18.06.2012

BILDUNGDie unreife Prüfung

Das Abitur, seit 200 Jahren ein deutsches Markenzeichen, wird reformiert. Bald sollen alle Schüler ähnliche Prüfungen ablegen. Doch die Korrektur bleibt halbherzig: Die Bundesländer scheuen den Vergleich - und damit den Wettbewerb.
Zwei Stunden dauert die Autofahrt von Tostedt im Süden Hamburgs nach Satrup nahe der dänischen Grenze. Nicole Dombrowsky, 18, kostete es ein ganzes Schuljahr, als sie mit ihrer Mutter von Niedersachsen nach Schleswig-Holstein zu deren Lebensgefährten zog.
Im nächsten Jahr wird die Schülerin am Bernstorff-Gymnasium ihr Abitur ablegen - wenn alles normal läuft. Doch was ist schon normal bei einem Wechsel in der Oberstufe zwischen zwei benachbarten Bundesländern?
In Tostedt dauert das Gymnasium acht Jahre, in Satrup neun. In Tostedt umfasst die Abiturprüfung fünf Fächer, in Satrup vier. In Tostedt wählte Dombrowsky Biologie und Chemie als Schwerpunktfächer, in Satrup belegt sie ein "naturwissenschaftliches Profil". Deshalb steht wieder Physik auf dem Prüfungsplan, ein Fach, das sie schon abgewählt hatte.
"Ich habe in Deutsch zweimal 'Nathan der Weise' gelesen, in Mathe zweimal Kurvendiskussion gemacht und in Biologie zweimal für Zellosmose gelernt", sagt die Schülerin. Das Latinum machte sie zweimal, ebenso ihr Pflichtpraktikum, das erste in einem niedersächsischen Kindergarten und das zweite in einer schleswig-holsteinischen Grundschule.
Willkommen im real existierenden Föderalismus, willkommen in der Bildungsrepublik Deutschland. Das Zeugnis am Ende der Oberstufe - Ausweis der Allgemeinen Hochschulreife - soll eine Schülerkarriere krönen. Doch in kaum einem anderen Bereich zeigt sich das Schulsystem so unausgereift wie beim Abitur.
Der Durchblick fällt selbst Experten schwer. In Baden-Württemberg und Hessen sind Deutsch, Mathematik und eine Fremdsprache Pflicht, in Bremen und Berlin ist es bislang nur eines dieser Fächer. In Bayern kommen alle Aufgaben aus der Landeshauptstadt, in Brandenburg einige, in Rheinland-Pfalz keine. Im Saarland tragen die Noten aus den Abi-Prüfungen viel zum Gesamtschnitt bei, in Hamburg wenig.
360 000 Schülerinnen und Schüler durchliefen in den vergangenen Wochen Klausuren und mündliche Prüfungen. Die meisten sind nun stolz auf ihr Abi. Tatsächlich ist es ihr Abi - ein individuelles Zeugnis, dessen Wert kaum einzuschätzen ist.
Um das zu bedauern, muss man nicht zu einem Umzug von einem ins andere Bundesland, von einem Abi-Regime zum nächsten gezwungen worden sein. In Meinungserhebungen sprachen sich zuletzt vier Fünftel der Befragten dafür aus, ein bundeseinheitliches Abitur einzuführen; unter den Lehrern ist der Anteil ähnlich hoch.
Gemeinschaftlich sorgen sich Eltern, Schüler und Lehrer um ein deutsches Markenzeichen, und weil Bildung ein Thema ist, mit dem Wahlen gewonnen oder verloren werden können, hat die Politik die Sorge angenommen. "Wir brauchen Vergleichbarkeit bei den Bildungsabschlüssen", fordert Bundesbil-
dungsministerin Annette Schavan (CDU)
und klingt damit nicht anders als viele Parteivertreter von SPD, Grünen und FDP. Der niedersächsische Ministerpräsident David McAllister (CDU) rief ein "Deutschland-Abitur als Ziel" aus.
Doch was einzelne Politiker versprechen oder verlangen, ist unerheblich; erst recht wenn sie in der Bundespolitik aktiv sind. Das Kuddelmuddel beenden kann nur jenes Gremium, das für das jahrzehntelange Hin und Her verantwortlich ist - und das in dieser Woche turnusgemäß in Berlin tagt: die Kultusministerkonferenz.
