08.02.1999

HOLOCAUSTDie Augen fest zugemacht

Neue Aktenfunde belegen: Die Deutsche Bank gab Kredite für den Auschwitz-Bau, sie finanzierte auch Projekte der SS - und die damaligen Verantwortlichen wußten Bescheid. Das verschärft die Proteste der jüdischen Organisationen in Amerika.
Deutsche Unternehmen kaufen die heiligen Kühe fremder Länder, etwa Rolls-Royce und Random House. Da drängte es auch die Geldhändler der Deutschen Bank zur Weltspitze. Mit 17 Milliarden Mark im Händchen griffen sie nach der amerikanischen Firma Bankers Trust.
New Yorks Stadtkämmerer Alan Hevesi stoppte sie. Der Verwalter riesiger Pensionsfonds riet den US-Behörden, den Deal nur zu genehmigen, wenn die Deutschen alle Holocaust-Opfer entschädigt hätten. Auf Hevesi hört man: Sein Druck auf Schweizer Banken wegen des Nazigolds hatte die Eidgenossen 1,25 Milliarden Dollar für einen "Gerechtigkeitsfonds" gekostet.
Gleichzeitig verklagten amerikanische Anwälte 103 deutsche Kreditinstitute samt der Deutschen Bank (DB) auf 18 Milliarden Dollar, weil ihren Mandanten Kontenguthaben nicht ausgezahlt worden waren oder von SS-Schergen Gold geraubt wurde.
Das trifft kaum die DB, deren Konten jüdischer Kunden 1941 konfisziert wurden; nachrichtenlose Konten hatte die Bundesregierung 1975 kassiert. Den Verkaufserlös aus 323 Kilo mutmaßlichem Opfergold stiftete die Bank zwei Verfolgtenverbänden.
Karl Brozik von der Jewish Claims Conference warf der DB danach noch "Arisierungen" vor, auch "Beteiligungen an Unternehmen, die Sklavenarbeiter ausbeuteten". Die Bank hatte 1938 unter anderem die größte deutsche Privatbank Mendelsohn & Co. übernommen, sie war eng verbunden mit I. G. Farben und Daimler-Benz.
Um das schwer beschädigte Image auf dem größten Auslandsmarkt zu reparieren, berief die Deutsche Bank eine Historiker-Kommission mit Professor Manfred Pohl, der zum Thema Raubgold bestätigte, "daß es definitiv keine weiteren Bestände gibt, deren Herkunft ungeklärt ist".
Doch am vorigen Donnerstag, drei Tage vor der Abreise des Kanzleramtsministers Bodo Hombach zu Verhandlungen in den USA über alle Ansprüche, gab Pohl öffentlich bekannt, was er durch Zufall gerade jetzt entdeckt hatte: In den Kellern des Bankhauses liegen Akten, die eine Mitschuld an den Leichen des NS-Terrors dokumentieren. Die Deutsche Bank hat an Auschwitz mitgebaut, mit Krediten für Bauunternehmen.
"Ich konnte auf die Befindlichkeit der Bank keine Rücksicht nehmen", hatte sich Pohl entschieden. Schleunigst bekannte sich Vorstandssprecher Rolf Breuer zur "ethisch-moralischen Verantwortung". Schlagzeilen in den USA folgten prompt: Diese neuen Enthüllungen, so die "Washington Post", könnten die geplante Fusion mit Bankers Trust "blockieren".
Auch Elan Steinberg, Direktor des Jüdischen Weltkongresses in New York, zweifelt nun am Gelingen der Übernahme: "Es gibt hier noch viele Holocaust-Überlebende, auf die unsere Politiker Rücksicht nehmen müssen." Paul Gallagher, Rechtsvertreter der Opfer-Kläger, nannte die Reaktion der New Yorker Behörden "überraschend aggressiv".
Michel Friedman vom Zentralrat der Juden in Deutschland hält die Finanzierung von Konzentrationslagern für eine "nicht mehr nachzuvollziehende und gar entschuldbare Mitwirkung". Abgeklärter äußerte sich der Präsident Ignatz Bubis: "Natürlich ist das eine unschöne Sache, aber ich möchte wissen, welches Unternehmen nicht in das System des Nationalsozialismus verstrickt war." Die Firmen hätten alle ihre Geschäfte gemacht, meint Bubis, "wenn eine Bank nicht beteiligt war, dann wahrscheinlich deshalb, weil sie nicht gefragt wurde".
