18.06.2012

Was zählt eine Krone?

FILMKRITIK: In dem Kostümdrama „W. E.“ erzählt Madonna von der Liebe des englischen Königs Edward VIII. zu der Amerikanerin Wallis Simpson.
Der einzige Ort in diesem Film, an dem zwei Menschen zueinanderfinden und sich lieben können, ist ein Keller, in dem der Putz von den Wänden bröckelt. In ihrem neuen Film "W. E." erzählt Madonna, 53, von Menschen, die in Palästen wohnen, Kleider aus erlesenen Stoffen tragen und Cocktails aus Kristallgläsern trinken. Und die in all ihrem Luxus sehr unglücklich sind.
"W. E.", die Initialen der Protagonisten ergeben den Titel, handelt von einer der größten Mesalliancen in der Geschichte des britischen Königshauses. Anfang der dreißiger Jahre begann der Thronfolger, der spätere Edward VIII. (James D'Arcy), eine Affäre mit der verheirateten US-Amerikanerin Wallis Simpson (Andrea Riseborough). 1936 wurde er König, doch bereits zehn Monate später musste er wegen der Beziehung zu Simpson abdanken.
Die Geschichte seines Bruders George VI., der als Nachrücker auf den Thron kam, erzählte der oscargekrönte Film "The King's Speech". Für George, den Stotterer, hat Madonna nur mitleidige Großaufnahmen übrig, die ihn mit offenem Mund und leerem Blick zeigen. Sie weiß, wo die Helden stehen. Was zählt die Krone, wenn zwei Menschen ihrem Herzen folgen?
So groß und so mächtig ist diese Liebe, dass sie auch mehr als ein halbes Jahrhundert später noch die junge New Yorkerin Wally Winthrop (Abbie Cornish) im Bann hält. Auf einer zweiten Zeitebene erzählt Madonna, wie diese junge Frau, die reich, aber unglücklich verheiratet ist, 1998 eine Auktion mit Hinterlassenschaften des Liebespaars besucht und sich dabei immer mehr in Wallis hineinsteigert.
Die Gänge von Windsor Castle und die Flure eines New Yorker Apartments gehen in Madonnas Film ineinander über, verbinden sich zu einem Zeittunnel, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Wallis und Wally sind beide gefangen in ihrem Luxus. Sie werden im Lauf des
Films zu besten Freundinnen und fangen irgendwann an, sich zu unterhalten - über alle Jahrzehnte hinweg.
"W. E." ist ein Kostümdrama, ein Gefängnisfilm, eine Zeitreisegeschichte, ein Emanzipationslehrstück. Nicht wenig für knapp 120 Minuten. Als Madonna ihren Film im vergangenen Jahr beim Festival von Venedig zeigte, wurde sie verlacht und beschimpft. Auch deshalb, weil Wallis Simpson und Edward VIII. zumindest in den frühen dreißiger Jahren Anhänger der Nazis gewesen sein sollen.
Der Film macht keinen Hehl daraus, dass Wallis, der eine Affäre mit dem deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop nachgesagt wurde, zeitweise mit den Nazis sympathisierte. Allerdings legt Madonna in "W. E." nahe, Wallis habe vor allem den anti-elitären und sozialistischen Gestus der Nazis geschätzt. Madonna stilisiert sie zu einer Rebellin gegen Klassenschranken.
Auch das New York der neunziger Jahre beschreibt Madonna als ein Kastensystem. Herkunft und Geld entscheiden hier darüber, zu welcher Klasse man gehört. Dennoch verliebt sich Wally in den armen, russischstämmigen Sicherheitsmann des Auktionshauses. Der Weg zur Weisheit, behauptete Madonna in ihrem Regiedebüt "Filth and Wisdom" (2008), führe durch den Schmutz.
Doch die Sehnsucht nach der Gosse wirkt etwas naiv. Denn auch Madonna ist eine von denen da oben. Wenn sie Wallis und Edward im Blitzlichtgewitter zeigt, erzählt sie von sich selbst.
Vielleicht fällt es ihr deshalb schwer, einen Standpunkt zu finden und die richtige Distanz. Ständig wechselt sie den Blickwinkel, mal schaut sie aus großer Höhe auf ihre Figuren herab, in der nächsten Sekunde geht sie so dicht heran, dass man die Poren der Haut sieht.
Ihr Duktus ist atemlos. Madonna wirkt wie eine Schriftstellerin, die vor lauter Aufregung, etwas mitteilen zu wollen, kaum einen Satz zu Ende formuliert, sondern sich laufend selbst ins Wort fällt: Ich will euch von der ganz großen Liebe erzählen, ich will euch zeigen, wie sie funktioniert - aber wie funktioniert sie eigentlich?
Sie will vordringen zu den Gefühlen, aber sie bleibt hängen in Kostümen und Accessoires. Die Verbindungen zwischen den Zeitebenen stellt sie fast immer über Gegenstände her, über ein Negligé, ein Zigarettenetui oder einen Cocktailshaker. Es sind Bilder eines Material Girl.
So offenbart sich in "W. E." ein recht altmodisches Rollenverständnis, wenn Madonna fast schon penetrant betont, wie Edward um die Gunst von Wallis wirbt, indem er ihr ständig Schmuck schenkt. Sogar wenn er ihr Tee serviert, wartet auf dem Grund der Tasse ein Anhänger auf sie. Ist es das? Der Five o'Clock Tea als Liebestrank?
Dem Rätsel der Liebe, dem, was Menschen gegen alle Widerstände zusammenhält, jagt Madonna vergebens hinterher. Wallis tanzt am Bett ihres sterbenden Gatten am Ende Rock'n'Roll, Wally zieht zu ihrem Sicherheitsmann in den Keller. Ein schöner Traum.
Kinostart: 21. Juni.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 25/2012
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