Die Zentralinstanz des Bildungsföderalismus hat im Frühjahr umfangreiche Reformen bei der Reifeprüfung in Aussicht gestellt und nicht weniger als "vergleichbare Abiturprüfungen in Deutschland" versprochen. Ab dem Schuljahr 2016/2017 sollen sich alle Bundesländer beim Abitur aus einem gemeinsamen Aufgabenpool bedienen können. Außerdem wollen sechs Länder - Bayern, Sachsen, Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern - schon ab 2014 ähnliche Aufgaben in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch stellen.
Wie die Pool-Lösung genau aussehen soll, ist noch unklar. Doch so viel steht fest: Zentrale Prüfungen für ganz Deutschland wird es weiterhin nicht geben. "Jedes Land hat immer noch die Letztverantwortung", sagt Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU). Den Bildungsföderalismus wirklich aufzugeben, das kommt für den Freistaat nicht in Frage: "Wir wollen ausdrücklich kein Zentralabitur", betont Spaenle. Stattdessen sollen die Schüler künftig gleich schwere, aber nicht dieselben Aufgaben vorgelegt bekommen.
Abzusehen ist deshalb, dass die geplanten Änderungen an der Reifeprüfung weder Eltern noch Lehrer zufriedenstellen werden. Genau 200 Jahre nachdem Preußen das Abiturreglement des Kultusminister-Urahns und Bildungsreformers Wilhelm von Humboldt einführte, schränkt das föderale System jeden Reformeifer von vornherein ein.
Dabei wäre ein Konzept ohne Kompromisse dringender denn je, schließlich legen immer mehr Schüler die Reifeprüfung ab. In Hamburg und anderen Städten ist es schon die Hälfte; bundesweit liegt der Anteil inzwischen bei einem Drittel, Tendenz steigend. Längst hat das Gymnasium sein Monopol auf das Abitur verloren. Auch von Gesamtschulen, Stadtteilschulen oder Oberschulen führt der Weg zur Hochschule.
Abi für (fast) alle, aber für keinen dasselbe - an dieser fatalen Kombination wird sich so bald nichts ändern.
"Mir ist nicht klar, wie der Aufgabenpool die Abiture tatsächlich vergleichbarer machen soll", sagt Wilfried Bos, Leiter des Instituts für Schulentwicklungsforschung in Dortmund. Vergleichen könne man das Abschneiden nur bei identischen Aufgaben und zentraler Auswertung, sagt der Schulforscher, der mehrere Leistungsstudien betreut hat. "Entweder ich habe messbare Standards, oder ich habe eben keine messbaren Standards." Wer Vergleichbarkeit fordere, müsse mit den Ergebnissen leben - auch wenn sie unangenehm seien. Den geplanten Aufgabenpool wertet Bos als Versuch, solche zentralen Datenerhebungen zu vermeiden.
So bleibt es wohl bei Diskrepanzen, wie sie am besten Pädagogen beschreiben können, die über Erfahrungen aus mehreren Bundesländern verfügen. Zum Beispiel Bettina Fensch, 48, Lehrerin für Deutsch und Geschichte: Sie wechselte im vergangenen Jahr aus Augsburg ans Johanneum in Hamburg, eines der prestigeträchtigsten Gymnasien der Hansestadt. "Meine beiden Zwillinge sind ihren Mitschülern im Lateinunterricht der 7. Klasse ein volles Jahr voraus", sagt die Mutter von fünf Kindern.
Auch als Lehrkraft erlebt sie nun, wie unterschiedlich die Verhältnisse sein können, wenn man plötzlich in einem anderen Teil derselben Republik lebt. Erstmals in ihrer Pädagogenkarriere erstellt sie die schriftlichen Abituraufgaben selbst, ihre Schüler werden im kommenden Jahr ihre Geschichtsklausur bearbeiten - in Bayern undenkbar.
In den beiden Bundesländern, so nimmt es Fensch wahr, würden gegensätzliche Schwerpunkte gesetzt: Klausuren im Freistaat, mündliche Mitarbeit in der Hansestadt. Dort klare Vorgaben vom Ministerium, hier große Freiheiten im Lehrplan und zeitraubende Diskussionen in den Schulgremien. "Die Bayern können besser analysieren, die Hamburger besser präsentieren", sagt Fensch. Sie genieße die Freiheiten, andererseits sei sie erstaunt über die lasche Disziplin. "In Hamburg lässt man unheimlich viel Leine."
