DER SPIEGEL



VATIKAN

Im Verlies

Von Ehlers, Fiona

Vom Papst unterzeichnete Papiere sind auch nicht mehr das, was sie mal waren: geheim. Eine Flut von Dokumenten zeigt ein eher ungeschickt und hilflos agierendes Kirchenoberhaupt.

Kennen sich die beiden? Ist der eine die Quelle des anderen? Wollten sie etwa gemeinsam dem Oberhaupt der katholischen Kirche schaden, dem deutschen Pontifex Benedikt XVI.? Über wenige andere Römer wird in diesen Tagen so heftig spekuliert wie über diese beiden, die, so will's der Zufall, einander örtlich ganz nahe sind und sich in absehbarer Zeit wohl doch nicht treffen werden.

Der eine blickt aus einer vier mal vier Meter großen Arrestzelle in der Vatikan-Gendarmerie auf Mauern, die den Kirchenstaat umgeben. Seit bald zwei Wochen sitzt er dort, fast jeder kennt seinen Namen: Paolo Gabriele, 46 Jahre, der Kammerdiener des Papstes.

Kurz vor Pfingsten soll ihn Benedikts Privatsekretär Georg Gänswein höchstselbst als Spion überführt haben. Vier Kisten mit Kopien von streng vertraulichen Dokumenten an und von Papst Benedikt fanden die Ermittler in seiner Wohnung.

Seitdem gilt Gabriele als Verräter, genannt "il corvo", der Rabe, ein Tier, dem man einen Hang zum Diebstahl nachsagt. Anfang dieser Woche soll er endlich vernommen werden, seine Anwälte teilten mit, er sei bereit auszupacken.

Ist dies der Höhepunkt einer seit Januar schwelenden Affäre, "Vatileaks" genannt, in der immer neue Geheimdokumente ans Tageslicht dringen, oder ist es erst deren Anfang? Sicherlich ist die aus dem Vatikan hervorquellende Papierflut ein Indiz für eine der "schlimmsten Krisen in der Geschichte des Kirchenstaats", wie das italienische Wochenmagazin "Panorama" schreibt, und eine "schwere Prüfung" für den Papst, so die Wortwahl des Vatikan-Sprechers Federico Lombardi. Auf jeden Fall ist es ein Krimi, den sich Dan Brown auch nicht besser hätte ausdenken können - in dem Gabriele aber möglicherweise nur eine Randfigur ist, denn nach den wirklichen Drahtziehern wird weiterhin gefahndet.

Nach den jüngsten Ereignissen im Manipulationsskandal des italienischen Fußballs hatte Premierminister Mario Monti angeregt, die Serie A für ein paar Jahre schlicht auf die Bank zu schicken, und viele Römer finden, das sei im Prinzip keine schlechte Idee - nur, dass die Fußballer spielen sollten und der Kirchenstaat schließen könnte.

Der Vatikan hingegen igelte sich ein. Während seiner Generalaudienz am vergangenen Mittwoch äußerte sich Benedikt erstmals zu Vatileaks und stellte sich hinter seine Mitarbeiter, auch hinter die illoyalen. Der vatikanische Innenminister geißelte die Veröffentlichung der Geheimdokumente sogar als einen "unmoralischen Akt von unerhörter Schwere" und ermunterte die Journalisten, "auf Distanz zu gehen" zur "kriminellen Energie" eines ihrer Kollegen.

Dieser Kollege heißt Gianluigi Nuzzi. Für den Vatikan ist er offensichtlich der eigentliche Verbrecher in dieser Affäre, ein bekannter investigativer Journalist, der in einem früheren Buch bereits Korruption und Geldwäsche in der Vatikanbank aufgedeckt hat. Wegen seines neuen Werks "Seine Heiligkeit. Die Geheimdokumente von Benedikt XVI." droht ihm der Vatikan jetzt mit einer Anzeige.

Und dieser Nuzzi hält nur wenige Kilometer von der vatikanischen Gendarmerie entfernt Hof im Hotel Ambasciatori in der Via Veneto. Die war einmal berühmt für ihr Dolce Vita, als der Starregisseur Federico Fellini noch lebte und weder der Vatikan noch Italien von Krisen heimgesucht wurden.

Vor Nuzzi auf dem Couchtisch klingeln zwei Handys, Kollegen melden, dass ein Politiker seine Verhaftung fordere. Alle paar Minuten kommen Fans, sogar Angestellte aus dem nahen Vatikan, die sich das Buch signieren lassen. Sie tuscheln und rätseln über Nuzzis sagenumwobene Quellen.

Dabei sind Nuzzis Enthüllungen keineswegs überwältigend, aber sie bieten einen einzigartigen Einblick in den Vatikan und liefern den Beweis dafür, wie im Herrschaftsbereich des Heiligen Vaters Politik betrieben wird. Wie anderswo auch: Es gibt Lügen, Intrigen und erbitterte Fehden zwischen rivalisierenden Parteien.

Ein paar der gut 30 Faksimiles berichten vom banalen Alltag des Papstes: Showgrößen bieten Geldspenden und bitten um eine Audienz. Ein Dokument zeigt die Kontonummer des Papstes. Das soll den Privatdetektiv Gänswein auf die Spur von Gabriele gebracht haben, weil nur der Zugang zu diesem Papier gehabt haben konnte.

