18.06.2012

NORDKOREA

Die Menschwerdung

Von Follath, Erich

Name: Shin Dong-hyuk. Heimatland: Nordkorea. Alter: 29 Jahre, von denen er die ersten 22 in einem Konzentrationslager verbringen musste. Dann gelang ihm die dramatische Flucht in die Freiheit. Jetzt plagen Shin Alpträume und Schuldgefühle.

Die erste Kindheitserinnerung - das können die Kerzen auf einem Geburtstagskuchen sein, die Rutsche auf dem Spielplatz, der Geschmack von Himbeereis. Oder einfach die Liebkosung der Mutter, Belohnung für die ersten zusammenhängenden Sätze, Trost nach einem Sturz mit aufgeschlagenem Knie. Die erste Kindheitserinnerung ist für die meisten von uns ein Ausdruck von Geborgenheit und familiärer Wärme. Für Shin Dong-hyuk, 29, ist das Früheste, an das er sich erinnert: eine Exekution.

Er wirkt, als er das Restaurant in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul betritt, wie der nette junge Mann von nebenan: Jeans, offenes Hemd, modische Frisur. Wache Augen, die allerdings dem direkten Blick des Gegenübers ausweichen. Die stets wandern, als wären sie vor irgendetwas, irgendjemandem auf der Flucht. Augen, die misstrauisch alles absuchen nach lauernden Gefahren.

Shin zieht das linke Bein etwas nach, und als er zur Speisekarte greift, wird deutlich, dass seine Arme leicht verformt sind, die Kuppe des rechten Mittelfingers abgetrennt wurde. Aber vielleicht sieht das alles nur, wer vorgewarnt ist. Etwa von einer der Folteropfer-Organisationen, die Shin untersucht haben und die seinen gequälten Körper als eine "Landkarte der Leiden" beschrieben haben. Spuren eines unfassbaren Lebens.

Schließlich beginnt Shin Dong-hyuk, der im nordkoreanischen "Straflager Nummer 14" geboren wurde und die ersten 22 Jahre seines Lebens bis zu seinem dramatischen Entkommen dort verbracht hat, zu erzählen. Langsam und stockend zuerst, dann immer schneller, ungehemmter, als hätte er die Umgebung vergessen, als suchte er über die Worte die Befreiung von einer Last. Was er berichtet, ist nicht in jedem Detail nachprüfbar, aber Experten halten es für glaubhaft und authentisch: Es ist die Geschichte eines Jungen, der "vergiftetes Blut" in sich trug, in Sippenhaft genommen wegen der "Republikflucht" zweier Onkel, die er nie kennengelernt hat.

Shin ist vier, als die Lautsprecher im Lager plötzlich plärren, die Mutter ihn an der Hand nimmt und zum großen Platz in der Nähe der elektrischen Zäune am Taedong-Fluss führt. Dort sind schon Tausende versammelt. An einem Pfahl ist ein Gefangener festgebunden, vor ihm stehen Aufseher, mit Gewehren im Anschlag. Der Mann mit dem Mikrofon ruft etwas von "Schuld" und "Strafe". Dann Schüsse. Dann das Zusammensacken des Körpers am Holzgerüst. Dann austretendes Blut. Dann der Abtransport.

Shin ist sieben, als er wieder etwas Ähnliches erlebt. Er muss da nachmittags schon im Kohlebergwerk des Lagers schuften, ein gefährlicher Job; vormittags ist Schule. Beides schlimm, der Unterricht vielleicht noch ein bisschen mehr. Denn die Aufseher sind die Lehrer, und sie lassen nichts durchgehen, Ungehorsam nicht, Diebstahl schon gar nicht. Ein Mädchen aus seiner Klasse hat sich an diesem Morgen an Gemeineigentum vergriffen, es riskierte, krank vor Hunger, einen Umweg in einen der Schweineställe und stopfte sich eine Handvoll Maiskörner ins Hemd. Pech: Es gibt wieder mal eine Kontrolle, jeder muss seine Taschen leeren.

