15.01.1997

DIE SPIEGEL-AFFÄRE

Ein Abgrund von Landesverrat

Die SPIEGEL-Affäre und ihre Folgen für die Bundesrepublik

Von Schöps, Hans Joachim

Zügig und wortlos marschierten die Männer ins Hamburger Pressehaus, vorbei am Empfang, und strebten dem Fahrstuhl zu. Pförtner Wilhelm Mügge, der solche Auftritte nicht gewohnt war und sich gleich etwas Böses dabei dachte, lief hinterher. Ob die Herren vielleicht von St. Pauli kämen, wollte er wissen. Aber da schloß sich auch schon die Aufzugtür, und Mügge bekam noch zu hören: "Das geht Sie gar nichts an."

So schneidig ging es dann weiter. Im sechsten Stock, hinter der Glastür zum Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL, kam der Mann am Empfang auch nicht mehr groß zu Wort. Zwei der acht Herren, offenbar die Anführer, warteten eine Anmeldung beim Chefredakteur Claus Jacobi erst gar nicht ab, sondern gingen gleich mit ins Zimmer.

Und dann stellten sie sich auch vor: Oberkommissar Karl Schütz und Gerhard Boeden, ein Kriminalobermeister, beide vom Bundeskriminalamt, Sicherungsgruppe Bonn.

Es gehe um Landesverrat, erfuhr der Chefredakteur und überflog einen Durchsuchungsbefehl. Der SPIEGEL sei zu räumen, komplett, und zwar sofort.

Es war die Nacht zum 26. Oktober 1962, ein Freitag, kurz nach 21 Uhr. Noch rund zwei Dutzend SPIEGEL-Redakteure, überwiegend Mitarbeiter der Schlußredaktion, waren damit beschäftigt, die Nummer 44 des Magazins druckfertig zu machen. Jacobi hatte richtig gehört: Jawoll, bestätigten ihm die Herren, alle Leute müßten raus, alle Zimmer von Amts wegen verschlossen werden.

Was einem dann so einfällt: Er sei ja überhaupt nicht autorisiert, sagte Jacobi, das Personal einfach wegzuschicken, er sei schließlich nur Chefredakteur. Rudolf Augstein, der Herausgeber des Blattes, hatte in der Tat das Haus schon verlassen, aber das war für die Besucher aus Bonn nun wirklich kein Einwand.

Ein paar Minuten später stoppten Mannschaftswagen der Hamburger Schutzpolizei vor dem Pressehaus am Speersort. An die drei Dutzend Schupos stürmten den SPIEGEL, und bald danach rückten auch Kriminalpolizisten in die Redaktionsflure ein. Der SPIEGEL war besetzt.

Polizei durchkämmte die Verlagsräume und pappte Amtssiegel auf die Türritzen. Auch Orte, die auf den ersten Blick für den Landesverrat nicht geeignet sind, wurden geschlossen. Die Beamten versperrten die Besenkammern der Putzfrauen und die Klosetts. Besetzt wurden die Kulturredaktion und die Buchhaltung, die Werbeabteilung wie die Bibliothek. Binnen kurzem waren die 2933,8 Quadratmeter des SPIEGEL unter polizeilicher Kontrolle. Nach draußen gab es keine Verbindung mehr, im Fernschreibraum und in der Telefonzentrale saßen Kriminalbeamte.

Die Nacht, die dann kam, war nicht nur für die Leute vom SPIEGEL, sondern auch für die Schütz-Truppe eine schwere Zeit. Die Spitzenkriminalisten leisteten sich bei der Suche nach dem Verrat und den Verrätern eine Panne nach der anderen. Es gelang schließlich, die beiden Chefredakteure Johannes K. Engel und Claus Jacobi festzunehmen. Aber das war auch kein Kunststück, denn keiner von denen dachte an Flucht oder Widerstand.

Der Redakteur Conrad Ahlers, gegen den ein Haftbefehl vorlag, war vorerst nicht aufzutreiben; höhere Mächte in der Gestalt eines Bonner Ministers sorgten jedoch dafür, daß er in Spanien rechtswidrig festgesetzt wurde. Herausgeber Rudolf Augstein, der ebenfalls mit Haftbefehl gesucht wurde und die Nacht in seiner Wohnung am Hamburger Leinpfad verbrachte, stellte sich anderntags im Polizeipräsidium dem Ersten Staatsanwalt Siegfried Buback von der Bundesanwaltschaft.

Am gleichen Tag verkündeten die Bundesanwälte, was sie zu ihrem Sturmangriff auf das Hamburger Nachrichten-Magazin bewogen hatte: "Veröffentlichungen, die sich mit wichtigen Fragen der Landesverteidigung in einer Art und Weise befaßten, die den Bestand der Bundesrepublik sowie die Sicherheit und Freiheit des deutschen Volkes gefährdeten". Genauer gesagt: eine Titelgeschichte, die sich mit der Militärpolitik des Bonner Verteidigungsministers Franz Josef Strauß beschäftigte. "Mehrere Mitarbeiter des SPIEGEL", so hieß es weiter, "sind wegen des Verdachts des Landesverrats, der landesverräterischen Fälschung und der aktiven Bestechung vorläufig festgenommen worden."

Polizei im Sturmschritt, dubiose Verhaftungen - das wähnten die Deutschen gerade erst überwunden. Als die letzten Verlagshäuser des Vaterlands besetzt und geschlossen worden waren, hatten draußen die braunen Bataillone gedröhnt. "Es ist eindrucksvoll", schrieb Nikolaus Benckiser in der Frankfurter Allgemeinen, "wenn man in einer Freitag nacht um ein Uhr von einem Unbekannten angerufen wird, der in abgerissenen Sätzen in höchster Erregung von der großen Polizeiaktion gegen das Nachrichten-Magazin berichtet, um den Journalisten mit der Frage zu bestürmen, ob es nun an der Zeit sei auszuwandern, wie es 1933 Zeit gewesen sei."

Die Fragen nahmen kein Ende nach dieser Nacht. War wirklich das Wohl des Landes in Gefahr, war dieser Angriff der Staatsmacht die Ultima ratio in einem Fall von Landesverrat, der jede Vorstellung übertraf? Oder ging es nicht vielmehr darum, eine Zeitung abzuräumen, die der Staatsmacht im Wege war?

Über die Antworten darauf stürzte die Bonner Regierung des Christdemokraten Konrad Adenauer, mußte der stärkste Mann dieses Kabinetts seinen Abschied nehmen - Franz Josef Strauß. Die SPIEGEL-Affäre, die aus der Nacht-und-Nebel-Aktion binnen Tagen zum Vorschein kam, rüttelte die Republik wie kein anderes Ereignis zuvor, und ins Wanken gerieten dabei ein paar tragende Teile ihrer Verfassung. Es hatte begonnen mit einer Justizattacke, die im Nachkriegsdeutschland nicht ihresgleichen fand, und es endete mit dem politischen Fiasko derjenigen, die dahintersteckten.

Über das Land fegte ein Protest, mit dem niemand hatte rechnen können, und am wenigsten die Leute vom SPIEGEL. Die Affäre - sie war auch das öffentliche Echo, das von ihr zurückgeworfen wurde und dann ihren Machern um die Ohren toste. Es waren neue, schrille Töne in einer recht braven Nachkriegsgesellschaft, die froh war, aus dem Gröbsten heraus zu sein. Und im Gleichklang befanden sich Bürger, die sonst nichts miteinander im Sinn hatten. Linke und Liberale, aber auch Konservative, und die hielten sich nicht mal besonders zurück.

Ohne Abrede bildete sich eine Bürgerkoalition, die an jeder Ecke zu Wort kam. Als in Düsseldorf auf der Kö ein Mann festgenommen werden sollte, der ein Plakat mit einem Strauß-Porträt samt Schlachteraxt vor sich hergetragen hatte, beschimpften Passanten die Polizei, und andere ließen die Luft aus den Reifen der Streifenwagen - heutzutage nichts Seltenes, damals ein unerhörter Vorgang. Und als bei einer Rossini-Aufführung in der Hamburger Staatsoper ein Darsteller auf der Bühne sagte: "Es ging um die Pressefreiheit", da erhoben sich die Herrschaften im Parkett und klatschten donnernd Beifall. Die Vorstellung wurde unterbrochen.

Deutsche Professoren traten zu Hunderten aus ihrem Elfenbeinturm hervor, in dem man sie sicher gewähnt hatte, und hielten den Bonner Machthabern strenge Vorlesungen in Staatsbürgerkunde. Junge Leute, Studenten vor allem, gingen zu Abertausenden auf die Straße, was damals noch keineswegs üblich war.

Im In- und Ausland widmeten die Blätter dem Geschehen in Hamburg und dem daraus sprießenden Drama in Bonn mehr Raum als der Kuba-Krise, die gerade dem Höhepunkt zutrieb und schon dramatisch genug war. "Die Art des Vorgehens gegen den SPIEGEL", schrieb die Süddeutsche Zeitung, "ist ein für sämtliche Rechtsstaaten des 20. Jahrhunderts beispielloser Vorgang", darauf ausgerichtet, "unter dem Mantel des Rechts eine periodische Druckschrift und ihre maßgeblichen Leute zur Strecke zu bringen". Was "da stinkt", so erweiterte die Frankfurter Allgemeine diese Einschätzung, "geniert nicht nur den SPIEGEL, nicht nur die Presse, es geniert die Demokratie in unserem Land".

Daß diese Affäre überhaupt passieren konnte, hatte allerdings viel zu tun mit dem Bild von Rechtsstaat und Demokratie, das damals noch in den Köpfen steckte. Tendenzen "zu einem Obrigkeitsstaat" nahm in diesen Jahren der Philosoph Karl Jaspers wahr, Autorität und Machtentfaltung waren weithin geachtete Tugenden bei den Deutschen. Das politische Geschehen wurde von den Medien oft so gleichmütig notiert wie beim Großteil der Bürger, und für die politischen Führungskräfte hätten es glückliche Tage sein können - wären da nicht ein paar Ausnahmen gewesen.

