08.02.1999

FESTIVALS

Wenn der Himmel brennt

Von Weingarten, Susanne

Zwischen Holocaust und Hollywood bewegt sich das Programm der 49. Berliner Filmfestspiele, die am Mittwoch beginnen. Deutschland schickt das NS-Liebesdrama "Aimée & Jaguar" ins Rennen, die Amerikaner klotzen mit großen Produktionen.

Bomben auf Berlin. Die Luftschutzsirenen heulen mitten in Beethovens Neunter, und die Konzertbesucher drängen panisch hinaus auf die Straße. Alarm, Luftschutzkeller, Angst. Durch den nächtlichen Himmel, von Bränden grell verfärbt, ziehen Bombergeschwader der Alliierten.

Mit Bildern aus dem Berliner Kriegswinter vor genau 56 Jahren beginnt die Handlung von "Aimée & Jaguar", dem Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale. Er erzählt eine authentische Geschichte nach, die Beziehung der untergetauchten, im Widerstand aktiven Jüdin Felice (Maria Schrader) zu einer treudeutschen Hausfrau und Mutterkreuzträgerin namens Lilly (Juliane Köhler).

"Aimée & Jaguar", zugleich einer von zwei deutschen Wettbewerbsbeiträgen (der andere ist die Großstadt-Odyssee "Nachtgestalten" des Potsdamer Filmemachers Andreas Dresen), ist ein sinnliches, seine Spannung langsam auskostendes Liebesdrama, das an Pathos und zitternden Unterlippen nicht spart und von einem starken Tabu zehrt: der Liebe zwischen zwei Frauen, von denen die eine zudem eine Mitläuferin und die andere eine Gejagte ist.

Der getragene, zwischen Trümmergrau und Glamour schwankende Film ist charakteristisch für das diesjährige Festivalprogramm. Auf der einen Seite widmet dieses sich dem Holocaust, auf der anderen beherrscht - wie schon in den letzten Jahren - Hollywood den Wettbewerb. Als Auftakt eignet sich das lokalkoloristische Zeitporträt des Regisseurs Max Färberböck daher vorzüglich. Ähnlich wie zuletzt "Das Leben ist schön" gießt "Aimée & Jaguar" das an sich unfaßliche Thema der Shoah in die Form einer ergreifenden individuellen Erzählung. Durch seinen tragischen Rahmen kann der Film sich zugute halten, mehr als "Unterhaltung" zu bieten - einheimische Vorzeigekultur für die internationale Kritiker- und Zuschauerschar.

Darauf hat auch der Verleih kalkuliert: "Aimée & Jaguar" ist seit einem Jahr fertig, wurde aber nicht gestartet, weil seine Macher um den aufsehenerregenden, prestigeträchtigen Auftritt bei der Berlinale geschachert haben. Jetzt läuft der Film einen Tag nach dem Gala-Auftakt in der Hauptstadt, am Donnerstag dieser Woche, bundesweit an.

Der Spielfilm wird sich im Festival-Programm behaupten müssen gegen mehrere Dokumentationen, die mit der Macht der Authentizität an die Vergangenheit erinnern. Steven Spielberg wird den ersten Film seiner "Shoah Foundation" vorstellen, "The Last Days", in dem mehrere ungarische Juden über ihr Leben während des Zweiten Weltkriegs und danach berichten; und die Dokumentation "Ein Spezialist" zeichnet aus bislang unbekannten Filmaufnahmen vom Jerusalemer Eichmann-Prozeß 1961 ein Gerichtsporträt des unbelehrbaren Nazi-Bürokraten. Private Erinnerungen sammelt der Dokumentarfilm "Nein! Zeugen des Widerstandes in München 1933 - 1945", während "Closed Country" das Verhalten schweizerischer Ämter und Autoritäten während des Weltkriegs beleuchtet.

Am anderen Ende des Spektrums darf sich die amerikanische Populärkultur kräftig austoben: 9 der 25 Wettbewerbsbeiträge, die um den Goldenen Bären konkurrieren, kommen aus den USA, darunter auch ein so fragwürdig verzücktes Trash-Spektakel wie "8 mm" (Regie: Joel Schumacher), in dem Nicolas Cage sich vom zärtlichen Familienvater zu einem Rächer entwickelt, der einen ganzen Pornographenring massakriert. Ebenfalls exaltiert, wenn auch unblutig, hat Alan Rudolph den Kurt-Vonnegut-Roman "Breakfast of Champions" verfilmt, in dem Hauptdarsteller Bruce Willis ein weiteres Mal gegen sein Image als Machoheld anspielt.

