18.06.2012

TALKSHOWSFünf ist einer zu viel

Eine interne Analyse geht mit den Polit-Plauderrunden des Ersten ins Gericht. Besonders scharf kritisiert wird der teuerste Star: Günther Jauch. Von der großangekündigten Talk-Offensive ist in der ARD kaum noch die Rede.
Sie waren stolz, so stolz. Aufgekratzt wie Käufer eines Luxussportwagens im Moment der Schlüsselübergabe standen sie um ihren Neuerwerb herum, ihren Zehn-Millionen-Euro-Einkauf, den Mann, der alles das sein soll, was ihr Laden selbst nie ist. Beliebt und doch klug. Voller Bildung, doch nicht arrogant. Sparsam und doch sexy. Ja, sogar das.
Günther Jauch, so der Name des Neuerwerbs des größten Senderverbunds Europas, der ARD, war gerade aus dem Studio zum After-Show-Empfang herübergeschlurft. Es war der 11. September 2011, und die Premiere des Neuen im Ersten wurde mit feierlichem Ernst begangen wie ein Staatsakt.
SWR-Chef Peter Boudgoust stand links von Jauch. Der Intendant des NDR, Lutz Marmor, stand rechts. Die Ehefrauen blieben etwas abseits. Überschwänglich lieferten sich die ARD-Bosse einen Wettkampf im Jauch-Lob. Beide wirkten zufrieden, aber auch ein wenig gestresst von der fernsehhistorischen Dimension des Abends. Zehn Minuten blieb Jauch stehen. Zehn Minuten lobten die Intendanten. Erst dann zockelte der Star weiter.
Nicht einmal ein Jahr ist das her - und schon fällt die ARD über ihren Star her. Die Intendanten zwar halten noch mehrheitlich zu ihm. Aber die Gremien zupfen und zerren seit Wochen an den Talks herum - und nun zerpflückt auch noch der ARD-Programmbeirat Jauchs Moderationsstil.
"Herr Jauch", heißt es in einer mehrseitigen internen Analyse, "ist der einzige Moderator, dessen Gesprächsführung der Beirat deutlich kritisieren muss." Er hake "selten nach", setze sich "über die Antworten seiner Gäste hinweg", folge "strikt seinem vorgefertigten Konzept" und hake bloß "eine Frage nach der anderen ab".
Er gehe "einer ihm nicht genehmen Gesprächsentwicklung" aus dem Weg, die Diskussion verlaufe "selten ergebnisoffen". Jauch betreibe "Stimmungsmache", seine Einspieler mit Passantenbe-
fragungen "gaukeln eine vermeintliche Realität vor". In den Fragen, die er stelle, nehme er meistens schon die "Antworten vorweg".
Bisher blieb die Kritik am teuersten Einkauf in der Geschichte des Ersten unter Verschluss. Und ungefährlich. Die Öffentlichkeit sollte davon nichts hören. Jauch erst recht nicht.
Selbst als der ARD-Programmbeirat vor ein paar Wochen diese mehrseitige, detaillierte Analyse der Polit-Talkshows im Ersten intern präsentierte, bekam Jauch das Papier nicht einmal zur Kenntnisnahme zugeschickt.
Diese besondere Vorsicht hat ihren Grund. Beim ersten Versuch der ARD-Bosse, Jauch für den Sonntagabend-Talk zu verpflichten, hatte er kurz vor Vertragsunterzeichnung die Brocken hingeworfen, hauptsächlich weil ihn ein paar kritische Stimmen aus dem weiten Reich der ARD genervt hatten.
Doch diesmal sind es nicht nur ein paar versprengte Rundfunkratsmitglieder, die hier und da mal ein böses Wort fallenlassen, so wie damals. Es sind die wichtigsten Programmwächter der ARD, die hier urteilen. Und dieser Beirat, bestehend aus Vertretern der Rundfunkräte aller neun Anstalten, lässt am Star kaum ein gutes Haar.