Dem "in Hamburg erscheinenden Nachrichten-Magazin", wie es von Zeit zu Zeit, gleichsam mit niedergeschlagenen Augen, in den Blättern oder im Funk genannt wurde, wuchs in dieser restaurativ gestimmten Politkultur eine Rolle zu, die im Selbstverständnis seiner Redaktion gar nicht vorgesehen war. "Parlamentarische Opposition wird immer mehr zur inhaltslosen Zeremonie", umriß der Politologie-Professor Otto Kirchheimer den Zustand, und "als echte Opposition alten, nicht klassenmäßig gebundenen und damit schon wieder ganz modernen Stils hält der SPIEGEL die Regierung in Atem und in gewissem Sinn in Schach".

Mit besonderer Aufmerksamkeit beobachtete das Blatt die Züge eines Bonner Ministers, über den der Staatsrechtler Theodor Eschenburg schon zu jener Zeit sagte: "Man traut ihm alles zu, dem hochintelligenten, sehr gebildeten, willensstarken Mann. Aber das eine erwartet man nicht von ihm: den Respekt vor den rechtsstaatlichen Schranken." Franz Josef Strauß war Verteidigungsminister unter Konrad Adenauer, und er war auf dem Wege, den greisen Kanzler abzulösen.

Dem SPIEGEL war es nicht schwergefallen, die Schrankenlosigkeit dieses aufstrebenden Politikers mit immer neuen Beispielen zu beschreiben. Auf zwei Stellen zielte das Magazin und verschoß manchmal grobes Kaliber: die Militärpolitik des Ministers und seine Affären.

Strauß fing klein an. Der erste, mit dem er ins Gerede kam, war ein Schutzmann. Hauptwachtmeister Siegfried Hahlbohm regelte im April 1958 den Verkehr auf einer Bonner Kreuzung, und so, wie er da nun stand, hätte das Auto des Verteidigungsministers anhalten müssen. Doch Strauß befahl seinem Chauffeur, durchzufahren. Der parierte, und um ein Haar hätte es gekracht.

Der Hauptwachtmeister erstattete pflichtgemäß Anzeige, und dann lernte er Strauß kennen. Bei Fürstens hätte es nicht schöner kommen können: Zunächst forderte der Befehlshaber vom Bonner Polizeipräsidenten, Hahlbohm solle versetzt werden. Und als das nichts wurde, schickte Strauß eine Dienstaufsichtsbeschwerde an den nordrhein-westfälischen Innenminister: "Ich muß verlangen, daß der Beamte nicht nur gemaßregelt, sondern in Zukunft auch nicht mehr als Verkehrspolizist in Bonn verwendet wird. Ich bitte um eine scharfe Untersuchung und um ein strenges Eingreifen."

Monatelang führte der Minister, der seinerseits hätte scharf untersucht werden sollen, einen läppischen Kleinkrieg, um Schupo Hahlbohm aus dem Verkehr zu ziehen - allerdings ohne Erfolg.

Den nächsten Nahkampf, bei dem der SPIEGEL die Berichterstattung übernahm, löste Strauß im Herbst 1961 aus.

Zwei Jagdbomber der Bundesluftwaffe waren im Zuge eines Nato-Manövers über die DDR-Grenze geraten und auf dem Flughafen Tegel im französischen Sektor Berlins gelandet. Es handelte sich offensichtlich um einen Lapsus der Piloten, doch der Verteidigungsminister erließ bei einem Bierchen mit dem Inspekteur der Luftwaffe, Josef Kammhuber, was dann als "Bier-Order 61" in den Sprachschatz der Truppe einging: sofortige Ablösung des Geschwaderkommodores der beiden Irrflieger, Oberstleutnant Barth - eines gestandenen Soldaten, 465 Feindflüge im Zweiten Weltkrieg und am Kriegsende Kommodore des ersten deutschen Düsen-Jagdgeschwaders.

Strauß setzte wiederum zu einem umfassenden Feldzug an. Barths General Martin Harlinghausen, der gegen die aberwitzige Haftbarmachung seines Untergebenen protestiert hatte, wurde in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Der Minister verbot eine Abschiedsfeier des Geschwaders für den abgeschossenen Kommodore und verhinderte dann durch einen Verwaltungstrick dessen planmäßige Beförderung auf der neuen Stelle.

Als Barth sein Recht beim Bundesdisziplinarhof suchte, rückte Straußens Staatssekretär Volkmar Hopf an und erklärte den erstaunten Richtern, sein Minister gewähre den von Barth aufgebotenen Zeugen keine Aussagegenehmigung. Und als der Wehrdienstsenat darauf unbeeindruckt verkündete, in diesem Falle bedürfe es gar keiner Genehmigung, ließ Volkmar Hopf erkennen, was er im Ernstfall für seinen Minister zu tun bereit war. "Dann", sagte der Staatssekretär, "werde ich den Zeugen befehlen, nichts zu sagen."

Der Senat mußte auf die Vernehmung verzichten - mit Rücksicht auf die Zeugen, die nun in einen Konflikt getrieben waren zwischen der staatsbürgerlichen Pflicht, auszusagen, und dem dienstlichen Befehl, den Mund zu halten.

So konnte, wer dem Dienstherrn Strauß an der falschen Stelle über den Weg lief, unverschuldet in Not geraten. Angenehm wiederum entwickelten sich mitunter die privaten Beziehungen zu dem Minister.

Da gab es zum Beispiel den "Onkel Aloys", Dr. Aloys Brandenstein, einen alten Bekannten der Zwicknagls, der Familie von Frau Marianne Strauß. Er tauchte 1958 auf, ziemlich abgerissen, und als er das erstemal im Bonner Verteidigungsministerium erschien, hielt ihn dort der Korruptionsreferent Schnell noch für einen "schrägen Fürsten".

Doch der Onkel machte sich dann. Er wurde hochdotierter Berater eines Remscheider Panzerkettenherstellers, der überhaupt nicht beraten werden wollte, aber in der Bundeswehr seinen einzigen und damit besten Kunden hatte. Und die Portugiesen ernannten ihn zum Generalbevollmächtigten ihrer staatlichen Waffenfabriken, die gerade mit der Bundeswehr einen lukrativen Munitionsauftrag abzuwickeln hatten.

Unter den besonderen Segen von Strauß kam 1960 auch der in München lebende Kaufmann Lothar Schloß. Der hatte ebenfalls kein Geld, verband sich aber mit dem Passauer Zeitungsverleger und Strauß-Duzfreund Hans Kapfinger und erfand dann die Baufirma Fibag. Zu den tollkühnen Plänen dieses Unternehmens, dessen Substanz bei Null war, zählte der Bau von 5000 Wohnungen für die amerikanische Besatzungsmacht - mit freundlicher Unterstützung des Bonner Verteidigungsministers. Strauß signierte ein Empfehlungsschreiben für Schloß und bat in einem Brief mit dubiosen Angaben den amerikanischen Verteidigungsminister um Wohlwollen für die Fibag.

Die Sache wurde öffentlich, und der SPIEGEL hatte daran beträchtlichen Anteil. Es etablierte sich ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß, der unter anderem aufklären sollte, ob für Strauß aus dem Fibag-Geschäft ein ordentliches Bakschisch vorgesehen war. Und die Frankfurter Allgemeine schrieb: "Ein Minister, der einen solchen Brief aus seinem Hause hinausgehen läßt, scheint den wesentlichen Unterschied zwischen Deutschland und dem Balkan aus dem Auge verloren zu haben."

Angriffsflächen bot der Verteidigungsminister auch auf dem Felde der Politik. Schon seine Wortwahl war zum Bangemachen: Von "totaler Vernichtung" oder "dynamischer Abschreckung" war da die Rede, und am besten geeignet erschien Strauß in diesem Zusammenhang eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr.

Am Einspruch des Bonner Regierungschefs wären solche Pläne wohl nicht gescheitert, obschon dem das ganze Thema nicht lag. Konrad Adenauer, der sehr alte und gänzlich unmilitärische Kanzler vom Rhein, erzählte hin und wieder die aufregende Geschichte, wie er im Krieg mal einer Granate, die doch direkt auf ihn zuflog, mit einem blitzschnellen Sprung ausgewichen sei. Taktische Atomwaffen hielt er für "weiterentwickelte Artillerie", und daß Strauß sich nicht mit den Abschußrampen zufriedengeben wollte, leuchtete ihm ein: "Watt nützen mir die Trägerwaffen ohne die Köppe."

In Bonn war niemand zu sehen, der den Atompolitiker Strauß hätte aufhalten können. Einen schweren Rückschlag erlitten die Rüstungspläne des Ministers dann erst nach der Präsidentenwahl in den USA. John F. Kennedy und dessen Verteidigungsminister McNamara hielten gar nichts von Kernwaffen für den deutschen Nato-Partner.

Zu den Gegnern der weiterentwickelten Artillerie hatte von Anfang an auch der SPIEGEL gezählt, der dem Thema kritische Artikel und Titelgeschichten widmete. Und Widerstand war auch unter hohen Offizieren der Bundeswehr aufgekommen. Einer von ihnen, der Oberst im Generalstab Alfred Martin, fand den Weg zu SPIEGEL-Redakteur Conrad Ahlers.

Rund ein dutzendmal trafen sich die beiden zu Gesprächen, die schließlich einflossen in eine Titelgeschichte. Anlaß für diesen Beitrag hatte die Nato-Übung "Fallex 62" gegeben - die das militärische Konzept Bonns desavouierte und im übrigen aufzeigte, daß Straußens Streitmacht nur "bedingt abwehrbereit" war.

Ahlers, der das Titelstück zusammen mit Hans Schmelz aus dem Bonner SPIEGEL-Büro verfaßt hatte, sicherte das Werk gründlich ab. Einen ersten Entwurf legte er dem sozialdemokratischen Wehrexperten Helmut Schmidt vor, damals Innensenator in Hamburg. Schmidt kreuzte ein paar Stellen an, bei denen er nicht ausschließen mochte, daß sie geheimhaltungsbedürftig waren, und riet, den Artikel unter diesem Gesichtspunkt noch einmal zu prüfen.

