18.06.2012

Zu viel Phantasie

Von Hoppe, Ralf

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Wie sich ein Schauspieler versehentlich erhängte

Gleyson war der Erste, der ihn besuchte, der ins Krankenhaus eilte, noch in jener Nacht, wobei "besuchen" zu viel gesagt ist, Gleyson durfte gerade noch einen Blick auf ihn werfen, ein Gebet murmeln, unter den wachsamen Augen von Frau Doktor Ferreira. Thiago lag im Koma. Es sah aus, als ob er schliefe, bleich, aber friedlich, und um den Hals von Thiago sah Gleyson das Würgemal, dünn, aber rot wie Feuer.

Gleyson besuchte seinen Freund, so oft es ging, er klammerte sich an die Hoffnung, dass Thiago aufwachen würde, das war noch vor den dias horríveis, wie er diese Zeit später nennen sollte, den Tagen des Schreckens.

Gleyson Domingues und Thiago Klimeck, Getränkeauslieferer der eine, Buchhalter der andere, waren schon beste Freunde, als sie noch in kurzen Hosen liefen. Beide geboren in Itararé, einem Provinznest im Bundesstaat São Paulo, Brasilien. Sie stammten aus demselben Viertel, Cerrado, aber was sie verband, war mehr: Sie hatten Phantasie.

Die anderen jungen Männer verbrachten ihre Freizeit auf dem Bolzplatz oder fuhren an warmen Samstagabenden die Hauptstraße auf und ab, im Schritttempo, die Rua São Pedro, die Musik wummerte, während die hübschen Mädchen kichernd den Bürgersteig entlangflanierten. Nichts gegen hübsche Mädchen, fanden Gleyson und Thiago, und eines Tages würden auch sie heiraten; aber bis dahin hatten sie so viele Ideen. Sie trafen sich oft, stundenlang konnten sie quatschen, sie wollten Geschichten erzählen, Geschichten spielen.

Einen Freund zu finden, in dem man sich selbst entdeckt: Das war das Glück von Gleyson und Thiago.

Bei ihrer Laienspielgruppe konnten sie sich die Rollen aussuchen, sie spielten Dramen, Komödien, Glanzpunkt des Jahres war das Osterstück: Das führten sie auf dem Rathausplatz auf, die Passion Christi.

Gleyson spielte wieder Jesus, Thiago hatte den Part von Judas Ischariot übernommen, der Jesus für 30 Silberlinge verkauft und sich aus Selbstekel erhängt. Die Inszenierung war die prachtvollste bisher: Rote Scheinwerfer glühten, Rauch stieg auf, gellend forderten die Juden Jesu Blut, martialisch stampften die römischen Soldaten auf. Für die Szene, in der Judas sich erhängt, hatte Thiago sich ein Fluggeschirr besorgt. Ein Fluggeschirr ist ein stabiles Korsett, den Oberkörper bis unter die Arme umschließend, konstruiert, um einen Menschen an einen Kran zu hängen, schweben zu lassen. Hinten war ein Haken befestigt. Hier musste der Strick eingeklinkt werden, während die Schlinge nur lasch um den Hals gelegt wurde.

Alles lief gut. Nach seinem Verrat stieg Judas auf ein Podest, während Jesus von den Häschern abgeführt wurde. Auf dem Podest stehend, rang Judas gramerfüllt die Hände und legte sich die Schlinge um den Hals - beziehungsweise: befestigte sie an dem Fluggeschirr. Dabei unterlief ihm ein schwerer Fehler.

Am Morgen noch hatte Thiago, dies ergab die spätere Untersuchung der Polizei, eine kräftige Kordel in den Kragen seines Judas-Kittels eingenäht, mit einem Knoten vorn, zum Zuziehen. Während er sich auf der Bühne die Schlinge um den Hals legte, während er gleichzeitig hinten an Haken und Strick nestelte, verhedderte sich die Kordel in der Aufhängung.

Judas spähte in die Tiefe. Ein Teufel, weiblich, sexy, rot geschminkt, spornte den Verräter an. Schließlich sprang er. Es gab Szenenapplaus.

Das Fluggeschirr fing das Gewicht Thiagos auf. Dabei kam aber Zug auf die Kordel, sie wurde hochgerissen, zog sich zu. Das Bühnenlicht über Judas erlosch, rechts auf der Bühne begann die Auspeitschung Jesu.

Verletzungen an den Fingernägeln legen nahe, dass Thiago noch kämpfte, sich die Schnur vom Hals zerren wollte. Aber dieser Kampf kann nicht lange gedauert haben. Es war ein Zuschauer, der, nach etwa vier Minuten, merkte, dass etwas nicht stimmte. Es dauerte, bis sich der Zuschauer bemerkbar machen konnte. Endlich unterbrach man die Aufführung, versuchte, Thiago vom Strick zu schneiden. Wertvolle Minuten vergingen, bis der Krankenwagen kam.

Thiago lag 16 Tage im Koma, dann starb er. Für Gleyson begannen die Tage des Schreckens, jede Minute tat weh, es war, als würde ein Stück von ihm fehlen. Und wie sinnlos war alles: ein frommer Kerl wie Thiago, ein gottgefälliges Theaterstück - warum also dieser Unfall? Warum ließ Gott so etwas zu? Wen wollte er bestrafen? Wofür?

Auf solche Fragen erfolgt erfahrungsgemäß keine Antwort. Gleyson musste allein damit fertigwerden.

Es geht ihm inzwischen besser. Er will wahrscheinlich weiterhin Theater spielen, sein Freund hätte es so gewollt, sagt Gleyson. Und es tröste ihn, sagt er, dass das Letzte, was Thiago wahrscheinlich hörte, Szenenapplaus war.


DER SPIEGEL 25/2012
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