11.06.2012

KARRIEREN

Gott des Gemetzels

Von Deggerich, Markus und Feldenkirchen, Markus

Auf dem Göttinger Parteitag der Linken hat Oskar Lafontaine einen letzten bitteren Sieg errungen. Der Bruch mit Gregor Gysi bedeutet einen leisen Abschied aus der Politik. Ein großer Populist steht vor den Trümmern seiner Karriere.

Welche politische Niederlage möchten Sie nie erleben? "Dass ich eines Tages einmal so vor dem Scheitern meiner politischen Ideen stehe wie viele gutwillige Kommunisten heute" (Oskar Lafontaine 1990).

Am Ende können sie sich nicht mal über banalste Fragen einigen. Wer darf als Erster auf dem Parteitag in Göttingen reden, Gysi oder Lafontaine? Weil der Zweite einen kleinen Vorteil haben könnte, braucht es einen Rest an Vertrauen, eine Prise Großzügigkeit, um die Frage friedlich zu lösen. Aber von beidem ist nichts mehr übrig in der Linken, wie überall, wo Oskar Lafontaine über längere Zeit gewirkt hat. Am Ende triumphiert Kleingeistigkeit.

Sie entscheiden sich, eine Münze zu werfen. Kopf oder Zahl, West oder Ost, der oder ich?

Aber wo Misstrauen regiert, kann man nicht einfach draufloswerfen. Schiedsrichter müssen her, um den Wurf zu überwachen, nicht einer, sondern zwei, einer aus dem Osten, einer aus dem Westen. Gysi setzt auf Matthias Höhn aus Sachsen-Anhalt, Lafontaine vertraut auf Janine Wissler aus Hessen. Höhn wirft, Wissler verkündet das Ergebnis. Kopf.

Es ist ein erster, kleiner Erfolg für Lafontaine, dem später ein größerer folgen wird: der Sieg eines gewissen Bernd Riexinger bei der Wahl zum Parteivorsitzenden. Lafontaines Marionette triumphiert über Gysis Kandidaten Dietmar Bartsch.

Aber es ist auch das Ende einer Partnerschaft. Noch einmal hat der 68-jährige Lafontaine in Göttingen all seine Energie abgerufen, all seine Tricks, die zulässigen wie die schmutzigen. Wie immer nahm er, wenn es darauf ankommt, keine Rücksicht, nicht auf das große Ganze, nicht auf Weggefährten wie Gysi.

Fünf Jahre ist es her, dass Lafontaine ihn und seine Linkspartei benötigte, um mit einer gesamtdeutschen Linken Rache an seiner alten Partei und deren früheren Frontmann Gerhard Schröder zu nehmen. Fünf Jahre später geht es in Göttingen wieder um Rache, diesmal heißt der Gegner nicht Schröder sondern Bartsch, dem er illoyales Verhalten vorwirft. Der Abstieg des Oskar Lafontaine lässt sich auch an der Größe seiner Widersacher ablesen.

Lafontaines kleine Siege von Göttingen dürften schon jetzt einer großen Ernüchterung gewichen sein. Bei Licht betrachtet, steht er nach vier Jahrzehnten in der Politik vor den Trümmern seines Wirkens. Seiner ersten Partei, der SPD, hatte er mit seiner Flucht aus dem Parteivorsitz und dem Amt des Finanzministers schwer geschadet. Seiner neuen Partei hat er noch mehr zugesetzt: Sie ist so gut wie zerstört.

Die Linke ist nach Göttingen eine demoralisierte, tiefzerstrittene Gruppierung. Ihr fehlen ein klares Profil und eine Führungsspitze, die diesen Namen verdient. Die neuen Vorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger mögen ehrenwerte Leute sein, vor allem aber sind sie unscheinbar. Es wirkt, als hätte das ZDF Gundula Gause und Heinz Wolf die Moderation von "Wetten, dass ...?" überlassen.

"Es ist wie so oft bei Oskar", sagt sein alter Freund und Weggefährte, der Saarländer Reinhard Klimmt. "Was er vorne mit seinen Händen errichtet hat, reißt er mit dem eigenen Hintern früher oder später wieder ein."

