn der Stones-Fan kommt! Bis, morgens um drei, vielleicht doch das Herz durch die Stäbe bricht). Bei jedem Umzug die Prüfung, wer man inzwischen sei, was vom akustischen Poesiealbum in die nächste Lebensphase gerettet wird, wofür man sich vor sich selbst schämt und was man bewahren will. Der taumelnde und langsam wachsende Respekt vor der gelebten Vergangenheit und der Kunst, die sich nichts daraus macht, weil das "Köln Concert" eine Sternstunde bleibt, ganz egal, wie man darüber denkt. Das alles passt in eine Kiste, die wertvoller ist als fast alles andere, denn es ist Materie, die durch aktive Andacht entstanden ist. Erhört, betastet, betrachtet, gesammelt, gesampelt.
Heute reicht meine Lebenserwartung noch aus, um irgendwann alles zu hören, was auf meiner Festplatte liegt. Aber die Sammlung wächst, und ich sehe den Zeitpunkt kommen, da Lebenszeit und Musikdateien nicht mehr kompatibel sein werden. Die letzten CDs führen ein staubiges Dasein; es sind Erinnerungsstücke darunter, die sich wohl halten werden, bis die nächste technische Umdrehung dieses Speichermedium unbrauchbar macht. Ich höre meine Musik mit einem Gerät, mit dem ich filmen und telefonieren, ein Hotel in Australien googeln und eine E-Mail schreiben kann, Flüge kaufen und Schulden machen. Jeder einzelne Song, jedes Konzert ist von blendender Klangqualität und zugleich Musik ohne Eigenschaften; unsichtbar, unantastbar, durch einen Klick zu haben und zugleich fern wie nie. Sie löst kein Besitzgefühl mehr aus, denn es gibt keinen langen Weg der Aneignung mehr.
Ein paar Klicks - die immergleichen, egal wo ich bin -, damit ein Datensatz sich zu den anderen gesellt. Es ist egal, wie viele Datensätze es sind, denn es ist Platz für alle da, und nichts muss abgestaubt und umsortiert werden, kein Regalbrett biegt sich unter der Last, kein vergessenes Exemplar taucht beim Umzug hinter dem Schrank wieder auf. Es gibt keine materiellen Zufälle, keine Unfälle mehr. Die Verwaltung der Audiothek hat ihre Tücken auf den Datenschreibtisch verlagert, in dessen unermesslichen Tiefen vieles verschwindet, weil es keine Eigenschaften mehr hat. Keine knallbunten Hüllen, keine abgestoßenen Ecken und keine Widmungen mehr. Brendels Schubert von 1972, die erste Aufnahme des Buena Vista Social Club, die letzten Seufzer von Amy Winehouse: auf dem Bildschirm eine Zeile in derselben Schrift, und irgendwo dahinter eine Codierung von 0 und 1. Das alles ist nicht "meins". Es ist ein potentielles sinnliches Ereignis bar jeder Sinnlichkeit.
Die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun entwickelt in ihrem gerade erschienenen, bemerkenswerten Buch "Der Preis des Geldes" die These, der immaterielle Geldbesitz führe zur Gier, weil er unbewusst Angst erzeuge. Dagobert Duck, der in seinen Talern badet, vergewissert sich so seines Eigentums. Wer heute am Bildschirm Zeichen bewegt und damit Gewinne macht, bewegt sich in den eisigsten Höhen der Abstraktion. Das sich per Mausklick vermehrende Geld, das die EU-Staaten gerade schöpfen, um Volkswirtschaften zu stützen, hat keine materielle Erscheinungsform und längst keinen "Gegenwert" mehr - es sind Zeichen der Hoffnung, die zugleich Zeichen der Verzweiflung sind. Beglaubigt wird das System durch das kollektive Vertrauen. Das wiederum schwindet mit jedem Mal, da ein Banker aus sportlichem Trieb oder aus Versehen ein paar hundert Millionen versenkt oder wir uns vorzustellen versuchen, was eine öffentliche Verschuldung von 2038 Milliarden für die deutsche Allgemeinheit - sollen wir das sein? - bedeutet. Es erodiert außerdem durch die Erfahrung, dass, während die virtuelle Geldmenge ständig wächst, die realen Lebensverhältnisse für sehr viele Menschen schlechter geworden sind: Gerechtigkeit, der Glaube ans Geld und der an die Gemeinschaft gehören nicht nur moralisch, sondern auch funktional zusammen.
Wenn wir heute in einem abstrakten Zeichensystem, gebildet aus Buchstaben und Zahlen, Güter tauschen, erwerben oder legal wie illegal downloaden, bewegen wir uns in einem vergleichbaren Funktionskreislauf. So, wie das Geld im Supermarkt beglaubigt werden muss, indem man wirklich etwas für diese Zeichen bekommt, so wird auch die Musik der Dateien immer wieder "real": in einem Konzert, in einem Club, bei einer Autofahrt. Diese Revitalisierung im Atmosphärischen ist nötig, weil die Sache selbst sonst ihre Aura verliert. Der Kauf oder die Inbesitznahme aber ist ein blitzschneller Vorgang ohne lebensweltliche Spuren, und das neutralisiert nicht nur die Prozedur, sondern entwertet auch die Objekte - möglicherweise nicht in ihrem Gebrauch, aber sicher in ihrem Handelswert. Es gibt unermesslich viele davon im Netz. Es ist schwer einzusehen, warum manche Geld kosten und andere nicht. Der legale Kauf und das illegale Beschaffen sind Handlungen, die sich kaum unterscheiden. Am Ende ist alles eine Datei.
Was neuer Fetisch wird, darüber lässt sich nur spekulieren.
Es bilden sich bereits neue, weil Kunst der Erfahrung möglichst vieler Sinne bedarf, um begehrt und erlebt zu werden. Nicht die Qualität der Musik, sondern das große Spektakel drum herum oder die intime Gegenwärtigkeit treibt die Liebhaber zu Madonna, den Stones und in den Club. Und Kammermusik ist nicht nur schöner, wenn man hört, wie sie gemacht wird - man versteht sie auch besser, wenn man die Leute bei der Arbeit sieht.
Sicher ist nur: Das Dateiwesen breitet sich aus, legal wie illegal. Vielleicht lohnt es sich bald auch nicht mehr, jedes Jahr fast 100 000 neue deutschsprachige Bücher zu drucken, und auch das wäre kein Weltuntergang. Books-on-Demand schonen die Umwelt, und vielleicht entstehen so wieder Bibliotheken, die Kostbarkeitsspeicher sind. Gewiss aber brauchen wir einen Gesellschaftsvertrag, der auf das Verschwinden der alten Warenform reagiert. Der Gerechtigkeit und Wertschätzung in einen medialen Kreislauf bringt, in dem es keine sinnlichen Träger mehr gibt und in dem nur noch Zeichen kursieren. Dateien lösen keine Gefühle aus - keinen Besitzerstolz, keine Erinnerung, keinen Genuss beim Betrachten, Verschönern, Pflegen, Verschenken. Und kein schlechtes Gewissen beim Klauen. Die Message des Mediums lautet: Ich bin verwechselbar, unpersönlich, inflationär.
Die Geräte, sie sind das einzig Materielle, das uns bleibt; das Einzige, das uns etwas wert zu sein scheint. Vielleicht ist eine neue Gerätesteuer die richtige Lösung.
Die alten Träger der Aura sind jedenfalls futsch. ◆
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 22/2012
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