04.06.2012

SEXUALITÄTLiebe in Zeiten der Pornografie

Wenn Kinder und Jugendliche wissen wollen, was Sex ist, suchen sie Antworten im Internet. Soziologen sprechen von der Generation Porno. Ein Berliner Verlag veröffentlicht dennoch ein Aufklärungsbuch für diejenigen, die schon alles gesehen haben.
Über Sex reden. Als ich vier Jahre alt war, kam ich in einen Kindergarten für sexuelle Frühaufklärung. Wie in jedem Kindergarten haben wir dort gemalt, gesungen und getobt, und manchmal saßen wir im Schneidersitz in einem Kreis, um darüber zu sprechen, wie Babys entstehen. Das NDR-Fernsehen hat damals eine Dokumentation gedreht, sie zeigt Jungen und Mädchen, die zwei nackte Puppen herumreichen und sagen sollen, worin sich die
beiden unterscheiden. Es wird ein bisschen gedruckst, gekichert, schließlich fasst sich ein Mädchen ein Herz: "Ist doch klar, der Junge hat einen Penis, das Mädchen eine Scheide." Das war 1970. Die ganze Gesellschaft, na ja, fast die ganze Gesellschaft redete damals über Sex.
Heute schweigen wir vom Sex. Wir zeigen ihn nur noch. An den Litfaßsäulen hängen riesige H&M-Plakate für die Bademode dieses Sommers; mit zwei Klicks kann jeder auf die Internetseite von YouPorn gelangen; in den Wartezonen von Flughäfen laufen Videos von Lady Gaga. Wie offen eine Gesellschaft mit Sexualität umgeht, sagt immer auch etwas aus über ihren Umgang mit der Freiheit an sich. Doch die allgegenwärtigen Bilder führen zu einem Verstummen. Was soll man noch sagen, wenn alles gezeigt wird.
Mein Sohn ist bald zwölf Jahre alt. Die Kinder und Jugendlichen von heute können, wenn sie wollen, alles gesehen haben, bevor sie auch nur ihren ersten Kuss erleben. Was bedeutet das für ihr späteres Liebesleben? Und wie soll man sich als Mutter oder Vater da eigentlich verhalten?
Aufklärung war zwischen Eltern und Kindern nie ideal aufgehoben, zu viel Scham ist im Spiel. Auf Seiten der Kinder stellt sich die unausgesprochene Frage: Wie macht ihr es eigentlich?, auf die viele Kinder aber keinesfalls eine Antwort bekommen möchten. Auf Seiten der Eltern herrscht nicht selten Verlegenheit, weil über Sex zu sprechen auch immer ein Nachdenken über das eigene Liebesleben bedeutet.
Viele Jahre erlösten Kindergärtnerinnen und Biologielehrer die meisten Familien aus dieser Situation. Inzwischen haben die Bilder schleichend die Herrschaft übernommen, gegen ihre Macht sind die Schautafeln und Fachbegriffe im Schulunterricht nur noch lächerlich. Gibt es einen Weg aus dieser Misere?
Ein Aufklärungsbuch scheint da zunächst eine Idee von gestern zu sein. "Make Love" heißt es, und der Titel erinnert vermutlich nicht nur zufällig an die Flowerpower-Zeit der siebziger Jahre. Das Buch sieht gut aus, es hat festes Papier, ein klares, farbiges Layout, die Leute vom Verlag haben sich offensichtlich Mühe gegeben, ein cooles Buch zu gestalten.
Auf dem Titelbild sind ein Junge und ein Mädchen zu sehen, die sich küssen. Fotos spielen überhaupt eine entscheidende Rolle in diesem Buch. Die Fotografin Heji Shin hat für "Make Love" Paare fotografiert, die Sex miteinander haben, echten Sex. Ein Buch für die Generation, die schon alles gesehen hat.
Gleichzeitig gibt es eine Menge Text in "Make Love", denn es ist auch ein idealistisches Buch, eines, das die Sprachlosigkeit beenden möchte. Gleich in der Einleitung listen die Autorinnen Ann-Marlene Henning und Tina Bremer-Olszewski alle Wörter auf, die ihnen für das weibliche und das männliche Geschlechtsorgan einfallen, von Muschi bis Funkturm sind es zusammengenommen fast 140 Begriffe. Manche davon sind abwegig, andere lustig, es ist eine Liste kleiner Tabubrüche, ein leichthändiger Einstieg.