Der Beirat bleibt nicht bei der reinen Kritik der Fragetechnik stehen. Er kritisiert die journalistische Haltung des Moderators überhaupt. Jauch, so heißt es da, schüre "mit seinen Suggestivfragen teilweise Politikverdrossenheit", er komme seiner "Verpflichtung zur journalistischen Sorgfalt nicht nach".
Die Kritik ist harsch, an manchen Stellen überzogen. "Diese Sendung ist eher eine Show als politischer Talk", lautet das Gesamturteil. Das sei "eine beunruhigende Entwicklung für ein öffentlich-rechtliches Format!". Es klingt fast, als wollten da ein paar Leute Jauch aus der ARD treiben. Vom unbändigen Stolz auf den von RTL herübergelockten Star ist in der ARD nicht mehr viel zu spüren.
An den Spitzen mancher Sender wird der Unmut über ihren Star-Talker intern schon länger artikuliert. Jauch sei zwar sehr viel teurer als seine Vorgängerin Anne Will, aber nicht sehr viel besser, heißt es da. Die Quote habe er nur mäßig gesteigert. Das Renommee der Jauch-Show sei verbesserungswürdig. Er sei eben doch bloß Unterhalter, kein Journalist. Er erledige vielleicht seinen Job. Aber er leiste eben nicht, was erwartet worden war: Außergewöhnliches.
Das ist typisch ARD. Die Demontage der eigenen Stars überlässt sie nicht anderen, sie betreibt sie gern mit eigenen Bordmitteln.
Schon der Umgang mit dem gefloppten Vorabend-Experiment des früheren "Wetten, dass …?"-Moderators Thomas Gottschalk hatte der Öffentlichkeit wochenlang demonstriert, wie die ARD mit ihren Stars umgeht. Am Ende blieben alle Beteiligten blamiert, frustriert oder gedemütigt auf der Bühne zurück.
So war das schon öfter. Als die Unzufriedenheit mit Harald Schmidt wuchs, wurde aus der ARD gestreut, man könne sich vorstellen, dem Entertainer das abgewirtschaftete Format "Satire Gipfel" zu geben. Und als der RTL-Star Jauch der ARD 2007 bei ihrem ersten Versuch, ihn zu verpflichten, abgesagt hatte, formulierte ein Intendant flott: "Ohne Jauch geht's auch." Über Gottschalk gab ein Hierarch den Spruch aus: "Dead Man Talking."
Intern sorgen die dauernden Nörgeleien nicht gerade für ein Klima gedeihlichen Miteinanders. "Viele der Kritteleien sind einfach ungerecht", findet SWR-Chefredakteur Fritz Frey, der Jauch schätzt. "Selbst wenn er ab morgen über das Wasser laufen könnte, würden seine Kritiker Jauch vorwerfen, dass er nicht schwimmen könne."
Die Wahrheit ist: Jauch ist im Alltag angekommen. Er macht mal gute, mal schlechte Sendungen. Die Quote ist besser als bei seiner Vorgängerin Anne Will. Aber er ist - wie zu erwarten war - nicht der Messias der ARD. Und mancher nimmt ihm genau das übel. Auch weil er, wie einer spottet, bezahlt werde wie ein Erlöser.
Doch es trifft in dem internen Papier nicht nur Günther Jauch. Die Programmwächter haben sich die gesamte ARD-Talkschiene vorgenommen, das komplette Sprechblasen-Quintett Beckmannmaischbergerjauchplasbergwill.
Sie kommen zu einem wenig schmeichelhaften Urteil: "Zu viel vom Selben." Zu oft Senioren. Zu oft dieselben Gäste. Zu oft dieselben Themen. Zu oft Männer. Zu oft alte Männer. Zu oft dieselben reißerischen Einspielfilme. Zu oft das Fehlen journalistischer Schärfe.
Es gebe "Themendoppelungen und -verschleiß" und "Gästedoppelungen und -verschleiß". Es helfe nur eine "Reduzierung der Talkangebote".