Rüdiger Horst, 39, Lehrer für Spanisch und Gemeinschaftskunde, zog vor drei Jahren von Niedersachsen nach Baden-Württemberg, von Stadthagen nach Karlsruhe. Damals beneideten ihn Kollegen. "Viele Lehrer im Norden denken, der Süden sei das Land, in dem Milch und Honig fließen", sagt Horst. Doch das gelte nicht für alle Fächer. Seine eigenen würden im Land der Tüftler und Häuslebauer eher geringgeschätzt, sagt Horst: "Ingenieure werden gesucht, Politologen nicht so, die Verwertbarkeit der Schulfächer steht hier im Vordergrund."
Ursula Graf, 48, Mathe- und Physik-lehrerin, ging nach ihrem Referendariat in Bayern für vier Jahre nach Bochum und kehrte 2011 zurück ans altehrwürdige Gymnasium Christian-Ernestinum in Bayreuth. Graf lobt die Arbeitshaltung der Schüler in Bayern, den Fleiß, den Ernst. In Bochum habe sie beeindruckt, wie gut sich die deutschen Schüler mit den vielen Einwandererkindern auf dem Gymnasium verstanden. In den Prüfungen zeigten sich Unterschiede: "Das Niveau der Aufgaben ist in Bayern höher", urteilt Graf.
Ursula Graf befürwortet eine einheitliche Prüfung: "Das hätte Signalwirkung." Rüdiger Horst sagt: "Ich bin ein Gegner des Bildungsföderalismus; es wäre sinnvoller, Bildungspolitik zu zentralisieren." Bettina Fensch will nicht alle Fächer vereinheitlichen, "aber in den Kernfächern Mathe, Deutsch und Englisch sollte es zentrale Standards geben".
Was die drei Lehrer in ihrem Alltag erfahren, entspricht den Erkenntnissen von Schulforschern: Es geht ungerecht zu beim Abi. Während sich in manchen Bundesländern Schüler durch die Oberstufe faulenzen, wird ihnen anderswo alles abverlangt. Während sie hier auf gute Noten vertrauen dürfen, müssen sie dort froh sein zu bestehen. Das Abschlusszeugnis heißt hier wie dort gleich, aber es bedeutet etwas anderes. Wissenschaftliche Studien haben große Differenzen aufgezeigt. So mussten Schüler in Baden-Württemberg deutlich mehr als in Hamburg für dieselbe Mathematiknote leisten.
Das ist auch deshalb problematisch, weil es so folgenreich ist. Anders als in den USA, wo meistens nicht der Highschool-Abschluss ausreicht, sondern das Abschneiden in standardisierten Tests über das Fortkommen im Bildungssystem entscheidet, ist das Abitur in Deutschland die Eintrittskarte für die Hochschule.
Es enthält schließlich zwei große Versprechen: eines über den Schüler, eines für den Schüler. Es bezeugt, erstens, die allgemeine Hochschulreife jedes Abiturienten, also die persönliche Voraussetzung, in jedem beliebigen Fach an einer Hochschule bestehen zu können. Und gewährt, zweitens, dem Abiturienten das Recht, jedes beliebige Fach an einer Hochschule studieren zu dürfen. Doch wenn es knapp wird bei den Studienplätzen und die Unis einen Numerus clausus einrichten, gibt der Abi-Schnitt den Ausschlag.
Umso verständlicher, wenn manche die Unterschiede auszunutzen versuchen: Als Florian, 18, Waldorfschüler aus Landsberg am Lech, im Sommer 2010 seine Chancen schwinden sah, das bayerische Abi zu schaffen, kümmerte er sich um einen Platz in der Rudolf-Steiner-Schule in Bremen und zog für ein Jahr in eine Wohngemeinschaft im Norden. Florian bestand, zwar nicht mit Glanznoten, aber doch mit einem ausreichenden Ergebnis.
Was gegen zu große Unterschiede hilft, scheint jeder einzelne Kultusminister für sein Land genau zu wissen. In 15 von 16 Bundesländern gibt es mittlerweile ein landeseigenes Zentralabitur, einzige Ausnahme ist Rheinland-Pfalz (siehe Grafik Seite 47). Doch was 15 Kultusministern für ihr jeweiliges Bundesland recht ist, ist ihnen für die Bundesrepublik nicht billig: einheitliche Prüfungen.
