15.01.1997

DER ANFANG „Wollen Sie mitmachen?“

Einer Legende zufolge ist der SPIEGEL so entstanden: Im zerbombten Hannover wurde 1946 einem britischen Major eine Liste vorgelegt. Alphabetisch aufgeführt waren Namen von Personen, die als mögliche Lizenzträger einer Zeitschrift in Frage kamen. An erster Stelle stand: Augstein, Rudolf, geb. 5. 11. 1923. "Der hat am gleichen Tag Geburtstag wie ich", habe da der Engländer ausgerufen, "der muß gut sein." Und die Lizenz sei - wie das große Los - an Rudolf Augstein gegangen.
John Chaloner, geb. 5. 11. 1924, beteuert, daß es so nicht war. Bei der ersten Begegnung mit Augstein waren Lizenzen nicht das Thema, und der gemeinsame Geburtstag sei ihm erst Jahre später aufgefallen. Doch "Rudolf ist Skorpion genau wie ich", sagt der rüstige Gentleman. Und er spricht vom "Schicksal", das vor über 50 Jahren die beiden jungen Männer zusammenbrachte: den hochdekorierten Panzermajor der siegreichen britischen Armee und den Artillerie-Leutnant der geschlagenen Hitler-Wehrmacht.
"Augstein saß da, blaß, klein, in einem grauen Militärmantel", erzählt Chaloner, heute 72. "Er war zu kühl, um sympathisch zu sein. Aber wenn man ihn fragte, überlegte er eine Weile, ehe er antwortete. Er war nicht im geringsten unterwürfig wie die meisten Deutschen, die ich bis dahin kannte und die immer sehr schnell ''jawohl Herr Major, sehr richtig Herr Major'' sagten."
Bei Major Chaloner bewarb sich Augstein um einen Job. In einem anderen Zimmer der britischen Militärverwaltung in der Georgstraße war der Deutsche zuvor vom Entnazifizierungshauptmann Cohn begutachtet und für annehmbar befunden worden. Nun prüfte Chaloner in seiner Funktion als Pressechef von Hannover, ob der Bewerber sich zum Redakteur beim Hannoverschen Nachrichtenblatt eigne. Das gaben die britischen Besatzungsbehörden heraus.
"Die Anstellungsprüfung bestand darin, daß ich eine eben zerschnittene Zeitung nach Art eines Puzzlespiels wieder zusammensetzen mußte", erinnert sich Augstein. Doch Chaloner sagt, er hätte sich einen regelrechten Eignungstest überlegt: Alle Bewerber mußten aus Texten und Bildern ein Layout zusammenbauen. Zusätzlich hatten sie am nächsten Tag zwei Aufsätze abzuliefern - zu einem innenpolitischen Thema den einen, den anderen zu einem außenpolitischen. "Der Völkerbund ist tot, es lebe die Uno", lautete es für Leo Brawand, den späteren Wirtschaftsredaktionschef, SPIEGEL-Chronisten und Augstein-Biographen.
Weil er nur über begrenzte Deutschkenntnisse verfügte, prüfte Chaloner die Aufsätze mit Hilfe zweisprachiger Mitarbeiter. Er war sehr streng. Der 22jährige hatte nach Kriegsende das ruhmreiche Panzerregiment der Westminster Dragoner verlassen und sich der Information Control Unit angeschlossen. Diese Einheit sollte in der britisch besetzten Zone ein neues Presse- und Rundfunkwesen aufbauen, dazu Kinos und Theater.
"Mit einer Schachtel Büroklammern, einem Jeep und zwei Sergeanten" machte sich Chaloner an die Arbeit. Der Sohn aus einer Verlegerfamilie, der damals mehr vom Kriegs- als vom Druckhandwerk gelernt hatte, gründete Zeitungen in Lüneburg, Osnabrück und Hannover.
Chaloner spürte in Speichern vergessene Papierrollen auf; er ließ Rotationsmaschinen wieder flottmachen, beschlagnahmte Fahrzeuge für den Vertrieb gerade gestarteter Notausgaben. Die meiste Mühe bereitete ihm, Menschen zu finden, die "durch den Fragebogen-Reif springen" konnten: Wer Mitglied von Hitlers NSDAP gewesen war, hatte in Tendenzbetrieben keine Chance.
"Da blieben nur die sehr Alten übrig", erinnert sich Chaloner, "sowie Überlebende aus Konzentrationslagern und die ganz Jungen, die direkt von der Schule in den Krieg ziehen mußten."
