13.01.1997

STARSDer Knecht der Prominenz

Seit Jahren gilt der Talkmaster Roger Willemsen als Vorzeige-Intellektueller des deutschen Fernsehens. Doch aus dem unkonventionellen Interviewer ist ein beflissener Snob geworden: Der TV-Primus pflegt die geschwätzige SelbstbeSPIEGELung. Von Reinhard Mohr
An allem ist Vivi Bach schuld. Weil sie weinend in ihrem schönen Schweizer Chalet saß und sich 1991 weigerte, nach Hamburg zu ziehen, mußte ihr Mann Dietmar Schönherr einen Tag vor Sendebeginn seinen Job beim Hamburger Pay-TV-Kanal Premiere abgeben.
Als Moderator einer neuen Interviewsendung namens "0137" sprang kurzfristig der Urlaubsvertreter ein, ein unbekannter Germanist, der über die "Rekonstruktion einer systematischen Literaturtheorie im Werk Robert Musils" promoviert hatte, aber ohne jede Kameraerfahrung war: Roger Willemsen.
Binnen eines Jahres wurde er mit seiner ebenso präzis-direkten wie einfühlsamen Fragetechnik zum Geheimtip der Branche. Ob er mit der Pornodarstellerin Sibylle Rauch oder PLO-Chef Arafat sprach, mit einem leibhaftigen Menschenfresser oder dem Staatsintendanten August Everding - stets war die Originalität der Antworten auch ein Produkt seiner klug artikulierten und beweglichen Neugier, für die er 1993 den "Adolf-Grimme-Preis" in Gold erhielt.
Die Sensation war perfekt: Ein Intellektueller im Nullmedium Fernsehen, der "immer schon drei kluge Sätze gesagt hatte, bevor man selbst den einen dummen, den man auf der Zunge hatte, noch verwerfen konnte" - so urteilte nicht nur der Schriftsteller Matthias Altenburg; nahezu das ganze deutsche Feuilleton war ebenfalls voller Bewunderung für den 1,96 Meter großen, schlaksigen Mann, der freihändig Hegel zitiert und Ornella Muti fragt: "In welchen Ihrer Körperteile sind Sie verliebt?", der Umberto Eco übersetzt und Sylvia Kristel ("Emmanuelle") bittet, aus dem Stand einen Orgasmus zu mimen, während er von Yehudi Menuhin wissen will: "Denken Sie mit Heiterkeit an Ihren Tod?"
Es ist symptomatisch, daß der Abstieg des Roger (sprich: Roh-ger) Willemsen ausgerechnet mit Madonna begann, dem ersten Stargast in "Willemsens Woche", die seine eigene TV-Produktionsfirma Noa Noa seit Oktober 1994 im Auftrag des ZDF produziert: "Warum hab' ich ständig das Gefühl, mit meinem Psychiater zu reden?" fragte Madonna enerviert zurück.
Inzwischen haben auch immer mehr Fernsehzuschauer das Gefühl, einem aufdringlichen Zustimmungsheischer gegenüberzusitzen, dessen "parfümiertes Parlando" (frankfurter rundschau) vorrangig den Weihrauchnachschub zum Mythos Willemsen liefert.
Zu Beginn dieses Jahres zeigte der Zusammenschnitt "Best of Willemsens Woche" in geballter Form jene zunehmend opportunistische Gesprächsführung, bei der die Annäherung an eine Person zur puren Beflissenheit mutiert. Aus der unvermittelten Neugier, dem insistierenden Fragen und der Präzision der Sprache hat sich ein Ritus vorgetäuschter Authentizität entwickelt, die in der Kumpanei der Schönen und Erfolgreichen endet.
Willemsen, 41, hat den Mindestabstand zu sich, die Distanz zu seiner Arbeit und zu seinen Gästen verloren. Der vergleichsweise unbedeutende junge Mann, der von einem Augenblick zum anderen internationalen Berühmtheiten freche Fragen stellen konnte, ist zu einer Berühmtheit geworden, die anderen Berühmtheiten zunehmend bedeutungsarme Fragen stellt: "Als Diplomatentochter sind Sie viel gereist. Konnten Sie Tiere halten?" Oder: "Wenn Sie morgens in den SPIEGEL sehen, erblicken Sie das Gesicht eines Supermodels?" Oder: "Esther, haben Frauen etwas Magisches?"