Alle kennen die zehn Gebote, die im Lager gelten, sie müssen sie oft aufsagen. Regel drei lautet: "Jeder Insasse, der Nahrungsmittel verbirgt, wird sofort erschossen." Aber zu einer formalen Verurteilung kommt es gar nicht. Der Aufseher, außer sich vor Wut, fordert die Schuldige auf, sich hinzuknien. Er schlägt sie mit seinem Stock auf den Kopf. Immer wieder. Alle müssen zuschauen, wie der Mann sich an dem Mädchen austobt. Die Kleine bricht schließlich zusammen, verliert das Bewusstsein. Sie wacht nicht mehr auf.

Shin ist 13, als er eines Nachts eine ungeheuerliche, eine lebensbedrohliche, aber möglicherweise auch Belohnung versprechende Szene beobachtet. Die Mutter flüstert mit seinem einzigen, acht Jahre älteren Bruder. Ungewöhnlich, dass der überhaupt da ist, weil er - wie der fast ständig abwesende Vater - einer anderen Arbeitsbrigade zugeteilt ist. Ungewöhnlicher noch, dass die Mutter dabei sogar eine Portion Reis kocht: Shin selbst hat dieses kostbare Lebensmittel schon wochenlang nicht mehr genossen. Die beiden besprechen etwas, das im Lager als ultimatives Verbrechen gilt: die Flucht.

"Ich weiß nicht, was mich mehr empört hat: dass sie offensichtlich den Reis vor mir verborgen hatten oder der Plan selbst", sagt Shin im Rückblick. "In den Absichten der beiden spielte ich offensichtlich keine Rolle, und sie mussten doch wissen, dass ich nach den im Lager geltenden Regeln der Sippenhaft für ihre Taten mitverantwortlich gemacht würde. Gebot Nummer eins: Jeder, der einem Flüchtenden hilft oder von einem Fluchtversuch weiß, wird wie der Flüchtende selbst sofort erschossen. Ich war damals ganz sicher, was ich zu tun hatte."

Er verlässt das Haus unter dem Vorwand, auf die Toilette zu müssen, nur schnell hin zum nächsten Aufseher, den er findet. Verrät den Plan. Er erwartet nun Belohnung für seine Informationen, wie eine Ratte, die bei einer Versuchsanordnung alles richtig gemacht hat, Klassenführer will er für seine Spitzeldienste werden, er will Extrarationen, sich endlich mal satt essen. Und bekommt nichts davon, weil der Aufseher - wie Shin später erfährt - sich selbst mit der Nachricht bei den Vorgesetzten lieb Kind macht, behauptet, den Fluchtplan eigenständig ausfindig gemacht zu haben.

Shin wird in ein Verlies geworfen. Sie verhören ihn, immer wieder. Er weiß nicht, was sie wollen, er hat doch schon alles erzählt. Sie foltern ihn. Einmal wird er kopfüber aufgehängt; ein anderes Mal lassen sie ihn langsam über einem Feuer schmoren, bis er ohnmächtig wird vor Schmerzen. Mehr als sechs Monate geht das so. Eines Morgens holen sie ihn aus dem Loch, er sieht seinen Vater, den sie offensichtlich ebenfalls gefoltert haben. Man verbindet den beiden die Augen, fesselt sie, wirft sie auf die Rückbank eines Wagens. Shin glaubt, zu seiner eigenen Exekution transportiert zu werden. Als sie wieder sehen dürfen, erkennen sie gleich, wo sie sich befinden: am Hinrichtungsplatz. Eine große Menge wartet schon. Wärter führen sie nach vorn, Aufseher haben das Gewehr im Anschlag.

Und dann weiß Shin: Er ist nicht dran an diesem Tag. Der da an einen Pfahl gebunden wird und dem sie Kieselsteine in den Mund stopfen, damit er in seinen letzten Momenten nichts Despektierliches gegen die Gulag-Aufseher oder die politische Führung des Landes herausschreien kann - das ist sein Bruder. Und die Frau, für die sie eigens einen Galgen gebaut haben, an dem sie ihr nun die Schlinge um den Kopf zuziehen - das ist seine Mutter. "Im ersten Moment dort war da nichts als Erleichterung, nur das große Aufatmen, dass es mich nicht erwischte."