Der Beirat kanzelt die fünf Top-Leute der ARD an manchen Stellen ab, als wären sie Volontäre in ihrem ersten Ausbildungsjahr. "Das journalistische Handwerkszeug für Interviews muss auch in Talks sichtbar umgesetzt werden, was nicht immer der Fall ist", bemängelt das Gremium. Und gibt auch gleich Tipps, wie die fünf es besser machen könnten:
"Nachfragen, nachfragen, nachfragen.
Klären, klären, klären.
Antworten einfordern.
Fragen stellen statt Vorurteile bestätigen."
Alle anderen Moderatoren kommen besser weg als Jauch. Anne Will ist "gelöst und entspannt". Sandra Maischberger hat eine "sensible Art". Frank Plasberg ist "nach wie vor sehr gut", Reinhold Beckmann gar "brillant". Aber jeder bekommt auch mit ein, zwei Sätzen einen Hieb verpasst. Bei Will gebe es "immer wieder Sendungen mit wenig Erkenntnisgewinn." Maischberger "sollte bei der Auswahl skurriler Gäste darauf achten, keine öffentlich-rechtlichen Grenzen zu überschreiten". Plasberg sei zu "soft" geworden, seine Sendung habe "mit dem Motto, wenn Politik auf Wirklichkeit trifft, nicht mehr immer etwas zu tun". Beckmann müsse "irgendwann ein klares Profil bekommen".
Die interne Kritik ist selbst für ARD-Verhältnisse heftig. Sie trifft zudem nicht nur das Moderatorenquintett, sondern auch die Intendantenriege, die den RTL-Star Jauch in einer Blitzaktion einkaufte, ohne Rücksicht auf Verluste das Programmschema zersägte und seitdem darüber streitet, wie sie das Übermaß an Talkshows wieder reduzieren kann.
Es ist ein Chaos, wie es fast nur die ARD anrichten kann. Erst wird eine Talk-Offensive propagiert. Kaum läuft sie, wollen die meisten davon schon wieder nichts mehr wissen. Plötzlich waren fast alle schon fast immer der Meinung, dass überhaupt viel zu viel geredet wird im deutschen Fernsehen. Und fast alle, die damals zugestimmt haben, geben sich jetzt überrascht, dass es genau so gekommen ist, wie es vorauszusehen war.
In den vergangenen Monaten hatten sich schon die Rundfunkräte von WDR und NDR kritisch zur Inflation der Plauderrunden geäußert. Doch die Analyse des ARD-Beirats geht nun tiefer als alle bisher bekanntgewordenen Papiere. Sie schneidet ins Fleisch. Sie legt - auch weil sie eigentlich intern bleiben sollte - im Detail die Schwächen der einzelnen Formate offen und belegt die Kritik mit Beispielen, Statistiken, Erkenntnissen aus der Zuschauerforschung.
Bislang lässt das Erste den Beirat abtropfen. "Wir haben ein vielfältiges Angebot sehr unterschiedlicher Gesprächsformate mit exzellenten Gastgebern", sagt Programmdirektor Volker Herres. Man werde sich mit dem Papier "auseinandersetzen" und habe ja eh beschlossen, "Ende des Jahres über das Talkshowschema zu beraten", sagt die ARD-Vorsitzende, WDR-Intendantin Monika Piel.
Doch die Kritik des Beirats lässt sich nicht mehr nur mit dem lapidaren Hinweis abwürgen, die Quoten der Shows seien doch fast alle gut. Denn fragwürdig ist ja nicht, ob das alles überhaupt einer guckt. Fragwürdig ist, ob das alles überhaupt einer braucht. Selbst wenn manche Kritik überzogen ist: Fünf Talks sind auf Dauer zu viel.
Braucht die ARD, braucht das Land, braucht "man" das alles? Braucht man zum Beispiel "Günther Jauch"?
