06.01.1997

STRASSENVERKEHRHeimliches Wappen der DDR

Das ostdeutsche „Ampelmännchen“ soll aus dem Verkehr gezogen werden. Jetzt haben rebellische Künstler und Geschäftsleute ein Rettungskomitee für das DDR-Relikt gebildet, auf das sich auch Sammler stürzen.
Das drollige Kerlchen hat jahrzehntelang unbeanstandet seinen Dienst getan.
Füllig und klein - 16 Zentimeter lichte Höhe -, auf dem Kopf ein flaches, breitkrempiges Hütchen, die Knollennase verwegen im Wind - so hat es die Bürger der DDR seit den sechziger Jahren sicher durch den Verkehr geleitet. Im sozialistischen Amtsdeutsch wurde der energische Mann mit dem Hut "Fußgängersignalgeber" genannt, doch die Passanten zwischen Rostock und Zwickau liebten ihn unter seinem Kosenamen "Ampelmännchen".
Doch nun ist das Liebesobjekt akut gefährdet: Der Ampelmann soll seinen Hut nehmen und weitgehend aus dem Verkehr gezogen werden. Ein Amtsträger im postmodernen Westdesign erobert an seiner Stelle Kreuzung um Kreuzung. Doch dieses neue, nüchterne Piktogramm, diese armselige Strichfigur ist vielen Ostlern schrecklich verhaßt: Ein "geschlechtsloses Wesen mit Kugelkopf", so schimpft Sachsen-Anhalts Verkehrsminister Jürgen Heyer. Und mit ihm meutern viele Verkehrstüchtige, nicht nur in den neuen Bundesländern.
Um eines der letzten Kulturgüter aus der Epoche der DDR vor dem Verschwinden zu bewahren, hat sich das Komitee "Rettet die Ampelmännchen!" zusam- mengerottet, ein Trutzbund von rund 40 Berliner Künstlern, Geschäftsleuten und Anhängern vergangener Zeiten.
"Die Ostsymbole sind niedlicher", so behaupten die Rebellen, "und für Kinder, Alte und Farbenblinde besser zu erkennen, besonders der ,Steher' mit seinen balkenhaft ausgebreiteten Armen." Und so lautet der verzweifelte Hilferuf: "Laßt es laufen!"
Das Hauptquartier der großen Ampel-Koalition liegt in der trostlosen Berliner Schreinerstraße, Bezirk Friedrichshain, einem Kiez, in dem die Kneipen "Peter's Süffelstübchen" heißen und Ramschläden wie "Rudis Reste Rampe" dankbare Kundschaft finden. In dieser trinkfrohen Nachbarschaft betreiben die Initiatoren Jörg Davids, 34, und Uwe Hammerschmid, 31, ein Geschäft mit Satire-Artikeln.
Neuerdings bleibt ihnen allerdings kaum Zeit, sich ihren eigentlichen Geschäften zu widmen, etwa Polit-Kalauer auf T-Shirts zu drucken oder Kohls Kopf als Kerze zu verkaufen. Denn seit September 1996 fungiert der Jux-Laden als Schaltstelle des Ampel-Kommandos. Eine zweite Adresse haben die beiden Rädelsführer im Internet eingerichtet. Rund 250 Netzsurfer haben sich bislang mit ihren Protestbotschaften an der digitalen Rettungsaktion beteiligt. Sogar Amerikaner und Engländer, Schweden, Schweizer und Niederländer verbreiten dort Propaganda für das "heimliche Wappentier der DDR".
In ungewohnter Eintracht huldigen Ost und West dem Zonen-Kerlchen. Ein empörter Murphy hat, wie er mitteilt, "gehandelt und das liebenswerte Männchen auf die Wände meiner Küche gemalt. Sechsunddreißigmal". Für einen gewissen Dr. Müller ist er "das Sex-Symbol der neunziger Jahre". Einer, der sich "Che" nennt, fordert mit Nachdruck den Niedergang der "imperialistischen westdeutschen Verkehrsleuchten".
Ein besonders radikaler Aktivist schlägt vor, die Mauer wieder aufzubauen, um das Männchen vor den eifrigen Modernisierungs-Technokraten zu schützen. Auch der konventionelle Postweg soll nun beschritten werden: Das "Netzwerk für Umwelt, Frieden und Gerechtigkeit", sonst eher gegen Völkermord und Todesstrafe aktiv, will im Februar mit einer Briefaktion für das Ostrelikt mobil machen.
"Im Zuge der Annexion nimmt der Westen das Letzte vom Osten", wettert Retter Davids. Allein in Ost-Berlin, so schätzt er, seien bloß noch 800 von 2000 Signalzeichen übrig. Rot-Grün auf Schwarz bringt das Komitee seine Botschaft unters Volk. Der Ampelmann ziert Plakate und Postkarten, Tassen und T-Shirts, Socken und Sticker. Beliebt sind vor allem kleine Original-Geschenke, die einst erfolgreiche Schüler der Verkehrserziehung als Auszeichnung erhielten. Etwa ein Schlüsselanhänger aus Plastik, den zwei Ampelmännchen zieren, und das ermunternde Motto: "Freundlich zieh'n wir unsren Hut - geht, macht Eure Sache gut".