Ahlers tat mehr. Er ließ den Bundesnachrichtendienst gegenlesen, und die Geheimdienstler sahen die Geheimhaltung nur an einer Stelle verletzt, die der Redakteur dann herausnahm.Dem kundigen Leser brachte der "Fallex"-Titel, der am 8. Oktober 1962 erschien, nichts Neues, es war so etwas wie eine Pflichtübung. Bei den Hamburger Redakteuren, von Haus aus mit einem Gespür für die außergewöhnlichen Dinge, hatte der Text keinerlei Spannung aufgebaut. Und weder im Bonner Verteidigungsministerium noch bei der Bundeswehr rührte sich irgendwas, als der Titel 41 erschien. Der Landesverrat, der demnächst darin entdeckt wurde, mußte gut verborgen gewesen sein.

"Seltsam genug", schrieb später die New York Times, "daß sich niemand angesichts des SPIEGEL-Berichts zu sorgen schien, obwohl dort erklärt worden war, daß die Bundeswehr in schlechtem Zustand sei", die "offiziellen Stellen machten sich nicht einmal die Mühe, dies alles zu dementieren". Für den SPIEGEL war das kein angenehmes Ergebnis, er war Zuwendung gewohnt.

Aber einen gab es dann doch, den die Strauß-Schelte in Wallung brachte. Friedrich August von der Heydte war Oberst der Reserve und Professor in Würzburg. Vor allem aber verteidigte er in Gruppierungen wie dem katholischen Ritterorden vom Heiligen Grab oder der obskuren Abendländischen Akademie die ganz alten Werte. Auf dem Gebiet des Wehrwesens hatte er vorgeschlagen, die Bundeswehr in evangelische und katholische Divisionen einzuteilen. Mit wem Gott dann gegebenenfalls sein sollte, wurde aber nicht ernsthaft erörtert.

Friedrich August von der Heydte kämpfte mit den Zeiten und insbesondere mit einer Zeiterscheinung, dem SPIEGEL. Er schrieb ein Pamphlet gegen die "gesinnungslosen Publizisten", und das Blatt sah sich genötigt, ihm die Verbreitung gerichtlich untersagen zu lassen. So schnell aber sollte das Abendland nicht untergehen, der Oberst schlug zurück und zeigte den SPIEGEL bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe wegen Landesverrats und landesverräterischer Fälschung an - unter anderem wegen des "Fallex"-Titels.

Die Landesverratsparagraphen des deutschen Strafgesetzbuches waren damals noch etwa so dehnbar wie der allzeit umstrittene Gummiparagraph 1 der Straßenverkehrsordnung. Was "als Staatsgeheimnis zu gelten hat", schrieb dazu der liberale hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, "steht nicht fest, sondern wird von Fall zu Fall durch den Staat, der sich geschädigt fühlt, dekretiert".

Zu den wundersamen Rechtsfiguren des Landesverrats gehörte zum Beispiel die Mosaiktheorie. Nach der war es strafbar, Tatsachen zusammenzufügen, die zwar für sich alle bekannt waren, aber in der Gesamtschau dann dem Feind den großen Überblick verschafften - als wenn nicht eben das die Aufgabe eines jeden Nachrichtendienstes wäre.

Von der Heydtes Anzeige nahm zunächst ihren Dienstweg, auf dem es auch in den frühen Sechzigern recht gemächlich zuging. Um herauszufinden, ob im Fall "Fallex" der Staat geschädigt worden war, erbat die Bundesanwaltschaft ein Gutachten vom Bonner Verteidigungsministerium - nicht etwa von einer neutralen Instanz. Damit beauftragt wurde der Oberregierungsrat Heinrich Wunder, Mitarbeiter im Strafrechtsreferat des Ministeriums. Wunder wiederum, in Militärfragen wenig bewandert, bat den Oberst Hans Joachim von Hopfgarten um Beistand, der ein großer Verehrer seines Ministers war.

Die Bundesanwälte waren darauf eingerichtet, auf Wunders Papier ein paar Monate warten zu müssen. Es sollte, so hatten sie dem Gutachter mit auf den Weg gegeben, "möglichst erschöpfend" sein, und so etwas dauert ja. Doch dann kam plötzlich Leben in die Sache. Am 19. Oktober, gerade mal zehn Tage nach Auftragsvergabe, war das Gutachten in Karlsruhe.

Vier Tage vorher war Franz Josef Strauß aus dem Urlaub zurückgekehrt. Und schon einen Tag später fand die erste Lagebesprechung im Zimmer des Ministers statt. Der Staatssekretär Volkmar Hopf war dabei, Wunder natürlich und etliche Offiziere. Strauß hatte offenkundig erkannt, was sich mit diesem Gutachten so alles machen ließ. Am 18. Oktober erzählte er Konrad Adenauer die SPIEGEL-Geschichte: 41 "zum Teil äußerst wichtige" militärische Geheimnisse hatten seine Leute in der Titelstory entdeckt.

Für die Bundesanwälte begannen nun unruhige Tage. Bis zum 19. Oktober hatte es nicht einmal ein offizielles Ermittlungsverfahren gegeben. Nun kam nicht nur das Gutachten, es kam auch der Staatssekretär Hopf. Jetzt erst, im Gespräch mit dem obersten Mitarbeiter des Verteidigungsministers, wurden die Karlsruher gewahr, was für einen Verrat sie da im Hause hatten.

"Eine furchtbare Geschichte" sei das, so erinnerte sich später einer der Bundesanwälte an die großen Worte, "die Bundesregierung sei durch die Veröffentlichung im SPIEGEL in eine äußerst schwierige Lage gekommen". Auch das noch: "Amerikanische Dienststellen" hätten sich "aufs äußerste bestürzt gezeigt über das Erscheinen dieses Artikels und hätten sich beschwerdeführend an die Bundesregierung gewandt". Daher gehe es "hier nicht nur um die Staatssicherheit, sondern auch um die Vertrauenswürdigkeit, die Bündnisfähigkeit" der Bonner Regierung.

Um mehr konnte es nicht mehr gehen. Zwar stimmte kein Wort davon, doch den Bundesanwälten muß das so vorgekommen sein, als liege das Schicksal der Republik nun in ihrer Hand.

Beiläufig brachte Hopf das Gespräch auf den SPIEGEL-Herausgeber - der ja, wie man wisse, keinen Artikel durchgehen lasse, den er nicht billige. Und dieser Dreh zu Augstein führte in unverhoffte Bereiche der Strafverfolgung.

Eine simple Festnahme der Journalisten Ahlers und Schmelz, die sich zudem bei den Vernehmungen auf das Recht der Aussageverweigerung hätten berufen können, versprach wenig. Die Ausdehnung des Verfahrens auf den Herausgeber jedoch bot weitaus größere Möglichkeiten, zumal in weiteren Gesprächen zwischen der Bundesanwaltschaft und Straußens Mitarbeitern noch ein ganz anderer Tatbestand erdacht wurde: Gegen Augstein sei auch wegen Bestechung zu ermitteln.

Zwar gehört, juristisch gesagt, das Bestechungsdelikt zur Person, und ein Bestochener war nicht zu sehen. Aber daran hatten die hochgestellten Ankläger wohl gerade nicht gedacht. Mit dem Bestechungsdelikt war überdies das Redaktionsgeheimnis zu umgehen, das in der Strafprozeßordnung verbürgt ist. Denn das Zeugnisverweigerungsrecht und Schutz vor Beschlagnahme konnten Journalisten nur in Anspruch nehmen, um Informanten zu schützen, nicht aber Bestochene.

Unter Hochdruck und unter der lebhaften Beteiligung der juristisch gänzlich unzuständigen Helfer aus dem Hause Strauß wurde die Aktion gegen den SPIEGEL nun vorbereitet. Der Durchsuchungsbeschluß gegen Augstein ließ nichts mehr aus: "die Durchsuchung der Person, der Wohnung und der sonstigen Räume des Beschuldigten sowie seiner sämtlichen Geschäftsräume in Hamburg und Bonn und seines Archivs und die Beschlagnahme der bei dieser Durchsuchung vorgefundenen Beweismittel und Gegenstände, die der Einziehung unterliegen".

Dem Richter Wolfgang Buddenberg, Mitarbeiter beim Bundesgerichtshof, der den Bundesanwälten für solche Fälle zugeteilt war, kam kein schlimmer Verdacht. Daß der Durchsuchungsbeschluß so weit und so vage gefaßt war, daß Rudolf Augstein, der Verleger, in Haft genommen werden sollte, daß alles zur Nachtzeit geschehen konnte, obwohl die Gefahr im Verzuge, die rechtlich dazugehört, nicht zu sehen war: Er unterschrieb alles. Buddenbergs Willfährigkeit und der blinde Eifer der Bundesanwälte sind heute nur zu erklären aus den moralischen Mustern, die damals noch das Bewußtsein vieler Juristen besetzten und die zu einem beträchtlichen Teil von der gerade versunkenen Diktatur hinterlassen worden waren. Nur so ist auch zu begreifen, daß die Ermittler dem Vorschlag des Staatssekretärs Hopf, den Militärischen Abschirmdienst (MAD) seines Ministeriums in die Vorbereitungen der SPIEGEL-Aktion einzubeziehen, ohne Umschweife zustimmten.

Hopf sorgte auch dafür, daß alle Stellen, die womöglich in letzter Minute den Angreifern hätten dazwischenfunken können, ausgeschaltet wurden. Die örtliche Polizei, empfahl er verbindlich den Ermittlern, solle von dem bevorstehenden Einsatz lieber nicht unterrichtet werden. Auch den Bundesnachrichtendienst, dem in dieser Beziehung nicht zu trauen sei, lasse man besser beiseite. Den zaghaften Einwand der Bundesanwälte, sie müßten wohl wenigstens ihren eigenen Minister informieren, wischte Hopf hinweg: Keine Sorge, das werde er selber übernehmen.

Bei dem Justizminister Wolfgang Stammberger, einem Freidemokraten, waren rechtliche und politische Bedenken gegen den geplanten Coup in Hamburg keinesfalls auszuschließen. Bis zum 24. Oktober - zwei Tage vor Beginn der Aktion gegen den SPIEGEL - war Bonns Justizminister und mithin das zuständige Ressort aus der Ermittlungssache völlig herausgehalten worden. Erst an diesem Tage erfuhr Stammbergers Staatssekretär Walter Strauß von den Plänen der Bundesanwaltschaft - und zwar im Verteidigungsministerium, durch die Gesprächspartner Volkmar Hopf und Franz Josef Strauß.

