11.06.2012

Alles auf Anfang

Von Hage, Volker

LITERATURKRITIK: Der Band "Beginners" präsentiert Erzählungen des US-Autors Raymond Carver endlich in ihrer ursprünglichen Form.

Zwei junge Männer, beide verheiratet, einer schon Familienvater, fahren durch die Gegend. Einfach so, ziellos. Beste Freunde sind sie, seit Jugendtagen. Und sie finden, dass Männer sich gelegentlich mal loseisen müssen von ihren Frauen.

Jerry entdeckt die zwei Mädchen auf den Fahrrädern als Erster. Er und Bill sprechen die beiden an und laden sie ein, ein Stückchen mit ihnen zu fahren.

Aber die Mädchen wollen nicht. Erst scherzen sie noch, dann wird ihnen die Situation auf der Landstraße unheimlich. Sie schmeißen ihre Räder hin und laufen davon, einen Hang hinauf. Die Männer hinterher.

Aus dem erhofften Abenteuer wird nichts. Die Mädchen sind am Ende tot. Abrupter Schluss der Erzählung: "Jerry nahm denselben Stein bei beiden Mädchen, zuerst bei dem Mädchen, das Sharon hieß, und dann bei der, die Bills sein sollte."

Kurz und knapp. Dafür ist der Erzähler Raymond Carver bekannt, der 1988 mit nur 50 Jahren an Lungenkrebs starb. Der lakonische Stil, der sogar noch den von Hemingway in den Schatten stellt, brachte ihm Ruhm und die Verehrung von Lesern, Kritikern und Kollegen ein.

Eigentlich ist das Ende der Erzählung "Sag den Frauen, dass wir wegfahren" ein anderes gewesen, und die Geschichte war doppelt so lang. In der ursprünglichen Fassung kommt es zu einer Vergewaltigung, und nur eine der beiden jungen Frauen muss sterben. Jerry fürchtet, dass sie ihn anzeigen könnte. Er schlägt ihr einen Stein auf den Kopf, immer wieder. Carver beschreibt das ausführlich. Am Ende liegen sich die Freunde weinend und ratlos in den Armen.

Es war schon zu Carvers Lebzeiten kein Geheimnis, dass sein Lektor Gordon

Lish in die Manuskripte des vier Jahre

jüngeren Autors erheblich eingriff. Er strich ganze Absätze, änderte Namen, verkürzte Sätze, eliminierte retardierende Passagen. Carver, der Lish seit 1967 kannte, ließ ihn gewähren.

Die Geschichte mit dem Mädchenmord erschien 1981 zusammen mit 16 anderen in dem Carver-Band "What We Talk about When We Talk about Love" - auch der geniale Buchtitel stammt vom Lektor.

Wie Lish im Einzelnen vorging, in welchem Ausmaß er die Erzählungen Carvers manipulierte, das lässt sich inzwischen beantworten - ebenso die immer wieder gestellte Frage, ob nicht er es war, der überhaupt erst den typischen Carver-Sound geschaffen hat.

Vor drei Jahren sind in den USA - auf beharrliches Betreiben von Carvers Witwe Tess Gallagher - die Texte des Erzählbands in ihrer ursprünglichen Form und unter dem Titel "Beginners" veröffentlicht worden.

Die Edition der Erstfassungen ist ausgestattet mit Begleitworten, Anmerkungen und Briefdokumenten. Verblüffend sind die Prozentangaben, die das Ausmaß der Streichungen durch Lish zeigen, bezogen auf die Anzahl der Wörter.

Um bis zu 78 Prozent des Textes hat der Lektor einzelne Geschichten gekürzt, bei anderen wiederum gibt es nur marginale Eingriffe. Verändert wurden alle, und nicht alle zu ihrem Vorteil. So sind etwa die Urfassungen der großartigen Erzählungen "Pavillon" und "Anfänger" den gekürzten Versionen eindeutig überlegen.

Nun gibt es endlich auch eine - sehr gute - deutsche Übersetzung des Buchs, das freilich nicht einfach "Anfänger" heißt, sondern den englischen Titel "Beginners" übernimmt, um den Untertitel "Uncut" ergänzt. Ohne Schnitt, Originalfassung: Das soll nach Kino klingen, und es darf dabei an Robert Altmans Film "Short Cuts" (1993) gedacht werden, der weitgehend auf Carvers Storys basiert und den Erzähler in Deutschland bekannt gemacht hat.

Gleichzeitig ist im Verlag S. Fischer auch eine Ausgabe der gekürzten Erzählungen unter dem alten Titel "Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden" als Taschenbuch neu aufgelegt worden. Die parallele Lektüre der Geschichten in beiden Fassungen lehrt mehr über das Entstehen von Literatur als jedes Schreibseminar.

Der berühmte Carver-Ton und der frühe Ruhm des Autors verdanken sich tatsächlich weitgehend dem Lektor. Doch was einst Mode war, wirkt heute vielfach nur modisch. Die ruhigeren Erstfassungen aber kommen zum Teil wie zeitlos daher.

Gordon Lish war, keine Frage, Carvers wichtigster Förderer, sein Freund und erster Adressat. Seine durchaus selbstherrlichen Eingriffe stießen freilich auf Skepsis seitens des Autors. Dennoch: Als Carver sich entschloss, ein wenig unabhängiger zu werden und mehr auf sich selbst zu vertrauen, überfiel ihn eine fast existentielle Angst vor Liebesentzug.

Nachdem er 1982 einen neuen Erzählband fertiggestellt hatte, bat Raymond Carver den Mann, der für ihn eine Lichtgestalt war, fast flehentlich in einem Brief: "Bitte hilf mir mit diesem Buch als guter Lektor, als der beste." Und mutig setzte er hinzu: "Aber nicht als Ghostwriter."

Raymond Carver: "Beginners. Uncut". Aus dem amerikanischen Englisch von Manfred Allié u. a. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 368 Seiten; 21,99 Euro.

DER SPIEGEL 24/2012
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