So ist die Geschichte des Oskar Lafontaine am Ende eine tragische. Sie handelt von einem Mann, der mit gewaltigen Talenten gesegnet ist: mit Intelligenz, Charisma und rhetorischer Brillanz - mit fast allem also, was man braucht, um in der Politik zu Größe zu gelangen. "Bis heute halte ich an meiner Einschätzung fest, nie wieder einen so begabten politischen Menschen kennengelernt zu haben", schrieb selbst Gerhard Schröder in seinen Memoiren.

Lafontaine hätte das Zeug gehabt, sich in die Galerie der großen Kanzler einzureihen, gleich neben Adenauer, Brandt und Kohl. Am Ende aber muss er sich mit dem Erfolg begnügen, einen Mann, der Bernd Riexinger heißt, zum Vorsitzenden gemacht zu haben.

Vermutlich war sein Ego einfach zu groß für wahre Größe. Wäre es ihm wirklich um seine politische Idee, um das Wohl seiner Schöpfung Die Linke gegangen, dann hätte er dafür gesorgt, dass die Partei künftig von erfolgversprechenden Leuten geführt wird. Ihm aber ging es nur um sich selbst.

Lafontaine funktionierte in seiner langen Karriere nur dann, wenn er selbst der Erste sein konnte. Das erste der Zehn Gebote "Du sollst neben mir keine anderen Götter haben", hat er früh schon auf die Politik übertragen. Und als er mit Gerhard Schröder einmal einem anderen den Vortritt ließ, hat er das bitter bereut. Das Trauma von 1998 wirkt bis heute fort.

Als Gysi nach verlorenem Münzwurf als Erster ans Rednerpult tritt, nimmt die Zerstörung der Linken ihren Lauf. Er, der jahrelang Rücksicht auf Lafontaine genommen hat, ist dazu nicht mehr bereit. Er weiß, dass es dem Saarländer nur noch darum geht, Dietmar Bartsch als neuen Chef zu verhindern.

Gysi spricht vom "Hass" in der Fraktion, von "pathologischen Zuständen", von der "westlichen Arroganz" und davon, dass es vielleicht besser sei, sich fair zu trennen, "als weiterhin unfair, mit Hass, mit Tricksereien, mit üblem Nachtreten und Denunziation eine in jeder Hinsicht verkorkste Ehe zu führen".

Gysi verrät auch, dass er erneut gedrängt worden sei, Bartsch für seine Kandidatur zu kritisieren. Jeder im Raum weiß, von wem er da gedrängt wurde. Doch diesmal verweigert sich Gysi. Lafontaine will nicht glauben, was er da hört. Er sitzt wie versteinert auf seinem Stuhl.

"Was jetzt?", fragt der scheidende Vorsitzende Klaus Ernst. "Da muss ich überlegen", murmelt Lafontaine.

Ein paar Minuten später geht Lafontaine zum wütenden Gegenangriff über. Schon als er ans Mikrofon tritt, leuchtet sein Kopf puterrot. Es gebe keinen Grund, das Wort Spaltung in den Mund zu nehmen. "Man trennt sich nicht, weil man da oder dort Befindlichkeiten hat", belehrt er die Ossis und ihren Helden Gysi.

Die Rede war Lafontaines letzte Chance, doch noch die Hand zur Versöhnung zu reichen. Aber er lässt sie verstreichen.

"Manches hat bitter weh getan", klagte Rudolf Scharping einst auf dem Mannheimer SPD-Parteitag, nachdem Lafontaine ihn wochenlang über seine Absichten getäuscht hatte, um ihn dann in letzter Sekunde zu stürzen. Aber "wir haben eine Aufgabe, die wichtiger ist als wir selbst". Es scheint, als habe Lafontaine den Sinn des Satzes bis heute nicht verstanden.

Als Bernd Riexinger, sein Kandidat für den Linken-Vorsitz, in Göttingen am späten Samstagabend gegen Bartsch gewonnen hat, stimmen Lafontaines Unterstützer Triumphlieder an. Sie singen die "Internationale" und "Ihr habt den Krieg verloren", ein Lied, dass linke Gruppen bei Nazi-Demonstrationen sonst gegen die Glatzköpfe singen, um sie zu provozieren. Die Stunde des Sieges sollte immer die Stunde der Demut sein. Bei Lafontaines Freunden wird sie zur Stunde des Hochmuts und der Rache. Seinem letzten Triumph fehlt jede Würde.