Zu dieser Generation gehörten Rudolf Augstein und die meisten jener Crew, die der Engländer im Sommer 1946 für
ein Projekt zusammentrommelte, das nur bedingt mit seinem Auftrag zu tun hatte. Es war "im Grunde eine Schnapsidee des sich nach Ende der Kampfhandlungen langweilenden Majors Chaloner, auf jeden Fall eine private Unternehmung" (Leo Brawand). Augstein hat Jahrzehnte später beschrieben, wie "drei britische Soldaten, ein Major und zwei Stabsfeldwebel, die besiegten Deutschen für die menschliche Kultur zurückgewinnen" wollten: "Das Instrument, das sie sich für diesen Zweck ausgedacht hatten, waren wir."
Natürlich hatte keiner der jungen Leute eine Ahnung, geschweige denn eine konkrete Vorstellung von der Kunst des Magazin-Machens. Die Vorgabe der britischen Uniformträger lautete "So etwa" und galt dem britischen Vorbild News Review. Die Nachrichten sollten eben nicht, wie es heute jeder Volontär einer Nachrichtenagentur lernt, sogleich die "fünf W-Fragen" beantworten - also: Wer? Was? Wo? Wann? Warum? -, sondern "in Handlung eingebettet, mit Ursache, Ablauf und Wirkung, unter besonderer Betonung des Persönlichen" präsentiert werden.
Es war die Zeit des Aufbruchs, und so zweifelte die junge Mannschaft nicht lange, sondern machte sich ans Werk. Das nahrhafte Essen ("pork and beans") wurde in der Kantine des nur leicht beschädigten Anzeiger-Hochhauses im zerbombten Zentrum von Hannover angeboten. Es gehörte zu den Attraktionen des neuen Unternehmens, das sich "Publications Production Unit" nannte und in einigen Zimmern des Klinkerbaus untergebracht war. Dort konnten die angeworbenen Deutschen besichtigen, was sie einmal herstellen sollten:
Das Probeexemplar eines Magazins mit dem Namen DIESE WOCHE zeigte auf dem Umschlag einen Politiker - den britischen Außenminister Ernest Bevin. Die Innenseiten des Heftes waren in drei Spalten umbrochen und nach Rubriken wie "Politik" und "Wirtschaft" unterteilt. Das Magazin sollte eine Reichsmark kosten. Es trug das Datum 29. März 1946 - an jenem Tag kostete ein Pfund Butter 420 Reichsmark, ein Pfund Zucker 400 Mark, ein Dreipfundbrot 120 Mark, eine britische Zigarette 8 Mark.
Chaloner hatte den Dummy im Frühjahr in Osnabrück entworfen. Die deutschen Sekretärinnen Hildegard Neef (sie beherrschte Englisch wie ihre Muttersprache) und ein "Fräulein Lampe" halfen dem Major. "Beide verdienen höchstes öffentliches Lob", sagt der ewige Charmeur Chaloner, "denn wenn der SPIEGEL so etwas wie Geburtshelfer gehabt hat, dann waren es diese beiden Mädchen."
In Hannover wollte Chaloner DIESE WOCHE herausbringen. Bei der Verwirklichung seiner Schnapsidee halfen ihm die beiden anderen Mitglieder seiner "Publications Production Unit", zwei Stabsfeldwebel der britischen Streitkräfte, die aus Mitteleuropa stammten: Henry Ormond, ein findiger Jurist und Betriebswirtschaftler aus der Rheinpfalz, und Harry Bohrer, ein Schöngeist aus Prag, der sich sein Organisationstalent vor dem Krieg als Manager einer Glasfabrik in Böhmen erworben hatte. Die beiden waren Juden und vor Hitlers Schergen nach England geflohen, später aber als Angehörige einer Aufklärungseinheit auf den Kontinent zurückgekehrt.
Bohrer schrieb 1948 über die Anfangszeit in Hannover:
"DIESE WOCHE war eine British Publication ohne britische Ansichten. Vielseitig wollten wir sein und keinen Götzendienst betreiben. Es gab vorgesetzte Dienststellen, die man davon überzeugen mußte, daß wir hier ein ausgezeichnetes Projekt hatten. Dienststellen, die Geld hergeben mußten, andere, die Papier, Nachrichtenmaterial, Möbel, Telefon, Fernschreiber, Schreibmaschinen beschaffen sollten. Und Menschen brauchten wir auch. Wir fingen an ohne den sprichwörtlichen ''Segen von oben''. Ich sprach mit ein paar Leuten. Mein Vortrag ging so: Wir wollen eine Zeitschrift aufmachen. Wollen Sie mitmachen? Ich weiß nicht, was wir zahlen können. Ich weiß nicht, wo wir drucken werden. Aber es wird Ihnen großen Spaß machen. Rudi Augstein war mein erstes Opfer."
