04.06.2012

NACHTLEBEN

Von Hasen und Hühnern

Für 200 D-Mark Honorar hing ein Jesusdarsteller acht Stunden lang am Holzkreuz über der Tanzfläche, darunter hüpften Männer in Toga-Tüchern und ein paar "süße Schwabinger Studentinnen", kostümiert "als laszive Römerinnen mit Kleidchen aus Nichts" - von solchen Aufregungen, die tatsächlich in den achtziger Jahren für Boulevardschlagzeilen sorgten, berichtet ein neues Buch über den einstmals berühmtesten Tanzclub in Deutschland: das im Münchner Haus der Kunst untergebrachte P1. "Du kommst hier nicht rein! Der Mann an der härtesten Tür Deutschlands packt aus", so sind die Erinnerungen des langjährigen Türstehers und zeitweiligen Geschäftsführers Klaus Gunschmann betitelt (Heyne Verlag; 12,99 Euro). Junge Frauen heißen in diesem Buch "Hasen" oder "Hühner". In den Hauptrollen: verkrachte Künstler, Zuhälter und Schlägertypen sowie eine stets in Superlativen gepriesene Kneipenbesatzung. In Nebenparts aber treten Weltstars auf wie Mick Jagger, Tom Cruise oder Oliver Kahn. Gunschmann, 48, erzählt in einer sehr münchnerischen Mischung aus Selbstbegeisterung und Leser-Ankumpelei von den Jahren ab 1983, als der Junggastronom Michael Käfer das P1 übernommen hatte: Angeblich als erster Disco-Betreiber in Deutschland wies er seine Türbediensteten an, nach eher willkürlichen Kriterien auszuwählen, wem Einlass zu gewähren sei und wem nicht. "Sie hassten uns. Die meisten Leute hielten mich und meinen Kollegen für Kotzbrocken, denen es Spaß bereitete, mit brachialer Autorität über den Fortgang der Nacht zu richten", erzählt Gunschmann. Diese Einschätzung ist nicht völlig falsch. Anekdotenselig schildert er, wie ein Lude ihn nach Dienstschluss umbringen wollte, wie ein Sondereinsatzkommando der Polizei vor dem P1 anrückte, als der Rapper Coolio am Tischkicker wirbelte - und was man im P1 gern sah und was nicht: "Hey, in Wahrheit fanden wir es alle geil, wenn es tolldreiste P1-Menschen auf den Toiletten trieben. Ficken ist immerhin besser als Koksen."


DER SPIEGEL 23/2012
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