Für Walter Strauß, Christdemokrat und Beamter von untadeligem Ruf, war die Stunde der Versuchung gekommen, und er überstand sie nicht. Nachdem Hopf vorgetragen hatte, lag Franz Josef Strauß noch etwas auf der Seele. Es gebe da eine Weisung des Bundeskanzlers, sagte er dem Staatssekretär, den Bundesminister der Justiz bis zum Beginn der SPIEGEL-Aktion nicht zu unterrichten.

Konrad Adenauer hat später entschieden bestritten, eine solche Weisung erteilt zu haben. Ob Walter Strauß daran geglaubt hat, blindlings - niemand weiß es. Jedenfalls sagte er seinem Minister kein Wort.

In den neun Tagen zwischen dem 15. und 24. Oktober war das Verfahren gegen die Hamburger Zeitschrift von einer gemächlichen, nahezu lässigen Vorermittlung zur Staatsaktion ausgewachsen. Wer immer den Großangriff hätte aufhalten können - er war kaltgestellt. Spitzenjuristen der Republik hatten sich folgsam den Worten ihres Vorredners Hopf angeschlossen.

Einige Tage vor dem Zugriff reiste der Oberkommissar Schütz von der Sicherungsgruppe Bonn mit fünf Leuten nach Norden. Zunächst siedelten die Herren in einem heimeligen Gasthaus am Großensee außerhalb Hamburgs. "Wir haben nur gewartet", erinnert sich Gerhard Boeden, damals Kriminalobermeister, später BKA-Vizepräsident, "bis das Zeichen kam: Augstein ist festgenommen." Dann, als der Staatsanwalt Siegfried Buback hinzukam, der später einmal Generalbundesanwalt und von Terroristen ermordet wurde, zog die Justiztruppe um - zur Bundeswehr, in das Standortkommando an der Hamburger Sophienterrasse. Es traf sich, daß dort auch der MAD untergebracht war.

Daß sich draußen etwas zusammenzog, war den SPIEGEL-Leuten trotz aller Geheimhaltung nicht verborgen geblieben. Es knackte zum Beispiel in den Telefonleitungen, und das war kein Gewitter. Die Verbindungen, wunderte sich eine Telefonistin, waren "pausenlos unterbrochen, vor allem wenn Bonn in der Leitung war". Aus irgendeiner Stelle in der Bundeshauptstadt, auf der Hopf nicht den Daumen hatte, war etwas über Ermittlungen durchgesickert. Hans Detlev Becker, Verlagsdirektor des SPIEGEL, nutzte eine alte Verbindung zum BND und sprach den Hamburger Residenten des Dienstes an, Oberst Adolf Wicht - der schon die SPIEGEL-Fragen zum "Fallex"-Titel nach Pullach weitergereicht hatte.

Wicht bestätigte: Da sei etwas im Gange, und die SPIEGEL-Spitzen mochten es noch immer nicht glauben. Ein so gutes Gewissen hatten sie schon lange nicht mehr gehabt. Alle Welt war zudem mit der Kuba-Krise beschäftigt, die sich gefährlich zugespitzt hatte. Es drohte ein dritter Weltkrieg.

Was sich dann, nach dem Einmarsch der Polizei, in der SPIEGEL-Redaktion und außerhalb des Hauses ereignete, gab allen Anlaß zu der Vermutung, daß es hier nicht mit rechten Dingen zugehe. Die Pannen und Dummheiten der ersten Angriffsphase mochten noch mit der Unerfahrenheit der Beamten zu erklären sein. Die hatten bis dahin fast immer nur mit den Kommunisten zu tun gehabt, mit Untergründlern von der verbotenen KPD, nicht aber mit Presseleuten. Die Maßlosigkeit jedoch, mit der die Justiz in dieser Herbstnacht und in den nachfolgenden Wochen gegen eine Zeitschrift vorging, ließ auf Macht und mächtige Interessen an anderer Stelle schließen.

Im Pressehaus am Speersort hatte der Oberkommissar Schütz alle Mühe, einen Überblick zu gewinnen. Dem Landesverrat konnte er deshalb noch gar nicht so recht nachjagen. Denn da sollte, weil eben Freitag war, ein neuer SPIEGEL gemacht werden, und dafür hatte der Oberkommissar nun gar kein Verständnis. Erst ein Hinweis auf den drohenden Finanzverlust, eine Million oder so, brachte ihn dazu, den Betrieb zunächst einmal laufen zu lassen - aber wie.

Polizisten standen hinter jedem Schlußredakteur, die Türen mußten offenbleiben, Telefonieren war verboten. Beamte begleiteten auch die Boten, die Korrekturseiten in die Räume der Auerdruck GmbH brachten - und wurden dort von den Setzern mit Worten empfangen, die in so manches Polizisten Kinderstube streng geahndet worden wären. Schütz beschwerte sich bei den Besetzten: Die Pöbelei müsse aufhören.

Es war eine schlimme Nacht für den Oberkommissar. Da strich zum Beispiel der SPIEGEL-Fotograf Frank Müller-May umher und hielt den Auftritt der Polizei in Bildern fest. "Was machen Sie denn da?" fragte nervös ein Beamter, als habe er so etwas noch nie gesehen. "Ich mache schöne Bilder von Ihnen", entgegnete freundlich der Fotograf, und ein Redakteur versicherte: "Er kann das wirklich ganz gut." Schütz befahl Einziehung der Kamera, aber Müller-May konnte im nachfolgenden Gerangel seinen Film retten. Anderntags schaffte eine Laborhelferin das Röllchen im Büstenhalter aus dem besetzten Haus.

Dann, nachts um drei, mußte Karl Schütz auch noch Beihilfe zu einem Verfassungsverstoß leisten - zur Pressezensur, die nach dem Grundgesetz nicht stattzufinden hat. Von der Bundesanwaltschaft war nämlich angeordnet worden, sämtliche Druckfahnen für den SPIEGEL 44/1962, der gerade produziert wurde, dem unterdessen ebenfalls in Hamburg weilenden Ermittlungsrichter Wolfgang Buddenberg zur Einsicht vorzulegen. Es müsse sicher sein, so die Begründung, daß der SPIEGEL "keine weitere Straftat begeht". Daß es überhaupt eine Straftat gegeben hatte, war noch nicht heraus.

Draußen in Hamburg, wo die Kollegen des Oberkommissars dem Landesverrat nachspürten, war die Lage nicht minder verworren. Leitende Leute des SPIEGEL waren festzusetzen, allen voran Rudolf Augstein natürlich, der Herausgeber. Dabei war der schon verhaftet worden, bevor noch die Schütz-Truppe in der Nacht einmarschiert war - eine seltsame Geschichte fernab in Düsseldorf.

Bei ihren Vorbereitungen für die SPIEGEL-Aktion hatten die Fahnder herausgefunden, daß Augstein noch eine Wohnadresse in der rheinischen Hauptstadt besaß. Und wirklich, an jenem Freitag stand vor der Düsseldorfer Niederlassung des SPIEGEL ein schwarzer Mercedes mit Hamburger Kennzeichen. Der Mann, der offenkundig dazugehörte, hatte zwar keinerlei Ähnlichkeit mit Rudolf Augstein, wurde aber sorgsam beschattet. Und als er dann gegen 18 Uhr aus einem Kaufhaus kam, in der Tüte unter seinem Arm eine Ente für den Sonntag, griffen die Polizeikräfte zu.

Er heiße aber Fischer, sagte der ältere Herr, der nun abgeführt wurde, und er machte auch noch Witze: "Wenn ich ein Geständnis ablege, kriege ich dann weniger?"

Zwei Stunden dauerte es, bis die Beamten der Sicherungsgruppe die harte Wahrheit ermittelt hatten: Es war wirklich nicht Augstein, der ihnen da in die Arme gelaufen war, sondern Erich Fischer, Anzeigenvertreter des SPIEGEL mit Wohnsitz in Düsseldorf und einem Hamburger Dienstwagen. Die rätselhafte Festnahme ist später als Grund dafür benannt worden, noch in der gleichen Nacht gegen den SPIEGEL loszuschlagen. Fischer, so erklärten die Bundesanwälte, hätte ja nun, da er wieder freigelassen war, die Hamburger alarmieren können.

Ob da jemand vielleicht nur einen Anlaß gesucht hatte, den Einsatz gegen den SPIEGEL zu befehlen, ist nie geklärt worden. Sicher ist, daß die Sicherungsgruppe tags zuvor eine "vertrauliche Mitteilung" erhalten hatte, wonach ein Personenwagen, vermutlich mit Augstein, vor dem Düsseldorfer SPIEGEL-Büro gesehen worden war.

Daß an die Bundesdetektive damals keine überhöhten Ansprüche gestellt werden durften, erwies sich in dieser Nacht allerdings auch in anderen Fällen. Sie jagten zum Beispiel hinter einem Mann her, der so unbedacht war, gegen 22 Uhr raschen Schritts auf den Parkplatz am Hamburger Pressehaus zu gehen und davonzufahren. Der Mann fuhr schnell, und es gab eine wilde Verfolgungstour durch die Stadt. Lokaljournalisten hörten im Polizeifunk eine Fahndungsmeldung nach Rudolf Augustin, Johannes Engel und Claus Jacobi.

Im Kleingartenverein Horner Brook, "Kolonie Goldkoppel", entstieg dem Auto jedoch der Polier Werner Dolata. Er hatte es nach einer Handwerkerbesprechung eilig gehabt wegen der Nachtkälte draußen, Landesverrat war ihm nicht vorzuwerfen.

Der Chefredakteur Johannes K. Engel war im übrigen schon eine Stunde zuvor festgenommen worden. In seinem Wohnzimmer tasteten die Bundespolizisten ihn nach Waffen ab, vertieften sich in eine Akte über Engels Hausbau sowie Entwässerungspläne und ließen außer Engel noch eine Postkarte von Tante Tilly aus München mitgehen.

