06.01.1997

Sieg über die Seuche?

Noch vor einem Jahr galt die Seuche Aids vielen Forschern als unbesiegbar. Jetzt überschlagen sich die Hoffnungsparolen. Neue Medikamente lassen die Viren aus dem Blut der meisten HIV-Patienten verschwinden. Doch sie sind teuer, nebenwirkungsreich und wirken nicht immer.

An den Schock, einen alten Freund nicht mehr wiederzuerkennen, haben sich viele Schwule gewöhnt: Sie liebten ihn als einen 25jährigen lebensfrohen Clown. Abgemagert und greisenhaft, mit erlöschenden Augen und vorstehenden Kieferknochen sehen sie ihn wenige Monate später wieder.

Jetzt erwartet sie nicht selten ein anderer Schreck: Sie begegnen dem Bettlägerigen, dem Todkranken, dem bereits Abgeschriebenen sonnengebräunt beim Windsurfen auf Gran Canaria.

In der Gemeinde der HIV-Positiven machen Geschichten von Auferstandenen die Runde. Neue Medikamente eröffnen ihnen den Weg in ein zweites Leben. Menschen, die den Platz auf dem Friedhof schon gemietet hatten, schmieden wieder Zukunftspläne. Aidsdoktoren stehen nicht länger hilflos am Krankenbett. Forscher debattieren gar schon über "Heilung" und die "Ausrottung des Virus".

Die Wissenschaftszeitschrift science kürte die "neuen Waffen gegen Aids" zum "Durchbruch des Jahres 1996". Das US-Magazin newsweek rief, ebenso wie die new york times, das mögliche "Ende von Aids" aus.

Deutschlands Hospize suchen nach einer neuen Klientel: Die Aidskranken bleiben aus. "Früher war unsere Station immer zum Brechen voll", berichtet der Aidsarzt Helmut Albrecht vom Hamburger Universitätsklinikum. "Heute belegen wir nicht einmal die Hälfte unserer Betten mit Aidskranken." Die Zahl der Lungenentzündungen, typisch für das Krankheitsbild im fortgeschrittenen Stadium, sei auf ein Viertel geschrumpft.

Im Dezember verkündete der Arzt des Basketball-Stars Earvin "Magic" Johnson, dem berühmtesten HIV-Opfer der USA, im Blut seines Patienten seien keine Viren mehr nachweisbar. Der Washingtoner Publizist Andrew Sullivan verfaßte gar schon einen melancholischen Nachruf auf die Seuche. Geradezu wehleidig trauert er den Zeiten des Kampfes und der schwulen Solidarität nach.

So rasch wie sich einst das Virus HIV unter Schwulen, Prostituierten und Drogenabhängigen ausbreitete, so geht jetzt das Virus der Hoffnung unter ihnen um. Am eigenen Fall schildert der Neuropathologe Mahlon Johnson von der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee, die Geschichte dieser neuen Epidemie (siehe Vorabdruck Seite 126).

Vor vier Jahren infizierte er sich bei der Autopsie eines Aidsopfers. Besessen durchforstete er seither die Fachjournale der Aidsforscher, immer auf der Suche nach einem Stoff, der ihm ein Überleben ermöglichen könnte.

Johnson wurde fündig. Er marterte seinen Körper mit den giftigen Produkten aus den Pharmalabors. Er überstand Fieberanfälle und Übelkeit, juckende Ausschläge und Gelenkschwellungen. Dann endlich erhielt er die ersehnte Botschaft: Das Virus schien aus seinem Blut verschwunden.

Der plötzliche Stimmungswandel an der Aidsfront, wie Johnson ihn schildert, ist um so erstaunlicher, als sich noch vor kaum mehr als einem Jahr Aidsärzte, -patienten und -forscher wechselseitig mit düsteren Prognosen überboten. "15 bis 50 Jahre wird es dauern, bis Aids zu einer kontrollierbaren Krankheit geworden ist", erklärte der Aidsaktivist Mark Harrington noch im Sommer 1995 in einem spiegel-Gespräch. Nur ein Jahr später stufte er die "riesige Welle guter Nachrichten" als "geradezu unglaublich" ein.