Manchmal schon. Zum Beispiel dann, wenn der Moderator sich scheinbar Unmögliches traut. So wie in seiner letzten Sendung vor der Sommerpause. Jedem war klar, dass Jauch gegen das Europameisterschaftsspiel, das zur selben Zeit im ZDF lief, zumindest quotenmäßig untergehen würde - egal wie populistisch der Titel, wie spektakulär die Gäste, wie lustig die Einspielfilme.
Er versuchte deshalb gar nicht erst, diese Faktoren zu maximieren. Er machte stattdessen eine Sendung, die erkennbar das Ziel hatte, sich in angemessener Form einem vernachlässigten Thema zu widmen. Der Titel: "Trauma Afghanistan - welche Spuren hinterlässt der Krieg?" Es ging um den Umgang der Gesellschaft mit den Bundeswehrsoldaten, die ihr Leben riskieren und oft nicht unversehrt aus den Einsätzen zurückkehren.
Das Ganze hatte am Ende die mit großem Abstand schlechteste Quote. Keine drei Millionen Menschen sahen zu, sonst sind es ein bis zwei Millionen mehr. So hatte die Europameisterschaft es vielleicht erst möglich gemacht, in dieser ernsthaften, nicht effekthascherischen Form über dieses Thema zu reden, weil die Sendung in dem wöchentlichen, täglichen, sekündlichen Quotenwettkampf ohnehin keine Chance besaß.
Jauch hat erst eine Fernsehsaison in diesem Format hinter sich, aber die Aufgabe ist erkennbar schwer. Er hat bisher kein rhetorisches oder dramaturgisches Mittel gefunden gegen die routinierten Wortgefechte seiner Profi-Gäste. Nur manchmal lässt er sich seine Unzufriedenheit anmerken, wie in der Sendung, als er die Weigerung von Norbert Röttgen, sich zu seiner Zukunft nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen zu äußern, in einer Verbrüderungsgeste mit den anderen Gästen schlicht zusammenfasste: "Er bleibt in Berlin, aber er sagt es nicht." Damit sticht er heraus. Sonst eher nicht.
Der ehemalige WDR-Intendant Fritz Pleitgen ist kein Feind der Talkshow. Er findet bloß, dass sie "im Übermaß allerdings unverdaulich und nicht gerechtfertigt ist". Sie verdränge wichtige andere Genres wie Dokumentation und Reportage, die nur noch ein stiefmütterliches Dasein führten, meint der erfahrene Journalist und nennt auch den vielleicht wichtigsten Grund, warum es so viel davon gibt - und warum jeder Journalist, der eine hat, davon offenbar nicht mehr lassen mag: "Die Talkshow ist die bequemste Form von Journalismus", sagt Pleitgen. "Man braucht nur ein Team, das die jeweiligen Gesprächspartner castet, und hat ruckzuck eine einstündige Sendung zusammen."
Und oft sehen die Talks auch nach Ruckzuck aus. "In den Sendungen tauchten zunehmend wieder die altbekannten Talkshowgäste auf, die bereits seit mehreren Jahren in den Runden sitzen", kritisiert der Programmbeirat. Und er kann seine These belegen, weil er für den Zeitraum von September bis April nachgezählt hat.
Das Ergebnis: 38 Personen waren in diesem Zeitraum mindestens dreimal zu Gast in den ARD-Talks (darunter SPIEGEL-Chefredakteur Georg Mascolo - Red.). 14 Gäste mindestens viermal. Auch die vom Zuschauer gefühlte Allgegenwart von Ursula von der Leyen, Karl Lauterbach, Hans-Ulrich Jörges, Sahra Wagenknecht und Gertrud Höhler wird von der Statistik belegt. Sie durften fünfmal in die TV-Sessel. Heiner Geißler sogar sechsmal. Überhaupt machen Politiker und Journalisten zusammen rund 40 Prozent der Talkgäste aus.