Und das zweite Gefühl?

"Zorn und Wut. Zorn und Wut und Groll auf meine Mutter und meinen Bruder, die mit dem Fluchtversuch so große Risiken eingegangen waren."

Shin Dong-hyuk hat damals als 14-Jähriger im Jahr 1996 nicht einen Augenblick daran gedacht, seine Aufseher zu beschuldigen oder gar die unmenschlichen Lagerregeln in Frage zu stellen. Er funktionierte in diesem KZ, das von Geburt an für ihn Heimat war, ein perfektes Produkt seiner Umgebung. Und so kann er "keinerlei Mitleid" empfinden, als seine nächsten Verwandten an diesem Tag ihr Leben lassen. Er ist eher abgestoßen von den Tränen, die dem Vater am Exekutionsort in der ersten Reihe neben ihm in die Augen schießen. Und er vermeidet, kalt bis ins Herz, den letzten Blick, den ihm die Mutter zuwirft: den Augenkontakt, den sie sucht.

Shin weiß auch heute noch nicht, wie er mit seiner gnadenlose Härte von damals umgehen soll. Er setzt zu Erklärungsversuchen an, bricht ab, stammelt, schwitzt, schweigt lange. Versucht es dann aufs Neue. "Ich kannte damals noch keine Liebe, wusste nicht, was Zuneigung ist." Pause. "Mutter schlug mich immer, sie war eine Konkurrentin um Essensrationen." Pause. "Ich war gezüchtet, um Arbeiten zu verrichten. Ich war ein Sklave, nein, noch weniger: Ich war ein Tier."

Die Erinnerung hat ihn überwältigt, es folgt ein langes Schweigen.

Auf einem Satellitenfoto sieht Nordkorea aus wie ein schwarzes Loch mit einem einzigen, winzigen Lichtpunkt, der Hauptstadt Pjöngjang, wo es wenigstens partiell Elektrizität gibt. Darum herum funkelt ganz Ostasien wie ein Kontinent von Diamanten, Tokio, Taipeh, Shanghai sind hell erleuchtet.

Seoul ist ein einziger strahlender Kegel, wie von Wunderkerzen entzündet; Straßenlaternen, Wohnungsbeleuchtungen, Neonreklamen bündeln die Nachricht: Hier in Südkorea leben die Erfolgreichen des 21. Jahrhunderts. Und dort, direkt nördlich der Demarkationsgrenze, ist das Armenhaus, das Schattenreich, der Schandfleck Asiens - die "Demokratische Volksrepublik", deren etwa 24 Millionen Bewohner auf einem Gebiet, fast so groß wie England, buchstäblich im Dunkeln gehalten werden. Umnachtet.

Der Krieg, der von 1950 bis 1953 tobte, zementierte die Teilung des Landes. Noch bis Ende der sechziger Jahre war der industrialisierte Norden das wohlhabendere Korea. Heute haben die Südkoreaner ein Pro-Kopf-Einkommen, das etwa 18-mal höher liegt als das ihrer Brüder.

Kommunistische Diktatoren haben gezeigt, was Politiker im schlimmstmöglichen Fall anrichten können - sie haben einen Staat mitsamt seinen Industrien und der Landwirtschaft ruiniert, die Bevölkerung zu Hungerleidern gemacht. Sie haben, unterstützt von einem absurden Personenkult, einen allumfassenden Unterdrückungsapparat aufgebaut. Und wiederholt gedroht, Seoul in ein "Flammenmeer" zu verwandeln. Dass Pjöngjangs Führer versuchen, die Welt mit ihrem Atomwaffenprogramm zu erpressen, verschärft dazu noch die Lage.

Eine stalinistische Dynastie: Auf den "Großen Führer" Kim Il Sung folgte sein Sohn, der "Geliebte Führer" Kim Jong Il; und als der vor sechs Monaten starb, dessen Sprössling Kim Jong Un - allesamt laut Propaganda "vom Himmel gesandte" Führer, denen stets nichts mehr am Herzen lag als das Wohl ihres Volkes. Satellitenbilder aber zeigen die Villen des herrschenden Clans, inklusive Swimmingpools. Kim junior, der heutige Chef und mit angeblich 29 so alt wie Shin, durfte Schweizer Schulen besuchen.