So unscheinbar die erste Meldung im Juni 1981 schien - die amerikanische Seuchenkontrollzentrale in Atlanta berichtete von einigen Fällen einer unerklärlichen Immunschwäche unter jungen, homosexuellen Männern in Los Angeles -, sie war der Startschuß zu einem beispiellosen Duell: ein rund 0,1 Mikrometer messendes Virus, in milliardenfacher Zahl verschanzt in menschlichen Lymphknoten, Immun- und Hirnzellen, gegen ein Heer von Infektionsmedizinern, Molekularbiologen und Epidemiologen.

Drei Jahre später lag das erste Fahndungsfoto des Gegners vor: die Aufnahme eines Elektronenmikroskops, die einige mit Eiweißnoppen besetzte Kügelchen mit kegelförmigem Kern zeigte.

Sofort breitete sich Optimismus aus: "In einem Jahr spricht keiner mehr von Aids", tönte 1983 der Münchner Hygieneprofessor Friedrich Deinhardt. "In zwei Jahren ist ein Impfstoff da", verkündete im Jahr darauf die US-Gesundheitsministerin. Wenig später brachten die Pharmakologen ihr erstes Geschütz gegen den Feind in Stellung: AZT, eine antiviral wirkende Substanz, welche die Vermehrung von HIV stoppen sollte.

Doch die Zuversicht war bald verflogen. Ende der achtziger Jahre waren Hunderttausende an der Seuche gestorben, Millionen hatten sich infiziert. Und schlimmer noch: Die Forscher mußten resigniert bekennen, daß all ihre Bemühungen, dem Virus Einhalt zu gebieten, vergebens waren. Tausende von Affen waren in der Aidsforschung verschlissen, Tausende von Substanzen erprobt - alles ohne vorzeigbares Resultat.

Die Entwicklung eines Impfstoffs kam nicht voran. Und auch AZT erwies sich als unfähig, das Leben der HIV-Infizierten nennenswert zu verlängern. Das ungewöhnlich wandlungsfreudige Virus schien den Forschern überlegen. Sehr schnell bildeten sich Mutanten, denen die Wirk- und Impfstoffe der Pharmaindustrie nichts anhaben konnten.

Anfang letzten Jahres schienen dann plötzlich alle Kassandrarufe vergessen. "Dies ist das wichtigste Jahr der Epidemie", jubelte Michael Weinstein, Präsident der Aidsstiftung in Los Angeles. "Erstmals haben wir mehr Fortschritte gemacht als das Virus." Die Erfolgsmeldungen aus den Aidslabors überschlugen sich:

* Fast gleichzeitig hatten der US-Forscher Robert Gallo und sein Frankfurter Kollege Reinhard Kurth verkündet, sie hätten die lange gesuchten "Levy-Faktoren" isoliert. Diese körpereigenen Substanzen gelten als ein biochemischer Schutzschild, der bei sogenannten Langzeitüberlebenden dafür sorgt, daß selbst mehr als 10 Jahren nach der Infektion das Immunsystem nicht zusammenbricht.

* Virologen unter Leitung von David Ho am New Yorker Aaron Diamond Center machten im Erbgut einiger Menschen Gene dingfest, die ihnen eine Art natürlichen Infektionsschutz gewähren. Weil das HI-Virus in die Immunzellen der Träger dieses Gens nicht einzudringen vermag, scheinen sie vor der Invasion der Erreger gefeit.

* Testreihen an den amerikanischen National Institutes of Health ergaben, daß sich das zerrüttete Immunsystem Aidskranker durch die Infusion des körpereigenen Immunmodulators Interleukin 2 wieder stabilisieren läßt.

Vor allem aber sorgten die Daten für Euphorie, die von den Herstellern einer neuen Gruppe von antiviral wirkenden Medikamenten veröffentlicht wurden. Mit Hilfe dieser sogenannten Proteasehemmer, so das vielversprechende Ergebnis, lasse sich das Virus langfristig erfolgreich bekämpfen.

Bei vier von fünf Patienten gelingt es den Ärzten inzwischen, die Viruszahl im Blut unter die Nachweisgrenze zu drücken."Jede einzelne dieser Substanzen wirkt kaum besser als AZT", erläutert Albrecht. "Der Mix macht den großen Unterschied." Das biochemische Kreuzfeuer von drei oder vier verschiedenen Wirkstoffen hält praktisch alle Virus-Mutanten in Schach.

Schon heute sind insgesamt neun wirksame Aidsmedikamente auf dem Markt. Und weitere werden in den nächsten Jahren aus den Labors kommen - ein Triumph der pharmakologischen Forschung, an den kaum einer mehr zu hoffen gewagt hätte.

