DER SPIEGEL



500 ccm Reinkarnation

Von Kaiser, Simone

GLOBAL VILLAGE: Wie ein indischer Ingenieur mit amerikanischem Optimismus und deutscher Ehrlichkeit britische Motorräder baut

Ganesha, der Hindu-Gott mit dem Elefantenkopf, gilt den Indern als Symbol für den Neuanfang. Sie verehren ihn als den "Entferner aller Hindernisse", als Gott der Intelligenz und der Weisheit. Im Designstudio der Royal-Enfield-Fabrik im südindischen Chennai sitzt eine Ganesha-Figur auf einem Motorradmodell namens Bullet: Der Rüssel biegt sich im Fahrtwind nach hinten, Ganesha trägt ein Grinsen im Göttergesicht.

Kein Bollywood-Star, keine Kricket-Legende käme für Venki Padmanabhan in Frage, wenn es um die Wahl einer Werbefigur für die legendäre britische Motorradmarke geht. "Nur Götter können dieses Motorrad fahren", sagt der Royal-Enfield-Chef, 49.

Die Bullet ist ein Fossil auf zwei Rädern. Die Marke Royal Enfield ist älter als Harley-Davidson, sie entstand 1893 durch die Fusion einer Fahrradfabrik und einer Waffenfirma aus dem britischen Enfield. Aus dieser Zeit stammt der offizielle Slogan der Marke: "Made like a gun", hergestellt wie ein Gewehr.

Die britische Armee nutzte die Motorräder im Zweiten Weltkrieg, später griff auch Indiens Armee auf sie zurück. Doch in England wurde die Produktion 1970 eingestellt. In Thiruvottiyur, einem staubigen Stadtteil des einstigen Madras, überlebte die Marke.

Das Verhältnis der Inder zu ihrer kolonialen Vergangenheit ist gespalten. Von den Briten benutzte Städte- und Straßennamen haben sie abgeschüttelt wie muffige alte Kleider, aus Madras wurde Chennai, aus Bombay Mumbai. Auf andere Errungenschaften der alten Besatzungsmacht lassen die Inder aber bis heute nichts kommen: auf Kricket zum Beispiel, die "Tea time" oder eben die Bullet.

"Die Seele der Bullet zu bewahren ist eine große Verantwortung", sagt Venki Padmanabhan. "Und ich habe kein Problem damit, dass wir mit dieser britischen Erfindung Geld verdienen." Die Maschine ist inzwischen von der Bremse bis zum Auspuff ein indisches Produkt.

1500 Mann schwitzen heute in der Fabrik in Chennai. Draußen hat es um die 40 Grad, Frauen in Sari und blauer Arbeitsbluse fegen mit kleinen Grasbesen die Werkhallen. In Deutschland würde man die Anlage wohl eine Manufaktur nennen. Von einigen Neuerungen abgesehen, wird die Bullet noch immer nach Originalbauplan gefertigt, überwiegend in Handarbeit. In Indien, dem Land der ungezählten Arbeitskräfte, ist das rentabel. 150 000 Rupien, umgerechnet 2100 Euro, kostet die 500er Bullet zwischen Mumbai und Kalkutta, etwa 6000 Euro für Enfield-Freunde in Deutschland.

Technisch kann die Maschine mit modernen Motorrädern nicht mithalten. Eine Bullet schafft nur rund 130 Stundenkilometer, die Maschine ist vor allem ein Liebhaberstück. Aber mit Tradition allein lässt sich nur begrenzt Gewinn machen. 325 Motorräder rollen täglich in Chennai vom Band, bislang gehen nur rund fünf Prozent davon in den Export. Venki Padmanabhan ist der Mann, der das ändern soll. "Die Bullet ist Kult", sagt er, "darauf müssen wir bauen." Sein Vorbild ist die italienische Rollermarke Vespa.

Padmanabhan stammt aus einer Brahmanenfamilie und ist in Indien aufgewachsen. Aber er hat in Pittsburgh studiert, promoviert und zuletzt zwei Jahre lang in Stuttgart bei Mercedes gearbeitet. 2008 kam er mit Frau und Kindern zurück in seine Heimat - wo er einen Kulturschock erlebte: "Ich hatte noch nie in diesem Land gearbeitet. Ich war an so schöne deutsche Tugenden wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit gewöhnt."

Seine Erfolgsstrategie hat sich der Ingenieur selbst zusammengemixt, wie ein gut abgestimmtes Masala, die indische Gewürzmischung: ein wenig vom "Optimismus der Amerikaner", dazu die "unschlagbare Anpassungsfähigkeit der Inder", abgerundet mit einer Prise "brutaler deutscher Ehrlichkeit". Damit will er 2012 zum ersten Mal mehr als 100 000 Motorräder produzieren. Heute müssen die Käufer rund neun Monate lang auf eine Royal Enfield warten.

Doch Venki Padmanabhan denkt nicht nur an seine ungeduldigen Privatkunden: "Stellen Sie sich einen Brand in einem indischen Slum vor. Kein Feuerwehrauto passt durch diese engen Gassen", sagt er. "Oder Sie haben einen Herzinfarkt und müssen schnell ins Krankenhaus. Die Ambulanz bleibt hier doch immer im Stau stecken." Padmanabhan deutet auf eine rotlackierte Bullet, an der statt Satteltaschen zwei Feuerlöscher und ein Blaulicht montiert sind. "Mit dieser Bullet kommen Sie überall durch." Seit 1994 gehört Royal Enfield zu einem Firmenverband mit dem eher unindischen Namen Eicher Group. Gegründet in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als "Gebrüder Eicher Traktorenbau" im oberbayrischen Forstern, starb die Firma 1992 einen ähnlichen Tod wie Royal Enfield in England. Doch auch Eicher überlebte in Indien und ist dort heute der drittgrößte Lkw-Hersteller. Die gelben Laster gehören zum indischen Straßenbild wie die heiligen Kühe und die Bullets.

Eine schöne Ironie der Geschichte, findet Venki Padmanabhan. Wo, wenn nicht im Land der stetigen Reinkarnation, könne eine alte europäische Marke zu neuem Leben erwachen. "Wir Inder sind schließlich die Spezialisten für Wiedergeburt."


DER SPIEGEL 23/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 23/2012
Titelbild
E-Paper

Lesen Sie den SPIEGEL als E-Paper:
Wo immer Sie gerade sind, zu Hause oder
unterwegs – den SPIEGEL bekommen Sie als PDF schon sonntags ab 8 Uhr. Werden Sie jetzt E-Paper-Kunde!

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

500 ccm Reinkarnation

TOP



TOP