"Es gibt keine Menschenrechtsfrage in diesem Land, weil jedermann hier das denkbar würdigste und glücklichste Leben führt", verkündet die nordkoreanische Nachrichtenagentur kühn über das abgeschottete Reich. Die internationalen Beobachter, die einigermaßen ungehindert durch Nordkorea reisen können, zeichnen - wie die wenigen, die sich aus Pjöngjang absetzen konnten - ein anderes Bild. Amnesty International schätzt in seinem Länderbericht 2012, dass in Nordkorea bis zu 200 000 Menschen in Straflagern gehalten werden. In den schlimmsten gelten Gefangene als "nicht verbesserungsfähig".

Shin Dong-hyuks Lager Nummer 14 ist ein solcher "Bezirk unter absoluter Kontrolle". Der große Komplex wird von Wachtürmen und Elektrozäunen abgegrenzt; auf dem gebirgigen Gelände befinden sich Kohleminen, Nähereien und Schweinefarmen. In primitiven Baracken, viele mit Blick auf den Hinrichtungsplatz, hausen etwa 15 000 Menschen. Das Lager, das seit 1959 existiert, liegt in der Provinz Süd-Pyongan - nur 70 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Pjöngjang, 280 Kilometer Luftlinie von Seoul.

Von keinem dieser Orte hat Shin im KZ während seiner ersten 13 Lebensjahre auch nur gehört. Die Lehrer beschränkten sich bei ihrem Unterricht auf die Grundrechenarten, das Alphabet, die Camp-Regeln. Shin war auch nicht dem sonst in Nordkorea allgegenwärtigen Personenkult des Regimes ausgesetzt, man hielt es offensichtlich für überflüssig, die zum ewigen Bleiben verdammten Häftlinge einer Gehirnwäsche zu unterziehen. Und während überall im Land die Geburtstage des "Großen" und des "Geliebten" Urlaubszeit waren, ging die Schufterei im Hochsicherheitslager weiter. "Tiere brauchen keine freien Tage", sagt Shin.

Auch jetzt, sieben Jahre nach der Flucht, lässt Shin kein Stück Fleisch verkommen. Das war damals im Lager sein Traum von Freiheit: sich satt essen können, den Geruch, den Geschmack von gebratenem, gegrilltem, geschmortem Fleisch aller Art zu genießen - nur bitte keine Ratte. Denn die hatte er im Lager gelegentlich erjagen können, und es schien ihm damals, als er sie über dem Feuer röstete und mitsamt den Knochen verschlang, eine Delikatesse. Im Nachhinein ekelt es ihn vor dem süßlichen Duft, wenngleich er weiß, ohne die Nagetiere sowie das von den Feldern geklaute Gemüse, nur mit der ewig dünnen Kohlsuppe, hätte er es wohl kaum geschafft.

Seine Geburt, seine Existenz im Lager hat er lange Zeit für das Selbstverständlichste der Welt gehalten. So wie die Hierarchien. Als Shin in jungen Jahren durch ein Fenster beobachtete, wie seine Mutter von einem Aufseher missbraucht wurde, hielt er es für völlig normal, dass der sich den Übergriff erlaubte, dass die Mutter stillhielt.

Ausgerechnet im Lager-Verlies erfuhr Shin erste Fürsorge. Ein älterer Mithäftling kümmerte sich um seine Wunden, sprach ihm Trost zu. Und trotzdem war Shin damals noch nicht so weit, dem Mann, den er "Onkel" nannte, sein ganzes Vertrauen zu schenken. Nach der Exekution der Mutter und des Bruders sah er den Alten nie wieder. Und verfiel in seinen Lager-Trott, ins moralische Niemandsland, er verpfiff Arbeitskollegen für eine Mahlzeit, stahl, wenn er die Tat anderen in die Schuhe schieben konnte.