Dennoch warnen bereits die ersten Wissenschaftler, auch diesmal sei die Ernüchterung vorprogrammiert. Denn so erfolgreich die neuen Pharma-Waffen auch sind, so sind sie doch teuer und nebenwirkungsreich. Sie müssen jahrelang hochdiszipliniert eingenommen werden. Und sie wirken keineswegs immer. Paradoxerweise versagen sie oft gerade bei jenen Patienten, die am verzweifeltsten nach einer neuen Kur gefiebert haben. Denn die haben sich nicht selten in mehrere klinische Studien zugleich geschmuggelt und traktierten ihr Immunsystem nebenher noch mit diversen Tinkturen und Pillen. Heute weiß kein Mediziner mehr einzuschätzen, was sie damit im Innern ihres Körpers angerichtet haben.

Doch so problematisch diese Experimentalkuren auf eigene Faust auch sein mögen, es ist nicht zuletzt diesen Patienten zu danken, daß schon heute die hochwirksamen Proteasehemmer auf dem Markt sind. Sie waren es, die Politik und Industrie lautstark Trägheit und Phantasielosigkeit vorgeworfen haben. Wagemutig boten sie sich den Pharmaingenieuren als Versuchskaninchen an und weigerten sich, die Ergebnisse der langwierigen klinischen Tests abzuwarten.

Mit Besetzungen der Börsen in New York und San Francisco, Demonstrationen und politischem Druck zwangen sie Behörden und Industrie zur Eile. Auf allen Forscherkongressen tauchten die Aktivisten auf und verblüfften die Wissenschaftler mit meist gut informierter Manöverkritik.

Gleichzeitig spionierten sie in den Pharmalabors, schmuggelten Substanzen und Wässerchen, von denen sie sich Wunder versprachen. Sie synthetisierten und spritzten sich, was immer in der Szene gerade als heißer Tip auf dem Weg zur Linderung oder gar Heilung galt.

Die Verzweiflung verführte die dahinsiechenden Aidsopfer dazu, sich ätzende Tinkturen auf die Haut zu pinseln - in der Hoffnung, so ihr zerrüttetes Immunsystem zu mobilisieren. Enttäuscht von der Hilflosigkeit ihrer Ärzte suchten sie Zuflucht bei Heilern, Scharlatanen und den Anbietern dubioser Mixturen.

Das Geschäft mit der Hoffnung boomte: Für 2000 Mark im Monat boten holländische Ärzte eine Therapie aus seltenen Himalaja-Kräutern feil. Für 1900 Mark pro 100 Milliliter war "Novomycellin" zu haben, das, wie sich später herausstellte, aus Batterieflüssigkeit und Roßkastanien gewonnen wurde. Andere setzten auf Ozon, Megadosen von Vitaminen oder Thymusdrüsenextrakte. Auf eine Milliarde Dollar wurde der Umsatz auf dem Grau- und Schwarzmarkt der Aidsheilmittel geschätzt.

Unter den Schwulen der USA war lange Zeit ein chinesisches Präparat mit Namen "Compound Q" der Renner, hergestellt aus den Wurzeln einer Gurke - mancher spritzte sich damit zu Tode, noch ehe Aids ihn dahingerafft hätte. In Deutschland erwarb die Bonner Ärztin Anne Steinbeck-Klose mit dem aus Johanniskraut gewonnenen "Hypericin" zweifelhaften Ruhm (siehe Kasten Seite 120).

Auch Mahlon Johnson ist einer von jenen, denen es nicht schnell genug gehen konnte. Getrieben von der Angst vor den Verwüstungen, die das Virus in seinem Körper anrichtete, begann er zu experimentieren. Sein ganzes Leben stellte er ein auf den Kampf gegen den Feind im eigenen Blut. Er nervte seine Ärzte mit immer neuen Ideen, wie er den Schwund seiner Immunzellen aufhalten wollte. Er schluckte und spritzte, was immer er in die Finger kriegen konnte.

Die Genehmigungsbehörden gaben schließlich dem Druck aus den Krankenbetten nach: Es wurden Richtlinien für die "beschleunigte Zulassung von Arzneimitteln" erlassen. Der Weg für neue Hoffnungspillen und -spritzen war frei.