Dabei wäre es die logische Fortsetzung der Reformen der vergangenen Jahre: hin zu mehr Vergleichbarkeit, mehr Standards. Die Reformierte Oberstufe mit ihren zahlreichen Auswahl- und Abwahlmöglichkeiten, 1972 mit großem Getöse und großen Hoffnungen eingeführt, ist Geschichte.
Zuerst nahm Baden-Württemberg unter der Ägide der damaligen Kultusministerin Schavan die Grund- und Leistungskurse zugunsten verpflichtender vierstündiger Kernfächer zurück. In Deutsch, Mathematik und Fremdsprache seien "solide Grundkompetenzen für alle wichtiger als Spezialisierungsmöglichkeiten für wenige", sagte Schavan.
Viele Bundesländer folgten. Ungeliebte Fächer fröhlich aussortieren - das war einmal. Die Gymnasiasten müssen fast überall Deutsch, Mathematik und eine Fremdsprache bis zum Abitur belegen. Nicht nur das: Zumeist müssen sich die Abiturienten in mindestens zwei dieser Fächer prüfen lassen. Und gelernt wird wieder im Klassenverband.
Kaum noch dürfen sich Schüler ein Abitur basteln wie der Rheinland-Pfälzer Sebastian Gräber, 19, mit den Fächern Sozialkunde, Mathe, Englisch und Ethik. Mit dem Notendurchschnitt von 1,2 ist er Jahrgangsbester seines Gymnasiums in Traben-Trarbach an der Mosel. Gräber, Schülersprecher und Mitglied der Landesschülervertretung, findet Wahlfreiheit gut. "Das Engagement der Schüler ist größer, wenn man sie das lernen lässt, was sie wirklich interessiert", sagt er.
Doch der Geist der Siebziger ist out wie Schlaghosen und Batik-T-Shirts - selbst in Norddeutschland mit seinen vermeintlichen Kuschel-Abis. Ties Rabes Krawatte hat rote Streifen, der Hamburger Schulsenator schenkt sich in seinem Büro roten Tee aus einer roten Plastikkanne ein. Aber der SPD-Politiker redet, wie es früher nur schwarze, konservative Kultusminister taten.
"Bildungsföderalismus heißt ja nicht, dass jeder machen kann, was er will, er beinhaltet zugleich ein Leistungsversprechen", sagt Rabe, 51. "Es kann nicht angehen, dass das Abitur in einigen Bundesländern schwerer erscheint als in anderen."
Hamburg zählt zu den sechs Ländern, die ab 2014 ähnliche Aufgaben in den Kernfächern stellen wollen. Die Hansestadt war diesem Kreis beigetreten, als noch Rabes Vorgänger von der CDU das Sagen hatte. Rabe ist nicht wieder ausgetreten.
Aber ein echtes Zentralabitur für Deutschland - das will auch der aktuelle Präsident der Kultusministerkonferenz lieber nicht. Er verweist stattdessen auf die sogenannten Bildungsstandards. Im Herbst wollen sich Rabe und seine Kollegen Kultusminister darauf verständigen, was Oberstufenschüler in den wichtigsten Fächern können müssen. An den Standards arbeiten derzeit Fachleute eines Instituts, das einen vielversprechenden Namen hat: Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen.
Die Berliner Experten werden schmale Bändchen vorlegen, die beschreiben, was deutsche Gymnasiasten in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch beherrschen müssen. Ähnliche Leitfäden existieren bereits für jüngere Jahrgangsstufen. Die Bildungsstandards sind die derzeitige Allzweckwaffe der Kultusminister und ihres Instituts. Ein Kanon, der verbindliche Lerninhalte vorschreibt, sei passé, erläutert Institutsleiterin Petra Stanat. Moderne Bildungsziele würden als Kompetenzen definiert, also als fachbezogene Fähigkeiten und Fertigkeiten, die zur Lösung von Problemen angewendet werden können. "Die Bildungsstandards sollen der zentrale Maßstab für die Schulen werden", erklärt Stanat.