Der Text richtet sich direkt an den jugendlichen Leser. "Es begann schon im Traum. Jedenfalls bist du mit dieser Lust aufgewacht. So viel Lust, dass du dich anfassen willst." Die Kapitel heißen "Das erste Mal", "Das zweite Mal" oder "Durch die Betten". Es ist ein Ratgeberbuch für die sogenannte Generation Porno.
"Heute gibt es ja mehr Bücher übers Joggen als über Sex", sagt die Autorin Henning. Sie wurde in Dänemark geboren, studierte in Deutschland Psychologie, in Dänemark Sexologie (das Fach heißt tatsächlich so) und arbeitet heute als Paar- und Sexualtherapeutin in Hamburg.
Henning hat eine klare Botschaft an ihre Leser: Wenn ihr miteinander schlaft, redet auch miteinander. Es ist ein Buch über das Vergnügen am Sex. Schwangerschaft und Krankheiten kommen nur am Rande vor. Stattdessen gibt es eine Seite über Porno-Lügen, und durch das ganze Buch zieht sich der Appell, die eigenen Wünsche und Grenzen kennenzulernen, sie ernst zu nehmen und mit dem Partner darüber zu sprechen.
Sprechen, Reden, Kommunikation - trotz seines betont jugendlichen Tonfalls liest sich das Buch sehr pädagogisch. Wären da nicht die Fotos von Heji Shin, hätte "Make Love" auch schon vor 40 Jahren erscheinen können.
Es sind romantische Fotos darunter mit verliebten Blicken und Liebkosungen, und es gibt ganz explizite Fotos, erigierte Penisse, gespreizte Schamlippen, Blowjobs. "Die Absicht war zu zeigen, wie unterschiedlich Sexualität von Jugendlichen gelebt wird", sagt die Fotografin Heji Shin. Die Bandbreite sexuellen Begehrens.
Shin hat die Paare in Berlin auf der Straße oder in Cafés angesprochen, Schwule, Lesben und Heteros, auch ein Transsexueller ist zu sehen, etwa zwei Drittel der Angesprochenen waren bereit, bei dem Projekt mitzumachen. Vorher hatte die Fotografin auch in Hamburg versucht, junge Männer und Frauen zu finden, erfolglos. "Dieses Projekt war so wohl am besten in Berlin möglich", sagt Shin, die in Südkorea geboren wurde und heute in Berlin lebt. Weil es hier eine Jugendkultur gebe wie in keiner anderen Stadt, in der es darum gehe, flügge zu werden, Familienballast abzuwerfen.
Mehrmals haben sich die Fotografin und die Frauen und Männer, die zwischen 18 und 25 Jahre alt waren, in privaten Wohnungen getroffen, es gab keine genauen Verabredungen für diese Treffen, jedes Paar ist so weit gegangen, wie es wollte. Shin hielt sich im Hintergrund und nahm keinen Einfluss, aber es ist natürlich ihr subjektiver Blick auf das Geschehen, der sichtbar wird. Die jungen Leute sollten sich in den Fotos wiederfinden können, deswegen war es Shin wichtig, dass wirklicher Sex auf den Bildern erkennbar ist.
Es wird Diskussionen geben um diese Fotos. Weil sie pornografisch sind und gleichzeitig die Gefühle der Menschen einfangen, die auf ihnen zu sehen sind. Es sind Fotos, die den Betrachter in die Rolle eines Voyeurs drängen. Wenn sie in einer Galerie hingen, wäre das eine beachtliche Ausstellung.
Aber weil sie in einem Aufklärungsbuch veröffentlicht werden, haftet ihnen auch etwas Anbiederndes an. Sie sollen einen Anreiz liefern, dieses Buch in die Hand zu nehmen. Nicht die Grenzüberschreitung ist das Problem, sondern das Eingeständnis, dass wir beim öffentlichen Reden und Schreiben über Sex offensichtlich nicht mehr hinter Bilder voller Geilheit zurückkönnen.