Zudem ist die Gästeschar der Talks überaltert wie eine Kirchenchor. Nur 2 Prozent der Gäste sind jünger als 30, gerade mal 10 Prozent jünger als 40. "Der Beirat ermuntert zudem die Redaktionen, aktiv nach neuen Gesichtern zu suchen, nach Querdenkern und z. B. Gästen unter 40 Jahren", heißt es lapidar in dem Papier.
Dafür ist fast jeder zweite Gast mindestens 60 Jahre alt. Ein Fünftel der Diskutanten ist sogar 70 Jahre alt oder älter. "Menschen bei Maischberger" müsste eigentlich "Senioren bei Maischberger" heißen - knapp 60 Prozent der Gäste bei ihr sind 60 Jahre oder älter.
Ihre Talkshow ist eine Art Zeitreise geworden. Sie nimmt die Zuschauer mit zurück in die achtziger Jahre, in eine Zeit, in der viele ihrer Gäste - Richard von Weizsäcker, Norbert Blüm, Kurt Biedenkopf - noch im Amt waren und in den Talkshows der Dritten Programme noch die Fetzen flogen. Es ist kein Wunder, dass in einem Titel wie "Kein Anstand, kein Tabu? Sexualmoral 2011" die Jahreszahl enthalten ist - zu leicht könnte der Zuschauer sonst auch angesichts von Gästeveteranen wie Hellmuth Karasek und Jutta Ditfurth denken, er sehe die Wiederholung einer dreißig Jahre alten Show.
Als Bundestagspräsident Norbert Lammert schon Monate vor dem Start von Jauch im SPIEGEL die Gefahren der Talkshow-Inflation benannte, war er erstaunlich hellsichtig. Sein Hauptvorwurf: Talkshows "simulieren nur politische Debatten. In Wahrheit benutzen sie Politik zu Unterhaltungszwecken".
Der Unterschied ist: Unterhaltung fragt nach dem, was gefällt. Journalismus danach, was ist.
Schon deswegen war es ein zweifelhaftes Lob, als die Intendanten Jauch noch vor seinem Start öffentlich als "Großmeister der journalistischen Unterhaltung" feierten. Das war natürlich der Versuch, den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, die ihm vorwarfen, sich nicht zu entscheiden, ob er in erster Linie Unterhalter sein will oder Journalist. Aber es benannte eben auch das entscheidende Problem nicht nur für Jauch, sondern für das gesamte Genre.
Manche Forderung Lammerts ist so grundlegend, dass es fast peinlich ist, dass sie formuliert werden muss. Wenn er etwa meint, dass es möglich sein müsse, "ernsthafte Sachverhalte in fünf aufeinanderfolgenden Sätzen ohne Video-Einspielungen oder sonstige Unterbrechungen zu entwickeln".
Am weitesten hat sich Frank Plasberg entfernt von dem, was Polit-Talk eigentlich sein könnte - und was ihn selbst einmal ausgezeichnet hat. Aus dem kritischen Umgang mit Politikern und der selbstbewussten Rolle als distanzierter Journalist, die "Hart aber fair" einmal prägten, waren lange schon Marotten und Selbstgefälligkeit geworden. Nun flüchtet er sich vor der Konkurrenz häufig aus der Politik und lässt sich stattdessen von Sonya Kraus den Studiotresen zersägen. Kraus hat vor Jahren auf ProSieben eine Heimwerkersendung moderiert und war insofern eine fast zwingende Besetzung für Plasbergs Thema: "Wissen, wo der Hammer hängt - was treibt die Deutschen in den Baumarkt?"
Man konnte diese Ausgabe der Sendung als einen Hilfeschrei des Moderators verstehen. Denn nun wirkt dessen ganze kritische Attitüde besonders deplatziert, wenn er mit seinen Gästen am Tisch Platz nimmt und ihnen ihr Lieblingsessen serviert. Irgendwie wird das schon sachdienlich sein, um die Titelfrage "Gehören Pummel an den Pranger?" zu diskutieren.