Er und Wagenknecht ziehen sich bald in ihr Hotel zurück. Gysi aber steht in der Nacht vor der Halle und plaudert mit Vertrauten. Ob das Tischtuch zwischen ihm und Lafontaine zerschnitten sei? "War da eins?", fragt Gysi zurück.

Dass sich Lafontaine nun auch noch Gysi zum Feind gemacht hat, dürfte das Ende seiner Macht einläuten. Jahrelang hatte Gysi fast alles für ihn getan, hatte Lafontaines Selbstherrlichkeit bis zur Selbstaufgabe ertragen.

Als der PDS-Intellektuelle André Brie schon früh schimpfte, Lafontaine sei ein "Luxus-Linker", wurde er von Gysi am Telefon so lange zusammengefaltet, bis er widerrief.

Gysi nahm ihn gegen jede Form von Kritik in Schutz, selbst als Lafontaines Vorsitzenden-Büro im Berliner Karl-Liebknecht-Haus fast immer leer blieb und er in seiner Zeit als Vorsitzender 18 Vorstandssitzungen schwänzte. Er verteidigte auch Lafontaines autoritäre Art, obwohl sie sich im Osten geschworen hatten, nie wieder SED-Methoden zu dulden, und Lothar Bisky die Rückkehr des "Stalinismus durch die Hintertür" beklagte.

Was Gysi für Lafontaine bis zum Göttinger Parteitag leistete, reichte weit hinein ins Reich des Absurden. Am absurdesten aber wurde es, als Sahra Wagenknecht in Lafontaines Leben trat.

Gysi hatte Wagenknecht und ihre kommunistischen Thesen immer bekämpft. Auf dem Parteitag 1995 in Berlin hatte er die Delegierten vor die Entscheidung gestellt: "Die oder ich". Nun aber musste er auf Lafontaines Drängen nicht nur seine Haltung zu Wagenknecht ändern. Im Auftrag des Chefs besänftigte er sogar Lafontaines misstrauische Gattin Christa Müller. Die hatte längst die dauernden Affären-Gerüchte satt und verlangte die Rückkehr ihres Mannes in den "Palast der sozialen Gerechtigkeit", wie ihr Haus im saarländischen Wallerfangen spöttisch genannt wurde.

Immer wieder soll Gysi bei Christa Müller um Verständnis gebeten haben: Lafontaine werde für die Bundestagswahl im Herbst 2009 in Berlin gebraucht. Danach könne er als saarländischer Fraktionschef viel zu Hause bleiben.

Ein letztes Mal zogen Gysi und Lafontaine 2009 in die Schlacht und erreichten Traumergebnisse im Saarland und im Bund. Danach zog sich Lafontaine wie abgesprochen ins Saarland zurück, dominierte die Partei von dort aber weiter. Wütend verfolgte er die rot-roten Koalitionsverhandlungen in Brandenburg, weil er lieber opponieren als regieren wollte. Persönlich intervenierte er bei SPD-Chef Matthias Platzeck, der ihn kühl am Telefon abblitzen ließ: "Oskar, du bist nicht mehr mein Chef."

Im November 2009 beschrieb der SPIEGEL dann die Beziehung zu Wagenknecht, die zu dem damaligen Zeitpunkt dementiert wurde, und den lange geplanten Rückzug vom Fraktionsvorsitz auch aus privaten Gründen. Lafontaine meldete sich krank und ließ den Parteivorsitz ruhen. Weil er den damaligen Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch völlig zu Unrecht verdächtigte, die Affäre ausgeplaudert zu haben, drängte er Gysi, diesen zu entsorgen.

Gysi lieferte erneut, aber diesmal zahlte er den höchsten Preis, den er zahlen konnte: Er demütigte seinen langjährigen Weggefährten Bartsch öffentlich und zwang ihn zum Rückzug von seinem Posten. Für viele in der alten PDS war das Verrat.

Im vergangenen Dezember begann dann der letzte Akt. Wieder glaubte Lafontaine, dass der treue Knappe Gysi alles mit sich machen ließe. Zunächst verhinderte er alle Verfahren, die seinem Widersacher Bartsch gute Aussichten auf den Parteivorsitz gesichert hätten, etwa eine Mitgliederbefragung. Stattdessen versprach er, im ersten Halbjahr 2012 einen Vorschlag für eine "kooperative Führung" mit ihm und Bartsch vorzulegen. Ein letztes Mal ließen sich Gysi und die Realos auf Lafontaine ein.