Chefredakteur Claus Jacobi, der auch nicht im Auto des Poliers Dolata gewesen war, wohnte auf dem Lande in Schleswig-Holstein, und dort war die Suche nach belastendem Material natürlich nicht leichter. Die Fahnder hoben die Matratzen hoch, unter denen ja jeder so seine Geheimnisse hat, prüften im Keller die Einmachgläser und beschlagnahmten unter anderem ein paar Notizbücher mit krakeligen, wohl verdächtigen Figuren. Es waren Männchen, die Jacobis kleiner Sohn Tom gemalt hatte.

Jacobi wurde ebenfalls festgenommen, aber die Hauptverdächtigen waren nicht aufzutreiben. Conrad Ahlers machte Urlaub in Spanien, was ihn, wie es schien, vor dem Zugriff sicherte. Rudolf Augstein saß, während die Bundesbeamten seine Villa am Hamburger Maienweg durchsuchten, unbehelligt in seiner Wohnung am Leinpfad. Augstein wußte längst, was dort in seinen Redaktions- und Verlagsräumen passierte, und dafür hatte Leo Brawand gesorgt, Leiter des Wirtschaftsressorts. Brawand residierte im siebten Stock des Pressehauses, über der Hauptetage der SPIEGEL-Redaktion, und den hatten die Polizisten beim ersten Ansturm nicht entdeckt.

Der Wirtschaftsmann hatte, als unter ihm schon geschlossen wurde, noch Seitenabzüge für das aktuelle Heft gelesen und dann dem Chef vom Dienst über die Sprechanlage angekündigt, er werde die Abzüge gleich vorbeibringen. Doch der Kollege wehrte hastig ab und erbot sich, was ihm sonst nicht eingefallen wäre, die Korrekturseiten selber abzuholen. Minuten später wußte Brawand, was ihm entgangen war. Er alarmierte über die Ortsleitung und mithin unter Umgehung der schon besetzten Telefonzentrale seine Frau, die dann den Rechtsanwalt Dr. Josef Augstein in Hannover anrief, den Bruder des SPIEGEL-Chefs.

Als die Polizei bald danach doch noch auf den siebten Stock kam, löschte Brawand in seinem Zimmer das Licht und begab sich in einen Wandschrank. Die Polizei versiegelte den scheinbar leeren Raum, und Brawand konnte in Ruhe noch einmal nachfragen, ob sein Alarm auch angekommen war.

Rudolf Augstein stellte sich am nächsten Mittag, wie er es schon in der Nacht über seinen Bruder angekündigt hatte, freiwillig dem Staatsanwalt Buback, der sich freute: "Gut, daß Sie Wort gehalten haben." Sein SPIEGEL war besetzt, seine Mitarbeiter waren ausgesperrt, die Räume wurden ausgeforscht. Nichts davon war rechtlich zu begründen.

Zwar war dem Bundesanwalt Walter Wagner, einem der Hauptermittler, schon vorher der Gedanke gekommen, mit dieser Razzia könne womöglich "der Eindruck erweckt werden, als wenn wir mit Hilfe der Untersuchung den Informanten feststellen wollten". Doch er gab sich auch gleich die Antwort darauf: Es komme ja nicht auf einen Informanten an, "sondern auf dieses Elaborat, dieses Dossier im Hause des SPIEGEL", mit dem der "Fallex"-Titel bestritten worden sei.

Das war ein verwegener Gedankengang, aber es blieb das Alibi für eine wochenlange Besetzung des SPIEGEL und die Beschlagnahme einer Unzahl von Unterlagen. Zu durchsuchen waren 17 000 Leitz-Ordner und 4000 Schnellhefter mit insgesamt etwa 5,5 Millionen Blatt Papier, 10 000 Meter Mikrofilm waren zu betrachten, ein volles Programm. Es gab dann noch 6000 Bücher und an die 500 000 Bilder. Für diese Aufgabe, die eine Hundertschaft gut beschäftigt hätte, standen ein Staatsanwalt und eine Handvoll Kriminaler bereit.

Abtransportiert wurde zum Beispiel eine Menge Material, in dem der Bundesverteidigungsminister vorkam; Strauß und die Fibag-Affäre, Strauß und der Onkel Aloys, Strauß und sein Spezi Kapfinger. Das alles, fand die Times in London, "macht den Eindruck, daß die Nachforschungen sich auf mehr als einen bestimmten Artikel beziehen und die Quellen jener Informationen bloßlegen sollen, die eine Partei und ein Ministerium in der Öffentlichkeit nicht diskutiert wissen wollen".

Zu dem bestimmten Artikel hatte der Staatsanwalt Buback ziemlich rasch ein Papier in die Hände bekommen, als er in Gegenwart Augsteins dessen Büro durchsuchte. Der SPIEGEL-Herausgeber versuchte noch, den Umschlag unter einen Stapel schon durchgesehener Akten zu schieben, entwickelte dabei aber zuwenig kriminelle Energie. Buback merkte es und zog das Ding wieder hervor: Aufzeichnungen von Conrad Ahlers über Gespräche mit dem Bundeswehr-Oberst Martin, die im "Fallex"-Titel verarbeitet worden waren.

Nun hätte eigentlich alles zu Ende sein können. Ein "Dossier" war gefunden, ein Informant entdeckt. Aber der SPIEGEL blieb zugesperrt. "Es sollte dafür Sorge getragen werden", so die Begründung der Justiz, "daß etwa dort anwesende Verlagsangehörige beim Verlassen der Räume nicht irgendwelche als Beweismittel in Betracht kommende Unterlagen mitnähmen."

In Betracht dafür kam offenbar alles: die Briefredaktion und die Anzeigenabteilung, die Telefonistinnen wie die Theaterkritiker. Da Beweismittel nicht offen herumliegen, sondern gerade an den unverfänglichen Orten versteckt werden, blieben auch die Kaffeeküche sowie das Lager für Putzlappen versperrt, ein Keller mit geistigen Getränken und Räume mit alter Vertriebskorrespondenz. Zu den beschlagnahmten Objekten gehörten zum Beispiel auch sämtliche Schreibmaschinen des Hauses.

Der SPIEGEL war blockiert, seine Existenz war unmittelbar gefährdet. Ein neues Heft wäre nicht erschienen - hätte sich nicht in der Hansestadt Hamburg eine Solidarität entfaltet, mit der ein Bundesanwalt in Karlsruhe oder ein Staatssekretär in Bonn wohl kaum hatten rechnen können.

Gleich nach der Besetzung boten die Redaktionen von Zeit und Stern den SPIEGEL-Kollegen Asyl an. Die Constanze machte Platz für die Vertriebenen, und das Hamburger Echo, wie der SPIEGEL im Pressehaus ansässig, räumte ganze Fluchten für Notquartiere frei. Schreibtische und Schreibmaschinen standen zur Verfügung und auch, was die SPIEGEL-Leute dankbar in Anspruch nahmen, die Kantinen. Hamburger Firmen, die mit Presse nichts zu tun hatten, boten ihre Zimmer an. Axel Springer, dem Hause nicht sonderlich gewogen, ließ ebenfalls wissen, sein Unternehmen sei zu Beistand bereit.

Die Arbeit konnte, dank der nachbarlichen Hilfe, weitergehen - aber natürlich war sie erheblich behindert. Die Mitarbeiter der Dokumentation zum Beispiel waren von ihren üppigen Quellen abgeschnitten. Sie schleppten ersatzweise Lexika an und liefen in die Bibliotheken, um in den SPIEGEL-Geschichten wenigstens das Gröbste verifizieren zu können. In den Notunterkünften der Redakteure herrschte zeitweise blankes Chaos, aber der SPIEGEL 45/1962 erschien rechtzeitig am 5. November. Das Blatt, mit Rudolf Augstein auf dem Titelbild, hatte diesmal eine Auflage von knapp 700 000 Exemplaren, 200 000 mehr als sonst, und war binnen kurzem ausverkauft. Und so wichtig wie das wirtschaftliche Weiterleben war die Stärkung des Selbstbewußtseins: "Für uns alle", erinnerte sich Georg Wolff, damals einer der leitenden Redakteure, an die Stimmungslage jener Tage, "war diese Kontinuität sehr wichtig. Es hatten sich keine Spuren von K. o. gezeigt."

Standfestigkeit war geboten, denn die Justiz drosch unvermindert weiter. Mit ihren Verhaftungen zum Beispiel war sie noch lange nicht am Ende. Hans Schmelz, Redakteur im Bonner SPIEGEL-Büro, Mitautor des "Fallex"-Titels und Ex-Major ohne Furcht und Tadel, marschierte nach der Rückkehr von einer Dienstreise freiwillig zur Sicherungsgruppe in Bad Godesberg und kam in die Zelle. Die nächste Festsetzung war unerwartet und traf empfindlich.

Hans Detlev Becker, der Verlagsdirektor, hatte das Blatt besonnen durch die Unwetter der ersten Woche gesteuert, hatte rund um die Uhr organisiert und verhandelt, beschwichtigt und in einer Betriebsversammlung der SPIEGEL-Mannschaft versichert: "Keiner von Ihnen ist bei Al Capone engagiert." Verhaftet wurde er nun, weil in seinem Zimmer Aktennotizen über seine Kontakte mit dem BND-Oberst Wicht gefunden worden waren. Was daran strafbar war und sogar einen Haftbefehl rechtfertigen sollte, ist bis heute nicht zu sehen.

Becker war so leicht zu greifen gewesen wie dann auch Wicht und der Oberst Martin, den die Sorge um Straußens Atompläne zum SPIEGEL getrieben hatte. Rudolf Augstein war sichergestellt, und seine Chefredakteure waren auch nicht auf die Flucht gegangen. Bei einem der Wichtigsten in dieser Geschichte jedoch, dem Titelautor und Militärexperten Conrad Ahlers, schienen die Fahnder zunächst machtlos: der war auf Urlaub im spanischen Torremolinos und der deutschen Justiz mithin entzogen. Wieso er trotzdem gefangen wurde, und zwar noch in der Nacht der SPIEGEL-Besetzung, blieb der Öffentlichkeit und denen, die nahe am Geschehen waren, für längere Zeit ein Rätsel.

Nachts um drei waren Ahlers und Ehefrau Heilwig von zwei Schwarzuniformierten aus dem Hotelbett geholt und nach Málaga ins Gefängnis gebracht worden - warum eigentlich, konnte die spanische Polizei leider auch nicht sagen.

