18.06.2012

AFFÄRENHerr und Helg

Erstmals hat der Klatten-Erpresser Sgarbi über den mutmaß lichen Drahtzieher des Komplotts ausgesagt. Dem drohen in Italien neun Jahre Gefängnis.
Als Ernano Barretta, der Erleuchtete, das Strafgericht im italienischen Pescara betritt, ist ihm das Strahlende schon vergangen. "Che cazzo guardi?", "Was glotzt du, Schwanz?", blafft er einen der Anwälte an, die für die Signora Klatten aus Deutschland arbeiten. Und obwohl er doch angeblich über den irdischen Dingen steht, muss sich der Sektenchef aus den Abbruzzen ständig die Schweißperlen abtupfen. Nicht weil es so heiß wäre, der Saal ist gut klimatisiert. Wohl eher, weil er ahnt, was kommt. In seinem Plädoyer fordert der Staatsanwalt später neun Jahre Gefängnis für ihn.
Damit steht der Prozess gegen den mutmaßlichen Drahtzieher im Erpressungsfall Susanne Klatten kurz vor dem Abschluss. Aus Sicht der Strafverfolger hat Barretta 2007 einen seiner ergebensten Jünger ausgeschickt, den Schweizer Helg Sgarbi, um die reichste Frau Deutschlands erst zu verführen, dann mit heimlich gedrehten Liebesvideos zu erpressen.
Bevor aber in dieser Woche das Urteil fallen soll, hatte das Verfahren am vergangenen Dienstag noch einen Höhepunkt zu bieten: den Auftritt des großen Verführers, Sgarbi, als Zeugen. Abgesehen von dem kurzen Geständnis, das sein Anwalt Egon Geis für ihn im Münchner Prozess 2009 vorgetragen hatte, war es das erste Mal, dass sich der Gigolo, der im bayerischen Landsberg sechs Jahre absitzt, zu den Vorwürfen erklärte.
Wer allerdings gedacht hatte, die Zeit im Knast hätte ihn vom Anhänger zum Ankläger seines Gurus Barretta verwandelt, sah sich getäuscht. 84 Minuten lang versuchte Sgarbi jenen Mann zu entlasten, der seine Jünger schon mal mit dem Hinweis beseelt haben soll, sein Sperma sei das Blut Jesu Christi.
Barretta habe von der Erpressung nichts gewusst, behauptete Sgarbi also. Er allein habe im Münchner Holiday Inn das Video gemacht, aus einer abgestellten Tasche heraus; er allein habe dann zuerst sieben Millionen Euro von Klatten erbettelt, mit der Lügenstory, dass er in Amerika das Kind eines Mafioso angefahren habe und dafür zahlen müsse. Und er allein habe dann auch noch mehr gefordert, nun mit Erpressung: erst 49 Millionen, schließlich "2x7up", 14 Millionen, mit der Drohung, die Aufnahmen zu verschicken.
Als zur Übergabe auf einem Autobahn-rastplatz in Österreich nicht BMW-Großaktionärin Klatten, sondern die Polizei erschien, nahm sie dort allerdings auch Barretta fest. Dennoch habe der nichts geahnt, erzählte Sgarbi, habe ihn nur begleitet, auf seine Bitte hin, ohne zu wissen, warum. "Es war ein großer Fehler, Herrn Barretta in die Geschichte hineinzuziehen, ich entschuldige mich bei ihm." Als Dreingabe präsentierte Sgarbi dem Gericht noch ein Motiv für seine Tat: Klattens Familie, die Quandts, hätten ihr Vermögen schon in der Nazi-Zeit gemacht, seine eigene Familie habe jüdische Wurzeln. Als Klatten den Kontakt zu ihm abgebrochen, als sie einfach den Telefonhörer aufgelegt habe, kurz vor der Erpressung, "war das dieselbe Arroganz, die auch meine Vorfahren ermordet hat".
Allerdings sprechen die Fakten eher gegen seine blumigen Erzählungen - und dafür, dass er für Barretta alle Schuld auf sich nehmen will. Obwohl Sgarbi nämlich behauptete, er habe die sieben Millionen von Klatten, in 500er-Scheinen, sofort in München und Rom weitergereicht, um alte Spielschulden zu bezahlen, fand die Polizei auf Barrettas Grundstück 500-Euro-Bündel wie die von Klatten: mit rosa Banderole und Aufdruck "Landeszentralbank".
Mit so einem Bündel soll Barretta auch versucht haben, eine Villa anzuzahlen. Außerdem forderte sein Sohn Marcello in einem von der Polizei abgehörten Telefonat die Freundin auf, die zwei 500-Euro-Scheine, die er ihr gegeben habe, sofort wegzuwerfen. Am stärksten belastet Barretta aber ein Zettel, der bei der geplatzten Geldübergabe auf dem Rastplatz in seiner Jacke steckte: Darauf standen die Rufnummern von Klatten und zwei anderen Frauen, die Sgarbi genauso beglückt und dann betrogen hatte.
Wieder soll Barretta nichts gewusst haben: Den Zettel "habe ich ihm am Tag seiner Festnahme in seine Sakkotasche gesteckt", heimlich, erklärte Sgarbi allen Ernstes. Warum? Nur falls ihm, Sgarbi, etwas passiert wäre. Dann hätte sein Freund Barretta auf diesem Wege erfahren, dass Frau Klatten das Problem auf die harte Tour gelöst habe. Dumm nur, dass die Namen auf dem Zettel verschlüsselt waren. Ein ahnungsloser Barretta hätte damit kaum etwas anfangen können.
Insgesamt forderte der Staatsanwalt 27 Jahre Gefängnis für den Barretta-Clan: neun für Barretta, je sechs für Frau, Sohn und Tochter. Dazu noch zweieinhalb Jahre für die Ehefrau des Gigolos, die wie alle anderen mit der Erpressung nichts zu tun haben will; sie steht Barretta so nahe, dass sie ihm während des Prozesses fürsorglich die Taschentücher hinhielt, bei seinen Schweißausbrüchen.
Doch Klattens Anwälten reicht das nicht. Sie verlangen acht Millionen Euro von Barretta. Es geht um Schmerzensgeld, vor allem jedoch um den Großteil der sieben Millionen, von denen die Polizei erst 400 213 Euro sichergestellt hat. Nicht dass die Milliardärin auf das Geld angewiesen wäre. Aber angeblich hat sie Sgarbi kürzlich sogar die Uhr wegpfänden lassen, denn so etwas dürfte selbst für die reichste Deutsche von unschätzbarem Wert sein: als Zeichen für die Rache einer gedemütigten Frau.
Von Jürgen Dahlkamp

DER SPIEGEL 25/2012
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