Durchschnittlich 20 Prozent vom Verkaufserlös werden in Aufschreck-Aktionen wie der Ampel-Installation vor Castorfs "Volksbühne" gesteckt.
Jüngstes Medium der Rettungsmannschaft ist eine CD. "Der Ampelmann ist ziemlich klein, drum paßt er in die Ampel rein - uhuuu lalalaaa", dudelt es da in deutscher Schlagerqualität. "Leicht beschwingt und rockig, ein bißchen wie Brecht und Weill", findet der CD-Schöpfer und Musiker Jürgen Schneider. Demnächst soll noch eine Techno-Version auf den Markt kommen.
Sogar im Konsumpalast Lafayette, sonst angestrengt um ein seriöses Sortiment bemüht, ist das Szeneobjekt zu finden. Dort bietet ein Designer Ampelleuchten im Showroom feil.
Wahre Fans wollen jedoch das Original für die heimische Stube. In Berliner Zeitungen kursiert der Tip, Interessenten sollten sich an den Senat der Hauptstadt wenden. Vergebens. Zwar verkauft die Bauverwaltung die ausrangierten Ampelmännchen für 20 Mark. "Sonst müßten wir sie auf'n Mist schaffen beziehungsweise auf den Schrottplatz", sagt der zuständige Referatsleiter Dietmar Jessat. Aber der Vorrat ist vorerst erschöpft. Und über 300 kaufwillige Sammler stehen auf der Warteliste für jene Ampeln, die demnächst noch abgebaut werden.
Jessat legt allerdings Wert darauf, daß es sich bei der Demontage nicht um ein Politikum handelt. Wie in den anderen Bundesländern würden auch hier nur defekte Anlagen ausgetauscht. "Die Störungsquote war im Osten 13mal höher als in West-Berlin. Alles Schlimme, was es elektrotechnisch gibt, war dort vereint."
Die moderne Technik hat freilich ihren Preis. Zwischen 25 000 und 500 000 Mark kostet die perfekte Ausstattung einer Kreuzung. "Eine Ampel muß heute mehr können als Rot, Gelb oder Grün anzeigen. Unser Traumziel ist ein modernes Steuerungssystem, das auch Busse und Straßenbahnen reguliert und einen Stau auflösen kann", erläutert Jessats Kollegin Petra Reetz.
Die Gemeinschaft der Ostalgiker wittert indes eine internationale Verschwörung: Aus Brüssel, von der Europäischen Union, drohe das Unheil, die rücksichtslose Ampelnorm. "Die letzten ,Geherlein' und ,Steherlein' aus DDR-Zeiten sollen sterben", wettert die tageszeitung, "weil sie schlicht gegen den europäischen Strichmännchenkodex verstoßen."
Quatsch, sagen die Bonner Verkehrspolitiker. Barbara Walther-Wolf, Sprecherin des Bundesverkehrsministeriums, erklärt unbeirrt: "Es gibt drei Varianten. Das alte Ost-, das alte West- und seit 1992 das gesamtdeutsche Männchen. Welches die Länder einsetzen, ist ihre Sache." Ausnahme: die Bundesstraßen. Dort ist das gesamtdeutsche Piktogramm vorgeschrieben, das sich von der alten Westfigur vor allem durch seinen vom Rumpf losgelösten Kugelkopf unterscheidet.
Aber auch der Osten signalisiert bisweilen Entgegenkommen: "Ost und West sind tot. Es lebe das Neue", verkündet froh Frank Schulenberg, Mitarbeiter des brandenburgischen Verkehrsministeriums. Sein Dienstherr habe ein klares Wort für den modernen Wegweiser gesprochen. Auch Mecklenburg-Vorpommern will "keine Extra-Würschte" und stellt ebenso wie Thüringen das neue Nachwendesymbol auf.
Einzig der Freistaat Sachsen hält treu zum Zonen-Männe. Wie einst zu Honeckers Zeiten ordert der Freistaat seine Stop-andgo-Figuren beim einstigen VEB Signaltechnik, dessen Männchen-Produktion heute zu 90 Prozent an Designer und Hobbyisten geht. "Unser Minister hat ein Herz für ostdeutsche Gepflogenheiten", so lobt eine Mitarbeiterin.
Und da will nun auch der Magdeburger Minister Jürgen Heyer nicht zurückstehen. Aufgerüttelt von der öffentlichen Debatte, hat er versprochen, bei Neuaufstellungen künftig den alten Knaben zu bevorzugen.
"Erste Erfolge, das is' Klasse", triumphiert Jörg Davids. Demnächst möchte er eine europaweite Offensive für den ostdeutschen Ampel-Kobold starten. In einer großen Ausstellung, so erklärt er, sollen sämtliche Ampelmännchen Europas gezeigt werden, um die Öffentlichkeit zu informieren und für diese Art von Autonomiebestrebungen zu sensibilisieren. Derweil avanciert nicht nur sein Schützling zur Kultfigur. Auf Davids' Schreibtisch liegt der Brief eines 84jährigen Friedrichshainer Bürgers mit der Bitte "um ein persönliches Foto mit Unterschrift".

DER SPIEGEL 2/1997
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