Längst ist er Teil des Starsystems, des Medien-Jet-sets geworden und läßt sich für einen opulenten Fotoband mit Eva Herzigova, Grace Jones und Nadja Auermann in neckisch-vertrauter Glamourpose ablichten, Ranschmeiße de Luxe. Er ist zum Markenartikel gepflegter Nachdenklichkeit in Zeiten des Ausverkaufs aller Werte gereift, ein sanfter Moralist, eigentlich zu groß für diese Welt: "Ich kann hingehen und sagen: ,Nelson Mandela, ich will Sie sprechen!'"
Hybris aber, das wissen die Götter, verdirbt den Stil. Willemsens Masche wirkt anmaßend und manieristisch, wo sie einst originell war. Aus der Verfremdung eines tatsächlich fernsehungewohnten Nachfragens wurde eine läppische Promishow der gegenseitigen Bestätigung: angestrengte Originalität als Prominenznachweis. Die sensible Gesprächsführung ist heute bloß noch Mimikry.
Willemsen im Studio: Das ist mittlerweile eine Mischung aus geballter Hyperpräsenz und der verkrampften Unverkrampftheit eines Ministranten, der bei einer unzüchtigen Handlung im Beichtstuhl erwischt wurde - energiegeladen bis zum Platzen, und doch auch immer ein wenig gehemmt, eitel mit einem Anflug von Schüchternheit.
Während er schon mit den männlichen Gästen um die Wette grinst, lächelt oder lacht, fließt er bei Frauen, schön und am liebsten unter 30, vollends dahin. Dann wird aus dem Klassenprimus und Dr. phil, dem Beinahe-Professor und "Meister der kontrollierten Bedächtigkeitsgeste" (taz) ein dahinschmelzendes Fragemännchen, aus dem kritischen Stehriesen ein säftelnder Sitzzwerg.
Daß Willemsen selbst zu all dem gehört, was ihn umgibt, ja, daß er mittendrin steckt, darf man freilich nicht glauben. Da er ein deutscher Intellektueller sein will, entdeckt er das angeblich typisch Deutsche, die "Einheit aus Servilität und Despotismus", stets bei anderen. Und er fühlt sich gern ein bißchen wie in Feindesland, wo der im Tiefsten Unverstandene seinen Weg ganz allein gehen muß, ein Märtyrer der Massenmedien: "Ich weiß von Leuten wie Friedrich Küppersbusch und mir nicht, wie lange wir überleben können, wieviel Korruption man uns zumuten wird."
Wenn man ihn nur machen ließe - dann, ja dann würde er Jean-Luc Godard einladen und "einen zehnminütigen Monolog auf französisch" halten lassen, den niemand versteht, oder als Nachrichtenchef neue Maßstäbe im Verhältnis von Wort und Bild setzen: "Dann würde ich auf Fotos zurückgreifen, wo Atommanager auf diese phallisch erigierten Waffensprengköpfe fassen und einem das Gefühl geben, hier ist tatsächlich eine Verbindung von Männlichkeit, Industrie und Zerstörung gegeben."
Doch die Verhältnisse, die sind nicht so, und so bleibt es vorderhand dabei, daß Fotos, die Roger Willemsen auswählt, eher Heike Makatsch und Roger Willemsen zeigen als deutsche Atommanager mit scharfen Nuklearsprengköpfen.
Der Mann findet die zeit "scheißliberal" und fordert in seiner woche-Kolumne den erfolgreichen Kollegen Erich Böhme, der "sein letztes Stück Rückgrat" geopfert habe, öffentlich zum Abtreten von der Talkshow-Bühne auf. Ein deutscher Idealist par excellence; einer, der sich unter schweren Skrupeln ins schmutzige Fernsehgeschäft geworfen hat, um ein paar Freunden da draußen, intellektuellen Komplizen in der Einsamkeit des Geistes, zu zeigen, daß sie nicht allein sind - Willemsen, die Kultfigur der Fernsehhasser, teilt ihre nächtlichen Reflexionen über das Verhältnis von Eros und Macht, die Dialektik der Aufklärung und den gelungenen Doppelpaß, das schwierige Leben auf grünem Rasen.