Bohrers Vorgesetzter Chaloner schätzte Augstein "von Anfang an als den Besten" in seiner deutschen Mannschaft. Seine Charakterisierung "sehr zurückhaltend, er schmeichelt nicht,
und er hat keine Angst" ist Ausdruck unterkühlter englischer Hochachtung.
Augstein achtete den Briten gleichermaßen, bewunderte ihn wohl sogar ("Der Kerl sieht gut aus", zitiert der Zeitzeuge Bra-
wand Augstein in seiner Biographie). Doch Freundschaft entwickelt sich in jenen Tagen nur zwischen den Deutschen und den beiden Neu-Briten Ormond und Bohrer. Besonders Harry Bohrer wurde zu einer Art guter Geist der Redaktion.
Ihm oblag die Aufgabe, die Deutschen auf eine ihnen völlig fremde Art des Schreibens umzuschulen, die zehn Jahre später bei Hans Magnus Enzensberger auf beißende Kritik stieß (siehe Seite 142). "Ich hatte große Mühe", schrieb Bohrer, "diese eingeschworenen Leitartikler, Feuilletonisten und Glossenschreiber davon zu überzeugen, daß der munter berichtende Stil in einem News Magazine schwieriger ist als die Seriosität deutscher Leitartikel, Kommentare und Feuilletons."
Bohrer drillte die junge deutsche Mannschaft wie ein väterlicher Freund; er konnte das, weil er ihre Geschichte und Literatur besser kannte als sie selbst, weil ihre Sprache auch seine Sprache war; zudem aß und trank er auch mit den Redakteuren; unvergessen ist, daß er ihnen Fahrräder beschaffte. "Ich habe ihn nicht nur gemocht", sagt Augstein über Bohrer, "sondern beinahe geliebt."
Chaloner dagegen achtete auf Abstand. Verfolgten ihn Bilder aus dem KZ Bergen-Belsen, das er kurz nach der Befreiung gesehen hatte? Zweifelte er manchmal an der Möglichkeit, die Deutschen umzuerziehen?
In seinem später geschriebenen Roman "Occupational Hazard" läßt Chaloner den Helden Max über die Deutschen sinnieren: "Vielleicht wäre es besser, all jene, die selbständig denken und Führungsqualitäten zeigen, abzutransportieren und mit ihnen das zu tun, was die Russen im Wald von Katyn mit den Polen gemacht haben, von denen sie annahmen, daß sie ihnen gefährlich werden könnten?" Chaloner betont, daß er in dieser Passage nichts mit seinem Romanhelden Max gemein habe. "Ich war nie ein simpler Deutschenhasser. Meine Mutter hatte lange vor Hitler sechs Jahre in Hannover gelebt, eine meiner Tanten studierte in Dresden. In meiner Klasse waren Emigrantenkinder aus Berlin. Ich selbst lernte die deutsche Sprache; ich wußte immer, daß nicht alle Deutschen Nazis waren."
Seine jungen Mitarbeiter bei DIESE WOCHE waren als Pimpfe, Volkssturm-Kanonenfutter und Soldaten mißbraucht worden und fühlten nun als Antifaschisten. "Nazi-Verbrechen und Zusammenbruch hatten eine Einheitsfront gegen Krieg, Strammstehen und Ausbeuterkapitalismus geschmiedet", beschreibt Brawand die Stimmung im Team, "die Verbundenheit mit den Opfern des Nationalsozialismus war von Scham diktiert."
Solche Deutsche waren glücklich, wenn ihnen Männer wie Ormond und Bohrer - die Angehörige in Konzentrationslagern verloren hatten - die Hand reichten. Ihr politisches Bewußtsein war indes noch lange nicht genug geschärft, jeden neuen Kollegen auf seine Herkunft hin zu durchleuchten: Sie nahmen sie, wie sie kamen. "Bei der Auswahl von Informanten und Redakteuren dachten Augstein und Becker funktional", urteilt heute der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister: "Wer Insider-Kenntnisse loswerden wollte, wurde honoriert."
