08.02.1999

SEXINDUSTRIEPascha sein

Zwei Bayern möchten die Hamburger Rotlichtszene auffrischen: mit einem Mega-Bordell und einem erotischen Vergnügungspalast.
Hermann Müller, 46, hat sich auf der Reeperbahn genau umgeschaut. Er sieht vor allem eines - die große Chance, riesig Geld zu verdienen. "Auf dieser legendären Straße", sagt er, "betteln täglich 40 000 Touristen darum, Geld auszugeben, leider wird es ihnen nicht abgenommen."
Das wird sich, wenn es nach Müllers Plänen geht, bald ändern. Als Projektleiter ist er beauftragt, den größten Bordell- und Erotikkomplex der Stadt zu errichten. 500 Frauen könnten im Mehrschichtbetrieb ihren Dienst schieben, die ersten Prostituierten haben bereits mit der Arbeit begonnen.
Das Geld für die Erotikoffensive stammt zu einem guten Teil von dem Immobilienmakler Georg Bitterwolf, 37. Mehr als 200 Millionen Mark wollen er und weitere Geldgeber in der Sexhauptstadt Hamburg investieren. Die anderen Finanziers halten sich bisher im Hintergrund, Bitterwolf bittet da "um Diskretion".
Die kühnen Pläne werden in altem Gemäuer umgesetzt. Das einstige "Eros-Center" an der Reeperbahn 170, zuletzt mangels Kundschaft als Asylbewerberheim betrieben, soll wieder das werden, was es einmal war: Hamburgs größtes Hurenhaus.
Unter dem neuen Namen "Pascha Erotic Palace" hat das Etablissement bereits den Betrieb aufgenommen, drei Etagen im orientalischen Ambiente wurden mit Dutzenden von Wandspiegeln ausgestattet. Und der Werbeslogan ist auch schon gefunden: "Pascha sein ist fein".
Das sogenannte Niebuhr-Haus gegenüber soll ebenfalls veredelt werden. Nach den Plänen der beiden Bayern entsteht hier Deutschlands größter "Vergnügungspalast" mit 20 000 Quadratmeter Fläche, künftig "Die kleine Freiheit" genannt.
Projektiert ist ein Haus der Superlative, mit Bars und Boutiquen, Großdisco und Varieté-Theater für Glitzershows wie in Las Vegas oder im Moulin-Rouge in Paris. Und weil die Investoren von Bescheidenheit nicht allzuviel halten, lautet das Motto: "Ein Erlebniszentrum für das dritte Jahrtausend".
Die heute noch schäbige Fassade soll durch eine elektronische Reklametafel im Wert von 25 Millionen Mark verschönt werden, verheißt Bitterwolf in bunten Prospekten. Das digitale Gesamtkunstwerk, zusammengesetzt aus 16,7 Millionen Farbtönen, preist der Mann mit der Liebe zum Superlativ als "die größte Videowand der Welt".
Eigentlich wollte Bitterwolf das "Pascha" kaufen. Leider gehört es - wie die halbe Reeperbahn - Willi Bartels, 84, immer noch der unumstrittene Herrscher auf St. Pauli. "Es ist sehr, sehr schwer, mit dem Mann zu verhandeln", mußte der Bayer bald erkennen.
Schließlich hat Bartels das Freudenhaus für zehn Jahre an die Neu-Hamburger vermietet, zum stolzen Preis von 100 000 Mark pro Monat. Auch sein zweites Projekt, der Umbau des Niebuhr-Hauses, sei noch nicht "in trockenen Tüchern", sagt Bitterwolf. Er habe zunächst lediglich eine Option, das Gebäude für 31,8 Millionen Mark von dem Frankfurter Immobilien-Tycoon Werner Schleich zu erwerben.
Die hanseatische Boulevardpresse feiert schon heute mit dicken Buchstaben den neuen "Sex-Palast" von "Immo-Schorsch" und "Pascha-Müller". Er werde in Hamburg "mit offenen Armen empfangen", freut sich der Bauherr.
Der Investor und sein Projektleiter sind keine Neulinge im Geschäft. In einem Nest namens Weißenohe bei Nürnberg regiert Bitterwolf ein kleines Immobilienimperium mit rund einem Dutzend Firmen, darunter auch das Timosté Appartementhotel in Köln.
1994 hat er das Bordell gemeinsam mit 60 Geldgebern günstig gekauft. Sein Manager Müller, nach eigener Einschätzung ein "Gastronom der alten Schule", hat es zum "Pascha" umgebaut, es entstand Europas größtes Freudenhaus.
Immer wieder gab es Querelen um den Erotiktempel, den Bitterwolf am liebsten abstoßen möchte. Im Februar 1997 rückte die Polizei mit einer 300 Mann starken Truppe ein. Frauen mit gefälschten Pässen wurden vorläufig vom Dienst suspendiert, Müller verlor zwischenzeitlich seine Lizenz. Das sei ein Komplott der Konkurrenz gewesen, argwöhnt er.
Die gibt es auch in Hamburg. Albaner, Türken, Kurden und Russen haben es sich auf dem Kiez eingerichtet, kontrollieren wesentliche Teile der Geschäfte rund um die Artikel Sex und Drogen. Deshalb hat Bitterwolf einen professionellen Bordellier an die Elbe bestellt.
Herbert ("Herby") Wachtel, 64, arbeitet nach eigenen Angaben bereits seit 27 Jahren im Rotlichtmilieu: "Ich bin kein Neuling", sagt er stolz.
Seit Wochen besucht Wachtel all jene, die er im bunten Kosmos der Hamburger Halbwelt für wichtig hält. Denn wenn man "gewissen Leuten" erkläre, daß das Mega-Bordell auch für sie Vorteile habe, werde es "keine Schwierigkeiten geben".
Auch die Kundschaft soll den Puff-Gang im "Pascha" als blitzsauberes Geschäft in Erinnerung behalten. Wachtel verspricht unbefriedigten Kunden eine "Geldzurück-Garantie".

DER SPIEGEL 6/1999
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