Alles ändert sich mit einem neuen Mithäftling, der im Jahr 2004 ins Lager kommt: Park Yong Chul, ein Mann von Welt; ein "Politischer", der aus der Nomenklatura von Pjöngjang stammt und Verwandte in China hat. Shin ist da schon über 20, und er hat die vage Vorstellung, dass es noch etwas Neues in seinem Leben geben müsse, ohne zu wissen, wonach er sucht. Park ist für ihn eine Offenbarung. Er weiß nicht nur, dass die Welt rund ist und dass es Computer gibt. Er hat auch in vornehmen Restaurants gespeist und kennt viele Fleischgerichte.

Die Aufseher setzen Shin auf diesen Park an, er soll ihn ausspionieren. Doch der sonst so willige Verräter verzichtet auf die Vergünstigungen, die aus den Spitzeldiensten zu erwarten gewesen wären, erklärt den Wärtern, da gebe es nichts: die erste bewusste, selbständige Entscheidung seines Lebens - der Anfang des Abschieds vom tierischen Sklavendasein, der Anfang einer Menschwerdung.

Der Fremde, der zum Freund wird, hat eine weit wichtigere Funktion für Shin als die Sicherung einer Extramahlzeit: Er zeigt ihm eine Perspektive. Zum ersten Mal denkt er über ein Leben jenseits des Lagers nach. Gemeinsam überlegen sie einen Fluchtplan - und haben am 2. Januar 2005 unwahrscheinliches Glück. Sie werden zum Holzsammeln ganz in der Nähe des östlichen Grenzzauns eingeteilt, ihre Bewacher achten nicht auf die beiden. Sie rennen los, hoffen, unter dem Zaun durchkriechen zu können.

Shin ist schneller, stolpert aber im Schnee. Park kommt mit dem Zaun in Berührung - und wird von einem heftigen elektrischen Schlag getroffen. Durch das Gewicht hat sich eine kleine Öffnung gebildet. Shin zögert keinen Moment, über den Körper des toten Freundes zu kriechen und durch den Zaun zu schlüpfen. Er erleidet schwere Verbrennungen an den Beinen, aber schafft es. Schleppt sich fort, blutend, humpelnd. "Ich hatte kein Ziel, wusste nicht, wo China liegt, wollte nur weg vom Lager, immer weiter."

Er bricht in Häuser ein, stiehlt eine Armeeuniform und Lebensmittel. Auf den Schwarzmärkten gelingt es ihm, das Diebesgut zu verscherbeln - erstmals in seinem Leben hält er einen Geldschein in der Hand. So verschafft er sich Mitfahrgelegenheiten auf Lastwagen. Shin hat keine Ahnung, wie weit entfernt China ist, aber von Park weiß er: Es gibt eine Grenze, die man mit Hilfe von Bestechungsgeldern eventuell passieren kann.

Der Überlebenskünstler legt in Etappen fast 600 Kilometer zurück, schlittert eines Abends über den zugefrorenen Grenzfluss Tumen. Auch in China muss er sehr vorsichtig sein, Republikflüchtlinge werden von dort, wie er erfährt, in der Regel nach Nordkorea zurückgeschickt. Aber die Bauern der Provinz Jilin haben kaum Interesse, die Flüchtlinge zu verraten; sie nutzen sie auf ihren Höfen als günstige illegale Arbeitskräfte. Shin schlägt sich in die großen Städte durch, nach Peking und Shanghai, wo er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält.

Und dann wieder so ein Glücksfall: Eine Zufallsbekanntschaft schleust Shin ins südkoreanische Konsulat von Shanghai ein. Er wird nach Seoul ausgeflogen und vom dortigen Geheimdienst in die Mangel genommen. In einem für Flüchtlinge eingerichteten Betreuungszentrum bereiten ihn Psychologen, Berufsberater und Lehrer auf ein Leben im Kapitalistenland vor.

Er lernt Wörter wie "Kreditkarte" und "Cocktail", erfährt, wozu Plastikgeld und Partydrinks dienen sollen. Aber er hat lange Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, bricht Lehrstellen ab, kann keine Verantwortung übernehmen. Die finanziellen Zuwendungen der Regierung enden nach wenigen Jahren. Shin driftet so durchs Leben. Bis er Blaine Harden begegnet, einem langjährigen Reporter der "Washington Post". Mit Shins erst zögerlicher, dann immer intensiverer Mithilfe schrieb er dessen Lebensgeschichte auf(*).