Die Schuld der Dresdner Bank, einst Hausbank der SS, ist längst erwiesen. Doch sogar der Bundesverband deutscher Banken hat Anfang vorigen Jahres begonnen, die in seinem Archiv gesammelten Papiere aus der NS-Zeit zu sichten. Schon wird deutlich, daß auch sein Vorgänger, der "Centralverband", genauso wie die anderen Wirtschaftsverbände fest in das NS-System eingebunden war.
Alle waren in die Geschäfte der Nazis verwickelt, meint der polnische Schriftsteller und Ex-Senator Andrzej Szczypiorski: "Natürlich ist die heutige Führung der Bank dafür nicht verantwortlich. Doch für eine so angesehene Institution ist das ein schwerer Schlag." Er findet "beachtenswert, daß die Bank selbst ihre Schuld eingestanden hat". Friedman hält dagegen: "Wieviel Verdrängungsmechanismen müssen seit Jahrzehnten in der Bank wirksam gewesen sein, daß dies nicht früher bekannt wurde?"
Die DB galt anfangs den Nazis als "rote Bank", weil dort Katholiken und Juden den Ton angaben. Vorstand Hermann J. Abs hielt sogar nach den Ermittlungen der US-Militärregierung von 1946/47 "offiziell Abstand zur Partei", obschon sich seine Bank "zur Weltherrschaft verschworen" hätte. Die beiden jüdischen Vorstandsmitglieder Theodor Frank und Jacob Wassermann kündigten im Mai 1933, ihnen folgte Sprecher Georg Solmssen, der einem Kollegen geschrieben hatte:
"Ich fürchte, wir stehen noch am Anfange einer Entwicklung, welche zielbewußt, nach wohlaufgelegtem Plane auf wirtschaftliche und moralische Vernichtung aller in Deutschland lebenden Angehörigen der jüdischen Rasse, und zwar völlig unterschiedslos, gerichtet ist."
Und er protokollierte den "Mangel an Solidaritätsgefühl, der auf Seite derer zu Tage tritt, die mit jüdischen Kollegen Schulter an Schulter gearbeitet haben".
Ungeschoren blieben die um einige Nazis angereicherten DB-Vorständler, die für die "Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft" jährlich 900 000 Mark beitrugen und sich jeden Monat im "Freundeskreis Heinrich Himmler", dem sie jedes Jahr 75 000 Mark spendeten, mit anderen Wirtschaftsführern und Offizieren trafen.
Die DB beteiligte sich während des Hitler-Stalin-Paktes mit 95 Millionen Mark am Handelskredit für die Sowjetunion, danach riet Abs, "im Osten" nicht allzusehr präsent zu sein. Im Generalgouvernement Polen errichtete die DB Filialen, auch in den annektierten Städten Bielitz, Posen, Krakau, Lodz und Kattowitz.
Als sich die Rote Armee näherte, wurden die Akten der Kattowitzer Hauptfiliale nach Hannover in Sicherheit gebracht. Dort stieß Forscher Pohl jetzt auf die brisanten Unterlagen.
Als er vor 15 Jahren die DB-Filialen um Mithilfe beim Aufsuchen von Akten aus der NS-Zeit gebeten hatte, war "die Resonanz gleich Null", so Pohl. Erst der Druck der Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren habe dazu geführt, daß die Zweigstellen aktiv bei der Suche nach Dokumenten geholfen hätten.
In einer extra angemieteten Lagerhalle in Eschborn vor den Toren Frankfurts am Main sind bisher neun Kilometer Akten zusammengekommen und werden nun systematisch katalogisiert. "Die Hannoveraner wußten selbst nichts von den Akten", mutmaßt Pohl, "sonst hätten die Papiere schwerlich unbeschadet die Jahrzehnte überstanden."
Viele Kreditvorgänge der Filiale Kattowitz beschäftigen sich mit dem Bau und dem Betrieb des Konzentrationslagers Auschwitz. Die DB gewährte, so ergab eine erste oberflächliche Auswertung, mindestens zehn mit dem Bau des Vernichtungslagers betrauten Firmen Kredite.