Der deutsche Honorarkonsul in Málaga, ein Trockenfruchthersteller, war zunächst mit ganz anderen Dingen beschäftigt. "Ich habe heute wirklich keine Zeit", beschied er Heilwig Ahlers, die inzwischen freigelassen worden war, "ich bin mitten in der Ernte." Dann rief er doch den Polizeipräsidenten an, aber der wußte auch nichts.

Wer aber hatte dann dafür gesorgt, daß Conrad Ahlers in Spanien festgenommen wurde? Die Jagd nach diesem Täter gedieh zu einem politischen Kriminalstück, und die besten Passagen spielten später im Bundestag.

Endlich erreichte Frau Heilwig den Militärattaché der deutschen Botschaft in Madrid, Oberst Achim Oster. Der war ein alter Freund ihres Mannes und würde wohl helfen, diesen Unsinn aufzuklären. Doch der Oberst benahm sich recht merkwürdig, "es schien so, als sei ihm das alles sehr unangenehm".

Osters Zurückhaltung war verständlich. Hatte er doch gerade dabei mitgeholfen, seinen Freund Ahlers in Spanien festzusetzen - ein klarer Rechtsverstoß. Legal war das nämlich nicht zu machen, sosehr sich der Staatssekretär Volkmar Hopf in der Nacht der SPIEGEL-Besetzung auch darum bemüht hatte.

Hopf telefoniert, obschon ihn das alles gar nichts anzugehen hat, mit dem Chef der Bonner Sicherungsgruppe und mit dem Vizepräsidenten des Bundeskriminalamts: welche Möglichkeiten es wohl gebe, Ahlers in Spanien festzusetzen? Doch die Fachleute können ihm keine Hoffnung machen. Auch über Interpol sei das wegen des politischen Charakters dieser Sache nicht zulässig.

Doch einer weiß, was nun zu tun ist. Franz Josef Strauß verläßt, was er sonst nicht gern macht, an diesem Abend zwischen zehn und elf Uhr einen Bonner Empfang und fährt in sein Ministerium. Kurz nach Mitternacht befiehlt er seinem Adjutanten, eine Verbindung mit dem Militärattaché der deutschen Botschaft in Madrid herzustellen.

Achim Oster meldet sich nicht, und der Adjutant verbindet mit dem Kanzler der Botschaft, Otto Reif. Er möge unverzüglich den Oberst Oster herbeischaffen, befiehlt Strauß nun, und ob er, Reif, davon wisse, daß sich ein SPIEGEL-Redakteur namens Ahlers in Spanien aufhalte?

Reif hatte über Achim Oster davon gehört: "Jawohl." Mehr kann er dazu nicht sagen, denn nun kommandiert der Verteidigungsminister: "Bitte buchstabieren Sie Ihren Namen. Die Kenntnis des Aufenthaltsorts von Herrn Ahlers", so vernimmt dann der Botschaftskanzler, "ist für eine Information im Zusammenhang mit der Kuba-Krise ungeheuer wichtig. Ich verpflichte Sie, über dieses Telefongespräch mit niemandem zu sprechen als mit dem Oberst Oster. Dies ist ein dienstlicher Befehl. Ich handle in diesem Augenblick auch im Namen des Herrn Außenministers."

Otto Reif hätte nun Fragen stellen können, wenigstens sich selber. Zum Beispiel, ob der Verteidigungsminister ihm dienstliche Befehle zu erteilen hat und ob wirklich der für ihn, Reif, allein zuständige Außenminister und unionsinterne Strauß-Widersacher Gerhard Schröder in die Sache eingeweiht ist. Doch Reif rennt los und holt Achim Oster aus einer fröhlichen Partyrunde.

Um 1.25 Uhr ruft der Militärattaché den Minister an. Der Oberst erzählt, daß er Ahlers vor ein paar Tagen auf der Durchreise getroffen habe. Dann eröffnet ihm Strauß, wie Oster zu Protokoll gibt, "daß gestern abend mehrere Redakteure vom SPIEGEL wegen des Verdachts des Verrats militärischer Geheimnisse festgenommen worden seien. Auch gegen Ahlers liege Haftbefehl wegen militärischen Geheimnisverrats und aktiver Bestechung vor".

Strauß flunkert weiter: "Leider laufe die Untersuchung auch gegen mehrere noch unbekannte Offiziere", vernimmt Oster, "er nannte die Zahl, etwa zwölf, gegen die die Festsetzung zur Zeit laufe". Gerade jetzt bedeute das "einen schweren Schlag gegen die Sicherheit der Bundesrepublik und der Nato".

Das Finale naht, und es senkt sich Wagnersche Wucht auf den Militärattaché. Bis dahin hat Strauß, der Oster aus alten Tagen bei der CSU kennt, das vertrauliche Du benutzt. Aber so geht es nicht weiter: "Herr Oberst Oster, ich komme soeben vom Bundeskanzler, und dies, was ich jetzt zu sagen habe, ist ein dienstlicher Befehl zugleich im Namen des Bundeskanzlers." Es ist "von entscheidender Bedeutung", erfährt Oster, "daß Herr Ahlers so schnell wie möglich festgesetzt" wird, damit der Generalbundesanwalt durch Ahlers - Augstein sei in Kuba - erführe, wo das Loch im Verteidigungsministerium sei.

Obwohl auf dem Militärattaché schon die Last der Welt liegt, einschließlich Kuba, wagt er noch einen Einwand. Er könne "ohne irgendeine Handhabe bei den spanischen Behörden nichts erreichen". Aber das möchte Strauß nicht gehört haben. Ein Haftbefehl "auf dem Interpol-Wege" sei schon abgeschickt, Oster möge unverzüglich den Spaniern den Aufenthaltsort von Ahlers angeben und "das polizeiliche Ersuchen auf vorläufige Festnahme unterstützen".

Achim Oster, mit faustdicken Lügen in die Enge getrieben, gehorcht, und er verrät den Freund. Über andere Botschaftsleute, die beste Verbindungen zur spanischen Polizei unterhalten, sorgt er für die Festnahme des SPIEGEL-Redakteurs in Torremolinos.

Es war eine Art Kidnapping, denn für diese Inhaftierung hatten die Spanier keinerlei Rechtsgrundlage. Doch die deutsch-spanischen Verwicklungen, die unweigerlich ins Haus standen, wurden erst einmal aufgeschoben: Conrad Ahlers kehrte freiwillig und per Lufthansa in die Bundesrepublik zurück und kam sofort in Haft. Das politische Nachspiel fand nun in Bonn statt.

Bis die Vorgänge in Hamburg und Torremolinos die Bundeshauptstadt erreicht hatten, dauerte es allerdings eine Weile. Es war gerade eine Zeit, in der die Parteien des Bonner Parlaments darauf achteten, nett zueinander zu sein.

Bei der Wahl im September 1961, unmittelbar nach dem Mauerbau der DDR, hatte die CDU ihre absolute Mehrheit verloren und war auf Regierungspartner angewiesen. Die FDP hatte sich vorher schon für ein Bündnis mit der Union ausgesprochen - aber ohne den greisen Kanzler Konrad Adenauer. Die Sozialdemokraten, darauf bedacht, wie Herbert Wehner es ausdrückte, "Boden unter die Füße zu bekommen", hatten eine Allparteienregierung angesteuert.

Konrad Adenauer, auf den eigentlich keiner mehr gesetzt hatte, trickste dann wieder einmal alle aus und blieb auch in diesem Machtspiel der einzige Gewinner. Die Union mußte ihn weiterhin als Kanzler akzeptieren; die Freidemokraten schluckten ihn, um koalieren zu dürfen; die Sozialdemokraten konnten, obwohl sie sich endlich mal an der Reihe sahen, wieder nicht mitregieren.

Mit diesem Landschaftsbild hatte es wohl zu tun, daß sich Frei- und Sozialdemokraten nach der Aktion gegen den SPIEGEL noch nicht rührten, als Bürger längst auf den Barrikaden standen und die Medien in aller Welt gepfefferte Kommentare abgaben.

Franz Josef Strauß wähnte seine nähere Zukunft gesichert. Beim Rücktritt Adenauers in der laufenden Legislaturperiode, womit zu rechnen war, wollte er dafür sorgen, daß die Stimmen seiner CSU dem Wirtschaftsminister Ludwig Erhard zukommen, dem Wirtschaftswundermann. Erhard hatte sich verpflichtet, als Kanzler dann Strauß zum Außenminister und zum Vizekanzler zu machen.

Das Geschäft kam nicht mehr zustande, dazwischen kam nun die SPIEGEL-Affäre. Wäre sie anders ausgegangen, als es schließlich geschah, hätte dem weiteren Marsch des Bayern an die Spitze der Regierung wenig im Wege gestanden. Doch schon bald nach der Attacke auf das Hamburger Blatt zeigte sich Unheil an, den Regisseuren des tollen Stücks ging die Kontrolle verloren.

Die Amtsträger, eingeweihte wie ahnungslose, boten auf Pressekonferenzen und vor Fernsehkameras ein miserables Bild. Regierungs- und Justizvertreter präsentierten der Öffentlichkeit ein wirres Kompendium aus Falschinformationen und blanker Unwissenheit.

Auf die Frage zum Beispiel, wie denn diese Aktion überhaupt zustande gekommen sei, antwortete der Sprecher der Bundesregierung, Staatssekretär Karl-Günther von Hase, ganz im Ernst: Der "Fallex"-Titel sei "von der Nato schriftlich beanstandet" worden. Völlig konfus waren auch die Reaktionen auf die Proteste der spanischen Regierung, die sich im Falle Ahlers von den Deutschen überfahren fühlte.

In ein und derselben Mitteilung der Bundesregierung wurden Auskünfte gegeben, die einander ausschlossen. Strauß, so hieß es auf die Frage nach dessen Beteiligung am Gutachten des Oberregierungsrats Wunder, habe "vor der Absendung des Gutachtens an die Bundesanwaltschaft ... von dem Inhalt des Gutachtens weder ganz noch teilweise Kenntnis erhalten". Ein paar Zeilen später wurde eingeräumt, daß Strauß bei der entscheidenden Besprechung über das Gutachten am 24. Oktober "größtenteils anwesend" war. So wolkig und so widersprüchlich blieb es auch, als schließlich doch kritische Fragen in den Bonner Parteien gestellt wurden.