Aber werden die Standards auch eingehalten? Wie sie sich in den jeweiligen Lehrplänen niederschlagen, bleibt jedem Bundesland überlassen, ebenso wie die Auswahl der Abi-Aufgaben aus dem noch zu erstellenden Pool. Auch hierfür arbeitet das Institut derzeit an einem Konzept.
Klar ist: Ein Zentralabitur ist nicht geplant. Dabei liegt ein praktikabler Vorschlag auf dem Tisch, wie eine solche Bundesprüfung aussehen könnte. Der Aktionsrat Bildung hat ihn formuliert, ein Gremium, dem neben Wilfried Bos zehn weitere angesehene Bildungsforscher angehören, finanziert wird es von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. In ihrem Gutachten empfahlen die Wissenschaftler unlängst ein "gemeinsames Kernabitur".
Sie plädieren dafür, einmal pro Jahr einen nationalen Testtag einzurichten - etwa im Mai, in einer Woche ohne Ferien. An diesem Tag würden alle Abiturienten bundesweit schriftlich in Deutsch, Mathematik und Englisch geprüft: zur selben Zeit, mit denselben Aufgaben, anderthalb Stunden pro Fach.
Das Konzept sieht vor, dass diese zentralen Tests rund 30 Prozent der Abiturprüfung ausmachen. Die Bundesländer wären frei, die übrigen 70 Prozent zu gestalten, sie könnten andere Fächer prüfen lassen und weiterhin über mündliche Prüfungen entscheiden. Wie bisher würde die Gesamtnote auch die Leistungen aus den letzten beiden Schuljahren würdigen.
Alles in allem, rechnet der Aktionsrat, würden die zentralen Prüfungen dann zehn Prozent der Gesamtnote ausmachen. Das wäre so wenig, dass immer noch große Freiheit herrschte. Und doch so viel, dass die Transparenz stark erhöht würde. Erstmals würde sichtbar und auch vergleichbar, was Abiturienten wissen.
Das könnte, hoffen die Experten, vor allem für "weniger gut abschneidende Bundesländer" ein Ansporn sein. Klar sei jedenfalls: "Die Einführung von zentralen Prüfungsbestandteilen wird zu Gewinnern und Verlierern führen."
Dass sich solche zentralistischen Elemente in einem föderalen System etablieren lassen, wenn auch gegen große Widerstände, beweisen die Bildungspolitiker in einem Nachbarland mit großer föderaler Tradition. Österreich, bisweilen als reformresistent verschrien, ähnelt Deutschland: Über die Lehrinhalte bestimmen die selbstbewussten Bundesländer, es gibt teils abweichende Ferientermine von Tirol bis in die Steiermark, und in jeder Region ist man stolz auf landsmannschaftliche Besonderheiten, die sich im Unterricht widerspiegeln.
Doch ausgerechnet Österreich, in den Pisa-Tests schlimm gebeutelt, führt bald eine "Zentralmatura" ein. Ab 2015 wird eine Bundeseinrichtung die Abituraufgaben für Deutsch, Mathe und die Fremdsprachen stellen. Zu bearbeiten sind sie am selben Tag im ganzen Land.
Alles Übrige bleibt den Bundesländern überlassen. Sie dürfen weitere Prüfungen festlegen, die mündlichen Tests bestimmen und den Inhalt der vorgeschriebenen "vorwissenschaftlichen Arbeit". Funktioniert das Vorhaben, könnte das den Druck auf das nördliche Nachbarland erhöhen. Die Österreicher werden demnach bald über belastbare Vergleichszahlen verfügen, zu einem Zeitpunkt, an dem die deutschen Kultusminister über die Aufgaben aus ihrem Pool diskutieren.
Die Neu-Schleswig-Holsteinerin Nicole Dombrowsky wird dann wohl ihr Abitur bestanden haben. Mit den Besonderheiten des Bundeslandwechsels hat sie sich arrangiert. "Was soll ich auch machen?", sagt die Oberstufenschülerin.
Ein Wunder, dass sie trotz aller Mühen bei ihrem Berufswunsch bleibt und sich nicht vom Bildungssystem abwendet: Sie will Lehrerin werden.
(*) Schüler des Eugen-Bolz-Gymnasiums in der Festhalle in Rottenburg am Neckar.
Von Matthias Bartsch, Jan Friedmann, Ulf Hanke und Conny Neumann

DER SPIEGEL 25/2012
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