Andere Dokumente jedoch sind brisanter: etwa Benedikts Notiz für den Nuntius in Berlin, er möge bei Kanzlerin Angela Merkel protestieren, die ihn wegen seines Verhaltens in der Affäre um die Piusbrüder kritisiert hatte. Vor allem aber sind in dem Buch böse Briefe über den Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone nachzulesen. Er soll einen Erzbischof angeschwärzt haben, der als Aufräumer galt und prompt strafversetzt wurde.

Nuzzi sagt, er befürchte keine Anzeige, er habe seine Arbeit gewissenhaft gemacht. Natürlich gibt er seine Quellen nicht preis. Er nennt sie summarisch "Maria", und die Geschichte der Kontaktaufnahme mit Maria liest sich wie ein Thriller, wie das Treffen der Watergate-Enthüller mit "Deep Throat" in einer Washingtoner Tiefgarage.

Vor einem Jahr will Nuzzi zwei Vermittler getroffen haben, die seine Vertrauenswürdigkeit prüften und ihn nach einer Irrfahrt im Auto in eine leere Wohnung im römischen Stadtteil Prati führten. Dort sollte er auf einem Plastikstuhl Platz nehmen, ihm gegenüber seine Hauptquelle, die "niemals", darauf legt Nuzzi Wert, "auch nur einen Cent bekam". Er bestätigt, dass sich "Maria" aus mehreren Personen zusammensetze, sie gaben mir die Dokumente, sagt er, "sie wussten, was sie taten".

Nuzzi sagt, die Kontaktpersonen aus dem Kirchenstaat seien frustriert gewesen über das unerträgliche Verschweigen und Vertuschen im Vatikan, das sei ihr Motiv gewesen. Er hoffe jetzt auf eine Debatte, auf eine Perestroika, aber das klingt alles ein wenig hergeholt und naiv.

Sein Buch sei gar kein Anti-Papst-Buch, im Gegenteil, sagt Nuzzi, er halte den Papst für revolutionär, weil er Transparenz in die Geschäfte der Vatikanbank bringen wolle und weil er den Kindesmissbrauch bekämpfe wie keiner seiner Amtsvorgänger. Eigentlich, so behauptet er jedenfalls, möchte Nuzzi den Papst durch seine Veröffentlichung in Schutz nehmen. In Wahrheit aber schadet er ihm, weil die Dokumente vor allem eines zeigen: die Führungsschwäche von Benedikt XVI.

Nuzzi sagt: "Das Erschütterndste war, zu sehen, wie einsam dieser Papst ist und wie groß seine Mühen, den Laden zusammenzuhalten oder an Informationen heranzukommen, wegen all der Filter und Intriganten um ihn herum."

Wer steckte Nuzzi die Dokumente zu, wem ist daran gelegen, dass die Welt von angeblichen Missständen im Vatikan erfährt? Es wird viel spekuliert auf dem Petersplatz oder in der Sala Stampa bei den jetzt täglichen Pressekonferenzen mit einem peinlich berührten Papstsprecher und Vaticanisti, die täglich viele Seiten füllen müssen über die Palast-Intrigen am Hofe Benedikts.

Die Spekulationen handeln oft von Machtkämpfen zwischen italienischen Kirchenfürsten, die ihre Kandidaten für die nächste Papstwahl in Stellung bringen wollten. Oder von einer Verschwörung gegen die Nummer zwei im Vatikan, gegen Bertone, den Vertrauten des Papstes, der vielen zu eigenmächtig ist. Anhänger dieser Theorie weisen darauf hin, dass es im Gefolge des Missbrauchsskandals schon einmal eine Zeit gegeben habe, in der sogar Kirchenmänner die Absetzung Bertones gefordert hatten.

Vatileaks und Nuzzis Enthüllungen beweisen vor allem, dass Vatikan-Politik noch immer wenig dazu taugt, ans Licht der Öffentlichkeit gezogen zu werden. Und insoweit hat sich nichts geändert hinter den Mauern des Kirchenstaats. Gabriele ist nicht einmal der erste enttarnte Spion dort.

Der fast vergessene Fall eines weiteren Raben findet sich ausgerechnet bei Benedikts Namensvorgänger Benedikt XV. Dessen Geheimkämmerer Rudolf von Gerlach versuchte, die Politik des Papstes zu hintertreiben, der im Ersten Weltkrieg die Neutralität der Kirche bewahren wollte.

Der Kämmerer, erheblich einflussreicher als der schlichte Butler Gabriele, pflegte beste Verbindungen zu den Achsenmächten. Man klagte ihn des Verrats an, der Papst selbst geriet ins Kreuzfeuer und sah sich als Opfer einer antiklerikalen Verschwörung.

Und Rudolf, der Rabe? Der wurde zwar zu lebenslangem Gefängnis verurteilt. Da jedoch war er längst entkommen, weilte bereits in der Schweiz, wo er sein Priesterdasein abstreifte, ein luxuriöses Leben führte und bis zu seinem Lebensende beste Kontakte zum Papst in Rom pflegte.

Auch ein kurzer Aufenthalt in den Verliesen des Vatikans braucht also keineswegs das Ende einer Karriere mit sich zu bringen.


DER SPIEGEL 23/2012
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