11.06.2012

LITERATURSchwestern von heute

Die Provinz hat von jeher einen schlechten Ruf. Als Lebensort taugt sie für Pensionäre und Kinder, für Geschöpfe mit schwachen Nerven oder ganz ohne Nerven; für jene, die keine Aussichten mehr oder noch keine haben. Die Ambition will in die Stadt. 111 Jahre ist es her, dass Tschechows "Drei Schwestern" sich erstmals nach der Großstadt Moskau verzehrten, und seither erklingen ihre Seufzer auf den Bühnen der Welt. Die Erzählerin von Gabriele Riedles Roman lebt in Berlin, sie hat es geschafft, einem Landstrich zu entkommen, in dem die Leute noch "Heimat" sagen, ganz ohne Ironie. Nun soll sie Tschechows Stück neu übersetzen, doch jedes dieser lang vertrauten Worte schaut plötzlich fremd zurück, und die Lektüre des melancholischen Klassikers führt die Frau in mittleren Jahren, gebildet, unabhängig und sowieso emanzipiert, in die leere Mitte ihres modernen Lebens. Verglichen mit den drei Schwestern, die durch Sitte und Gesetz angepflockt waren, hat sie im Rausch der Möglichkeiten gelebt. Aber wozu? "Überflüssige Menschen" hat Riedle, 53, ihr drittes Buch genannt. Mit rhetorischer Verve und nicht ohne Selbstironie macht sie einem westdeutschen Bildungsroman den Prozess, in dem die Rettung aus nationalsozialistischem Familienschlamm und selbstzufriedener Genügsamkeit die Töchter und Söhne zu entwurzelten Einzelnen macht: allen Parteien misstrauend und bar jener naiven Entschlossenheit, die jede Bindung braucht. Was wäre, fragt sie außerdem, aus den drei großbürgerlichen Schwestern geworden, hätten sie es nach Moskau geschafft? Die Revolution zu überleben wäre schon schwierig gewesen. Und später griffen die deutschen Väter an und gaben dem Rest den Rest.

DER SPIEGEL 24/2012
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