Doch ein Vorschlag blieb aus. Emissäre wurden von Lafontaine abgewimmelt, auch Gysi ließ er im Dunkeln über seine wahren Pläne. Als die Linke nach den Niederlagen in NRW und Schleswig-Holstein am Boden lag, äußerte sich Lafontaine doch noch. Aber was er drei Wochen vor dem Parteitag unterbreitete, war kein Vorschlag, es war ein Diktat.

Er sei bereit, als Vorsitzender zu kandidieren, erklärte er. Allerdings nur, wenn es keinen Gegenkandidaten gebe. Von Demokratie, zumindest von innerparteilicher, hatte Lafontaine noch nie viel gehalten.

Er verlangte zudem, das gesamte Personaltableau der Linken bestimmen zu dürfen. Bartsch sollte allenfalls als machtloser Vize "auf Bewährung" mitmachen. Mit seinem Vertrauten Heinz Bierbaum als Schatzmeister wollte sich Lafontaine dafür den Zugriff auf die Parteifinanzen sichern, er wollte die ganze Macht. Doch damit nicht genug: Gysi sollte seine Freundin Sahra Wagenknecht noch in dieser Legislaturperiode als gleichberechtigte Fraktionsvorsitzende installieren, verlangte Lafontaine.

Doch damit hatte er den Bogen überspannt. Bartsch hielt an seiner Kandidatur fest, und Gysi wechselte die Seiten. Für Lafontaine werden so selbstbewusste Ossis zum Trauma. Bei der Bundestagswahl 1990 verwehrten sie ihm die Kanzlerschaft. 22 Jahre später stellen sie sich seinem Wunsch nach einer Krönung entgegen. In Göttingen reichte Lafontaines Kraft nicht mehr zur Gestaltung, sondern nur noch zur Zerstörung. Im Fallen zog er seinen Widersacher Bartsch mit nach unten - und machte ihn damit für die Ost-Realos zum Märtyrer-Helden.

Kaum ein anderer deutscher Politiker hat die deutsche Politik in den vergangenen 30 Jahren derart in Atem gehalten wie Lafontaine, keiner hat das Parteiensystem heftiger durcheinandergewirbelt.

Was aber bleibt? Nicht viel. Weil Lafontaine das, was er begonnen hatte, immer wieder abbrach. Weil ihm die Ausdauer fehlte. Und weil er Rudolf Scharpings Mahnung nie beherzigt hat: Dass es Aufgaben gibt, die wichtiger sind als man selbst.

Vielleicht ist mit den Jahren auch einfach die Zeit über ihn hinweggeweht. Patriarchen haben es zunehmend schwer in der modernen aufgeweckten Welt - das weiß man nicht erst seit dem Scheitern von Leo Kirch. Die Zeit der autoritären Anführer scheint abgelaufen - das weiß man nicht erst seit dem Arabischen Frühling. Und dass der Zeitgeist nach Transparenz verlangt statt nach Kungelrunden, das weiß man nicht erst seit Gründung der Piratenpartei. Der Machtpolitiker der Vergangenheit wirkt in der Gegenwart zunehmend lächerlich.

"Mit uns zieht die neue Zeit", singen seine einstigen Freunde aus der Sozialdemokratie bis heute gern. Von Lafontaine aber war es wohl zu viel verlangt, sich noch einmal auf die Anforderungen der neuen Zeit einzulassen.

Am Ende seiner Rede von Göttingen ließ er noch einmal seinem Hass auf die SPD freien Lauf. Er zitierte Kurt Tucholsky, der die SPD einst mit einem Haushund verglich, der anders als der freiheitsliebende Wolf des Fressens wegen zum Menschen gegangen war und nun traurig an der Kette zerre. Es war der letzte Versuch, all jene zu demütigen, die ihm, dem letzten Leitwolf, nicht bedingungslos folgen wollten.

Was Lafontaine nicht erwähnte, waren die Eigenschaften des Leitwolfs. Wer es nämlich wagt, in seinem Gefolge das Maul aufzureißen, der wird weggebissen - auch wenn der Leitwolf sich damit selber schadet. Er kann sehr einsam enden.


DER SPIEGEL 24/2012
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