Die Informationen für zwei zeithistorische Serien lieferte beispielsweise der Kriminalist Bernd Wehner. Im Krieg hatte er als Kriminalrat im Rang eines SS-Hauptsturmführers (Hauptmann) im Reichssicherheitshauptamt das Attentat vom 20. Juli 1944 untersucht, aber auch SS-Morde im KZ Buchenwald. 1954 übernahm er die Düsseldorfer Kripo.
In neugewonnener, ungeübter Liberalität kam in die Redaktion ein Alt-Parteigenosse der NSDAP als Berlin-Korrespondent, ein Waffen-SSler als Fotograf, ein Stenograf aus Hitlers Hauptquartier in seinem Beruf - und ebenso das KPD-Mitglied Ralph Giordano (siehe Kasten Seite 16) oder Kurt Blauhorn, gleichzeitig Mitarbeiter des SED-Parteiorgans Neues Deutschland und hernach Inlandschef des SPIEGEL.
Am Tag seiner Entnazifizierung erschien 1950 Wilfred von Oven - 1932 aus der NSDAP ausgetreten - beim SPIEGEL, erzählte eine Nacht lang Interna aus seiner Zeit als Goebbels'' Pressereferent und wurde kurzzeitig Korrespondent für Südamerika. Zwei Insider lieferten die Informationen für eine Enthüllungsserie über den Kaffeeschwarzhandel, den Text schrieb Fritz Köhler, vormals Chefreporter des Neuen Deutschland.
Einer der beiden Informanten war Horst Mahnke, der im Krieg - er schwor: im Troß, als eine Art Küchenbulle - dem "Vorkommando Moskau" angehörte, das am Judenmord in Smolensk teilgenommen hatte, wie sich später herausstellte. Er wurde Ressortchef, sein Stellvertreter der Zeithistoriker Heinz Höhne ("Der Orden unter dem Totenkopf"). Mahnke schied aus dem SPIEGEL aus, Axel Springer berief ihn zum Chefredakteur von Kristall; danach wurde er Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger.
Der andere Kenner des Kaffeehandels war Georg Wolff, ehemals Hauptsturmführer beim SS-Auslandsnachrichtendienst in Norwegen, auch er an Verbrechen nicht beteiligt. Der routinierte Schreiber bekam das noch kleine Auslandsressort. Wolff wurde 1959 stellvertretender Chefredakteur. Vor einem SPIEGEL-Gespräch mit dem Philosophen Max Horkheimer legte er diesem seine Vergangenheit dar. Horkheimer schloß mit Wolff Freundschaft.
Der SPIEGEL war immerdar ein antifaschistisches Geschütz, von Anbeginn: Für sein Projekt DIESE WOCHE hatte Major Chaloner bei den Militärbehörden in Deutschland und bei einem Besuch in London geworben. Stabsfeldwebel Ormond suchte Papier, Druckerschwärze und Transportmittel für den Vertrieb aufzutreiben. Stabsfeldwebel Bohrer büffelte mit dem "Kindergarten" - so nannten viele im Hochhaus an der Goseriede die Macher dieses Magazins.
Am 25. Oktober druckten sie ihre erste Probenummer. Auf dem Titel war das Luxusschiff "Queen Elizabeth" zu sehen, das gerade auf Jungfernfahrt gegangen war. Acht Tage später lag das zweite Übungsexemplar vor mit einem Titelthema aus der deutschen Wirklichkeit - schwarzer Markt.
Die Probenummern, so Augstein, "ähnelten jenen anatomischen Lehrbildern der Veterinärmedizin, wo unglückselige Pferde mit allen Fehlern ausgestattet sind, die ein Pferd nur haben kann. Dann wurde es ernst. Die deutsche Redaktion schrieb das Blatt, die Briten schirmten es ab. Der Bastard war nämlich zu allem Überfluß illegal, das heißt ohne Lizenz erschienen".
Passiert ist das so: John Chaloner hatte zum 16. November 1946 fest mit dem endgültigen Okay der britischen Dienststellen zum Druckbeginn des neuen Magazins gerechnet. Als statt dessen ein hinhaltendes Telex eintraf, ignorierte er es einfach. Chaloner ließ die Maschinen starten. "Sorry, Druck läuft schon", meldete der Major seinen Oberen und argumentierte, daß die Engländer nun ihr Gesicht verlieren würden, falls das Erscheinen des Blattes gestoppt werde.