Damit steht den Ärzten nun ein reichhaltiges Arsenal wirksamer Waffen gegen das Virus zur Verfügung. Gleichzeitig aber schuf die überstürzte Überschwemmung des Pharmamarktes auch Probleme: Die Mediziner stehen mit weitaus weniger Daten am Krankenbett, als sie es bei anderen Medikamenten gewohnt sind.

"Das ist ein riesiges Problem", so der Hamburger Aidsarzt Albrecht. "Bis die Medikamente auf dem Markt sind, investieren die Firmen Milliarden. Sobald die Zulassung da ist, stellen sie die Forschung ein."

Die Folge ist, daß die Ärzte sich plötzlich, nach einer Ära der Hilflosigkeit, mit einem vergleichsweise schlecht dokumentierten therapeutischen Überangebot konfrontiert sehen. Die Aidskliniken haben sich in Experimentallabors am Patientenleib verwandelt. Jeder Doktor ist gezwungen, sein eigenes Behandlungsschema auszutüfteln. Denn viele Fragen sind noch unbeantwortet:

* Welche der mehr als hundert möglichen Substanzkombinationen ist die wirksamste? Und wie sieht bei welcher Kombination die optimale Dosierung aus?

* Wann ist der richtige Zeitpunkt, mit der Therapie zu beginnen: möglichst sofort nach der Infektion oder erst wenn der Patient über die ersten Symptome der Krankheit Aids klagt?

* Läßt sich das oft schwer geschädigte Immunsystem der genesenen Patienten wieder stabilisieren? Und wenn ja - wie?

* Leiden Niere oder Leber unter der jahrelangen Therapie? Und verstärken sich die Nebenwirkungen der verschiedenen Substanzen wechselseitig?

* Wie schnell entstehen resistente Virenstämme, die möglicherweise auch gegen alle Proteasehemmer immun sind?

* Und wie sollen jene 20 Prozent der Patienten behandelt werden, die auf die neuen Medikamente kaum oder gar nicht ansprechen?

Schon malen einige Forscher ein neues Schreckgespenst an die Wand: Gerade von diesen Patienten gehe ein besonderes Risiko aus: In ihrem Körper würden besonders widerstandsfähige Virenstämme geradezu herangezüchtet - neue Superviren, die schon bald eine neue, möglicherweise noch aggressivere Seuchenwelle auslösen könnten. Pharmaentwickler wie Ärzte wären dann so hilflos wie zu Beginn der Epidemie.

"Wir wandern auf einem schmalen Grat zwischen der Vernichtung und der Verschlimmerung der Krankheit", warnt etwa Laurie Garrett, die mit ihrem Buch "Die kommenden Plagen" die Bedrohung durch neue Krankheiten ins öffentliche Bewußtsein rückte.

"Möglicherweise geben uns die neuen Medikamente nur etwas Zeit zum Luftholen", meint auch der Hamburger Aidsarzt Albrecht. Noch sei kein einziger Fall einer vollständigen Heilung dokumentiert.

Selbst für jene, die weniger skeptisch sind, ist die Frage, wann das Virus wirklich besiegt ist, offen. Denn auch wenn der Erreger vollständig aus dem Blut verschwunden ist, hält er sich noch im Körper versteckt. Mehr als 90 Prozent der Viren nisten sich in den Zellen der Lymphknoten ein, im Gehirn oder in der Samenflüssigkeit, wo sie auch für die wirksamsten Pharmaka nur schwer erreichbar sind.

Erst wenn es gelänge, sie auch von dort zu verdrängen, wäre die Gefahr vollständig gebannt. "Wir wissen, daß die HIV-infizierten Zellen in den Lymphknoten oft monatelang lebensfähig sind", erläutert Albrecht. Im Hirn könnte sich das Virus theoretisch sogar jahre- oder jahrzehntelang versteckt halten.

Wie schnell sich die lauernden Erreger nach der pharmakologischen Attacke wieder erholen können, mußte kürzlich einer von Albrechts Patienten schmerzlich am eigenen Leibe erfahren. Nach der Therapie vom Sterbebett wiederauferstanden, glaubte er, die rettenden Medikamente auf einer Reise nach Ostasien nicht mehr zu brauchen - als er zurückkehrte, war seine Haut wieder von den bräunlich-schwarzen Flecken des Kaposi-Sarkoms überdeckt, dem untrüglichen Zeichen einer fortgeschrittenen Aidserkrankung.