Der Stilwechsel von Plasberg ist symptomatisch für die gesamte Talk-Landschaft. Es geht da um eine Grundsatzfrage: Ab wann zerstört die Suche nach Unterhaltsamkeit den Journalismus?
Zur Unterhaltungssucht kommen die Künstlichkeit und die Berechenbarkeit dieser Sendungen. Selten kommt in Talkshows etwa Neues heraus, selten etwas Überraschendes, selten sieht man als Zuschauer die Welt nach der Talkshow mit anderen Augen als zuvor.
Die Arbeitsgemeinschaft der Dokumentarfilmer hat diese Gefahr schon früh formuliert. Wenn immer mehr Talkshows die sorgfältig recherchierte Dokumentation ersetzten, so die Filmemacher, drohe eine "thematische und visuelle Monokultur". Das journalistische Problem: "Komplizierte gesellschaftliche Zusammenhänge werden nicht mehr ,vor Ort' durchdrungen, sondern werden aus der Mitte der Gesellschaft herausgelöst und in die synthetische Welt der Studios verlegt."
Da diskutiert dann Anne Will über das womöglich "letzte Euro-Gefecht" unter der Überschrift "Spar-Angie gegen Spendier-François". Oskar Lafontaine stellt sie in der Sendung vor als den "Mann, der jetzt zwar nicht mehr die Linke, aber Griechenland und den Euro retten will", und sie fragt, ob Angela Merkel "heute wirklich den Euro retten will oder vor allem sich selbst", als würde das in irgendeiner Hinsicht das Problem beschreiben.
Die Verträge mit dem Quasselquintett laufen erst 2013 aus, der von Jauch sogar erst Mitte 2014. Der Talk-Wahnsinn wird also noch eine ganze Weile weiterlaufen. Und bis sich Ende des Jahres die Intendanten zu einer Entscheidung zusammensetzen, wird auch Reinhold Beckmann weiter hoffen, dass er der dann fälligen Neuordnung nicht zum Opfer fällt.
Seine Sendung ist im Quotenrennen am weitesten zurückgefallen. Er musste in der Rochade, die das Engagement von Günther Jauch auslöste, seinen angestammten Sendeplatz räumen und sendet nun donnerstags gegen "Maybrit Illner". Seinen Zuschauerzahlen tut das nicht gut, seinem Ego sicher auch nicht. Er scheint in der ungewollten Nische weniger ehrgeizig zu sein als früher, was seiner Sendung aber nicht schadet.
Beckmann profitiert oft von der intimen Inszenierung an einer Art Küchentisch und ohne Publikum, das bei Jauch und Will demonstrativ immer wieder auf Kommando "endlich sagt's mal einer" klatscht. Aber wenn er versucht, Sandra Maischberger Konkurrenz im Seniorentalk zu machen und sich von uralten Männern die Welt erklären lässt, wird aus "Beckmann" ein 75-minütiges Stillleben. Neulich waren Hans-Dietrich Genscher, Klaus von Dohnanyi und Norbert Blüm da, und man musste schon genau hinhören, um da überhaupt drei verschiedene Personen ausmachen zu können.
Wie ein Enkel, der nach Monaten mal wieder seinen Großvater besucht, saß er da, eher wohlwollend als wirklich neugierig, aber unbedingt begeisterungs- und aufmunterungswillig. Er schluckte nicht, als Klaus von Dohnanyi die Erfolge der Piraten damit zu erklären versuchte, dass eine ganze Generation zu viel Playstation gespielt habe. Und niemand kicherte, als Norbert Blüm mahnend an die Adresse der Piraten sagte: "Politik ist nicht so ein Unterhaltungsbetrieb", was ja stimmen mag, aber doch eine erstaunliche Aussage ist für einen Politiker in diesem Unterhaltungsbetrieb.
Von Markus Brauck, Alexander Kühn, Martin U. Müller und Stefan Niggemeier

DER SPIEGEL 25/2012
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