Die Militäradministration ließ die Maschinen laufen, hatte aber DIESE WOCHE fortan im Visier - zumal sich das Blatt aufführte wie keine andere Publikation im besiegten Deutschland.
So meldete DIESE WOCHE in ihrer ersten Ausgabe "Die Regierung in London wird immer unverschämter". Das war ein Zitat des jüdisch-britischen Verlegers Victor Gollancz. Der Unterhausabgeordnete hatte bei einem Besuch im Ruhrgebiet erlebt, wie die Menschen hungerten, und war empört darüber, daß zur gleichen Zeit in England Sonderrationen von Fleisch und Süßigkeiten angekündigt wurden.
Die darbenden Deutschen stürzten sich auf die Neuerscheinung, die solche Kritik an einem Siegerstaat wagte; 15 000 Exemplare von DIESE WOCHE vom 16. November gingen schnell weg. Auf der anderen Seite verlangten die britischen Militärbehörden umgehend Vorzensur. Die englisch-deutsche Mannschaft mußte fortan sämtliche Artikel zur Genehmigung von Hannover nach Berlin telexen.
Die Zensoren verzögerten die Auslieferung von Ausgaben, den neuen Geist der Aufsässigkeit konnten sie nicht brechen. Und während DIESE WOCHE alle Nazi-Ideen verdammte, kultivierte sie gegenüber den neuen Autoritäten - ganz undeutsch - die "Pose des Ungehorsams" (so Erich Kuby).
In den folgenden Wochen protestierte Paris gegen eine Enthüllungsgeschichte über deutsche Kriegsgefangene in französischen Bergwerken; Moskau empörte sich, weil DIESE WOCHE über die Zwangsverschickung von deutschen Fachkräften in die UdSSR berichtete. London sah sich durch einen Bericht über den Diebstahl deutscher Patente durch britische Firmen herausgefordert.
"Fünf Ausgaben waren erschienen", erinnert sich Augstein, "dann hatten sich die britischen Väter derart mit dem Projekt verbrannt, daß sie das Kind mit der deutschen Redaktion allein lassen mußten. Die britische Krone sollte von der Verantwortung für das Schandblatt entlastet werden." Die beteiligten Engländer hatten ihre Mitarbeit einzustellen. Innerhalb von Stunden mußte ein neuer Name her. Augstein erfand den SPIEGEL.
Als führender Deutscher aus dem DIESE WOCHE-Team erhielt er (zusammen mit Roman Stempka und Gerhard R. Barsch) zum 1. Januar 1947 eine vorläufige Lizenz. "Harry Bohrer begleitete mich zu dem zuständigen Oberst, einem Tropenoberst mit dem schönsten Pferdegesicht der britischen Armee", erinnert sich Augstein. "Harry mußte draußen warten, während ich die Urkunde entgegennahm. Als ich aus dem Zimmer kam, las er sie durch und sagte: "Hier steht, daß die euch weiter zensieren dürfen. Geh rein und ändere das." Ich sagte: "Ich kann kein Englisch." Darauf Harry: "Dann sage es ihm mit Händen und Füßen." Ich ging zu dem Oberst zurück, drückte ihm den Federhalter in die Hand und führte die Hand, die den Zensurpassus durchstrich. So entstand der SPIEGEL."
In der ersten Nummer des neuen Magazins (Erscheinungstag: 4. Januar 1947, Preis: 1 Reichsmark) verabschiedeten sich die englischen Verlags- und Redaktionsleiter: "Die für die Herausgabe zuständigen britischen Behörden haben entschieden, daß die Zeitschrift nun unter unabhängiger deutscher Leitung herauskommen kann. DIESE WOCHE stellt daher ihr Erscheinen ein, und statt ihrer stellt sich heute DER SPIEGEL vor."
Hans Hielscher
* Auf den Titeln: Uno-Chefdolmetscher André Kaminker, Theatermann Axel von Ambesser, Frauen von Kriegsgefangenen, Berlins OB Arthur Werner, Papst Pius XII., Österreichs US-Gesandter Ludwig Kleinwächter. * Heft 51-52/1947, über den Kölner Dom. * Hans Detlev Becker (Deutschland-Redakteur), Karlwerner Gies (Auslandsredakteur), Dr. Werner Hühne (Chef vom Dienst), Hans J. Toll (Kulurredakteur, stehend), Rudolf Augstein, (Chefredakteur), Roman Stempka (Bildredakteur).

DER SPIEGEL 0/1997
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