Zudem registrieren die Epidemiologen besorgt, daß das Sinken der Todesfälle zu einem Ansteigen der Infektionsraten führt. Rasch haben sich in der Gemeinde der Schwulen die Geschichten spektakulärer Genesung herumgesprochen. Allzuoft wird dabei der Befund "kein Virus nachweisbar" mit der ersehnten Botschaft "Heilung" verwechselt.

Die fatale Folge kam etwa in einer Ende November veröffentlichten Studie aus Florida zutage: Drei Viertel der befragten homosexuellen Männer gaben an, im letzten Jahr ungeschützten Analverkehr gehabt zu haben - dreimal mehr als in den Jahren zuvor.

Auch in Deutschland eröffnen wieder Darkrooms, Saunen und Schwulenklubs. "Wir sehen wieder deutlich mehr 17- oder 18jährige, die sich frisch infiziert haben", berichtet Albrecht.

Viele Forscher wollen sich von derartigen Rückschlägen ihre Zuversicht nicht nehmen lassen. Vor allem David Ho, 44, gilt als Anwalt der Hoffnung. So bescheiden und unscheinbar der kleine Taiwan-Amerikaner auch auftritt, so sehr ist er durch seinen entschiedenen Optimismus zur neuen Lichtgestalt der Forscherwelt geworden.

Wo in den letzten Jahren Fortschritte der Aidsforschung vermeldet wurden - bei der molekularen Aufklärung des Infektionsprozesses, bei der Lösung des Rätsels, warum einige von HIV nicht infizierbar scheinen, bei der klinischen Erprobung der Proteasehemmer -, immer waren sie mit dem Namen Ho verbunden - für das amerikanische Nachrichtenmagazin time Grund genug, ihn zum "Mann des Jahres" zu küren.

Jetzt propagiert der energische Leiter des New Yorker Aaron Diamond Centers: "Wir müssen das Virus schlagen. Früh und hart." Möglichst sofort nach der Infektion müsse die Therapie beginnen. Dann sei selbst der vollständige Sieg über HIV möglich. Solange sich das Virus nicht vermehrt, so sein Credo, mutiert es auch nicht. Werde von Anfang an die Vermehrung des Virus medikamentös unterbunden, so könnten sich auch keine resistenten Virusstämme bilden.

Nicht alle teilen seinen Optimismus. Vor allem Robert Gallo, die wohl berühmteste und schillerndste Figur aus der Welt der Aidslabors, hat sich auf die Seite der Skeptiker geschlagen. Eifersüchtig registrierte er, wie ihn Ho, nicht zuletzt durch sein vehementes Votum für die Proteasehemmer, vom Platz eins in der Rangliste der Aidsforscher verdrängt hat.

Jetzt wird der gekränkte Gallo nicht müde zu betonen, daß "sich resistente Mutationen sehr schnell ausbreiten". 20 bis 30 Prozent der Neuinfizierten steckten sich schon heute mit Virusstämmen an, die immun gegen alle Proteasehemmer seien.

Allein die Zeit wird entscheiden, welche der beiden Koryphäen recht behalten wird. Doch sicher ist schon jetzt, daß die durch die Hilfe der neuen Medikamente Genesenen, wenn nicht krank, so doch auch nicht gesund sind. Im günstigsten Fall ist Aids, ähnlich wie Diabetes, zu einer chronischen Krankheit geworden.

Fast widerwillig stellen sich die Schwulenverbände der USA auf die Rückkehr zur Normalität ein. Der Ausnahmezustand ist beendet. Aids, einst eine Apokalypse, die den Homosexuellen ein Gefühl der Gemeinsamkeit gab, ist zur behandelbaren Krankheit geworden.

"Wer sich heute infiziert", schreibt der Publizist Sullivan, "der muß das blöde Gefühl haben: 'I really missed the party."' "Bisher war es ein Massaker", so beschreibt Mahlon Johnson den Wandel in der Rolle von Aids, "jetzt ist es ein Krieg, in dem beide Gegner eine Chance haben."

Dieser Krieg gegen den Feind im eigenen Körper bedeutet für den Patienten ein Leben unter dem Diktat der ärztlichen Verschreibung, geplagt von den Nebenwirkungen der Medikamente und der Angst vor Resistenzen. Viele müssen schon um fünf Uhr morgens ihre erste Pille schlucken. Nach strengem Zeitplan folgen dann 20 oder mehr weitere Tabletten, die diversen Vitaminpräparate, Tropfen und Salben, um die Nebenwirkungen zu lindern, nicht mitgerechnet.