Shin versucht 2009, sich in den USA eine neue Existenz aufzubauen. Er lernt, wie er sagt, "lauter nette Menschen kennen", auch eine junge Frau, mit der er zusammenzieht. Doch die Beziehung scheitert, und bald gehen ihm die Menschenrechtsgruppen, die ihn für Vorträge einspannen, gewaltig auf die Nerven - sie wollen, dass er "das Gesicht Nordkoreas" wird, sie wollen mit seiner Hilfe Spenden eintreiben.

Er soll erzählen, wie es im Gulag war. Das will er nicht, davor muss er sich schützen. Denn mit der Freiheit kommt langsam die Erkenntnis: "Ich habe mich schuldig gemacht." Bis heute plagen ihn Alpträume, die Dämonen aus dem KZ kehren zurück: "Jede Nacht schrecke ich schweißgebadet auf. Sehe meinen Vater, wie sie ihn blutig schlagen - ich weiß nicht, ob er meine Flucht überlebt hat oder ob sie ihn zu Tode gequält haben."

Bis in den Abend hinein erzählt Shin, lange ist das Dessert schon abgeräumt. Er ist dem Gefängnis entwichen, aber das Gefängnis nicht aus ihm: ein emotionaler Krüppel, der den Selbsthass bisher erfolglos bekämpft. Small Talk kommt ihm so banal vor, alles scheint ihm manchmal wie eine Zeitverschwendung, Glück eine Selbstsucht. Aber er möchte, dass der Gast aus Deutschland ihn am folgenden Tag begleitet, zu einem seiner seltenen öffentlichen Auftritte: zu einem Kirchenkonzert, einer Messe für Nordkorea.

Verkehrsstaus an jeder Kreuzung, flimmernde Werbebildschirme an den Straßenecken: "Lernen Sie, sich elegant durchs Dasein zu navigieren!", heißt der Slogan für das neue Samsung-Smartphone. Südkorea ist eine Demokratie, aber eine ellenbogengesteuerte, die nichts übrig hat für Verlierer. Shin hat die Jeans mit dem schwarzen Anzug getauscht, seine rote Festtagskrawatte angelegt. Ihm ist die Vielfalt der Zerstreuungsmöglichkeiten in Seoul noch suspekt. "Man kann so viel unternehmen in dieser Stadt, denke ich oft. Und bleibe dann lieber in meinem kleinen Zimmer, zu dem außer mir niemand Zutritt bekommt." Freundschaften zu schließen fällt ihm weiterhin schwer.

So schlimm es damals war, in den Tagen dieser erzwungenen Unmündigkeit - manchmal sehnt er sich, wie unglaublich es auch klingen mag, zurück nach der Zeit der Klarheit, nach den absoluten, keinen Widerspruch duldenden, keine Spielräume erlaubenden Gulag-Regeln. Als er das alles noch nicht kannte: Verrat, Verantwortung und ein Gewissen, das peinigt. Als er ohne jegliche ethische Maßstäbe lebte, schuldlos, schamlos dahinvegetierte: ein Wolf unter Wölfen.

Er bewältigt den Auftritt in der presbyterianischen Seongkyeaol-Kirche im Studentenviertel so recht und schlecht. Er präsentiert zwischen Gospelgesängen an der Seite einer glamourösen Fernsehmoderatorin vor einer betagten Gemeinde ein Programm von Kurzfilmen über die Menschenrechtsverletzungen Nordkoreas. Der Text ist vorgeschrieben, er liest ab, will anschließend mit keinem sprechen. Auch nicht mit dem Pastor.

Shin Dong-hyuk sagt zum Abschied: "Dieses Konzept eines gütigen, barmherzigen Gottes - es ist nicht meines. Noch nicht. Aber ich arbeite daran." ◆

(*) Blaine Harden: "Escape from Camp 14". Viking, New York; 224 Seiten; 26,95 Dollar. Die deutsche Ausgabe erscheint Ende August als SPIEGEL-Buch bei DVA.

DER SPIEGEL 25/2012
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