11.06.2012

Rübergemacht

ORTSTERMIN: Auf einer Busreise durch Ostdeutschland suchen junge Ostdeutsche nach dem Osten.
Es gibt eine Frage, die sie von Berlin aus nicht klären konnten, sagt Johannes Staemmler. "Was ist da eigentlich los, in Ostdeutschland?"
Staemmler klingt wie der Teilnehmer einer Expedition in ein unbekanntes Gebiet. Seine Gruppe ist bis nach Mittelherwigsdorf in der Oberlausitz vorgedrungen, es ist der östlichste Punkt ihrer Reise durch den Osten, die nächstgelegene große Stadt ist Liberec in der Tschechischen Republik, auch die Grenze zu Polen ist nicht mehr weit weg. Als er vorhin ankam, hat Staemmler als Erstes versucht, auf seinem Handy eine Internetverbindung herzustellen, aber er konnte kein Netz finden. Auf seinen Knien liegt ein Schreibblock.
Er schaut die Menschen an, die um ihn herum in einem Stuhlkreis in der "Kulturfabrik Meda" sitzen. Sonst finden hier Kinoabende statt. Etwa 30 Leute sitzen im Kreis, die Hälfte gehört zu der Gruppe, mit der Staemmler am späten Nachmittag angereist ist, in einem großen, silbernen Bus, auf dem der Schriftzug "3te Generation Ostdeutschland" steht.
So nennt sich ihre Reisegruppe. Sie erkunden das Land, aus dem sie selbst kommen. Sie reisen durch den Osten, weil sie aus dem Osten sind. Aber was bedeutet das heute noch?
"Wir wurden zwischen 1975 und 1985 in der DDR geboren", sagt Staemmler, Jahrgang 1982, in der Kulturfabrik. In einem Papier, das sie vor der Reise geschrieben haben, steht, dass es 2,4 Millionen Menschen gibt, auf die das zutrifft und die zu ihnen gehören könnten. Zur dritten Generation der Ostdeutschen, die zugleich die erste ist, die nach der Wiedervereinigung erwachsen wurde, in Freiheit und Demokratie. So klingt das oft in Politikerreden, es ist die Spra che, mit der sonst in Deutschland über Einwanderer gesprochen wird. Und manchmal fühlt Staemmler sich auch so.
Er sagt über sich selbst: "Ich habe meine Integrationsleistung erbracht." Abitur, Studium, im Moment schreibt er an seiner Doktorarbeit.
Johannes Staemmler war sieben Jahre alt, als die Mauer fiel. Er wuchs in Dresden auf, aber das kann man kaum noch hören. Er hat sich den weichen Dialekt seiner Heimat schon als Jugendlicher in Dresden abgewöhnt. Abtrainiert, sagt er. Niemand sollte gleich merken, dass er aus dem Osten kommt.
Aus dem Osten kamen Stasi-Leute, Neonazis, Arbeitslose. Witzfiguren, bestenfalls. "Ach, hätte ich jetzt gar nicht gedacht, dass du aus dem Osten bist", diesen Satz höre er ständig, erzählt Staemmler in Mittelherwigsdorf. Lachen im Saal. Die meisten hier kennen den Satz gut.
Staemmler sagt, dass er sich nicht mehr über diesen Satz freuen wollte. Er lebt jetzt in Berlin. An einem Sommerabend vor zwei Jahren saß er mit Bekannten zusammen, denen es ähnlich ging. Es war kurz vor dem großen Einheitsjubiläum. "Wir hatten auch genug davon, dass ständig nur ein paar alte Männer den Osten erklärten", sagt Staemmler. Die anderen kamen aus Rostock oder Hoyerswerda, sie arbeiteten bei Stiftungen und Instituten, als Soziologen oder Politikwissenschaftler, so wie er. Wie man Konzepte und Anträge schreibt, hatten sie im Westen gelernt.
Die "Bundesstiftung Aufarbeitung" gab ihnen 40 000 Euro für eine Konferenz. 150 Leute kamen. Sie schrieben einen neuen Antrag, diesmal für ihre Expedition. Wenn sie den Osten erklären wollten, anstelle der alten Männer, mussten sie ihn kennenlernen. Sie waren schließlich alle schon lange weg. Berlin zählte nicht.
Auf die Flyer für ihre Tour ließen sie eine Karte mit den Umrissen der DDR drucken. Sie waren in Schwedt, in Neubrandenburg, in Schwerin, sie haben mit Schülern und älteren Leuten gesprochen. Es gibt viele Kulturprojekte im Osten, so viel können sie schon sagen. Es wird auch einiges aufgearbeitet, am Nachmittag haben sie in Bautzen das alte Stasi-Gefängnis besichtigt. Der Mann, der sie durch die Gedenkstätte geführt hat, war Anfang dreißig. Sonst haben sie bisher nur wenig Gleichaltrige getroffen. Die dritte Generation hat rübergemacht, so wie sie.
"Dritte Generation Ost, könnt ihr damit was anfangen?", fragt eine Frau aus Staemmlers Gruppe in Mittelherwigsdorf.
Tja, sagt ein Mann. Er sei Jahrgang 1975 und gehöre demnach wohl dazu. Ronny Hausmann ist Restaurator, hat vier Kinder und ist nie aus der Oberlausitz weggezogen. Er habe einen Vorschlag für die Gruppe aus Berlin.
"Ostdeutschland, wollt ihr das Wort nicht weglassen?" Er habe das Gefühl, dass Deutschland auf einem guten Weg sei. Der Osten sei doch nichts Besonderes mehr. Vor allem kein Problemfall. Ein anderer Mann meldet sich, ihm gehe es da ähnlich. "Ich meine, ich war neun Jahre alt, als die Mauer fiel."
Johannes Staemmler macht sich Notizen. Vielleicht sind sie zu spät dran. Der neue Bundespräsident, den alle so mögen, kommt aus dem Osten. Die Kanzlerin sowieso. Die Band Kraftklub ist in den Charts, die Musiker sind Anfang zwanzig und kommen aus Karl-Marx-Stadt. So nennen sie die Stadt wieder. Wahrscheinlich wird der Osten jetzt cool. Johannes Staemmler könnte eigentlich wieder anfangen, sächsisch zu sprechen.
Von Wiebke Hollersen

DER SPIEGEL 24/2012
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