18.06.2012

Die Hexer von Terminal 3

Von Smoltczyk, Alexander

GLOBAL VILLAGE: Dubais Flughafenpolizei hat den Kampf gegen die schwarze Magie aufgenommen.

Die beiden Reisenden vom Flug Emirates 766 aus Johannesburg hatten keine Ahnung, dass schon länger ein Fluch auf ihnen lag. So passierten sie Mitte Juni arglos und vorschriftsmäßig Passkontrolle, Iris-Check und Visa-Ausgabestelle im Internationalen Flughafen Dubai. Erst als ihre Rollkoffer sich, kurz vor dem Ausgang von Terminal 3, aus dem letzten Durchleuchtungsapparat herausschoben, bat die Zollbeamtin sie zur Seite und ordnete eine manuelle Nachuntersuchung an.

Es war der böse Blick des Dubai-Zolls, der ihnen gefolgt war, seit ihr Gepäck vor Wochen, bei der letzten Dubai-Reise, unbemerkt in der Transitzone durchleuchtet worden war, mit Geräten deutscher Produktion, und man kleine Mengen von Zutaten für schwarze Magie ausgemacht hatte - für den privaten Gebrauch, gewiss, doch standen die beiden seit damals auf der Beobachtungsliste des Zolls von Dubai, unentrinnbar, wo sie auch waren.

Die zweite Untersuchung lohnte sich: "Die Inspektoren fanden eine große Menge an Wicca-Literatur, Talismanen und Gegenständen, die gewöhnlich bei Hexerei und Zauberei Verwendung finden", konnte Ali al-Maghawi bekanntgeben, der oberste Zolldirektor am Flughafen. Die Aussage der beiden Männer, Handelsreisende der Firma Alhaj Syed Naqibul Ameen Qasmi aus Ostindien zu sein, ließ Maghawi nicht gelten.

Mehr als 1200 Zauber-Accessoires wurden bei den beiden sichergestellt, sie liegen im Besprechungszimmer des Flughafenzolls. Zauberspruchlisten, Hexenpulver, Ringe, Messer, Kummerperlen, Tinkturen zum Verschwinden- oder Erscheinenlassen, Liebestränke und Zutaten wie Fingernägel, Ampullen mit Menstruationsblut, ein Gazellenfell, ein Schulterknochen, Gummiharzpuder, Blätter und ein Klebestift der Marke Eko-Stick.

Und Wicca-Literatur. Ein neuheidnischer, von dem Briten Gerald Gardner entwickelter Hexenkult, dessen Rituale meist unbekleidet durchgeführt werden.

Man sieht einen Katalog mit Fotos weißer Rinder, die nach Zahlung einer Summe in Benin oder Orissa oder sonst wo geopfert werden könnten. Man sieht Kupferfolien, in die winzige Zeichen geritzt sind, Botschaften an den Satan, wie sich schnell in der Zollabteilung herumsprach, weshalb Mitarbeiter - je nach Konfession - sich bekreuzigten oder nach der Gebetskette griffen, wenn sie an der Asservatenkammer vorbeigingen.

"Krank" sei das alles, sagt der zuständige Beamte. Und zeigt auf einen Flüssigkeitsspender neben dem Raum: "Sie können sich jetzt die Hände desinfizieren." Man kann nie wissen.

Dieser Vorgang sei, so Ali al-Maghawi, eine höchst "gefährliche Erscheinung, die die Sicherheit des Gemeinwesens bedroht". Zumal die beiden Hexer von Emirates 766 keineswegs ein Einzelfall sind. Im vergangenen Jahr wurden 92 Schmuggelversuche von Zauberzubehör aufgedeckt, 16 allein im ersten Quartal 2012, und man kann sich vorstellen, wie hoch die Dunkelziffer liegt.

Das Phänomen ist in der ganzen Golfregion zu beobachten. Dort, wo sehr einfache Menschen aus Indien, Pakistan, Ostafrika oder den Philippinen auf ihr Glück warten. Also überall. Die hiesige Aufsichtsbehörde für Islamische Angelegenheiten sagt, sie erhalte regelmäßig Anrufe von Bürgern, die glauben, verhext zu sein, oder Hilfe durch Hexerei erbäten. In Bahrain wurde ein Gesetz gegen Zauberei und Hexerei verabschiedet.

Zwei Afrikaner vertrieben in Dubai einen Apparat mittlerer Größe, der angeblich Geld verdopple. Auch hatten sie vorübergehend Erfolg mit "verhextem Geld", schwarzen Papierzetteln, auf denen Dollarzeichen gedruckt waren. Sie sammelten Geld ein für ein Pulver, das den Fluch lösen würde. Die Männer wurden nach einer Undercover-Operation festgenommen, das Zauberpulver ließ sich als Weizenmehl identifizieren.

Im Emirat Schardscha versprach ein arabischer Medizinmann, mit der Beschaffung von Ehemännern behilflich zu sein. Einen Tag später begann in Dubai ein Prozess gegen einen Mann aus dem Tschad, der angekündigt hatte, 250 Millionen Dollar vom Himmel regnen zu lassen.

Hexer werden in den Emiraten als Betrüger mit Gefängnis bis zu einem Jahr bestraft. Die sichergestellten Zauberartikel lässt man, ähnlich wie Drogen, in speziellen, der schwarzen Magie vorbehaltenen Behältern verbrennen.

Dogmatisch schwierig ist die Haltung zur Zauberei, weil auch in der islamischen Tradition von Dschinn die Rede ist, bösen Geistern, die man im Zweifel austreiben muss. Unter den konfiszierten Magie-Artikeln von Flug 766 fand sich unter anderem eine Schrift über den Propheten Suleiman. Im Nachbarland Saudi-Arabien werden überführte Hexer geköpft, sicherheitshalber.

Traurig sei, so Zolldirektor Maghawi, dass vor allem der Aberglaube von Armen ausgenutzt werde. Sie glauben, dass sich Geld in Dubai wundersam vermehre, geben ihr Erspartes windigen Gestalten, die von sagenhaften Immobiliengewinnen raunen, von Fonds und Bonds und tollen Jobs, und plötzlich macht es plopp - und alles war nur fauler Zauber.


DER SPIEGEL 25/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 25/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon sonntags ab 8 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Die Hexer von Terminal 3