Es gab vor fast vierzig Jahren schon einmal ein Aufklärungsbuch, dessen Fotos diskutiert wurden. "Zeig mal!", hieß es. Auf Wunsch des Fotografen Will McBride wurde es Mitte der neunziger Jahre vom Markt genommen, weil sich McBride nicht mehr länger dem Vorwurf der Pädophilie aussetzen wollte. Heute ist "Zeig mal!" nur noch gebraucht zu kaufen oder in Bibliotheken auszuleihen.
McBride hatte ein etwa fünf Jahre altes Mädchen und einen gleichaltrigen Jungen fotografiert, die ihre Körper entdeckten und untersuchten. Neu und bahnbrechend an McBrides Projekt war, dass nicht Text und Schaubilder, sondern Fotos die Funktion übernahmen, aufklärerisch zu wirken.
Von heute aus betrachtet haben McBrides Aufnahmen etwas Unschuldiges, und genau wie Heji Shins Fotos für "Make Love" sind sie ein Ausdruck der Zeit, in der sie entstanden sind.
Zu Beginn der siebziger Jahre ereigneten sich die großen Veränderungen in der Sexualität. Mit der Einführung der Pille rutschte das durchschnittliche Alter beim "ersten Mal" von Anfang 20 auf 17 Jahre. Heute liegt es bei 16. Die Pille veränderte die ganze Gesellschaft. Ohne Pille wäre die 68er-Bewegung nicht denkbar gewesen, und bald sollte auch die Erziehung der Kinder im Geist von Liberalität und Freiheit erfolgen. Sexuelle Frühaufklärung im Kindergarten war eine größere Selbstverständlichkeit, als man heute denkt.
Heute stellt sich die Frage, ob die allgegenwärtige Pornografie für Sex und Aufklärung eine ähnlich nachhaltige Veränderung bedeutet wie die Pille damals.
Die Soziologin Silja Matthiesen arbeitet im Hamburger Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie. Sie hat zwischen 2009 und 2011 eine umfassende Studie über das Sexleben von Jugendlichen geleitet ("Sexuelle und soziale Beziehungen 17- und 18-jähriger Frauen und Männer"). Auslöser war die zunehmende öffentliche Diskussion um die Generation Porno und um sexuelle Verwahrlosung.
Die Ergebnisse sind überraschend. Die jungen Männer und Frauen haben heute eher traditionelle Wünsche nach Liebe und Treue. Manche Beziehung dauert allerdings nur drei Monate, die nächste schließt sich an, serielle Monogamie nennt man das. Offensichtlich können die Jugendlichen eine klare Trennung zwischen ihrem eigenen Liebesleben und dem Sex in Porno-Filmen ziehen. Sie unterscheiden zwischen den Wünschen, die sie an ihren Partner oder an ihre Partnerin haben, und den Bildern, die sie aus Pornos kennen. Die echte Welt, die unechte Welt.
Wobei die meisten Jungs gern Pornos gucken - es gilt unter ihnen durchaus als Symbol von Männlichkeit, die eine oder andere Sequenz auf dem Handy zu haben. Und natürlich schauen sie sich manche Stellung ab. Die Mädchen dagegen üben ihr weibliches Rollenverständnis ein, indem sie Pornos erst mal eklig finden und wenig damit zu tun haben wollen. In ihren Beziehungen aber wünschen sich beide Geschlechter Sex mit Gefühlen.
Das alles klingt so, als profitierten die jungen Frauen und Männer auch heute noch von der Offenheit, die mit der Idee der sexuellen Aufklärung in die Gesellschaft kam. Es klingt auch so, als ob sie miteinander über Sex redeten. Und sie scheinen souveräner mit Pornos und ihrer eigenen Lust umgehen zu können, als wir, ihre Mütter und Väter, uns das vorstellen können. Womöglich sind wir die Überforderten, die Generation, für die die Dr.-Sommer-Kolumnen in der "Bravo" schon den Hauch des Verbotenen hatten und erst recht der "Playboy", den man auf dem Flohmarkt kaufte.
Es klingt so, als könnten wir unseren Söhnen und Töchtern zutrauen, in einer Welt voller sexualisierter Bilder ihren eigenen Weg zu finden zu dem Gefühl und zu den Worten: Ich liebe dich. Und das ist doch mal eine gute Nachricht. ◆
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 23/2012
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