18.06.2012

„Das wird ein Riesengeschäft“

Der britische Milliardär Sir Richard Branson, 61, über Klimaschutz als Anlagemodell
SPIEGEL: Sir Richard, kennen Sie das deutsche Wort "Angst"?
Branson: Na klar, "German angst", das Wort haben wir Engländer von euch übernommen.
SPIEGEL: Um den Klimawandel zu stoppen, wollen Sie unter anderem Kohlendioxid aus Industrieanlagen herausfiltern und unterirdisch einlagern - eine Methode, die in Deutschland wegen Sicherheitsbedenken umstritten ist. Sind die Deutschen übertrieben ängstlich?
Branson: Ich will die Deutschen nicht kritisieren, aber ich glaube, dass wir neue Technologien benötigen, wenn wir den Klimawandel stoppen wollen. Gerade die deutsche Wirtschaft könnte dazu einen bedeutenden Beitrag liefern. Man muss sich ja nur ansehen, was Unternehmen wie Bosch, Siemens oder BASF in der Vergangenheit bereits geleistet haben.
SPIEGEL: Was tun Sie?
Branson: Der Kampf gegen Treibhausgase bietet große Gewinnchancen. Um das zu fördern, habe ich mit Freunden den "Carbon War Room" gegründet. Wir sehen Klimaschutz auch als Geschäftsmodell an, denn nur wenn es für die Wirtschaft Geld zu verdienen gibt, werden wir den Klimawandel stoppen können.
SPIEGEL: Sie kommen demnächst nach Deutschland; was versprechen Sie sich davon?
Branson: Dass uns Ihre Unternehmer und Politiker bei der Entwicklung innovativer Geschäftsmodelle und brillanter Technologien, die es gerade in Deutschland gibt, unterstützen.
SPIEGEL: Der deutschen Photovoltaikindustrie geht es gerade sehr schlecht.
Branson: Die europäische Solarbranche ist in der Krise, insbesondere wegen der chinesischen Billigkonkurrenz. Ich habe selbst sehr viel Geld verloren. Aber so ist das im Wirtschaftsleben: Einige Unternehmen gewinnen, andere verlieren. Die gute Nachricht für uns alle ist, dass der Preis für Solaranlagen fällt. In einigen Ländern wird die Sonnenenergie schon bald genauso billig sein wie Kohlestrom. Wegen des scharfen Wettbewerbs stehen die Hersteller unter Druck, sich innovative Produkte einfallen zu lassen, was den Fortschritt zusätzlich beschleunigt. Insgesamt würde ich also sagen: Für die Umwelt entwickelt sich die Sache prächtig.
SPIEGEL: Mit Ihren Fluggesellschaften gehören Sie selbst zu den großen Umweltverschmutzern. Was tun Sie denn dagegen?
Branson: Überschüsse unserer Verkehrsunternehmen, über die Jahre insgesamt um die drei Milliarden Dollar, stecken wir in die Entwicklung von Techniken, die den CO2-Ausstoß senken. Wir suchen vor allem nach einem neuen Treibstoff, um das aus Erdöl hergestellte Kerosin zu ersetzen.
SPIEGEL: Und? Haben Sie schon etwas in Aussicht?
Branson: Die Entwicklung von Treibstoffen aus Pflanzen oder Abfallprodukten wie Industrieabgasen ist fortgeschritten. Sobald es uns gelingt, große Mengen davon herzustellen, wird das ein Riesengeschäft. Wenn ich allein daran denke, wie viele Steuern und Abgaben wir sparen, wenn wir kein Kerosin mehr tanken müssen, fühle ich mich gut.
SPIEGEL: Wäre es für das Klima nicht am besten, wir würden in Zukunft einfach weniger fliegen? Etwa drei Prozent aller CO2-Emissionen gehen auf das Konto der Luftfahrt.
Branson: Es wäre falsch, die Menschheit ins dunkle Zeitalter zurückzuführen. Der Weltwirtschaft fehlt es an Dynamik; da können wir jetzt nicht auch noch unsere Flugzeuge am Boden lassen. Wir müssen stattdessen unseren Verstand und unsere Kreativität bemühen. Ich glaube fest an den Fortschritt. Wir haben es mit einem ultraleichten Spezialflugzeug kürzlich geschafft, mit ein paar Kanistern Sprit die ganze Welt zu umrunden. Und als Nächstes arbeite ich daran, Menschen mit einem Minimum an Treibstoff ins Weltall reisen zu lassen.
SPIEGEL: Geht ein auf Wachstum angelegtes Wirtschaftsmodell nicht automatisch mit Raubbau einher? Während in Rio de Janeiro diese Woche der Umweltgipfel läuft, wird in anderen Teilen des Landes der Regenwald zerstört.
Branson: Der Kapitalismus kann schlimme Dinge anrichten, aber der Sozialismus war auch keine gute Wahl, wie die Umweltschäden in der Sowjetunion gezeigt haben. Wenn es uns gelingt, den Ertrag eines Feldes durch moderne Maschinen oder bessere Anbaumethoden zu steigern, haben wir mehr Wachstum und mehr Umweltschutz, weil die Bauern darauf verzichten können, den Wald abzuholzen.
SPIEGEL: Sie haben 25 Millionen Dollar Preisgeld ausgelobt für Vorschläge, mit denen sich auf ökonomisch vernünftige Weise Treibhausgase einsparen lassen. Gibt es schon Gewinner?
Branson: Nein, das Angebot steht. Vorschläge sind herzlich willkommen.
Von Alexander Neubacher

DER SPIEGEL 25/2012
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