Ganz unpassend kam diese Geschichte für Erich Mende, den FDP-Vorsitzenden, der sich gerade in der Regierung Adenauer eingerichtet hatte, und für den sozialdemokratischen Steuermann Herbert Wehner, der gern an dessen Stelle gewesen wäre. Aber da gab es nun mal den freidemokratischen Minister Stammberger, und der war auf eine unverfrorene Weise kaltgestellt worden. Die dazugehörige Frage formulierte die Stuttgarter Zeitung: "Wer soll denn in der Bundesrepublik noch davor sicher sein, von der Bonner Regierung nicht übertölpelt zu werden, wenn es nicht einmal mehr ein Kabinettsmitglied ist?"

Stammberger reichte seinen Rücktritt ein, Konrad Adenauer sah seine Koalition und damit auch seine weitere Kanzlerschaft in Gefahr. Er lehnte den Rücktritt ab - und hatte dann die ganze FDP im Nacken, die plötzlich Bedingungen stellte: Untersuchung der Begleitumstände bei der SPIEGEL-Aktion durch Stammberger, Entlassung der Staatssekretäre Volkmar Hopf und Walter Strauß.

Zwar bekamen die Liberalen nicht die ganze Portion, gaben sich aber auch mit den Brocken zufrieden. Die SPIEGEL-Aktion, so beschloß am 5. November eine Krisenrunde der Bündnispartner, sollte von allen beteiligten Ministerien untersucht werden; Staatssekretär Hopf wurde nicht entlassen, sondern lediglich beurlaubt; Staatssekretär Walter Strauß wurde zwar entlassen, aber auf einen höheren Posten abgeschoben: Richter beim Europäischen Gerichtshof.

Eine gute Woche war seit der Nacht-und-Nebel-Aktion gegen den SPIEGEL vergangen, im Pressehaus siedelte weiterhin die Polizei, und in Bonn waren die Autoritäten wieder in Sicherheit;

selbst die Rheinische Post, die im allgemeinen der CDU fest zur Seite stand, war unzufrieden: "Die Frage nach der eigentlichen Verantwortlichkeit ist in einer Form beantwortet worden, für die jegliches Verständnis in der Bevölkerung fehlt."

Das Verständnis fehlte sogar bei etlichen Bonner Freidemokraten und nun auch bei der SPD - die der Versuchung, die Aufklärung der Affäre dem Machtstreben zu opfern, schließlich doch widerstand. Die sozialdemokratische Bundestagsfraktion entwarf 18 Dringlichkeitsfragen, die vom 7. bis 9. November im Bonner Plenum behandelt wurden und für eine der denkwürdigsten Debatten in der bundesdeutschen Geschichte sorgten.

Die Hauptrolle bei der Union war dem Innenminister Hermann Höcherl von der CSU zugefallen, der den plötzlich erkrankten Minister Stammberger vertreten mußte. Der kleine Bayer, im allgemeinen eine der freundlichen Erscheinungen in der Bonner Szene, fertigte die Fragen der SPD kampfeslustig und oft auch nur lustig ab. Einen Beitrag, der über diese Tage hinausging, leistete der Innenminister mit dem Ausspruch, die Polizei dürfe gelegentlich auch einmal "etwas außerhalb der Legalität" handeln.

Für den Tumult sorgte Konrad Adenauer. "Nun, meine Damen und Herren", sagte der Kanzler über ein Verfahren, von dem er nicht allzuviel wußte und dessen Ausgang noch offen war, "wir haben einen Abgrund von Landesverrat im Lande." Und als ihn der SPD-Abgeordnete Walter Seufert unterbrach: "Wer sagt das?", da antwortete Adenauer: "Ich sage das." Und dann sagte er noch: "Wenn von einem Blatt, das in einer Auflage von 500 000 Exemplaren erscheint, systematisch, um Geld zu verdienen, Landesverrat getrieben wird ..."

Der Rest verlor sich in den Pfuirufen der Parlamentarier und in einem Radau, wie ihn das Hohe Haus bis dahin noch nicht erlebt hatte. Doch der Kanzler war jetzt nicht mehr zu bremsen. Rudolf Augstein habe "auf der einen Seite" am Landesverrat verdient, "und das finde ich einfach gemein". Und zweitens "verdient er an allgemeiner Hetze auch gegen die Koalitionsparteien".

Adenauer schlug zu seinen Worten hart mit dem Fingerknöchel aufs Pult, was er noch nie getan hatte. Die Festnahme von Conrad Ahlers und wie das geschehen war - Gott, das fand der Bundeskanzler nun gar nicht aufregend. Der Ahlers "war zufällig in Málaga. Ich habe soeben gehört, daß auch die Rede von Tanger gewesen ist. Holen Sie bitte mal einen aus Tanger raus. Ich wüßte nicht, wie wir das machen sollten".

Der Kanzler hatte, gleichsam beiläufig, ein paar Regeln des Rechtsstaats übergangen. Sein Innenminister war über die Wahrheit ein paarmal hinweggehudelt. Der Mann aber, der über alles Bescheid wußte, saß gleich neben Höcherl und tat so, als ginge ihn das alles nichts an.

Er hatte, im Verein mit Hopf, den Staatssekretär Strauß darauf verpflichtet, den Minister Stammberger auszuklammern - und sich dabei auf eine Anordnung des Bundeskanzlers berufen. Aber als nun der SPD-Abgeordnete Müller-Emmert fragte, wer Walter Strauß "die Auflage gemacht" habe, ließ er lieber Hermann Höcherl antworten: "Mir ist von einer Auflage nichts bekannt."

Diese Aktion gegen den SPIEGEL? Das war dem Bundesverteidigungsminister geradezu neu. Nun gut, er sei "darauf hingewiesen worden, daß diese Angelegenheit im Laufen sei". Aber das war''s dann auch schon: "Mehr wußte ich nicht. Ich wußte nicht, was kommt. Ich wußte nicht, wann es kommt. Ich wußte nicht, gegen wen es kommt." Er wußte sozusagen noch weniger, denn am Schluß sagte er: "Und so weiter."

Da konnte es nicht verwundern, daß Franz Josef Strauß auch vom deutsch-spanischen Zugriff auf Conrad Ahlers nur ganz grob informiert gewesen war. Fast zwei Wochen nach dieser illegalen Festnahme, die der Verteidigungsminister der Bundesrepublik in Gang gesetzt hatte, steckten die oder der Drahtzieher immer noch im dunkeln. Die Auskünfte der Bundesregierung, der Bundesanwaltschaft und des Bundeskriminalamts stifteten nur noch mehr Verwirrung.

Einen Haftbefehl über Interpol hatte es nicht gegeben, er wäre ja auch nicht zulässig gewesen. Diplomatische Kanäle, so machte das Außenministerium des kühlen Christdemokraten Gerhard Schröder unmißverständlich klar, waren nicht benutzt worden. Wer war es gewesen? Vielleicht, wie die Welt spottete, "die Abendländische Akademie" des Oberst von der Heydte? Oder war hier, wie der FDP-Pressesprecher Karl Moersch meinte, "der kleine jesuitische Dienstweg" beschritten worden?

Irgendwer log oder irgendwer schwieg, und daran änderte sich auch nicht viel vor dem deutschen Bundestag. Hermann Höcherl, von den Fragen der Sozialdemokraten bedrängt, wendete sich hin und her. Schließlich sagte es der SPD-Abgeordnete Fritz Erler, ein Mann von scharfem Verstand und mit einer schneidenden Stimme, die auch wehrhafte Naturen verlegen machen konnte, noch einmal in aller Präzision: "Wer hat auf wessen Weisung in welcher dienstlichen Zuständigkeit auf welcher Rechtsgrundlage und auf welche Weise erstmalig und damit entscheidend von den spanischen Behörden die Festnahme des deutschen Staatsbürgers Ahlers erbeten?"

Höcherl reichte nun weiter an Strauß, der etwas verwundert zu sein schien, daß gerade er diese Frage beantworten sollte. Dann holte er weit aus zu einer Geschichte, in der auch Achim Oster vorkam und eine Bitte der BKA-Sicherungsgruppe um Amtshilfe - die es natürlich nie gegeben hatte. Der SPD-Abgeordnete Karl Mommer hakte nach: "Wer war es also?" Aber erst am nächsten Tag kam die Wahrheit ein bißchen näher. Erler hatte nicht lockergelassen: Wer war es gewesen, "der Herr Verteidigungsminister selbst oder wer sonst"?

Und nun gab Strauß wenigstens zu, den Hörer auch selbst in der Hand gehalten und mit Oster gesprochen zu haben. Kernsatz: "Da der Militärattaché - ich weiche dem nicht aus, das wäre eine völlig falsche Annahme oder Unterstellung - bei Anruf den Sachverhalt nicht kennen wollte, sondern sagte: ,Ich kenne nur die Stimme des Ministers'', bin auch ich mit ihm verbunden worden und habe ihm das wiederholt, was vorlag."

Auch das war wieder gelogen, aber immerhin stand nun fest, daß der Minister den Bundestag tagelang zum Narren gehalten hatte. Wie es wirklich war mit Conrad Ahlers und mit dem Nachtangriff auf den SPIEGEL, kam erst im Laufe der Zeit heraus, bröckchenweise und durch die Aussagen der Beteiligten. Als diese Debatte vorbei war, schrieb Rudolf Krämer-Badoni, ein guter Freund der Union, in der Welt: "Die Regierung bot nicht den Anblick einer Verschwörergruppe gegen den SPIEGEL. Wäre es so! Dann säßen in Bonn wenigstens Dämonen. Nein, es war so banal und armselig wie nur möglich."

Auf eine ziemlich banale Weise fiel diese Regierung dann auch auseinander, nur wenige Tage nach der armseligen Vorstellung im Bundestag, und wiederum hatte das viel mit Strauß zu tun. Konrad Adenauer war schon seit einer Weile auf seinen obersten Kabinettsbayern, den er einst nach Kräften gefördert hatte, nicht mehr gut zu sprechen. Während der Fibag-Affäre, als Strauß sich erklären wollte, hatte der Kanzler ihn nicht mal empfangen. Gewiß auch war Adenauer im Gedächtnis geblieben, was Strauß kurz vor der Wahl 1961 gesagt hatte: "Wir haben uns für Erhard als Kanzler entschieden."