Aus vollem Herzen vertraut er dem Fußballmagazin kicker seine programmatische Sympathie für den SC Freiburg an: "Sie kämpfen vorbildlich, haben wenig Kapital, der Trainer trägt einen Ohrring. Das ist meine Welt." In dunklen Augenblicken der Ungewißheit, allein unter fremden Frauen und ohne echte Liebe, sieht er sich schon inmitten "alter Hagestolze" in einer "Alterskommune sitzen und die Badewanne schrubben". Prägende Erfahrungen mit der Welt ganz unten konnte er bei Studentenjobs als Museumswärter, Reiseleiter und Nachtwächter in reichem Maße sammeln, damals, als nicht einmal Günther Jauch wußte, wer Roger Willemsen ist: "Da kommst du nicht unbeschädigt raus, aber gleichzeitig doch gestärkt."
Seine Welt ist aber auch Hamburg-Harvestehude - dort, wo Roger Willemsen wohnt und Hellmuth Karasek spazierengeht, wo Ulrich Wickert joggt und Heiner Bremer seinen Hund ausführt. Da grüßt er gern in alle Richtungen und hat womöglich einen typischen Willemsen-Satz im Kopf: "Dabei ist das wirklich Unausstehlichste an den Antitypen der Medien, daß sie privat so nette Leute sind."
Und noch mehr zu Hause fühlt er sich in der Welt der bösen Erscheinungen, die nach der Ursachenforschung durch Roger Willemsen verlangen. Da wird Roger rabiat, da wird er zum Mantafahrer einer unerbittlichen Kulturkritik, die mit Vollgas und quietschenden Reifen Unmengen weißen Qualms produziert.
Sein Elixier ist die allseitige Verächtlichmachung, die versnobte Pose des Schreibtischradikalen, die aphoristische Attacke gegen die Verräter einer Revolte, an der, vergangene Sehnsucht, er selbst nie teilhatte. Anders als dem Generationsbruder Harald Schmidt stehen ihm Ironie und Zynismus als Mittel des Geldverdienens, der Selbstbefreiung und Welterkenntnis nicht zu Gebote. Deshalb braucht er jene Überdosis salonmarxistischer Polemik, die seine Überanpassung an das System, dem er scheinbar widerwillig dient, wettmachen soll.
In seinem zuerst 1990 (1994 noch einmal als Taschenbuch) erschienenen Essayband "Kopf oder Adler" stellte er, damals noch in einer kleinen Studierstube ohne Fernsehapparat in London lebend, hochnotpeinliche "Ermittlungen gegen Deutschland" an: "Politisch eine Kolonie Amerikas, ästhetisch eine Kolonie Ikeas".
Willemsen, so eine ehemalige Freundin, "hält sich für eine Reinkarnation von Karl Kraus". Und so läßt er nichts, aber auch gar nichts übrig von der verbreiteten Illusion, die Bundesrepublik sei eine rechtsstaatliche Demokratie mit Meinungsfreiheit und politischem Pluralismus. Im bewährten Stil der Marxistischen Gruppe, mit der treffsicheren Maschinengewehr-Rhetorik von konkret und der argumentativen Hellsichtigkeit der Ex-FDJ-Zeitung junge welt erklärt er Deutschland zum totalitären Staat, in dem die Kritik verschwunden sei und die Demokratie sich "in der Abschaffung ihrer Voraussetzungen" vollende.
Der teutonische Furor des kritischsten aller Kritiker bricht vollends hervor, wenn er den damaligen Bundespräsidenten, Richard von Weizsäcker, bezichtigt, er habe "die Wunde Auschwitz" schließen wollen: "Das aber ist eine Aufgabe, die nur gelingt, indem man an Auschwitz erinnert, um es durch Erinnerung zum Verschwinden zu bringen."
Wer das Gemisch aus vulgärem Antikapitalismus und einem geradezu mystischen deutschen Nationalismus ex negativo gelesen hat, versteht plötzlich Willemsens innerstes Begehr: Wenn er doch endlich König von Deutschland wär'!
Von Reinhard Mohr

DER SPIEGEL 3/1997
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