04.06.2012

Wille und Willkür

Von Hage, Volker

BUCHKRITIK: Der Roman "Tony & Susan" des Amerikaners Austin Wright ist Thriller und Literaturstudie zugleich.

Ein unattraktiver Titel. Eine nichtssagende Aufmachung. Ein unbekannter Autor. Und ein exzellentes Buch, ein raffiniertes literarisches Experiment.

Erst auf den zweiten Blick offenbart der Titel des Romans "Tony & Susan" von Austin Wright seinen Witz: Tony und Susan nämlich sind kein Paar, können es gar nicht sein. Tony ist der tragische Held eines Romans, den Susan liest.

Klingt nach fader Literatur? Alles andere als das. Der Roman im Roman ist ein fintenreicher Thriller, der auch ohne die Rahmenhandlung bestens bestehen könnte. Aber erst durch Susans Gegenwart als Leserin und ihre sehr spezielle Wahrnehmung wird aus alldem ein spannendes Vexierspiel.

Denn Susan Morrow liest nicht irgendeinen Roman, sondern den ihres früheren Ehemanns. Von ihm, Edward Sheffield, hat sie 20 Jahre lang nichts mehr gehört. Und nun bringt ihr die Post ein Manuskript mit dem Titel "Nachttiere" ins Haus. Der Ex-Mann bittet nicht nur um Lektüre, sondern auch um Ratschläge und Beurteilung.

Edward hat schon während ihrer Ehe Schriftsteller werden wollen. Damals bat er sie, ihm ehrlich zu sagen, was sie von seinen Gedichten und Erzählungen halte. "Also versuchte sie es, versuchte ihm zu erklären, was sie störte. Das war ein Fehler. So ehrlich musst du auch wieder nicht sein, sagte er." Und als ihn Susan dann eines Tages auch noch fragte, ob er sich nicht lieber einen anderen Beruf suchen wolle, war das der Ehe gewiss nicht förderlich.

Nun wird von Susan wieder ein Urteil verlangt. Sie hat sich inzwischen in ihrem Leben als Mutter und Ehefrau eingerichtet. Auf eine Universitätslaufbahn hat sie zugunsten der Arztkarriere ihres treulosen zweiten Ehemanns verzichtet. "Su-

san, Verfechterin sämtlicher Frauenrechte außer ihrer eigenen", wie es lapidar heißt.

Den Beginn der Lektüre schiebt sie wochenlang vor sich her. Ihr ist nicht wohl bei der Sache. Sie will die Wirkung der "Nachttiere" an sich selbst beobachten, um Argumente für das Gespräch mit Edward zu sammeln. Und sie ist eine genaue und wache Leserin.

Was ist das für eine Geschichte, die ihr da vorgesetzt wird? Es ist ein Horrortrip sondergleichen, in den ein Universitätsprofessor für Mathematik, Tony Hastings, mitsamt Frau und Tochter hineingezogen, ja geradezu hineingesogen wird. Die Familie hat auf dem Weg in den Urlaub beschlossen, die Nacht durchzufahren.

Plötzlich ist da dieses andere Auto auf dem einsamen Highway, und es ist kein Vorbeikommen. Die drei Insassen machen sich einen Spaß daraus, Tony zu einem gewagten Überholmanöver zu provozieren, das missglückt. Und sie zwingen ihn zum Anhalten. Zwei der Burschen fahren mit Tonys Wagen und den verängstigten Frauen davon, der andere zwingt den Mathematiker in sein Gefährt und setzt ihn nachts irgendwo in einem Wald aus. Das ist dann kein Spaß mehr.

Fasziniert folgt Susan im trauten Heim der Story, die sich ihr Ex-Mann ausgedacht hat. Mittendrin fragt sie sich besorgt, wie Edward "ohne weitere Katastrophen einen Spannungsabfall vermeiden will". Und worauf will er überhaupt hinaus? Auf Vergewaltigung und Mord?

Susan wird bewusst, in welchem Ausmaß das, was mit den Romanfiguren geschieht, der Willkür des Autors unterliegt. "Willkür heißt der Wille da, wo ihn die Erkenntnis beleuchtet", hat einst Schopenhauer eigenwillig definiert. Susan jedenfalls ist von der Erzählkraft ihres Ex-Manns tief beeindruckt: "Das Buch hat sie in seinem Bann, so viel steht fest." Und mehr noch: Sie sieht sich, ihr scheinbar so sicheres Leben und die eigene Vergangenheit in anderem Licht.

Ein gewagtes Spiel für den Autor Austin Wright, der sich das alles ausgedacht hat. Würde die Krimi-Handlung, der Roman im Roman, nicht halten, was die fiktive Leserin Susan behauptet, so wäre die ganze Konstruktion von "Tony & Susan" unglaubwürdig und zunichte.

Aber Wright, der 2003 im Alter von 80 Jahren in Cincinnati starb, hat die beiden Ebenen seines Werkes elegant verknüpft und ausbalanciert. Der amerikanische Schriftsteller war Hochschullehrer für Literatur und publizierte 1982 eine Studie über das Formprinzip des Romans.

Wrights 1993 erschienener Roman, der sein bekanntester geblieben ist, wurde von hochkarätigen Schriftstellern wie Saul Bellow und Ian McEwan gepriesen, von Krimi-Autorinnen wie Ruth Rendell und Donna Leon bewundert. Eine Neuausgabe erschien in den USA 2010.

In deutscher Sprache ist das Buch erstmals 1994 veröffentlicht worden und nun in vorzüglicher Neuübersetzung wieder erhältlich. Der Roman liest sich jetzt fast so gut wie im Original.

Die subtilen Beobachtungen der Leserin Susan bleiben faszinierend bis zuletzt, bis das Buch im Buch endet. "Susan hat es dahinschwinden sehen, letztes Kapitel, letzte Seite, letzter Absatz, letztes Wort."

Und es heißt: "Sie braucht Stille, bevor sie zu sich selbst zurückkehrt."

Austin Wright: "Tony & Susan". Aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Roth. Luchterhand Literaturverlag, München; 416 Seiten; 19,99 Euro.

DER SPIEGEL 23/2012
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