Einige der Wirkstoffe erfordern eine fettarme Diät, andere müssen kühl aufbewahrt werden: Zur Einnahmezeit - dreimal täglich - muß sich der Patient immer in Reichweite des Kühlschranks aufhalten. Nach jeder Unregelmäßigkeit im Pharmafahrplan droht das Versagen der Therapie.

Für viele HIV-Positive ist es nicht leicht, ein Leben wieder zu akzeptieren, von dem sie sich bereits verabschiedet hatten. Manch einer muß nun erkennen, daß er in Erwartung eines sicheren Todes über seinen Verhältnissen gelebt hat. Nun lastet ein Schuldenberg auf dem wiedergewonnenen Leben. "Wo bleibt unser Recht auf Krankheit und Tod?" fragte gar Cori Tigges, Mitglied einer internationalen Vereinigung HIV-positiver Frauen im letzten Juli auf der Aidskonferenz in Vancouver.

Die neuen Medikamente "haben uns einen flüchtigen Blick auf ein langes Leben erlaubt", schreibt Mahlon Johnson. "Ich fühle die dankbare Freude, daß ich vielleicht leben werde." Der Preis dafür, so schreibt er, seien trockene Haut, ein Brennen auf der Zunge, Müdigkeit, Gliederschmerzen und Schüttelfrost gewesen - und das Wissen, daß er zu den wenigen gehöre, die von den Fortschritten der Pharmaentwicklung profitieren.

Denn während in den USA bereits die ersten Nachrufe auf die Seuche geschrieben werden, erklärt die Weltgesundheitsorganisation WHO in ihrer jüngsten Bilanz Aids zu einer "erst beginnenden Epidemie". Den Proteasehemmern wird in dem Bericht nicht mehr als ein Satz gewidmet.

Statt dessen weisen die Genfer Gesundheitshüter darauf hin, daß das Virus seine Opfer in immer neuen Regionen und Bevölkerungsgruppen finde: In der ukrainischen Stadt Nikoljew etwa, so die WHO, "explodierte die Rate der HIV-infizierten Drogenabhängigen von 1,7 Prozent im Januar 1995 auf 56,5 Prozent elf Monate später". In Phnom Penh verhundertfachte sich die Zahl der HIV-positiven Blutkonserven innerhalb von nur fünf Jahren.

Besonders beunruhigend sei die Entwicklung bei Frauen und Kindern: Fast jeder zweite HIV-Positive ist inzwischen weiblich; die Zahl der HIV-positiven Kinder verdoppelte sich innerhalb nur eines Jahres auf 830 000 weltweit.

Kombinationstherapien zu Preisen zwischen 20 000 und 50 000 Mark pro Jahr können hier keine Linderung schaffen. Die Hoffnungsbotschaften der WHO klingen bescheidener: In Thailand zeigen die massiven Aufklärungskampagnen endlich Wirkung; in Tansania konnte die rasante Ausbreitung der Seuche durch bessere Behandlung von Geschlechtskrankheiten gebremst werden; zumindest in einigen Städten Benins, Gabuns und Kameruns scheint die HIV-Rate bei vergleichsweise geringen zwei bis fünf Prozent stabil zu bleiben.

Langfristig aber könne nur eines helfen: ein Impfstoff. Dafür aber sehen die Aussichten noch immer sehr schlecht aus. Und, paradox genug, die Therapieerfolge mit den Proteasehemmern könnten sie weiter verdüstern. Schon bisher floß kaum ein Prozent des gewaltigen Forschungsbudgets für Aids in die Impfstoff-Entwicklung. In Zukunft könnte die Dringlichkeit möglicherweise sogar noch niedriger eingestuft werden.

Denn, anders als mit einer Dauertherapie für die Reichen, läßt sich mit einer einmaligen Impfung der Armen kein Geld verdienen.

Johann Grolle

[Grafiktext]

Wirkungsweise der Kombinationstherapie gegen Aids

Eine Chronik der Aidsepedemie

Die Ausbreitung von Aids in der Welt

[GrafiktextEnde]

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Wirkungsweise der Kombinationstherapie gegen Aids

Eine Chronik der Aidsepedemie

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DER SPIEGEL 2/1997
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