Nun hatte die SPIEGEL-Affäre, die es ohne Strauß nicht gegeben hätte, das Ansehen der Regierung beschädigt. Die Deutsche Presse-Agentur berichtete von einer "tiefreichenden persönlichen Auseinandersetzung zwischen Strauß und Adenauer".

Nebenher ärgerte es den Kanzler, daß, wie ihm schien, der Staatssekretär Volkmar Hopf ganz sinnlos dem Koalitionsfrieden geopfert worden war. "Der Herr Hopf wird in sein Amt zurückkehren", entschied Adenauer, und "ich freue mich auf die Rückkehr des Herrn Hopf."

Die Freien Demokraten, die Hopfs Bestrafung zur Bedingung für eine weitere Partnerschaft gemacht hatten, wurden gar nicht erst gefragt, und das war ein Tritt zuviel. "So geht es nicht weiter", setzte sich der Vorsitzende Mende an die Spitze des Widerstands, "nun müssen wir Tabula rasa machen."

Es blieb ihm auch gar nichts anderes mehr übrig. Einen Tag später entschlossen sich die Sozialdemokraten, im Bundestag die Entlassung des Verteidigungsministers zu beantragen. Wollte die FDP nun dagegen stimmen, kam sie in den Ruch, die Machenschaften von Strauß in der SPIEGEL-Affäre zu dekken; stimmte sie dafür, würde sie sich womöglich selbst aus der Koalition entfernen.

Die Liberalen beschlossen, ihre fünf Minister aus der Regierung zurückzuziehen. Franz Josef Strauß war nicht mehr zu retten, und des guten Abgangs wegen zog nun auch die Union ihre Minister zurück: Wenn alle gingen, fiel der eine nicht so auf.

Daß Strauß sich damals so einfach abräumen ließ, ist aus heutiger Sicht nicht leicht zu verstehen. Bei seinen Recherchen für eine Strauß-Biographie entdeckte Wolfram Bickerich - altgedienter SPIEGEL-Journalist - einen Brief, den Strauß am 19. November 1962 an Konrad Adenauer geschrieben hat und der eine enge Mitwisserschaft des Kanzlers bei allen Vorgängen der Aktion nahelegt. In einer Art Protokollstil erinnert Strauß daran, Adenauer habe die Einschätzungen und Absichten seines Ministers in dieser Sache quasi blanko unterstützt, zum Beispiel auch die Ausschaltung Stammbergers: "Wir waren uns beide darüber einig, daß der Kreis der einzuweihenden Personen auf das dienstlich unumgänglich notwendige Maß beschränkt werden müsse, weil sonst ein Verrat zu befürchten sei." Auch während der SPIEGEL-Besetzung und danach sei der Kanzler laufend von ihm informiert worden.

Es läßt sich nur darüber spekulieren, warum Strauß aus dem Mitwissen Adenauers kein Kapital geschlagen hat. Biograph Bickerich hält dafür, Strauß habe resigniert, "als er merkte, daß er in einer Angelegenheit, die ihm von existentieller Bedeutung erschien, doch nur Spielfigur eines anderen war. Und dieser andere hatte die bessere Position". Zudem: Hätte es Strauß, damals ohnehin schwer angeschlagen, zu einem Frontalaufprall mit dem Kanzler kommen lassen, wäre seine politische Zukunft womöglich irreparabel verbaut worden.

Während der Bundestag traurige Stunden erlebte und die Regierung auseinanderbrach, saßen in Hamburg die SPIEGEL-

* Im November 1962 nach Jacobis Haftentlassung.

Leute noch immer im Asyl. Vier Wochen dauerte es, bis sie ihre Arbeit wieder ungehindert verrichten konnten. Einige der Festgenommenen waren auch danach noch in Untersuchungshaft. Rudolf Augstein wurde erst nach 103 Tagen entlassen, Hans Schmelz kam nach 81 Tagen frei, Ahlers nach 56. Freilich: Die rechtliche Aufarbeitung der Justizaktion fing nun erst an. Sie nahm Jahre in Anspruch, und vom Landesverrat ist dabei nichts mehr übriggeblieben.

Im Oktober 1964 beantragte der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof, das Hauptverfahren gegen den SPIEGEL-Herausgeber, Titelautor Conrad Ahlers und den Oberst Martin zu eröffnen. Doch schon im Vorfeld war zu sehen, daß dieser Antrag auf schütterer Basis ruhte. Der amerikanische Brigadegeneral Harry Engel, höchster Gerichtsoffizier der US-Streitkräfte, hatte dem BGH auf Anfrage versichert, die Interessen der amerikanischen Truppen seien durch den "Fallex"-Beitrag nicht berührt worden; Engels Auskunft war vom Nato-Hauptquartier gebilligt. Der SPIEGEL präsentierte eine vierbändige Dokumentation, die belegte, daß sämtliche Angaben in diesem Titel schon einmal veröffentlicht worden waren. Schließlich trat der Generalleutnant a. D. Burkhart Mueller-Hillebrand als Gutachter auf. Er war kurz vorher in den Ruhestand gegangen und bis dahin ranghöchster deutscher Offizier in der Nato gewesen. Der General fand kein einziges Geheimnis mehr.

Am 13. Mai 1965 lehnte der 3. Strafsenat des BGH die Eröffnung des Hauptverfahrens ab. "Die 41 Staatsgeheimnisse", resümierte der Publizist Werner Friedmann in der Münchner Abendzeitung, sind "zur großen Null geworden - der große Landesverratsprozeß findet nicht statt".

Der Rechtsweg war langwierig gewesen - doch die SPIEGEL-Affäre hatte ihre Wirkung längst entfaltet. Buchstäblich über Nacht war in der scheinbar so verschlafenen Nachkriegsrepublik ein Bürgerbewußtsein sichtbar geworden, mit dem vor allem die Betroffenen nicht rechnen konnten. Und rasch wurde deutlich, daß es nicht allein um den Fortbestand dieses Nachrichten-Magazins ging, ohne das man, ehrlich gesagt, ja auch noch ganz gut hätte leben können. "Mit der bundesrepublikanischen Gesellschaft", schrieb später Rudolf Augstein, ,,läßt sich, so scheint es, etwas anfangen." Auch sei kein Zweifel daran, so der Verleger, daß die öffentliche Reaktion dem SPIEGEL das Leben gerettet habe, daß das Blatt "dem mit so ungeheurer Perfektion geführten Stoß nicht hätte standhalten können", wenn dieser Beistand nicht gewesen wäre.

Über Wochen beherrschte die Affäre alle Medien. Rundfunk und Fernsehen berichteten täglich über das Geschehen, die Zeitungen widmeten ihm Seiten, und besondere Besorgnis fand sich in den Kommentaren vieler ausländischer Blätter. ,,Ein mächtiger, stolpernder Riese" war nun das neue Deutschland für die Los Angeles Times, ,,von dem wir annahmen, wir hätten ihm die Grundsätze der Demokratie beigebracht".

Zu denen, die nicht mitstolpern wollten, gehörten Westdeutschlands Studenten - deren Auftreten nun eine Ahnung gab von dem Protestpotential, das sich Ende der sechziger Jahre explosiv entladen sollte. Kaum ein Tag verging ohne Demos oder Diskussionen an den Hochschulen, bei denen Abertausende auf den Beinen waren. Und dann tauchten auch noch die Professoren auf: Insgesamt gingen mehr als 600 Wissenschaftler mit öffentlichen Erklärungen in Front gegen Justiz und Regierung, und ein erheblicher Anteil davon war zu den konservativen Kräften zu rechnen.

Künstler aller Sparten meldeten sich zu Wort, und da wurden, wie es der Verlagsdirektor Becker formulierte, ,,Hände über Gräben gereicht". Der Schriftsteller Hans Habe zum Beispiel, der sich selbst als einen ,,rechtsgerichteten Autor" und ,,SPIEGEL-Gegner" bezeichnete und ein paar Jahre vor der Affäre in einer Titelgeschichte wegen seiner Eitelkeit verrissen worden war, schrieb nun an das Blatt: ,,Die Aktion gegen den SPIEGEL und seinen Herausgeber ... stellt den größten Skandal seit der Verhaftung Carl von Ossietzkys dar." Ungezählt blieben die Beistandsbekundungen von Bürgern, die weder ihren Namen noch eine Institution in ihren Protest mit einbringen konnten, die aufmunternde Briefe schrieben, Rudolf Augstein warme Socken in die Zelle schickten oder SPIEGEL-Titelbilder an die Rückfenster ihrer Autos klebten.

Daß der SPIEGEL mit 50 noch so kregel ist, hat er auch seiner Affäre zu verdanken. Die war nicht nur das aufregendste Kapitel in seiner Geschichte. Sie brachte dem Blatt überdies einen Bekanntheitsgrad, der zu dem nachfolgenden wirtschaftlichen Auftrieb sicher beigetragen hat.

Diese Affäre, so darf man behaupten, hat nachhaltig in das gesellschaftliche Klima der Bonner Republik eingegriffen, und sie hat die Demokratie, die sich damals leise zu verdrücken schien, wieder in Positur gebracht. ,,Die Staatsgewalt", schrieb Rudolf Augstein im Nachwort zu einem SPIEGEL-Buch über die Affäre, ,,verlor, wohl für immer, den Schimmer der Unfehlbarkeit. Bürger verschiedener politischer Gesinnung fanden sich in der Erkenntnis, daß der Staat nicht alles darf und daß man ihn notfalls hindern muß, wenn er glaubt, er dürfe. Rechtsstaat und parlamentarische Verfassung wurden gestärkt."

Hans Joachim Schöps

* In Frankfurt, nach seinem freiwilligen Rückflug in die Bundesrepublik. * Am 8. November 1962; vorn links: Verteidigungsminister Strauß. * Während der Bundestagsdebatte über die SPIEGEL-Affäre am 7. November 1962. * Im November 1962 nach Jacobis Haftentlassung.

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Ein Abgrund von Landesverrat