Auch andere Institute wie die Dresdner Bank oder die Reichskreditgesellschaft haben laut Pohl wahrscheinlich an dem Bau von Auschwitz mitverdient. Die Gebäude hatte ohnehin die Allianz versichert - wie auch die Zivilangestellten in den KZ Buchenwald und Sachsenhausen gegen Schäden "durch leichtfertige oder böswillige Handlung der Häftlinge".
Pohl fand den Durchschlag einer Leistungsaufstellung der Baufirma W. Riedel & Sohn in Bielitz vom 31. August 1942 an die örtliche DB-Filiale. Um den gewährten Kredit zu belegen, meldete das Unternehmen Außenstände von 590 000 Mark. Die Leistungen wurden für die I.-G.-Farbenfabrik erbracht, die ihre Zwangsarbeiter aus dem dafür errichteten Auschwitz-Nebenlager Monowitz bezog. Aber der Brief verzeichnet auch Bauarbeiten im Wert von 88 830 Mark für die Auschwitzer Waffen-SS - an Kellern und Mauerwerk von Erd- und Obergeschossen, wobei der Gesamtauftrag 1,2 Millionen Mark betrug.
Ein halbes Jahr später wurde W. Riedel & Sohn auch mit der Fertigstellung des Krematoriums IV beauftragt. Ein Maurer der Firma lieferte einen der wenigen dokumentarischen Beweise für das größte Verbrechen der deutschen Geschichte, aufbewahrt in Auschwitzer Lagerakten. In seinem Arbeitsnachweis vom 2. März 1943 notierte er: "Fußboden betonieren im Gasskammer."
Die DB unterhielt auch eine Konto- und Kreditbeziehung mit der Erfurter Firma J. A. Topf & Söhne, welche die Öfen der Krematorien installierte. Pohl ist überzeugt davon, daß die Verantwortlichen der Zweigstelle Kattowitz wußten, was sie in Auschwitz finanzierten: "So fest konnten die Leute ihre Augen gar nicht zumachen."
Auch die Zentrale der Bank in Berlin mußte die Kreditverträge für Auschwitz abzeichnen. "Ich gehe davon aus, daß der Vorstand Bescheid wußte", sagt Pohl - die Hauptfiliale eines Bezirks durfte nur Kredite bis 150 000 Mark gewähren. Abs hat vor Jahren bereits angegeben, er habe ab 1943 von den Vernichtungslagern gewußt.
"Uns geht es nicht um eine spezielle Summe, sondern um Wiedergutmachung. Die muß die Deutsche Bank leisten, nicht mehr, aber auch nicht weniger", sagt Steinberg vom Jüdischen Weltkongreß, der nach den Gesprächen mit Hombach seinen Rat für das weitere Vorgehen an Hevesi schicken wird. Steinberg hofft, "daß wir etwas Positives empfehlen können".
Bei Hombachs Sondieren in den USA über einen Entschädigungsfonds der deutschen Wirtschaft soll auch DB-Chef Breuer mit von der Partie sein. "Es wäre falsch, wenn die jüdischen Organisationen jetzt den Versuch machten, die Deutsche Bank, den Motor der Fonds-Idee, herauszubrechen, um bessere Konditionen aushandeln zu wollen", warnt Hombach und registriert eine "dramatische" Stimmungsmache gegen das Frankfurter Finanzhaus. Gleichwohl hofft er, daß sich Mitte Februar im Dialog des Kanzlers mit Spitzenvertretern der Wirtschaft eine abschließende Regelung finden läßt. Gleich danach könne es zu ersten Entschädigungszahlungen an Zwangsarbeiter und Holocaust-Opfer vorab aus einem Fonds der Wirtschaft kommen, "mit der Deutschen Bank als Vorreiter".
FRITJOF MEYER, MATHIAS MÜLLER VON BLUMENCRON, CHRISTOPH PAULY, WOLFGANG J. REUTER
Von Fritjof Meyer, Mathias Mülller von Blumencron, Christoph Pauly und Wolfgang Reuter

DER SPIEGEL 6/1999
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