Von Cineasten wird gespannt das Weltkriegsdrama "Der schmale Grat" des 20 Jahre lang abgetauchten Regisseurs Terrence Malick erwartet, der in den Siebzigern zwei fast schon sagenumwobene Filme gedreht und sich dann von der Kamera verabschiedet hatte. Die Absenz des Kauzes hat den Anekdotenmarkt gefüttert, es kursieren Geschichten von Malick-Sichtungen, als wäre er ein Außerirdischer, und die Erwartungen an sein Comeback steigerten sich ins Unerträgliche. Die kann "Der schmale Grat" nicht erfüllen: Der Film, der (nach einem Roman von James Jones) vorgeblich von einer Schlacht am Pazifikschauplatz Guadalcanal handelt, ist eine verquälte, vielstimmige New-Age-Meditation über den Sinn des Lebens.

Etliche der amerikanischen Wettbewerbsbeiträge nutzen die Berlinale als kostenlose Startrampe in die deutschen Lichtspieltheater: Sie laufen innerhalb der nächsten Wochen an. Daß die Amerikaner das Festival durchaus "sehr ernst" nehmen, bestätigt der deutsche Hollywood-Kameramann Michael Ballhaus im SPIEGEL-Gespräch (Seite 198). Ballhaus, der als Privatmann auf der Berlinale zu Gast sein wird, ist einer der erfolgreichsten "Directors of Photography" der Welt - und zugleich einer, der in der Branche als Gentleman geschätzt wird. "Er lächelt am Drehort", lobt ihn sein Stammregisseur Martin Scorsese, mit dem Ballhaus fünf Filme gedreht hat, darunter das Mafia-Panorama "Good Fellas" (1990) und das Jahrhundertwende-Liebesdrama "Die Zeit der Unschuld" (1993).

Ballhaus' Karriere begann mit dem deutschen Autorenfilm. Bei 15 Filmen Rainer Werner Fassbinders (1945 bis 1982) stand er hinter der Kamera - häufiger als jeder andere. Aber Ballhaus ließ sich nie so stark von Fassbinder vereinnahmen wie andere Mitarbeiter seines Teams; er drehte parallel auch mit anderen Regisseuren, was dem Egomanen Fassbinder gar nicht behagte. Die Arbeitspartnerschaft scheiterte bei der Vorbereitung des TV-Mehrteilers "Berlin Alexanderplatz" (1980) unter anderem an Fassbinders Kokainabhängigkeit.

Seit Anfang der achtziger Jahre arbeitet Ballhaus ausschließlich in den USA und wurde zweimal für den Oscar nominiert, wenn auch immer "für die falschen Filme", wie er klagt. Das deutsche Kino aber hat der silberhaarige 63jährige, der Wohnsitze in Los Angeles, New York, Berlin und Franken unterhält, stets im Blick behalten. Regelmäßig hält er mit viel Engagement Kamerakurse für den Nachwuchs des Filmstudiengangs an der Hamburger Universität ab, "aus dem Gefühl heraus, etwas zurückgeben zu wollen", und lädt die Talente dazu ein, ihm bei Dreharbeiten in Hollywood zuzuschauen.

Die ersten Jahre seiner Kindheit hat Ballhaus, ein Neffe des Regisseurs Max Ophüls, in Berlin verbracht - genau zu jener Zeit, die auch "Aimée & Jaguar" schildert. Der Film erinnert Ballhaus an eigene Nächte im Luftschutzkeller und daran, wie schön er es als Junge fand, wenn es abends nicht dunkel wurde, weil der Himmel in Flammen zu stehen schien. Seine Eltern hatten einen jüdischen Bekannten, den Schriftsteller Ernst Nebhut, in ihrer Wohnung versteckt und dem Steppke Michael eingeschärft, den "Onkel" bloß nicht zu erwähnen. Nebhut entkam später über die Schweiz Richtung Amerika und kehrte nach dem Krieg heim.

Felice, die Heldin von "Aimée & Jaguar", hatte dagegen kein Glück. Sie wurde 1944 deportiert und starb vermutlich wenige Monate vor der Kapitulation auf einem der "Todesmärsche" von Auschwitz. SUSANNE WEINGARTEN


DER SPIEGEL 6/1999
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